Indebate: Liquid Democracy? – Ein kritischer Diskussionsbeitrag

Gezi Park Library – Taksim Platz, Istanbul
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Jürgen Manemann

Viele Zeitgenossen, insbesondere Vertreter*innen und Anhänger*innen der Piratenpartei, sehen die neue Herausforderung der Politik in einem „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (J. Habermas). Die Netzgemeinde ist für sie der Ort, an dem Politik betrieben und entschieden wird. Die Revolutionierung der Politik besteht für sie in der Digitalisierung der Politik. Angestrebt wird eine Revolutionierung der Demokratie: die Transformation einer repräsentativen Demokratie in eine liquid democracy [(ver-)flüssig(t)e Demokratie].

Liquid Democracy bedeutet: „Jeder Teilnehmer kann zu jedem Zeitpunkt für sich selbst entscheiden, wo auf dem Kontinuum zwischen repräsentativer und direkter Demokratie er sich aufhalten möchte. Jederzeit. Das bedeutet, dass ich als Teilnehmer beispielsweise sagen kann: ‚Für Steuerrecht möchte ich gerne durch die Partei SPD, für Umweltpolitik durch die Partei die Grünen und für die Schulpolitik durch die Privatperson Herrn Müller vertreten werden. Für die Entscheidung über das neue Hochschul-Zulassungsgesetz an den Universitäten möchte ich aber selbst abstimmen.‘“ (http://wiki.piratenpartei.de/Liquid_Democracy, abgefragt 09.08.13)

Demgemäß könnte man annehmen, dass dem Modell der liquid democracy durch das Prinzip des delegate voting ein repräsentatives Element innewohne, so dass liquid democracy und repräsentative Demokratie sich durchaus ergänzen würden. Aber das hier enthaltene repräsentative Element hat mit dem politischen Verständnis von Repräsentation nicht viel zu tun, wie ein Blick auf das in dem Modell zugrunde gelegte Verständnis von Politik und vom Politiker zeigt.

Liquid democracy-Modelle werden vielfach als moderne Version der griechischen Polis präsentiert. Die Griechen waren ja bekanntlich die Erfinder der Politik. Aber Politik bedeutete bei den Griechen mehr als Beteiligung an Entscheidungen qua Stimmrecht. Politik war normativ bestimmt. Politisches Handeln heißt nach Aristoteles, das Leben menschlicher zu machen und zu erhalten. Politik hat deshalb zentral mit dem Gemeinwohl zu tun. Ein Handeln, das sich von bloßen Partikularinteressen und bloßen Parteiinteressen leiten lässt, ist keine Politik. Politik ist nur Politik, wenn sie auf das Gemeinwohl hin orientiert ist. Auch das politische Engagement der Bürger*innen muss sich am Gemeinwohl messen lassen, will es nicht zu einem Narzissmus regredieren. Aus diesem Grund hat Politik, die auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist, immer mit dem Ganzen zu tun. Das unterscheidet politisches Handeln von einem Handeln, das nur auf bestimmte Personenkreise beschränkt ist, etwa die eigene Familie, die Verwandtschaft oder die Nachbarschaft. Eine Politik, die sich in erster Linie als Einsatz für eine bestimmte Klientel versteht, ist keine Politik. Nietzsche hat es auf den Punkt gebracht: Politik ist das Organon des Gesamtdenkens.

Daraus folgt: Das Leitbild eines demokratischen Politikers ist das des Volksvertreters. Das Leitprinzip politischen Handelns lautet: Der Politiker ist zu allererst dem Gemeinwohl verpflichtet. Das Gemeinwohl verpflichtet darauf, dass nicht Einzelinteressen oder Gruppeninteressen, auch nicht Parteiinteressen das Zustandekommen eines Gesamtinteresses gefährden. Als Leitsatz gilt: Der Politiker muss unabhängig sein. Seine Urteils-, Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit darf nicht eingeschränkt werden. Ein Politiker darf nicht nur nicht korrupt sein, er muss sogar den Anschein der Korruption vermeiden. Der Politiker muss sein Handeln nach politischen Werten ausrichten, als da sind Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Toleranz … Parteien sollten deshalb nicht als Fraktionen verstanden werden, sondern als Teile eines Ganzen. Gegen Tendenzen der Pervertierung der Fraktionsdisziplin in den Fraktionszwang ist an Art. 38 des Grundgesetzes zu erinnern: „(1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen.“

Durch das Konzept des delegate voting besteht nun die Gefahr, dass der Politiker zum bloßen Instrument des Wählers mutiert. Folglich wäre er nicht mehr als dessen Marionette. Letztlich könnte man das Parlament dann auch durch den Tele-Dialog (TED) ersetzen. Und so verwundert es auch nicht, dass einige Vertreter*innen sich durchaus eine Abschaffung des Parlamentes vorstellen können.

Geht man von einem gemäßigten Modell einer liquid democracy aus, in dem die Bürger*innen auf den verschiedenen Ebenen mitentscheiden können, so stellt dieses Modell in der Tat einen wichtigen Baustein zur Ausweitung der direkten Demokratie dar. Aber es ersetzt die repräsentative Dimension nicht.

Ein Desiderat der Debatten über liquid democracy besteht darin, dass immer nur das Verhältnis zwischen der direkten und der repräsentativen Demokratie diskutiert wird. Die partizipative Dimension, das aktive Engagement der Bürger*innen vor Ort, wird ausgeklammert. Die Virtualität verdeckt die Realität. Aus diesem Grund wirkt das Modell eigentümlich ortlos. Schaut man gegenwärtig auf Politik, so zeigt sich, dass Politik zwar durchaus von neuen digitalen Formen der Kommunikation unterstützt, teilweise sogar durch sie digital initiiert wird. Aber trotz dieser Formen der Digitalisierung ist Politik alles andere als virtuell. Das verkennen die Anhänger der liquid democracy. Mit ihrer Konzentration auf die neuen Kommunikationstechniken nehmen sie das Neue in den politischen Prozessen nicht wahr. Das Neue an der Politik heute ist nämlich etwas sehr Altes. Politik ist gegenwärtig wieder mit realen Orten verbunden, mit öffentlichen Plätzen. Bereits in der Polis der Griechen war der öffentliche Platz – die agora – der schlechthinnige Ort der Politik. Der New York Times-Journalist Michael Kimmelman vermerkt zu Recht, dass die politische Macht öffentlicher Plätze lange Zeit unterschätzt worden ist. Seit den Ereignissen auf dem „Tahrir“-Platz in Kairo, dem „Zuccotti“-Platz in New York und dem Taksim Platz in Istanbul hat sich allerdings die Wahrnehmung verändert. Kimmelman interpretiert diesen Wandel als Rückkehr zum Ursprung der Politik. Er sieht in den vielfältigen Kommunikationsformen vor Ort eine Rückkehr zur Polis en miniature.

Dem Modell der liquid democracy liegt eine bestimmte Vorstellung von Rationalität zugrunde, die auf dem Konzept der kollektiven Intelligenz fußt, welches auf der Annahme beruht, dass bessere Lösungen gefunden werden, wenn viele statt wenige an Entscheidungen mitwirken. Kollektive Intelligenz enthält in der Tat große Potenziale, um zu richtigen Entscheidungen zu kommen. Sie ist jedoch in erster Linie auf Lösungen ausgerichtet, die auf allgemeinem, informationsbasiertem Wissen und/oder gemeinsamen Alltagserfahrungen beruhen, die es erlauben, das Verhalten anderer vorherzusehen. Die Basis der kollektiven Intelligenz sind zunächst einmal unabhängig voneinander entscheidende Personen. Aus der Summe von Einzelinteressen wird ein Mittelwert gezogen, der dann die beste Lösung darstellt. Die kollektive Intelligenz kann diesbezüglich sehr wohl zu relativ einhelligen und der Sache angemessenen Lösungen kommen. In diesem Sinne ist auch nichts gegen das Konzept einzuwenden. Aber: Hinter der kollektiven Intelligenz steckt nicht ein auf ein Gemeinwohl ausgerichteter Gemeinwille. Das Konzept der kollektiven Intelligenz vermag nicht, das Gemeinwohl davor zu bewahren, durch Partikularinteressen untergraben zu werden.

In der Politik geht es um Fragen, die sich nicht mit Hilfe der kollektiven Intelligenz lösen lassen, da es auf diese Fragen nicht die Lösung gibt. Eine politische Frage hat nämlich eine bestimmte Form: „Was sollen wir tun, wenn etwas uns alle Betreffendes geschehen muss, wir vernünftig handeln wollen, doch weder hinsichtlich der Mittel, noch der Zwecke übereinstimmen und keine unabhängigen Gründe für unsere Entscheidung haben?“ (Benjamin Barber). Im Modell der liquid democracy taucht die politische Frage gar nicht auf, da es durch die Unterminierung, ja sogar Auflösung des Parteiensystems keine produktiven Gegnerschaften mehr gibt, die Alternativen ermöglichen. Es ist die Rede davon, „das Parteiensystem durch eine Liquid Democracy abzulösen. Somit könnte der eigentliche Anspruch der Demokratie verwirklicht werden: Demokratie bedeutet, zu jeder Zeit gezielt zu einzelnen Themen verbindlich Stellung beziehen zu können und nicht nur alle vier Jahre die Wahl zwischen Parteien mit unverbindlichen Parteiprogrammen zu haben. Im Informationszeitalter haben sich die Voraussetzungen so verändert, dass demokratischer Diskurs auch in großen Gesellschaften potentiell möglich ist.“ (http://wiki.piratenpartei.de/Liquid_Democracy, abgefragt am 09.08.13) Bei den Vertretern der liquid democracy scheint es kein Verständnis dafür zu geben, dass ein Ringen mit politischen Fragen eine Interaktion zwischen Personen erfordert. Handlungen gründen in Interaktionen, in denen im Handeln verschiedenen Gegenständen eine Bedeutung zugeschrieben wird. Symbolische Interaktion existiert aber nur zwischen Personen. Sie setzt das Gesicht des Anderen voraus. Diese symbolischen Interaktionen sind der Rahmen, in dem Abwägungen getroffen werden. Dabei ist zu betonen, dass diese immer auch dezisionistisch imprägniert sind. Zudem wird den Beteiligten häufig ein Kompromiss abverlangt, der im Übrigen nicht die zweitbeste, sondern die beste Lösung darstellt.

Politische Fragen lassen sich nicht in einem Internet-Diskurs lösen. Zur Lösung politischer Fragen bedarf es der Fähigkeit, Entscheidungen treffen zu können, die auf demokratischen Werten beruhen (Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Respekt etc.). Diese Werte fallen jedoch nicht vom Himmel. Von diesen Werten müssen Bürger*innen ergriffen werden. Das heißt: Werte müssen gelebt und gefühlt, an realen Orten immer wieder neu eingeübt werden. Nur dann prägen sie unsere Haltung. Zudem benötigen wir zum Umgang mit politischen Fragen sogenannte Fahnenwörter, die einen Orientierungswert besitzen. Dazu gehören Gemeinwohl und Gerechtigkeit. Was aber ist unter Gemeinwohl zu verstehen? Ich schlage folgende Definition vor: Das Gemeinwohl ist ein dynamischer Zustand, der einem Handeln entspringt, das bloße Partikularinteressen transzendiert und dabei auf ein gerechtes und gutes Leben sowohl der gegenwärtig als auch zukünftig Lebenden zielt, dessen Verständnis immer wieder neu aus einem individuellen Gerechtwerden erwächst, das Ungerechtigkeiten Ausdruck verleiht. Der Blick auf das Gemeinwohl verlangt somit, die Interessen von Minderheiten und derjenigen zu berücksichtigen, die überhaupt keine Lobby haben. Wer aber sind die Subjekte der liquid democracy? Die Nerds? Von den Vertretern der liquid democracy wird dieses Problem sehr wohl erkannt. Und so wird denn auch sowohl ein Ausbau des Netzes als auch ein Bildungssystem gefordert, in dem die notwendigen Kompetenzen vermittelt werden. Aber reicht das?

Der Blick auf das Gemeinwohl zeigt erstens, dass das Gemeinwohl etwas anderes ist als die Summe der Einzelinteressen. Zweitens ist offensichtlich, dass es zum Verständnis dessen, was denn dem Wohl aller dient, der Fähigkeit zur Empathie bedarf – und diese entsteht nicht in der Virtualität.

Um heute ein neues Verständnis von Demokratie zu entwickeln, kommt es meines Erachtens nicht nur darauf an, gegenüber der repräsentativen Dimension die direkte Dimension durch liquide Verfahren zu stärken. Wichtig ist vor allem die Stärkung der partizipativen Dimension. Letztere ist die basale Dimension der Demokratie und lässt sich nicht von realen Orten trennen. Zudem wäre es notwendig, Perspektiven des Konzepts der sogenannten ocular democracy aufzugreifen, in denen das Konzept der Volkssouveränität in einer shared spectatorship (gemeinsames Zuschauen/Beobachten) liegt: Die Bürger*innen haben die Aufgabe, die Politiker zu beobachten und zu kontrollieren.

Jürgen Manemann, Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover (http://www.fiph.de/personen/institut/institutsleitung.php), befasst sich mit Fragen nach einer Ethik der Politik. Jüngste Veröffentlichung zum Thema: „Wie wir gut zusammen leben. 11 Thesen für eine Rückkehr der Politik“, Ostfildern 2013.

© Jürgen Manemann

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10 Gedanken zu “Indebate: Liquid Democracy? – Ein kritischer Diskussionsbeitrag

  1. Lieber Herr Manemann,

    da gäbe es noch einiges zu klären, was hier zu weit führen würde. Vielleicht ergibt sich einmal die Gelegenheit zu einem persönlichen Gedankenaustausch. Münster ist immer eine Reise wert.
    Zu meinem „Emotional Selection an Human Personality“-Artikel: Biological Theory: Volume 8, Issue 1 (2013), Page 64-73. Übrigens hat sich in der Biologie das Wort „Selektion“ statt dem älteren „Zuchtwahl“ eingebürgert. Niemand nimmt daran Anstoß. Auch der Reclam-Verlag, der bei der Wortwahl sehr auf political correctness achtet, hat für meine Neuausgabe 2012 von Darwins zweitem Klassiker den Titel gewählt: Die Abstammung des Menschen und die sexuelle Selektion.
    Herzlich, Ihr FF

    • Lieber Herr Fellmann,
      vielen Dank für den Literaturhinweis. Auf das Angebot, die Diskussion persönlich fortzusetzen, komme ich beizeiten gerne zurück.
      Herzlich
      Ihr
      JM

  2. Lieber Herr Manemann.,
    mit Ihrer Darstellung bin ich durchaus einverstanden. Unsere Differenz betrifft wahrscheinlich den Weg, auf dem das Soziale ins Politische transformiert werden kann. Wenn ich richtig sehe, schlägt Ihr Herz für Kleingruppen. Ich bin hier eher skeptisch. Nachbarschaftstreffen, Parties und Feste, auf denen gespielt, gegessen und getrunken wird, mögen die Empathie stärken. Das gehört heute zum Alltrag der Erlebnisgesellschaft, die der Kultursoziologe Gerhard Schulze schon 1992 analysiert hat. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass dieser Lebensstil politische Kompetenzen hervorbringt. Ich erinnere mich noch gut an ein Zusammentreffen junger Leute, die vor Jahren den „arabischen Frühling“ gefreiert haben. Wer sich nur ein bischen besser auskannte, konnte damals schon wissen, dass es den Mentalitätswechsel nie gegeben hat, sondern dass es hier um Machtkämpfe geht. Ich plädiere daher für bessere politische Bildung, für Bildung überhaupt, die durch die von Ihnen genannten Beziehungsverhältnisse nicht wirklich gefördert wird. Weder an Schulen – nobody left behind – noch an „Familienuniversitäten“, wo Kindergeburtstage wichtiger geworden sind als der regelmäßige Besuch von Vorlesungen. Und der Stress, den alle beklagen, resultiert zum großen Teil aus privaten Veranstaltungen, die mittlerweile den Primat gegenüber dem Beruf haben. Ich nenne das: Verlust der politischen Kultur. Ich glaube, so kommen wir nicht weiter. Vielleicht muss es unserer Demokratie erst richtig dreckig gehen, damit wir wieder erkennen, dass politische Kultur harte Arbeit und Verzicht auf „Her mit dem schönen Leben!“ bedeutet.
    Herzlich, Ihr FF

    • Lieber Herr Fellmann,

      mein Herz schlägt nicht für die von Ihnen genannten Kleingruppen, die nicht nur, wie Sie zu Recht schreiben, zum Alltag einer Erlebnisgesellschaft gehören, sondern, um einen Ausdruck von Henry James zu benutzen, Resultat einer Hotelzivilisation sind, zu deren Charakteristika Komfort und Bequemlichkeit gehören. Eine Hotelzivilisation erzieht nicht zur Reife, sondern erzeugt Infantilität. Mir geht es um Beziehungsverhältnisse, in denen Menschen es schaffen, gemeinsam dem Leben standzuhalten. Über solche Erfahrungen bilden wir Humanität aus: Humanität stammt ja bekanntlich von humare, das „beerdigen“, „begraben“ heißt. Den anderen Menschen zu beerdigen und ihn im Gedächtnis zu behalten, ihm über den Tod hinaus seine Würde zu retten, das ist der letzte Dienst für den Anderen. Wir benötigen Lebensverhältnisse, die unsere Humanität stärken. Was bedeutet das für die Bildung? Wo wird im Bildungsbereich mit der Frage nach dem, was ein humanes Leben sein kann, gerungen? Ohne Humanität gibt es keine Politik, die ja bekanntlich auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist.
      Ja, in der Tat, zur Kultur gehört immer auch Verzicht. Keine Kultur kommt ohne den Gedanken aus, dass unmittelbare Bedürfnisbefriedigung schaden kann.
      Das Soziale und das Politische stehen in einem Interdependenzverhältnis: Das Politische ist auf das Vorpolitische (NB: nicht alles, was sozial ist, gehört zum Vorpolitischen) angewiesen, damit es nicht das Totale wird. Aber das Soziale darf sich nicht in die Intimität flüchten. Die Zweierbeziehung wird durch das Eintreten eines Dritten gestört, durch den die Frage nach Gerechtigkeit aufbricht, die die politische Frage schlechthin ist.
      Herzlich,
      JM

      • „Mir geht es um Beziehungsverhältnisse, in denen Menschen es schaffen, gemeinsam dem Leben standzuhalten.“ Mir auch, aber wo bilden sich diese? Nicht in den Kleingruppen der Erlebnisgesellschaft, die zerfallen, wenn es erst wird. Auch nicht in der Zweierbeziehung, soweit man diese als Flucht in die Intimität begreift. Ich meine aber, dass das Paar mehr bietet. Es ist auf das „Eintreten des Dritten“, des Kindes, angelegt, und hier sehe ich die Quelle des Urvertrauens, die für mich den Kern der Humanität ausmacht. Urvertrauen entsteht nicht nur aus Harmonie, auch aus Konflikten, sofern diese nicht in Streitereien und Gewalt ausarten. Im Zerfall der Familie sehe ich die größte Gefahr für die gegenwärtige Gesellschaft mit ihrem überzogenen My-way-Individualismus. Nur im stabilen Miteinander gelingt ersthafte und nachhaltige Konfliktbewältigung, die für mich das Vorpolitische par excellence ist. Ich denke, hier könnten wir uns treffen. Oder?

        • … Ich stimme Ihren Ausführungen über das Paar und das Kind zu, möchte aber unter dem „Dritten“ eine Unterbrechung der sozialen Beziehung verstehen, durch die das Soziale auf das Politische hin geöffnet wird. Durch das Eintreten des Dritten werden soziale Beziehungen – Familienbeziehungen, Verwandtschaftsbeziehungen, Freundschaftsbeziehungen, Nachbarschaftsbeziehungen etc. -mit Ansprüchen eines Anderen konfrontiert, der nicht Mitglied dieser Beziehungsnetzwerke ist, aber auf meine Solidarität angewiesen ist. Bricht der Dritte ein, werden diese sozialen Beziehungen auf die Gerechtigkeitsfrage hin aufgebrochen. In der Gerechtigkeitsfrage wird der Anteil der Anteillosen reklamiert.
          Wenn ich vom Vorpolitischen spreche, dann meine ich Beziehungen, in denen Gleichgültigkeit keine Möglichkeit ist, und dazu gehört natürlich die Beziehung der Eltern zu ihrem Kind.
          Herzlich
          JM

          • Wer ist der Dritte? Der Bettler, der an meiner Tür klingelt? Der Obdachlose, der in der Stadt betrunken auf der Bank liegt? Oder das verzweifelte Bürgerkriegsopfer, dessen Bild ich im Fernsehen sehe? Wohl kaum, da diese zufälligen Eindrücke nur momentane Gefühlsaufwallungen erzeugen, die folgenlos bleiben. Eher denke ich an Ricoeurs Philosophie des Selbst im Anderen. Das würde schließlich zu Gott führen. Der protestantische Theologe Ingolf Dalferth hat meine Apologie des Paares in diesem Sinne interpretiert („Mehr als zwei“). Aber auch unabhängig von theologischer Anthropologie könnte eine Analyse der Entwicklung der Persönlichkeit weiterführen. Sie würde erklären, wie sich unser „besseres Ich“ formiert, das aufgrund höherstufiger Emotionen zu einer sachlichen Einstellung gegenüber der Welt gelangt. Das halte ich für den Königsweg zur politischen Verantwortung. Falls Sie das meinen, bin ich ganz bei Ihnen. Über weitere Anregungen würde ich mich sehr freuen, da ich gerade dabei bin, aus meinem kürzlich in Biological Theory erschienenen Artikel „Emotional Selection and Human Personality“ das zweite Glied, „Human Personality“, so zu präzisieren, dass auch Vertreter der evolutionären Psychologie damit etwas anfangen können.
            Schön, dass es ein Forum gibt, auf dem nicht nur gelabert wird.
            Herzlich, FF

          • … Wer ist der Dritte? Die Antwort: Derjenige, durch dessen „Einfallen“ ein Anspruch an mich ergeht, den ich nicht ablehnen kann und für den ich die Verantwortung übernehmen muss. Aber der Dritte ist zugleich derjenige, für den ich nicht allein verantwortlich bin, da auch noch andere Ansprüche von anderen Dritten an mich ergehen. Das heißt, ich muss abwägen, gerecht handeln.
            Wir alle kennen die Situation: Ein Mensch fleht uns um Hilfe in der Stadt an. Herr Fellmann, Sie haben recht: Vielfach bleibt dies auf den ersten Blick folgenlos. Wir können dem Bettler etwas geben, aus dem alleinigen Grund, nicht mehr belästigt zu werden. Oder wir gehen vorbei – die häufigste Reaktion. Wir können am Elend des anderen vorbeigehen. Wir können seinem Anspruch, der an mich ergeht, widerstehen. Wir können ihn aber nicht ungehört machen. Das heißt, wir können ihm nicht widersprechen. Wir hören ihn, und er begleitet uns, auch wenn wir weiter gehen. Wir können dem Menschen kurzfristig helfen, ihm zum Essen einladen. Aber wir wissen, dass es in der Stadt noch viele Menschen gibt, die auch ein Anrecht auf unsere Hilfe haben. Das heißt, wir müssen andere Lösungen suchen, gerechte Verhältnisse schaffen.

            … Wenn Lévinas recht hat, dass einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten zu werden, dann liegt der Gedanke natürlich nahe, an die Gottebenbildlichkeit zu denken oder in Lévinas‘ Terminologie davon auszugehen, dass der Andere sich in der Spur Gottes befindet.
            … Leider kenne ich Ihren Artikel „Emotional Selection and Human Personality“ nicht, würde ihn aber gerne lesen. In welchem Band finde ich den Text? Wenn unter emotionaler „Selektion“ (in der deutschen Sprache mag ich das Wort nicht mehr benutzen; Sternberger: Selektion entstammt dem Wörterbuch des Unmenschen) die biologisch verankerte Emotion gemeint ist, die – evolutionär determiniert – uns dazu treibt, dass wir uns mit unseres Gleichen identifizieren, ein Zugehörigkeitsgefühl ausprägen, dann gibt es dafür auch alltagssprachliche Begriffe: Wir sprechen davon, dass die Chemie zwischen Menschen stimmt oder nicht stimmt, dass man den anderen riechen oder nicht riechen kann. Das prägt uns natürlich. Aber ich halte für unsere humane Persönlichkeit eine Emotion für basaler, die unserer zweifachen Verwundbarkeit entstammt: Jedem Menschen kann Leid zugefügt werden und ein jeder wird vom Leid des Anderen betroffen. Die Erfahrung von Leid verbindet und trennt uns. Sie trennt, da jede Leiderfahrung einmalig ist. Leiderfahrung basiert auf unserer körperlichen Verwundbarkeit: Wir können verletzt werden, nicht nur durch die Gewalt von anderen, sondern auch durch deren Leid, und wir selbst können verletzen. Leid bedeutet mehr als Schmerz. Es trägt den Imperativ seiner Abschaffung in sich. Jeder Leidende kann unterstellen, dass ich sein Leiden auch nicht ertragen möchte, dass das Leiden deshalb vermindert oder abgescghafft werden muss. Der hier hineingelesene ethische Anspruch besteht darin, wie der Sozialethiker und Lebensberater Peter Rottländer gezeigt hat, nicht bei der Wahrnehmung „des eigenen Leids stehenzubleiben“, sondern zur Wahrnehmung und Abschaffung des Leids des Anderen vorzustoßen.
            Ihr
            JM

  3. Lieber Herr Manemann,
    mit großem Interesse verfolge ich Ihre Bemühungen um die Weiterentwicklung unserer demokratischen Kultur. Ich teile Ihre Bedenken gegenüber der kollektiven Intelligenz oder „Schwarmintelligenz“, die nur funktioniert, wo es um Wissen geht, nicht aber wo es um Abwägungen und Entscheidungen geht. Die Masse ist immer für Indoktrinierungen und Ideologisierungen offfen. Das liegt am Lebensgefühl, von dem Heinrich Mann geagt hat, es begleite jedes Verhängnis. Damit berühre ich den Punkt, den Sie stark machen wollen: Empathie und Partizipation. Seit ich damit beschäftigt bin, meine philosophische Auffassung vom Menschen (evoutions)biologisch zu unterbauen, bin ich skeptisch gegenüber der Vorstellung, dass sich Sympathiegefühle über die Mitglieder einer Kleingruppe hinaus auf anonyme Gemeinschaften ausdehnen lassen. Obwohl ich den Begriff „emotional selection“ in die evolutionäre Psychologie eingeführt habe, bin ich der Auffassung, dass anonyme Millionengesellschaften ohne Hierarchien keinen Bestand haben. Auch Kontroll-Partizipation setzt Kämpfe um Rangordunungen nicht außer Kraft – siehe Wahlkampf. Es bleibt die Frage, wer die Kontrollierenden kontrolliert. Ihr Vorschlag vom Leben kleiner Gruppen an realen Plätzen orientiert sich an der Vorstellung einer friedlichen Urgesellschaft, die es nie gegeben hat. Was meines Erachtens Not tut, ist vielmehr die Stärkung des Paares und der Familie als Quellen eines autonomen Selbst, das jenseits emotionaler Partizipation fähig und bereit ist, soziale Verantwortung zu übernehmen. Hier ist das Prinzip der Repräsentation unersetzbar. Das im Zeitalter der pluralistischen Gesellschaften weiter an den Formen der Repäsentation gearbeitet werden muss, dass hier mehr „Liquidität“ erforderlich ist, gebe ich gerne zu. Aber mit ocular democracy hätte ich Probleme: Schiffbruch mit Zuschauer. Wohl dem, der am sicheren Ufer sitzt.
    Grüße, Ihr FF

    • Lieber Herr Fellmann,

      vielen Dank. Sie sprechen wichtige und neuralgische Problemzusammenhänge an. Ich teile Ihre Ansicht, dass es fraglich ist, ob und wie Sympathiegefühle auf eine Gesellschaft ausgedehnt werden können, die sich von einer Gemeinschaft dadurch unterscheidet, dass sie hochgradig individualisiert und anonymisiert ist. Gemeinschaften zeichnen sich im Unterschied zu Gesellschaften dadurch aus, dass sie genau diese Ausdehnung nicht nur möglich machen, sondern auf ihr beruhen. Sie basieren jedoch häufig auch auf Mechanismen, die Sympathiegefühle vor allem nach innen leiten. Demgegenüber könnte es gerade Gesellschaften auszeichnen, dass in ihnen Empathie, die gleichzeitig auf der Differenz zwischen dem Ich und dem Anderen beruht, besser gefördert wird, da das Bewusstsein von Differenz ausgeprägter ist. So kann der Andere als Individuum in seiner Einzigartigkeit hervortreten. Gerade dieser Aspekt wird in geschlossenen Gemeinschaften zugedeckt.
      Einverstanden bin ich mit Ihrem Hinweis, dass Gesellschaften ohne Kontroll- und Machtmechanismen nicht auskommen. Aus diesem Grund habe ich auch den Gedanken der ocular democracy angeführt. Macht schafft Ordnung und ohne Ordnung können wir nicht zusammen leben, denn Ordnung ist die Voraussetzung dafür, dass Normalität möglich wird. Aber Macht muss immer politisch, d.h. sie muss auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein, um nicht in Herrschaft umzukippen.

      Wenn ich von „realen Orten“ und von „Empathie“ etc. spreche, dann geht es mir nicht um eine friedliche Urgesellschaft, wie Sie schreiben. Um miteinander leben zu können, brauchen wir bestimmte Grundfähigkeiten: Wir müssen in der Lage sein, Freundschaft pflegen zu können, den Anderen zu verstehen, Mitleid empfinden zu können etc. Diese entstehen in Beziehungsverhältnissen, in denen die Erfahrung radikaler Verantwortung für Andere gemacht wird. Das sind vor allem familiäre Verhältnisse und auch Paarbeziehungen, wie Sie zu recht erwähnen. Aber politische Werte müssen auch inkorporiert, d.h. sie müssen eingeübt, praktiziert werden. Dazu sind gemeinsame Erfahrungen an realen Orten notwendig: Bürgerinitiativen, Occupy etc.
      So viel für heute.
      Ihr
      Jürgen Manemann

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