Schwerpunktbeitrag: Zwischen Tragik und Hoffnung – Die Philosophie von Cornel West

Jürgen Manemann

Cornel West Esther, Wikimedia Commons, lizenziert unter CreativeCommons-Lizenz by-sa-2.0-de,  URL: http://commons.wikimedia.org/wiki/ File:Cornel_West_Utah_2008.jpg?uselang=de

Cornel West
Esther, Wikimedia Commons, lizenziert unter CreativeCommons-Lizenz by-sa-2.0-de,
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„I’m just trying to make some sense of the world, and love folks before I die.“ In dieser Äußerung des US-amerikanischen Philosophen Cornel West ist brennpunktartig die Programmatik seiner Philosophie zusammengefasst. Prophetischer Pragmatismus zielt darauf ab, Philosophie wieder radikal an die Existenz zurückzubinden. Wests philosophische Leitfrage lautet: Was ist ein humanes Leben? Die Frage verhält sich kontrafaktisch zur bestehenden spätmodernen Gesellschaft. Diese ist durch eine „Hotelzivilisation“ (Henry James) gekennzeichnet, deren Merkmale Komfort und Bequemlichkeit sind. Eine solche Gesellschaft erzieht die Menschen nicht zur Reife, sondern erzeugt Infantilität. Philosophie, die dagegen andenkt, muss, so West, pragmatistisch und prophetisch sein.

I. Pragmatismus

Der Pragmatismus ist für West die Basis seines Denkens, da er die Fundamente für die US-amerikanische Demokratie gelegt hat. Zu diesen gehören die Idee der Unableitbarkeit und Einzigartigkeit des Individuums, das aber ausdrücklich in seiner Sozialität wahrgenommen, als Teil einer aktiven Gemeinschaft vorgestellt wird. Der Pragmatismus hebt die heroischen Handlungen gewöhnlicher Menschen in einer Welt radikaler Kontingenzerfahrungen hervor. Überdies besitzt er einen Sensus für das Böse, der den Kampf um Gerechtigkeit antreibt. Pragmatismus hat deshalb nichts zu tun mit Praktikabilität oder prinzipienlosem Optimismus – ein immer noch weit verbreitetes Vorurteil in Deutschland.

Drei Prinzipien sind West zufolge für den Pragmatismus zentral: Voluntarismus, Fallibilismus und Experimentalismus. Voluntaristisch ist die Fokussierung auf den menschlichen Willen, die menschliche Macht und menschliches Handeln. Im Zentrum pragmatistischer Reflexion stehen soziale Praktiken. Pragmatisten reduzieren Probleme auf Fragen der Lebensführung, das bedeutet, dass alle Urteile als Werturteile interpretiert werden. Letzten Endes gibt es für den Pragmatisten keine gültige Unterscheidung zwischen dem Theoretischen und dem Praktischen, auch nicht zwischen Wahrheitsfragen und Fragen nach gerechtfertigten Handlungszwecken. Wahrheit ist für den Pragmatisten eine Art des Guten. Diese Einsicht ist gegen Formen instrumenteller Vernunft gerichtet, die eine Despiritualisierung natürlicher Objekte zu Folge haben. Pragmatisten bestreiten deshalb den Monopolanspruch der Szientisten auf Wahrheit. Für einen Pragmatisten gehen also ethische und epistemische Ansprüche immer Hand in Hand. Eine pragmatistische Philosophie weigert sich, Philosophie auf Wissen zu reduzieren. Sie strebt vielmehr nach einer Weisheit, die aber Wissen nicht ablehnt. Wahrheit ist somit das, woran zu glauben für uns gut ist.

Wenn hier vom Guten die Rede ist, so ist jedoch darauf hinzuweisen, dass das Gute in Bezug zu seinen zeitlichen Folgen definiert wird. Dadurch ist der Pragmatismus stärker an Zukunft orientiert, weniger an der Vergangenheit. Die temporale Grundierung des Pragmatismus ist für West von großer, ja von geradezu revolutionärer Bedeutung: Während der Empirismus mit seiner nomologischen Methodologie auf vorhersagbare Phänomene ausgerichtet ist, insistiert der Pragmatismus auf bewirkten Phänomenen. Er fokussiert nicht auf Vorhersagen, sondern auf die Möglichkeiten von Handlungen. Der Empirismus wiederholt vergangene Fakten; der Pragmatismus steht für zukünftige Möglichkeiten. West erblickt in dieser Ausrichtung die metaphysische Dimension des Pragmatismus. Die Zukunft besitzt für den Pragmatisten ethische Relevanz, „weil der menschliche Wille, das menschliche Denken und Handeln einen Unterschied setzen können in der Beziehung zu menschlichen Zielen und Zwecken“.[1] So kann West im Anschluss an John Dewey Erfahrung als eine Zukunft charakterisieren, die in der Gegenwart enthalten ist. Die Emphase der Zukunft mündet schließlich in einen Fallibilismus, der auf eine permanente Revision verpflichtet, und in einen Experimentalismus, der gegen jeglichen Dogmatismus gerichtet ist. Pragmatismus ist in gewisser Weise ein zukunftsorientierter Funktionalismus, der Denken als eine Waffe einsetzt, um zu effektiveren Handlungen zu befähigen.

II. Die blinden Flecken des Pragmatismus

Als kritischer Theoretiker sieht West jedoch auch blinde Flecken im Pragmatismus. So vermag der Pragmatismus nicht, das Tragische wahrzunehmen und ihm standzuhalten. Die Dimensionen des Tragischen gehören aber konstitutiv zum humanen Leben. Der Begriff des Tragischen umfasst in Wests Philosophie mehrere Bedeutungsebenen: die Sinnlosigkeit angesichts des Todes, die Unmöglichkeit, das Böse zu beseitigen, den unaufhebbaren Konflikt zwischen Werten, die Vernichtung eines positiven Wertes durch einen anderen positiven Wert etc.[2] Vom Tragischen ausgehend, zeigt West auf, dass es nicht ausreicht, tolerant, offen, respektvoll miteinander umzugehen. Demokratie ist eine Lebensform, die auch eine dramatische Auseinandersetzung mit Tod, mit Krankheit und mit dem Tragischen verlangt. Des Weiteren vermag der Pragmatismus nicht, Absolutes zu denken. In diesem Zusammenhang bezieht sich West auf den post-kantischen Idealismus von Josiah Royce. Dieser habe in dezidierter Weise deutlich gemacht, dass jede Tat, die man vollbringt, ipso facto unwiderruflich sei. In diesem Sinne gebe es etwas Absolutes in der Welt. West rekurriert auf Royce, um die Offenheit und Zukunftgerichtetheit, also die Redeweise von Möglichkeit im Pragmatismus, kritisch zu hinterfragen, denn, so könnte man im Anschluss an West formulieren: Wer von den Zukunftspotenzialen der Gegenwart spricht, der sollte von der Abgeschlossenheit der vergangenen Gegenwart nicht schweigen. Von hier aus kommt denn auch das Potenzial von Traditionen in den Blick. „Eine Tradition zu wählen (…) bedeutet mehr, als von Argumenten überzeugt zu sein; es bedeutet auch die Entscheidung, entlang des glitschigen Randes des Lebensabgrundes mit der Hilfe von dynamischen Geschichten, Symbolen, Interpretationen und Einsichten zu leben, die aus dem Vermächtnis von Gemeinschaften stammen, die vor uns lebten.“[3] Um diesen Desiderata zu begegnen, knüpft West an prophetische Traditionen an.

III. Elemente des Prophetismus

Prophetisches Denken beruht auf vier Elementen:

(1)  Es ist durch eine bestimmte Urteilskraft charakterisiert: die Fähigkeit zur Kritik. Entscheidung und Kritik gehören – etymologisch betrachtet – zusammen. Wer kritisiert, exponiert sich, er wagt zu urteilen und zu entscheiden. Prophetisches Denken ist also primär Kritik, genauer: Gesellschaftskritik. Diese Kritik erfolgt aber nicht von einem gegenüber den gesellschaftspolitischen Zusammenhängen extraterritorialen Standort. Im Gegenteil, sie weigert sich, universale Standards der guten Ordnung im Niemandsland zu entwerfen. Ihre Kritik des Bestehenden schöpft sie aus den eigenen Traditionen, die sie subversiv zur Sprache bringt. Sie gewinnt ihre Kraft zur Kritik aus innerer Opposition. Die Propheten sind geradezu die Erfinder der internen Gesellschaftskritik. Prophetisches Denken bietet eine Diagnose der Gegenwart im Lichte erinnerter Zukunft. Propheten sind Zeitdiagnostiker. Sie entfalten eine Symptomatik, indem sie auf der Basis unabgegoltener Erinnerungen anhand gegenwärtiger An- bzw. Vorzeichen eine provisorische Beschreibung – ein Szenarium – der Gegenwart entwerfen. Diese Erinnerungen sind bestimmte, konkrete Erinnerungen an Situationen der Ungerechtigkeit, des Leidens und der Befreiung. Es sind diese Erinnerungen, die die Wahrheitsfrage provozieren. Die Wahrheitsfrage durchbricht die Normativität des Faktischen. Als Frage entzieht sie sich allerdings dem Besitz. Der Prophet ist nicht im Besitz der Wahrheit, aber er markiert ihre Voraussetzungen: „Ich glaube in der Tat, dass es die Bedingung der Wahrheit ist, den Leidenden zu gestatten, sprechen zu dürfen. Das heißt nicht, dass diejenigen, die leiden, ein Monopol auf die Wahrheit hätten, aber es bedeutet, dass die Bedingung dafür, dass Wahrheit sich einstellen kann, sich im Einklang befinden muss mit denjenigen, die soziales Elend durchmachen.“[4] Für West gibt es ohne diesen epistemologischen Grundsatz weder prophetisches Denken noch echte Philosophie.

(2)  Das zweite Moment prophetischen Denkens ist das Band, das die Menschen untereinander verbindet: die Fähigkeit zur Empathie. „Empathie ist etwas, das, unglücklicherweise, in unserer Zeit verblasst. Empathie ist die Fähigkeit, mit den Ängsten und Frustrationen anderer in Berührung zu kommen.“[5]

(3)  Drittens steigert prophetisches Denken die Fähigkeit zur Selbstreflexivität. Es zielt darauf ab, den Graben zwischen Prinzipien und der Praxis, zwischen dem Versprechen und der Ausführung, zwischen Rhetorik und Realität zu überbrücken.

(4)  Das vierte Moment schließlich ist die menschliche Hoffnung. Prophetisches Denken ist West zufolge Ausdruck einer „Hoffnung um der Hoffnungslosen willen“ (Walter Benjamin).

Prophetisches Denken basiert nicht auf binären Unterscheidungen. West versteht sich selbst als einen postkolonialen Denker. Er widersteht jedoch Bestrebungen, Hoffnung allein aus indigenen Traditionen zu entwickeln. Prophetisches Denken ist deshalb relational. Es beruht auf der Vorstellung geteilter Geschichten. Diese Vorstellung durchbricht ahistorische Essenzialismen und verweist auf die Interdependenz zwischen dem Einen und dem Anderen. Es geht also um einen Standpunkt jenseits von Multikulturalismus und Eurozentrismus, von dem aus die blinden Flecken der jeweiligen Optik offengelegt werden: Europa steht nicht nur für Eroberung und Unterdrückung; es hat die Unterdrückung nicht erfunden. Unterdrückung gab es auch in der indigenen Bevölkerung Amerikas, bevor die Europäer kamen. Europa steht keineswegs nur für das Hässliche. Europa bedeutet auch die Institutionalisierung von Autoritätskritik. Man denke etwa an die Reformation oder an die Aufklärung. Diese Kritik war die Basis dafür, dass die Idee der Demokratie sich zu realisieren begann. In der demokratischen Idee sieht West die große Errungenschaft Europas.

IV. Prophetischer Pragmatismus

Der Prophetische Pragmatismus ist von einem universalen Verantwortungsempfinden grundiert, das unfähig machen soll, sich vom Leid des Anderen vollständig zu dispensieren. Prophetischer Pragmatismus ist ein zutiefst existenzialistisches Unternehmen, das die Weigerung enthält, die eigene Existenz losgelöst von der Grundbefindlichkeit des Todes zu denken: „To be human is to suffer, shudder and struggle courageously in the face of inevitable death.“[6] Gerade deshalb ist es für West unabdingbar, den Pragmatismus mit dem Prophetismus zu verbinden. „Prophetischer Pragmatismus“ steht für das Bewusstsein radikaler Kontingenz und der Fragilität des Lebens. Prophetischer Pragmatismus stellt die Frage nach dem humanen Leben ins Zentrum des Philosophierens. Dabei wird Humanität abgeleitet von „humare“, das heißt von „beerdigen“, „bestatten“. Humanität ist die Fähigkeit, den Anderen beerdigen, bestatten zu können – ein Dienst am Anderen, den dieser nicht wieder gutmachen kann.

J. Manemann/ Y. Arisaka/ V. Drell /A.M. Hauk, Prophetischer Pragmatismus. Eine Einführung in das Denken von Cornel West, München 22013.

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[1] C. West, Prophetic Thought in Postmodern Times, Monroe 1993, 39.

[2] Vgl. J. Manemann/ Y. Arisaka/ V. Drell /A.M. Hauk, Prophetischer Pragmatismus. Eine Einführung in das Denken von Cornel West, München 22013, 115-118.

[3] Ders., The Making of an American Radical Democrat of African Descent, in: ders.: The Cornel West Reader, New York 1999, 14

[4] Ders., Prophetic Thought, 4.

[5] Ebd., 5.

[6] Ders., in: The Cornel West Reader, New York 1999, XVI.

(veränderte und überarbeitete Fassung von: Prophetischer Pragmatismus, in: fiph-Journal 15/2010, 24-25)

Die pdf-Version des Beitrags zum Download finden Sie hier:

Jürgen Manemann, Die Philosophie Cornel Wests

(c) Jürgen Manemann

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