Philosophy and the Web: Trugschlüsse und Entgleisungen

Gewalt- und hierarchiefreie Kommunikation ist, vor allem in Gruppendiskursen, ein hohes Gut, das es zumindest anzustreben gilt. Ein Kritikpunkt, der bereits gegen die Habermas’sche Diskurstheorie vorgebracht wird, ist daher, dass die sogenannte „ideale Sprechsituation“ empirisch nicht anzutreffen sei. Habermas ist sich dieses Umstandes bewusst. Er versteht die „ideale Sprechsituation“ eher als eine Diskurse leitende, möglicherweise auch kontrafaktische Unterstellung. Damit bleibt aber die Frage, ob Gewalt- und Hierarchiefreiheit der Kommunikation überhaupt auch nur unterstellt werden können, unbeantwortet.

Denn trotz der Bemühung aller Teilnehmer*innen eines Diskurses, sich an die Diskursregeln zu halten, kann dasjenige Argument, das alle für das bessere halten, ein fehlerhaftes sein. Es könnte sich bei jedem noch so einleuchtend scheinenden Argument um einen logischen Trugschluss handeln, eine „logical fallacy“. Als Beispiel für “fallacies“, die absichtlich, häufig aber auch unabsichtlich und unbewusst in Diskussionen vorgebracht werden, könnte die Berufung auf Autoritäten genannt werden. Autoritäts- Argumente haben etwa die Form „Schon Kant sagt …“ oder „Charles Taylor sagt aber …“ und ersetzen die Argumentation mit dem Verweis darauf, dass eine anerkannte Autorität auf einem Fachgebiet auf eine bestimmte Art und Weise argumentiert. Während es durchaus plausibel ist, anzunehmen, dass sich Expert*innen in ihrem jeweiligen Fachgebiet gut auskennen (sonst wären sie ja keine Expert*innen), ist es falsch, hieraus abzuleiten, dass eine Expert*innenaussage zu einem bestimmten Thema automatisch wahr wäre. Denn auch Expert*innen können irren. Wenn ein Argument beinhaltet, dass etwas wahr ist, bloß weil eine bestimmte Autorität es sagt, dann handelt es sich hierbei um den „appeal to authority“-Irrtum.

Einen guten Überblick zu solchen „logical fallacies“ gibt die englischsprachige Seite https://yourlogicalfallacyis.com/. Auf der ansprechend gestalteten Hauptseite, in deren Mitte graphisch dargestellt Platon, Sokrates und Aristoteles thronen, werden 24 beliebte argumentative Irrtümer beschrieben und Beispiele für ihre Verwendung in Diskussionen gegeben. Besucher*innen können wahlweise gezielt die kleinen Icons der Seite anklicken, die für die einzelnen „fallacies“ stehen, oder sich durch die einzelnen Fehlschlüsse klicken. Mit aufgeführt sind die in statistischen Untersuchungen manchmal anzutreffende „texas sharpshooter fallacy“, die „Ad Hominem“-Attacke oder die „fallacy-fallacy“, der logische Trugschluss, dass ein Argument falsch sein müsse, weil es mit einem logischen Trugschluss begründet wurde. Die Seite ist sehr zu empfehlen für alle, die sich einen kurzen Überblick über häufig verwendete Fehlargumentationen verschaffen möchten. Freilich sollte das dabei neu erlangte Wissen verantwortungsvoller eingesetzt werden als von „Fallacy Man“ in diesem Comic.

Auch die Habermas‘sche Diskursregel, dass der Bezug auf nicht zum diskutierten Sachverhalt gehörende Normen oder Fakten begründet werden muss, ließe sich wohl kaum antreffen und vielleicht auch nicht  ohne weiteres unterstellen.

Mit dem laut Diskursregel zu vermeidenden „derailing“ von Diskussionen beschäftigt sich eine weitere englischsprachige Website.„Derailing“, zu Deutsch entgleisen, ist ein Phänomen, das in Diskussionen immer wieder auftritt. Gemeint ist, dass Personen und/oder deren Argumente als weniger gewichtig, lächerlich oder unwissenschaftlich dargestellt werden. Eine Diskussion also absichtlich „entgleist“ wird. Eine satirische Anleitung hierzu bietet die Webseite www.derailingfordummies.com. Die Kritik an Delegitimationsstrategien, die in Debatten vor allem gegenüber marginalisierten Gruppen eingesetzt wird, kommt nicht von ungefähr aus dem Bereich des Social Justice Movements.                 
Beschrieben wird die Situation einer Person der Mehrheitsgesellschaft, die sich ihrer Aussagen über diese oder jene Personengruppe (people of colour, Frauen, queere Personen, Trans, Sexarbeiter*innen) absolut sicher ist. „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ein Privileg“ verkündet in großen Lettern denn auch die Startseite. Um mit der ‚unangenehmen‘ Konfrontation marginalisierter Personen umzugehen, wird in wenigen Schritten erklärt, auf welche Weise deren Argumente am besten zu unterminieren sind: „After reading this guide you will be able to marginalize anyone!“ wird versprochen.

Ausgewählt werden kann zwischen einem allgemeinen Derailing-Guide sowie Unterkategorien wie zum Beispiel „Derail using Education“ oder Humor, Intellektualität, Gefühle sowie Wut.        
Die Strategien des Derailing dienen natürlich in erster Linie dazu, die eigene Dominanz in Debatten aufrechtzuerhalten und Privilegien zu untermauern. Seiten wie www.derailingfordummies.com helfen hier vor allem social justice-Aktivist*innen, gegen derartige Strategien gefeit zu sein. Jedoch kann jede*r in eine Situation geraten, in der die eigenen Argumente und seien sie noch so gut, ins Lächerliche gezogen werden.

Vom „zwanglosem Zwang des besseren Arguments“ jedenfalls kann keine Rede sein in Diskussionen, in denen so argumentiert wird.

Dominik Hammer/Greta Jasser

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