Schwerpunktbeitrag: Critical Whiteness – eine Figur hegemonialer Selbstreflexion*

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Martina Tißberger

Seit einigen Jahren taucht das Thema ‚Critical Whiteness’ in der Presse und in Kreisen politischer Aktivist_innen immer wieder auf und schlägt mitunter hohe Wellen. Die ‚Critical Whiteness Theory’ beziehungsweise ‚Critical Whiteness Studies’ entstanden in den achtziger Jahren in angloamerikanischen akademischen Zusammenhängen und werden seit Ende der neunziger Jahre auch im deutschsprachigen Raum rezipiert und umgesetzt. Sie stellen eine erkenntnistheoretische Wende in der Rassismusforschung dar. Bis zu ihrem Auftauchen wurde Rassismus größtenteils als Problem der politischen Rechten, ‚White Power’-Gruppen, einzelner Gruppen verirrter und verwirrter Neonazis und natürlich der ‚Opfer’ des Rassismus betrachtet. Zwar bereiteten bereits einige diskurstheoretische Arbeiten den Weg für den Gedanken, dass zeitgenössische Rassismen keine Ausnahme, sondern ein strukturelles Moment gesellschaftlicher Verhältnisse darstellen, in der Alltags-, aber auch wissenschaftlichen Wahrnehmung blieb Rassismus jedoch ein Phänomen des Besonderen, nicht des Allgemeinen. Es ist dieses strukturelle Moment des Rassismus, das mit der Strukturkategorie ‚Whiteness’ zur Überschrift in der Auseinandersetzung mit Rassismus wurde.

Critical Whiteness adressiert primär unverdächtige ‚Weiße’, also diejenigen, die zwar Rassismus nicht bewusst oder gar gewaltvoll ausagieren, jedoch stillschweigend von ihm profitieren und ihn unbewusst, habituell reproduzieren. Critical Whiteness adressiert also diejenigen, die sich als de-markiert im Rassismus erleben und dennoch seine Protagonist_innen sind. Für Weiße ist es einfach zu sagen, sie seien nicht rassistisch, weniger einfach zu behaupten, sie seien nicht weiß. Wenn akzeptiert wird, dass Menschen aufgrund phänotypischer Merkmale zur Zielscheibe von Rassismus und strukturell durch ihn diskriminiert werden (zum Beispiel bei der Wohnungs- und Jobsuche), ist die logische Schlussfolgerung, dass Weißen das nicht passiert weil sie jene Merkmale, die als ‚Rasse’ gelesen werden, nicht auf der Oberfläche ihres Körpers tragen und sie damit strukturell vom Rassismus profitieren. Weißsein zahlt sich aus – das ist das Grundprinzip des Rassismus. Genau diese Erkenntnis irritiert Menschen, die bis dahin die Wahl hatten, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen oder nicht.

Mit den Critical Whiteness Studies vollzog sich also ein wichtiger Perspektivwechsel in der Auseinandersetzung mit Rassismus. Rassismus wird hier nicht mehr als Abweichung von der Norm(alität) betrachtet, sondern als konstitutives Moment für das Subjekt und die Kultur ‚des Westens’ analysiert – was in der Peripherie lag, rückt ins Zentrum. Whiteness wird als strukturierendes Moment einer rassistischen Matrix verstanden, von dem aus die Subjekte einer Gesellschaft an der Norm des Weißseins gemessen, markiert und positioniert werden, wobei das Weißsein als Norm unbenannt, unsichtbar und de-thematisiert bleibt. Die Konstruktion ‚Rasse’ wird außerdem in ihrer Interdependenz mit anderen sozialen Differenzkategorien verstanden, wie beispielsweise Gender, Klasse (beziehungsweise Schicht), Ethnizität, sexuelle Orientierung und Religionszugehörigkeit.

Whiteness ist der kulturelle, politische und vor allem der epistemologische Standpunkt, von dem aus die Rassentheorien im 19. Jahrhundert entwickelt wurden. Auch wenn man den Anfang des Rassismus mit der ‚Entdeckung’ Amerikas im Jahr 1492 datieren und mit der transatlantischen Sklaverei und dem europäischen Imperialismus assoziieren kann, sind die Entwicklungen im wissenschaftlichen Rassismus des 19. Jahrhunderts mit seiner evolutionistischen Ideologie ausschlaggebend für das, womit wir es bis heute im Rassismus zu tun haben. Mit ihm wird ein systematischer Zusammenhang zwischen Kultur und Natur des Menschen hergestellt.

Mit der Naturalisierung kultureller Differenzen, ihrer Einschreibung in Körper und Psyche, schaffen die Philosophen der Aufklärung, Anthropologen, Zoologen, Rassenkundler und andere Wissenschaftler von Immanuel Kant über Josef Arthur de Gobineau, Francis Galton bis hin zu Houston Stewart Chamberlain im 19. Jahrhundert rassistisches Wissen, das sich medial weit über die wissenschaftliche Literatur hinaus ins globale kollektive Bewusstsein einschreibt und im Unbewussten sedimentiert. Entlang einer evolutionistischen Entwicklungsachse werden nun als ‚Rassen’ gruppierte Menschen in Zeit und Raum angeordnet. Schwarze werden dabei zum ‚missing link’ zwischen Natur und Kultur und damit zwischen Affe und Mensch. Sie werden von den Evolutionisten am Ursprung der Menschheitsentwicklung, Primitivität repräsentierend, verortet. Weiße positionieren sie am anderen Ende der Entwicklung als Inbegriff der Zivilisation. Asiat_innen, Araber_innen, Polynesier_innen, Native Americans, Juden und was sie sonst noch an ‚Rassen’ kreieren, verteilen die Evolutionisten willkürlich auf dieser Entwicklungsachse zwischen Afrika und Europa, Primitivität und Zivilisation. Dieser Ordnung zufolge gibt es nur noch Weiß (europäisch, zivilisiert) und mehr oder weniger ‚Off White’. Weißsein wird zum Zentrum, Nicht-Weißsein mehr oder weniger zur Peripherie. Dieses rassistische Wissen war seinerzeit äußerst praktisch, legitimierte es doch die Plünderung von Menschen und Land in den Kolonien. Kolonisierung und Versklavung wurden nun nicht mehr als solche betrachtet, sondern zum humanitären Akt; eine Zivilisationsmission, die die ‚Wilden’ aus der Dunkelheit ins Licht der Moderne führt. Der Widerspruch der Moderne, nämlich die Gleichzeitigkeit von Sklaverei und Menschenrechten, konnte mit der rassisch codierten evolutionistischen Entwicklungsideologie durch Temporalisierung überdeckt werden. Nicht-Weiße wurden zum Vorher im Dienst des Nachher – Weißer.

Auch wenn die Critical Whiteness Studies vor allem in den USA entwickelt wurden, also in einer Gesellschaft, deren Rassismus stark von der transatlantischen Sklaverei geprägt ist, spannten sie sich nie in einer Schwarz-Weiß-Binarität auf. Vielmehr verweist die Critical Whiteness Theory auf die Mechanismen des ‚Anschwärzens’ beliebiger (missliebiger Migrant_innen-)Gruppen, also die Rassifizierung als Ausschluss- und Diskriminierungsmechanismus und wie durch diese Ausschlüsse Whiteness hergestellt wird. Wer jeweils als weiß ‚durchgeht’, ist historisch und geographisch kontingent. Entscheidend ist, dass diejenigen, die als weiß durchgehen, das Privileg erlangen, jene ‚Off White’ für rassistische Phantasien zu instrumentalisieren. Ir_inn_en und Italiener_innen mussten sich historisch in den USA ihren Status als ‚weiß’ erst erarbeiten, genauso wie Juden und Jüdinnen lange wie Kolonisierte innerhalb Europas behandelt wurden. Die Erfahrung des Holocaust hat Deutschland oder Österreich nicht zur Überwindung des Antisemitismus gebracht. Dieser lebt in seinen sämtlichen Facetten immer wieder neu auf und seine gesellschaftspolitische Funktion ist spätestens seit 9/11 auch in Formen der Islamophobie zu finden. Gegenstand der Critical Whiteness Theory ist also nicht das Verhältnis von ‚Weißen’ und ‚Schwarzen’, sondern die Herstellung von Whiteness durch die ‚Anschwärzung’ in Form von Rassifizierung beliebiger Gruppen.

Nach 1945 wurde in Deutschland zum Thema Rassismus und Holocaust zunächst vor allem geschwiegen und auch nachdem ab den sechziger Jahren darüber gesprochen wurde, blieb der Begriff ‚Rasse’ tabu obgleich Rassismus omnipräsent war. ‚Ausländerfeindlichkeit’, oder ‚Fremdenfeindlichkeit’ waren die Begriffe, mit denen über Angriffe auf Menschen gesprochen wurde, die für die Angreifer_innen als ‚nicht deutsch’ galten: Flüchtlinge, Migrant_innen, Sinti und Roma ebenso wie Deutsche, deren Urgroßeltern aus der Türkei zugewandert waren oder Afrodeutsche. ‚Ausländer_innen’ oder ‚Fremde’ wie weiße Kanadierinnen oder weiße Franzosen waren nie unter den Opfern. Dass Deutschland nicht nur ein Problem mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit (von der es immer wieder beispielsweise durch die sogenannten NSU-Morde, als Gegenwart heimgesucht wird) und seinem verzerrten Einwanderungsdiskurs hat, sondern auch die Tatsache des deutschen Kolonialismus totgeschwiegen wurde, kam 2004 zutage, als sich der Aufstand der Herero im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika, heute Namibia, zum 100. Mal jährte. Durch einige akademische Veranstaltungen und Reportagen in den Medien begann eine Auseinandersetzung mit dem deutschen Kolonialismus und in diese Zeit fiel die verstärkte Rezeption und Übersetzung der Critical Whiteness Studies im deutschsprachigen Raum. Es gab aber bereits in den neunziger Jahren einige Autor_innen, die das Weißsein in Deutschland als ausgeblendete Norm des Rassismus thematisierten ebenso wie diverse feministische Autor_innen Interdependenzen und Intersektionen von Rassismus, Sexismus, Schichtzugehörigkeit und anderen Diskriminierungsebenen analysierten.

Als Critical Whiteness in Deutschland rezipiert wurde, existierte bereits jede Menge interdisziplinäre englischsprachige Literatur zum Thema. Auch die Fallstricke bei den Versuchen mit der hegemonialen Selbstreflexion waren bereits ausführlich dokumentiert. Sie wurden jedoch von den eiligen Vorreiter_innen in der deutschen Rezeption ignoriert. Statt einer reflektierten Auseinandersetzung entstand schnell ein emotionalisierter Schwarz-Weiß-Konflikt, in dem kein Fettnäpfchen der für das Feld typischen Dynamik ausgelassen wurde. Einige weiße Wissenschaftler_innen, die mit dem Thema Karriere machen wollten, wurden – zurecht – von rassistisch markierten Kolleg_innen dafür kritisiert, dass Erstere versäumten, Letztere auf ihre Podien zu Critical Whiteness einzuladen. Im Reflex suchten sich die Weißen nun Schwarze als Partner_innen, mit denen sie ihre akademischen Aktivitäten – nach außen nun politisch korrekt – betrieben. Im Eifer des Gefechtes darum, wer sich im Diskurs einen Namen machte und wessen Position sich durchsetzte, blieben viele differenziertere Positionen von rassistisch markierten wie auch de-markierten Protagonist_innen ungehört.

Überraschend schnell polarisierte sich das Feld eines ursprünglich inspirierenden Netzwerkes von Forscher_innen im Umfeld der Gender Studies an der Berliner Humboldt-Universität. Der Zwang zur Markierung der eigenen Position wurde symptomatisch für die populären Teile des Critical Whiteness-Feldes. Identitäre Positionierungspraktiken, die re-essenzialisierten, was die Critical Whiteness Studies eigentlich dekonstruieren wollten, verlängerten sich dann auch in die Kreise politischer Aktivist_innen. Die Ereignisse auf dem NoBorder Camp 2012 in Köln sind beispielhaft dafür. Zwanghafte Selbstoffenbarungsrituale, die auch in sogenannten Critical Whiteness Awareness-Workshops praktiziert werden, sind dem ursprünglichen Ansinnen der Critical Whiteness Studies ebenso abträglich wie autoritär eingeforderte Verhaltensregeln, wer wann was sagen darf. Im Übrigen ist es fragwürdig, inwiefern solche Crash-Kurse ihre Teilnehmer_innen zu einem kritischen Bewusstsein zu Whiteness führen können, das sorgfältig in ihrem Unbewussten versteckt ist, als könnte man die Effekte von 500 Jahren Kolonialismus und Imperialismus in ein oder zwei Tagen überwinden. Noch fragwürdiger ist die Praxis, eine Gruppe von Weißen, die sich noch kaum mit Rassismus auseinander gesetzt haben, beim Workshopping Critical Whiteness auf eine Gruppe von rassistisch Markierten loszulassen, die dann – reichlich genährt von ‚Awareness zu Rassismus’ – als Entwicklungshelfer_innen für die Awareness der Weißen dienen sollen. Und was ist schließlich mit den Vielen, die im einen Kontext als weiß wahrgenommen, im anderen allerdings rassistisch markiert werden?

Critical Whiteness hat das Potential, Rassismus dort zu benennen, wo er seinen Ausgangspunkt nimmt: beim Subjekt des Rassismus. Das sind vor allem jene Subjekte, die beim Gedanken an ‚Rasse’ Andere im Kopf haben – ‚Objekte’ des Rassismus. Wenn sie es verstehen, ihre hegemoniale Position im Rassismus zu reflektieren und zu überwinden, sind wir ein ganzes Stück weiter gekommen auf dem Weg in eine Zukunft ohne das Denken von ‚Rasse’ und seinen Effekt: Rassismus. Es wäre schade, wenn in Deutschland wieder eine Gelegenheit dazu verpasst wird.

 [*] Den Begriff ‚hegemoniale Selbstreflexion’ hat Gabriele Dietze geprägt (vgl. Gabriele Dietze: Critical Whiteness Theory und Kritischer Okzidentalismus. Zwei Figuren hegemonialer Selbstreflexion, in: M. Tißberger, G. Dietze, D. Hrzán & J. Husmann-Kastein (Hg.): Weiß-Weißsein-Whiteness, Frankfurt am Main: Peter Lang 2009, S. 219-247.

(c) Martina Tißberger

Dr. Martina Tißberger forscht und lehrt am Institut für Pädagogik und dem Center for Migration, Education and Cultural Studies der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Vor kurzem erschien von Martina Tißberger das Buch Dark Continents, sowie der Beitrag »[…] ist doch auch das Geschlechtsleben des erwachsenen Weibes ein dark continent für die Psychologie«, in: K. Hostettler & S. Vögele (Hg.): Diesseits der imperialen Geschlechterordnung. (Post-)koloniale Reflexionen über den Westen, 2014.

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