InDebate: Kollektive und institutionelle Verantwortung: Warum wir sie brauchen

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Ludger Jansen

Lange Zeit war unter Philosophen das Adjektiv „kollektiv“ verdächtig: Individuelles Handeln, individuelle Absichten und individuelle Verantwortung wollte man gelten lassen, kollektives Handeln, kollektive Absichten und kollektive Verantwortung hingegen nicht. Wie sollte eine Gruppe oder eine Institution denn auch handeln, so der Einwand des sogenannten Individualismus, wenn nicht durch Individuen. Wir haben es also, so die individualistische These, immer nur mit individuellen Handelnden und individuellen Handlungen zu tun.

Soviel ist klar: Ohne Handlungen von Individuen kann es keine Handlungen von Gruppen und Institutionen geben. Das heißt aber nicht, dass kollektive Handlungen in den Handlungen von Individuen aufgehen: Die individuellen Abgeordneten geben ihre Stimme ab, aber beschlossen werden Gesetze vom Bundestag als ganzem. Einzelne Verkäufer beraten ihre Kunden, aber den Kaufvertrag schließt der Kunde mit dem Einzelhandelskonzern. Einzelne Politiker treffen sich zu Arbeitstreffen, aber Koalitionen werden zwischen Parteien geschlossen. Kriege werden Staaten von Staaten erklärt und Friedensverträge gelten zwischen Staaten, und zwar auch dann, wenn die unterzeichnenden individuellen Staatsmänner verstorben sind.

Verantwortung kann sich sowohl auf Handlungen in der Vergangenheit beziehen als auch auf ein handeln, das in der Zukunft liegt. Der Ursprung des Wortes liegt in der Vorstellung, sich vor einem Richter für eine Handlung in der Vergangenheit rechtfertigen, ihm Rede und Antwort stehen, sich „verantworten“ zu müssen. Die Erwartung einer solchen Rechtfertigungssituation in der Zukunft motiviert die Rede von Verantwortung für noch ausstehende Handlungen. Die Vorstellung einer „kollektiven Verantwortung“ ist für beide Arten von Verantwortung umstritten: für die rückwärtsblickende Verantwortung ebenso wie für die vorwärtsblickende. Ein Problem, das beide dieser zwei Arten von kollektiver Verantwortung zugleich trifft, ist der individualistische Zweifel, dass es kollektive Handlungen überhaupt gibt.

Es gibt aber auch spezielle Probleme mit der rückwärtsblickenden kollektiven Verantwortung: Wie kann ein Kollektiv Verantwortung für vergangene Taten tragen, wenn es keinen Körper hat, den man einsperren, und keine Seele, der man mit ewiger Verdammnis drohen könnte. Körper und Seelen haben nur Individuen. Aber es gibt andere Arten von Sanktionen, die Kollektive durchaus treffen können: Kollektive können etwa zur Zahlung eines Geldbetrags verurteilt werden, Privilegien verlieren oder verboten werden. In der Tat scheint eine solche „Todesstrafe“ bei Kollektiven moralisch weit weniger problematisch zu sein als bei Individuen. Und auch wenn Kollektive keine der Läuterung fähige Seele haben, so weisen Verteidiger der Annahme kollektiver Verantwortung auf eine wichtige Entsprechung zum Seelischen im Bereich der Kollektive hin: Gruppen und Institutionen haben eingeführte oder eingespielte Entscheidungsstrukturen und Handlungsrichtlinien, die verändert und geläutert werden können. Auch die Rede von kollektivem und institutionellem Handeln überhaupt lässt sich durch den Verweis auf solche institutionelle Entscheidungs- und Ausführungsstrukturen rechtfertigen. Von kollektivem Handeln und kollektiver Verantwortung, institutionellem Handeln und institutioneller Verantwortung zu reden ist deshalb sinnvoll.

Mehr noch: Heute ist es sogar notwendig, von kollektiver und institutioneller Verantwortung zu reden, und zwar aus mindestens zwei Gründen.

Erstens: Während Staat und Kirche schon seit langem als überindividuelle und zum Teil global wirkende Akteure wirksam sind, haben sich in der Moderne auch außerhalb des politischen und religiösen Bereichs komplexe Akteure von vergleichbarer Wirkmächtigkeit entwickelt. Während bei Familienbetrieben oder Ein-Personen-Gesellschaften die Unterscheidung von individuellen und institutionellen Akteuren künstlich erscheinen mag, kann das Agieren von multinationalen Konzernen mit hunderttausenden von Mitarbeitern und einem Umsatz, der größer ist als der Jahresetat mancher Staaten, ganz offensichtlich nicht mehr als bloße Aggregation individueller Handlungen beschrieben werden.

Zweitens stellen sich heute vermehrt Aufgaben von solcher Größe, dass diese nicht mehr von individuellen Akteuren zu schultern sind. Vor allem haben wir uns Aufgaben aufgebürdet, die eine Kooperation über viele Generationen hinweg verlangen. Man denke nur, um ein drastisches Beispiel zu wählen, an die Weitergabe von Informationen über radioaktive Abfälle, ihre Lagerstätten und den angemessenen Umgang mit ihnen. Bei einer Halbwertszeit von vielen tausend Jahren bedarf es sehr stabiler Institutionen, um die Erfüllung dieser Aufgabe zu gewährleisten.

Manchmal wird argumentiert, dass eine Bestrafung von Institutionen kontraproduktiv sei, weil sie die beteiligten Individuen aus der Haftung entlasse. Es wäre aber ein Irrtum, wollte man annehmen, dass durch die Zuweisung von Verantwortung für die Gewährleistung großer, komplexer oder langfristiger Aufgaben an Kollektive oder Institutionen die Individuen aus der Verantwortung für diese Aufgaben entlassen seien. Das ist schon deshalb nicht der Fall, weil Institutionen nur durch Individuen entscheiden und handeln können. Institutionen können aber Individuen sagen, wer welchen Beitrag zu einer komplexen Handlung ausführen soll, denn Institutionen sind Mechanismen der Zuweisung von Rollen und Aufgaben an Individuen, die als Rollenträger Rollen innerhalb der Institution innehaben.

Die moderne Welt stellt uns vor große Herausforderungen, die kein Individuum alleine lösen kann. Individuen je einzeln die Verantwortung für diese Aufgaben zuzuschreiben käme deswegen einer moralischen Überforderung gleich. Wenn diese Aufgaben aber im Kollektiv lösbar sind, lässt sich daraus aber eine Forderung ableiten: Die Gründung von Gruppen und Institutionen, die sich solcher nur kollektiv lösbarer Aufgaben annehmen, ist ein moralischer Imperativ unserer Zeit.

PD Dr. Ludger Jansen lehrt an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und an der Universität Rostock. Zum Thema erschien jüngst von ihm der Aufsatz „A Plural Subject Approach to the Responsibilities of Groups and Institutions“ in den Midwest Studies in Philosophy 38 (2014), 91-102; ein Buch über Gruppen und Institutionen soll im nächsten Jahr erscheinen.

(c) Ludger Jansen

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9 Gedanken zu “InDebate: Kollektive und institutionelle Verantwortung: Warum wir sie brauchen

  1. Lieber Ludger,

    vielen Dank für deinen sehr gut geschrieben und verständlichen Beitrag.
    Jetzt möchte ich es aber gerne konkreter wissen: wie sieht denn eine solche kollektive Institution, die das Handeln verantwortlich an alle zurückbindet im Jahre 2014 aus?

    Konzentrieren wir uns auf den Klimawandel. Ana Honnacker verweist in ihrem Blogbeitrag darauf, dass die Bundesregierung sich weigert, einen konkreten Umsetzungsplan vorzulegen, der die Folgen des Klimawandels radikal bekämpft. Nun stellen wir uns eine kollektive Institution vor, die sich dem globalen Problem annimmt. Hat diese Institution dann vielleicht je eine demokratisch gewählte Vertreterin pro Land zu entsenden, und die kollektiv gefassten Beschlüsse sind bindend für den Staat zu akzeptieren und um zu setzen? So könnte für jedes globale Problem ein starkes, umsetzungsfähiges Kollektiv gegründet werden, das auch Sanktionsmacht inne haben müsste. Wenn wir individuell nicht fähig sind, mit den Folgen unseres kollektiven Handlungen verantwortlich umzugehen, transfererieren wir das Handeln eben auch auf die kollektive Ebene.

    Liebe Grüße
    Valerie Lux (Uni Passau)
    theorieleben.wordpress.com

    • Beginnen wir mit einer einfachen Aufgabe: Ein Kollektiv aus zwei Köchen ist dafür verantwortlich, eine Soße anrühren. Sie einigen sich auf ein arbeitsteiliges Vorgehen: Der eine schüttet die Zutaten in den Topf, während der andere rührt. Jedes Mitglied dieses Kochkollektivs ist für jeweils eine individuelle Beitragshandlung zuständig, um kollektiv das gewünschte Ergebnis zu erreichen.
      Die Bekämpfung des Klimawandels ist eine ungleich schwierigere Aufgabe, für deren Bewältigung Valerie eine globale Institution skizziert, die einer Art weltweiter EU gleichkommt. Auch wenn eine solche Institution in der Lage wäre, ihre Beschlüsse durchzusetzen, geben uns die jüngsten Klimaabkommen nicht viel Anlass zu der optimistischen Annahme, dass derzeit durchschlagende Maßnahmen beschlossen würden. Dafür müssen mindestens drei Voraussetzungen gegeben sein: (1) Das Problem muss bekannt und anerkannt sein, (2) es müssen geeignete Mittel zur Lösung des Problems bekannt sein, und (3) es muss der politische Wille vorhanden sein, die Kosten für diese Mittel aufzubringen, auch wenn ihre Nichtanwendung mit kurzfristigen verbunden wäre.
      Um diese Voraussetzungen zu schaffen, ist Lobbyarbeit bei Politikern, aber auch Bildungs- und Überzeugungsarbeit an der Basis nötig. Kollektiven und Institutionen, die sich dieser Aufgabe annehmen, sehen im Jahr 2014 so aus wie Greenpeace, ATTAC oder das Global Climate Forum.

  2. Natürlich brauchen wir das kollektive Handeln. Nur wenn sich Menschen auch zusammenschließen und vernetzen, dann werden sie gewisse Änderungen herbeiführen können. Aber „kollektiv frei“ kann etwas nur sein, wenn dieses dem Einzelnen auch mehr Freiheit ermöglicht. Sofern der Kollektivismus zu weniger Freiheit für den Einzelnen wird und in den Autoritarismus rutscht, ist er zu verwerfen. Kollektivismus geht also nur mit Minderheitenrechten. Minderheiten können immer wieder neue Impulse geben im Kollektiv!

    • Philosophen-Typ weist auf zwei wichtige Kriterien für die Bewertung staatlicher Organisation hin: Freiheitsrechte und Minderheitenschutz. In der Tat benötigen wir eine solide Ethik für die Bildung von und das Handeln in Institutionen. Denn fast alles, was zum Guten dienen kann, kann auch missbraucht werden. Das gilt auch für das kooperative und institutionelle Handeln. Zu Risiken und Nebenwirkungen befrage man Historiker und Sozialwissenschaftler.

    • Kollektive Verantwortung gibt es nicht – meine ich! Das Kollektiv hat immer gemeinsame Ziele, aber Verantwortung ist eine persönliche Bürde. Und eine einsame Entscheidung. So bilden sich Kollektive, wenn Menschen, die verantwortlich sein wollen, sich aber allein nicht sicher sind, Rückhalt bilden wollen.
      Meist für ihre eigenen Interessen.
      Ob das dann immer noch mit Verantwortung zu tun hat, ist im Kollektiv meist – egal-! Das Kollektiv schützt den Einzelnen vor Vereinsamung und manifestiert Denkmuster Einzelner, die sich allein unsicher wären. Das Kollektiv kann somit Starke hervorbringen, die allein und einsam völlig wirkungslos denken und handeln würden. Das Kollektiv sollte also eine humanitäre, großherzige Basis haben – und klare Ziele. Ansonsten hat das Kollektiv Schwarmintelligenz! Das Thema wurde hier ja auch schon diskutiert.
      Der Einzelne wird in der Zukunft wieder wichtig werden, nicht als Individuum, sondern als Entscheider und Denker, der er lange nicht war. Dem Individium wurde lange genug vorgegaukelt es hätte Macht – die sich in seiner Kaufkraft errechnen ließ.
      Kaufkraft wird sich aber erschöpfen und der Einzelne hat kaum Ressourcen. Also wird er wieder denken müssen!
      Und es werden sich keine Kollektive bilden. Es wird zuerst nur mehr Chaos regieren. Kein Mensch hat schnell eine Strategie zur Hand, mit der er der eigenen Hilflosigkeit entflieht, zumindest nicht im Kollektiv. Uns wurde eingebläut, dass wir allein alles können, wenn wir nur wollen.
      Wir Deutsche haben eine Aversie gegen Kollektive, wenn es um politische Entscheidungen geht. Darum konnte sich in diesem Land
      der Individualismus ja so fett breit machen, weil wir alle glauben, nur weil wir etwas ablehnenen, hätten wir uns christlich einenen Ablass erkauft.
      In diesem Land sind wir weit entfert, im Kollektiv zu denken. Es mag sogar gut sein, dass es so ist. Uns wird das nämlich immer gesagt, dass Deutsche sich nie wieder zusammenrotten sollten, wenn sie eine Idee hätten…..Und das ist das Problem!

      Wir waren auch nicht schlecht, was den Diskurs Umwelt, Militär, Soziales betrifft……Wir dürfen aber nicht mehr individuell sein, mittlerweile. Und ein Kollektiv zu bilden, käme heute einer Ansage gegen Demokratie und den Weltfrieden gleich. Deutsche, mit verstandener Vergangenheit dürfen nichts mehr. Denn Deutschland geht es gut – sagt zumindest unsere Kanzlerin.
      Womöglich wird es in der Zukunft so etwas wie ein Kollektiv mit Menschen geben. Das wird aber nicht in Köpfen entstehen und umgesetzt werden. Das kommt dann von ganz tief unten – und kein Intellektueller wird sich als Philosoph damit in den Geschichtsbüchern verewigen. Ich weiß nicht, ob ich es noch erlebe, aber es wird ganz dunkel und böse werden.

      • Mit ihrer Ablehnung kollektiver Verantwortung ist Marie in guter philosophischer Gesellschaft, aber ihren Einwand, dass Verantwortung eine individuelle Bürde ist, habe ich in meinem Beitrag bereits ausgeräumt: Die Anerkennung kollektiver Verantwortung ändert nichts an der Verantwortung der Individuen. Individuelle Verantwortung wird durch kollektive Verantwortung nicht abgelöst, sondern ergänzt. Darüber hinaus mahne ich zu methodischer Vorsicht: Ich wäre viel zurückhaltender mit Verallgemeinerungen („Wir Deutschen haben …“) und mit Prognosen („Der Einzelne wird …“). Ich mache keine Aussagen darüber, wie die Geschichte in der Zukunft faktisch verlaufen wird, sondern schließe mit einer normativen Aussage. Auf „Kollektive mit Menschen“ müssen wir jedenfalls nicht warten. Diese gibt es vermutlich ebenso lange wie den Menschen selbst, nur dass die Welt der Kollektive heute sehr viel bunter ist und nicht mehr nur von Familien, sondern auch von Fußballmannschaften, Punkbands und der UNO bewohnt wird.

  3. «Die moderne Welt stellt uns vor große Herausforderungen, die kein Individuum alleine lösen kann». Der französische Philosoph Louis Cattiaux schrieb schon in 1950 (Die Wiedergefunde Botschaft, Herder, 2010, S. 250): «Wir werden nach den begabtesten und den fähigsten Menschen gemäss ihren Werken und gemäss ihren Erfolgen in der Welt suchen, um das Volk und die Nation zu steuern und zu organisieren. Und die Un fähigen und die Mittelmässigen, die beanspruchen, für alle das zu vollziehen, was sie für sich selbst nicht zum Erfolg bringen konnten, werden wir mittleidslos ausschalten». Also, die individuelle Erreichung scheint ein gute Feuertopf zu sein.

    • Kein Zweifel: Auch Völker sind Kollektive und Staaten sind Institutionen. Auch sie können Träger von Verantwortung sein – eine Verantwortung, die nicht in der individuellen Verantwortung ihrer Politiker aufgeht. Was die zitierte Äußerung von Cattiaux angeht, bin ich mir aber nicht sicher, wie sie zu verstehen ist und in welcher Absicht H. van Kasteel sie zitiert hat: Als historische Prognose wäre sie ungewiss, als normative Aussage hingegen gefährlich. Denn während es rational und geboten ist, Leitungspositionen entsprechend der Kompetenzen der jeweiligen Bewerber zu besetzen, folgt daraus nicht, dass dadurch irgendjemand „ausgeschaltet“ werden sollte oder müsste – außer bei der Konkurrenz um eben diese Ämter. Vor allem aber: Meine Argumentation gilt zwar auch für Völker und Nationen, aber man darf nicht vergessen, dass dies nicht die einzige Möglichkeit für Kooperation in Kollekiven und Instiutionen ist. Denken wir auch an zivilgesellschaftliche und überstaatliche Vereinigungen und an Nichtregierungsorganisationen!

      • Ich danke Ihnen für Ihre Antwort. Ich weiss auch nicht wie den Rat von Louis Cattiaux zu verstehen und auszuführen ist…

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