InDebate: Was ist das – das Anthropozän?

Johannes Frisch - Aus der Menschenheimath. Vierter Brief. Die Vulkane in Die Gartenlaube, 1853 ("The Garden Arbor"), S. 36-38  (http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ADie_Gartenlaube_(1853)_b_037.jpg)

Johannes Frisch – Aus der Menschenheimath. Vierter Brief. Die Vulkane in Die Gartenlaube, 1853 („The Garden Arbor“), S. 36-38 (http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A Die_Gartenlaube_(1853)_b_037.jpg)

Jürgen Manemann

Was ist das – das Anthropozän? Zunächst einmal ein Begriff. Wir benötigen Begriffe, um zu Erkenntnissen zu gelangen. Begriffe führen uns aber nicht automatisch zur Erkenntnis. Sie können sogar von ihr wegführen. Es bedarf Begriffe, die, wie Theodor W. Adorno fordert, das auf den Begriff Gebrachte – das Begrifflose – hervortreten lassen, ohne es dem Begriff gleichzumachen. Das bedeutet, dass wir uns „die Begriffe nicht mehr nur schenken lassen, sie nicht nur reinigen und aufhellen, sondern sie allererst machen, schaffen, hinstellen (…).“ Begriffe müssen also „erfunden, hergestellt oder vielmehr erschaffen werden“ (G. Deleuze/F. Guattari, 10). Es gibt Begriffe, die willkürlich sind, haltlos, und es gibt Begriffe, die triftig sind. Es gibt Begriffe, denen wir vertrauen, und solche, denen wir misstrauen. Aber: Es gibt keinen einfachen Begriff. Gilles Deleuze und Félix Guattari bringen es auf den Punkt: Jeder Begriff ist eine Mannigfaltigkeit. Er besitzt nicht nur eine Komponente, sondern mehrere. Mannigfaltig sind Begriffe nicht zuletzt deshalb, weil sie eine Geschichte haben.

Und das gilt auch für den Begriff des Anthropozäns, für „das menschlich (gemachte) Neue“, übersetzt als „Zeitalter des Menschen“ oder auch „Menschenzeit“. Wenn wir vom Zeitalter des Menschen reden, so ist das nicht bloß im Sinne des Genitivus obiectivus gemeint, dann richtet sich unser Blick nicht nur auf „die Menschheit“ als Gegenstand der Betrachtung. Viel bedeutender ist die Lesart des Genitivus subiectivus, durch die sich der Blick auf das richtet, was von der Menschheit ausgeht. Die Menschheit erscheint hier als Agens, als „geologischer Faktor“ (Paul J. Crutzen) des Zeitalters. Vom Anthropozän zu reden heißt nicht nur, das gegenwärtige Zeitalter als eines des Menschen zu analysieren. Der Begriff enthält zugleich die ausdrückliche Aufforderung an die Menschheit, diese Gestaltermacht offensiv anzunehmen. In diesem Sinn wird mit dem Begriff ein Begriffsrealismus betrieben, der den Imperativ enthält: Anthropozän soll sein! Es ist diese Mannigfaltigkeit, die dem Begriff überhaupt erst seine Attraktivität jenseits der Geologie verleiht.

Der Begriff „Anthropozän“ besitzt also eine diagnostische und eine therapeutische Dimension. Er steht für das Programm einer Hominisierung der Erde, in deren Verlauf die Erde immer mehr vermenschlicht wird. Und so verwundert es auch nicht, dass der Begriff nicht nur für eine neue geologische Epoche steht, sondern für ein neuro-geologisches Phänomen: die Amalgamierung des individuellen als auch kollektiven geistigen Zustandes der Menschen mit der Natur zu einer bio-kulturellen Evolution, in deren Verlauf Natur in Kultur zu verschwinden droht. In den neuro-geologischen Reflexionen der Anthropozäniker spielt der Körper des Menschen allenfalls eine untergeordnete Rolle.

Um die zerstörerischen Auswirkungen des Anthropozäns ins Positive zu wenden, setzen die Anthropozäniker in erster Linie auf die Erfindung neuer Technologien. Voraussetzung dafür seien bestimmte Milieus. Am besten würden neue Technologien auf dem Boden der freien Marktwirtschaft gedeihen. Hier zeigt sich bereits, dass der Begriff des Anthropozäns mehr ist als ein Begriff. Er steht für eine neue Großerzählung. Eine solche Großerzählung enthält nicht nur eine bestimmte Soziologie, sondern auch eine bestimmte Anthropologie und eine bestimmte Ethik. Zu den Leitprinzipien der Idee gehören wissenschaftliche Rationalität, kontinuierlicher Fortschritt, aktiver Optimismus, Marktwirtschaft, Technologie etc. Politisch changieren die Konzepte zwischen einer offenen Gesellschaft und öko-diktatorischen Vorstellungen.

Vor allem zwei Handlungen werden als spezifisch menschlich herausgestellt: das Züchten und das Gärtnern. Durch das Züchten habe der Mensch die Welt seinen Bedürfnissen angepasst. Mit dem Züchten beginne bereits die Grenze zwischen Mensch und Natur zu verschwimmen. Die Anthropo-Erde sei letztlich dadurch gekennzeichnet, dass es auf ihr keine reine, d.h. unberührte Natur mehr gebe.

Der Begriff „Anthropozän“ besitzt nicht nur eine äußere, sondern auch eine nach innen gerichtete Dimension: „die beginnende Herrschaft über die molekularen und genetischen Landschaften der Gene, Zellen und Organe“ (C. Schwägerl, 160). An dieser Stelle wird offenbar, dass der Mensch im Zeitalter des Anthropozäns in die bislang nur Gott vorbehaltene Schöpferrolle schlüpft. In dieser Rolle experimentiert er nicht nur mit Pflanzen und Tieren, sondern auch mit sich selbst. Bereits heute gebe es riesige

„Zoos von gentechnisch veränderten Tieren […], an denen untersucht wird, was passiert, wenn dieses oder jenes Gen aus dem Erbgut entfernt oder zusätzlich eingefügt wird. Diese Zoos sind weltweit über die Hochschulen und Firmenlabors verstreut. In ihnen leben Mäuse mit Fettsucht, Ratten mit Bluthochdruck, Zebrafische mit einem Selbstzerstörungsmechanismus im Gehirn, Taufliegen mit Beinen am Kopf.“ (C. Schwägerl, 165/166)

In diesem „Labor-Ökosystem“ würden Kranke erzeugt, „um an ihnen die Krankheiten des Menschen zu studieren“ (C. Schwägerl, 166). Aber wie steht es mit der Menschenzucht?

„Die Fortschritte der modernen Bio- und Gentechnologie lassen es möglich erscheinen, dass sich der sechste Tag der Genesis zur Science-Fiction verwandelt. Dann wird sich die vom Christentum behauptete Gottebenbildlichkeit des Menschen auf unerwartete Weise manifestieren. Dass der Mensch sein eigenes Ebenbild aus Einzelmolekülen neu erschafft so wie Craig Venter heute »Synthia«, ist aber noch viele Jahre entfernt. Das ist eine Chance, in der Zwischenzeit die richtigen Bedingungen für dieses Wissen zu suchen: In welchen Händen landet die Macht über das Leben?“ (C. Schwägerl, 172)

In der Idee des Anthropozäns blitzt dann und wann die Vision einer posthumanen Zukunft auf. Vielleicht werde sich „eines Tages […] eine neue intelligente Lebensform […] so rührend um den Schutz der letzten Menschen kümmern […], wie wir das heute mit Flussdelphinen und Blauwalen tun“. (C. Schwägerl, 354)

Liest man derartige Beschreibungen, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, der Anthropozäniker unterstütze diesen Weg. Auch wenn an anderer Stelle beiläufig darauf hingewiesen wird, dass solche Visionen nicht erstrebenswert seien, werden sie nichtsdestotrotz als nicht mehr zu verhinderndes Faktum dargestellt. Und so wird nicht die Frage gestellt, ob man diesen Weg weiter beschreiten soll, angemahnt werden lediglich ethische, politische und rechtliche Rahmenbedingungen, um Missbrauch zu verhindern.

Im Anthropozän zu leben heißt, das bisherige Verständnis vom Menschen zu ändern. Es möge ja durchaus sinnvoll gewesen sein, auf einer bestimmten zivilisatorischen Entwicklungsstufe, den „Menschen mittels Würde vom Tier zu trennen“, aber zukünftig sei es angezeigt, „die Würde des ‚Weltorganismus‘ zu klären. Vielleicht wird das Ergebnis eine naturwissenschaftlich fundierte Würde des Menschen sein, die aus der Würde des Weltorganismus heraus entsteht“. (C. Schwägerl, 214) Dem Menschen kommt somit im angestrebten Anthropozän allenfalls noch eine abgeleitete Würde zu.

Kein anderes Motiv prägt die Vorstellung der Verfechter des Anthropozäns stärker als das des Gärtners und der Garten-Erde. Doch um die damit einhergehende positive Vision des Anthropozäns zu gestalten, müsse die Zukunft vom „apokalyptischen Nebel“ befreit werden: Nicht das Ende sei nah, sondern „nur das Ende des apokalyptischen Denkens“ (C. Schwägerl, 356). Wir lebten heute nicht am Beginn des Weltuntergangs, sondern am Beginn des „Weltaufgangs“. „Anthropozän“ steht also für Weltaufgang.

Was ist von alledem zu halten? Man wird den Verdacht nicht los, dass es sich hier um den Versuch handelt, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben. Das Anthropozän als Problemdiagnose wird mit umgekehrtem Vorzeichen als Problemlösung präsentiert. Die Perspektiven der Anthropozäniker sind in erster Linie geprägt von technik- und naturwissenschaftlichen Sichtweisen. Der Begriff steht nicht für einen tiefgreifenden Kultur- und Zivilisationswandel, eher für eine Weiterentwicklung hin zu einer trans- bzw. posthumanen Zivilisation. Kritische Fragen nach der eigenen Selbsttransformation, nach unseren Verhaltensmustern, unseren Denk- und Handlungsblockaden werden nicht gestellt. Das Konzept des Anthropozäns besitzt kein wirklich transformierendes Potential, weil es kein aktivierendes Konzept ist.

An der Zeit ist eine neue, aktivierende, leidempfindliche Humanökologie, die die Frage nach dem Empowerment von Menschen ins Zentrum ihrer Überlegungen rückt. Durch die postnaturale Dimension des Anthropozäns tritt jedoch die sinnliche Erkenntnis, mit der die neue Humanökologie ansetzt, in den Hintergrund. Dabei käme es genau auf diese Erkenntnis an. Sinnliche Erkenntnis zeichnet sich dadurch aus, dass sie aufgrund der Nähe, die sie zu den Menschen, den Tieren, den Pflanzen und zu allem, was sie wahrnimmt, besitzt, nicht nur ein Wissen hat, sondern auch eine Erfahrung. Es ist die sinnliche Wahrnehmung, welche die Quelle der Moral ist. „Versiegt sie oder wird sie zeitweise oder dauerhaft verstopft, so dass die allgemeinen moralischen Grundsätze von der Wahrnehmung abgeschnitten werden, verlieren sie ihre Wirkungskraft“ (M. Hauskeller, 144). Ist die Erfahrung zerstört, so der Psychoanalytiker Ronald D. Laing, wird Verhalten jedoch zerstörerisch.

Der Begriff „Anthropozän“ steht in der Gefahr, von der Erkenntnis wegzuführen. Man sollte ihm misstrauen.

Literatur:
W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt 31982.
J. Crutzen, Die Geologie der Menschheit, in: Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang. Energie und Politik im Anthropozän, Frankfurt 2011, 7-10.
G. Deleuze/F. Guattari, Was ist Philosophie?, Frankfurt 2003.
R. D. Laing, Phänomenologie der Erfahrung, Frankfurt 131981.
J. Manemann, Kritik des Anthropozäns. Plädoyer für eine neue Humanökologie, Bielefeld 2014.
M. Hauskeller, Auf der Suche nach dem Guten. Wege und Abwege der Ethik, Zug 1999.
C. Schwägerl, Menschenzeit. Zerstören oder gestalten? Wie wir heute die Welt von morgen erschaffen, München 2012.

© Jürgen Manemann

Jürgen Manemann ist Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover.

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