InDebate: Besitzt unsere Gesellschaft noch „Sinn für Abenteuer“?

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Tim Grafe

Blickt man auf die gegenwärtige politische und gesellschaftliche Entwicklung in Europa, so zeigen sich zweifellos besorgniserregende Tendenzen. Rechtspopulistische und rechtsradikale Bewegungen erhalten immer mehr Zulauf, in Staaten wie Polen und Ungarn verwandelt sich die Demokratie schleichend in ein autoritäres System. Als Legitimationsgrund für solche Transformationsprozesse dient dabei immer wieder das Heraufbeschwören einer grundsätzlichen Gefahr für „unsere“ Zivilisation, ohne dass wirklich klar wird, wie sich Letztere eigentlich bestimmen lässt.

Der britische Philosoph Alfred North Whitehead versuchte den Begriff der Zivilisation bereits vor über 80 Jahren näher zu bestimmen und kam zu dem Schluss, dass dies ein durchaus schwieriges Unterfangen ist und mit Blick auf die Geschichte immer wieder eine gedankliche Orientierung an vergangenen Gesellschaftsepochen „als Maßstab der Zivilisation“ erkennbar wird.[1] Eine solche Orientierung hat jedoch nach Whitehead den nicht zu unterschätzenden Nachteil, dass der Blick eben in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft gerichtet wird.[2] Warum eine Ausrichtung auf die Zukunft gerade für Whitehead so entscheidend ist, erklärt sich aus dem Umstand, dass ihm die Gesellschaft seiner Zeit als in einem instabilen Stadium, einer Umbruchphase begriffen erscheint. Whiteheads diesbezügliche Analyse wirkt dabei wie eine Bestimmung unserer jetzigen Zeit. Die Welt scheint erneut „im Übergang in ein ganz neues Stadium ihrer Existenz“[3], in hohem Maße geprägt durch den technischen Fortschritt[4], der mehr denn je auch philosophisch reflektiert wird. So betont Luciano Floridi, dass die allgegenwärtigen Informationstechnologien unsere Welt nicht nur oberflächlich verändern, sondern die Natur unserer Realität selbst restrukturieren.[5]

Dieser technische Fortschritt mag jedoch nicht zwangsläufig bedeuten, dass sich auch unsere Gesellschaft langfristig in Richtung Fortschritt bewegt. Whitehead selbst spricht in diesem Zusammenhang von der Möglichkeit, dass Zivilisationen einen Zustand erreichen, in dem sie nur noch in ihren „Äußerlichkeiten“ als solche existieren.[6] Man mag vor diesem Hintergrund mit Unbehagen an die bestechende Analyse Colin Crouchs zur Lage der gegenwärtigen westlichen Demokratien denken, wonach „die demokratischen Institutionen formal weiterhin vollkommen intakt sind“, während die politische Agenda faktisch von „privilegierten Eliten“ bestimmt wird.[7] Whitehead betont jedoch, dass solche problematischen Entwicklungen keine endgültige Sackgasse gesellschaftlicher Entwicklung bedeuten müssen. So bieten Krisensituationen möglicherweise auch die Möglichkeit eines Übergangs in eine neue zivilisatorische „Phase“.[8] Doch unter welchen Umständen, wollen wir Whitehead in diesem Punkt folgen, wird ein solcher „Übergang“ ermöglicht? Nur dann, so lautet die Antwort, wenn eine Gesellschaft noch dazu in der Lage ist, „Abenteuer“ zuzulassen.[9] Was Whitehead hiermit natürlich nicht meint, sind Dinge wie eine Tour durch die Wildnis, sondern „Abenteuer des Denkens“[10], also Möglichkeiten einer konstruktiv-spielerischen Denkart, die in der Lage ist, bestehenden gesellschaftlichen Verhärtungen zu begegnen und „Grenzen des Gewohnten und Gesicherten“ aufzubrechen.[11]

Die Krise einer Zivilisation zeigt sich, so Whitehead, entsprechend in einer „Herrschaft der Konventionen“, in der langfristigen Dominanz von Wiederholungen.[12] Wir sollten uns überlegen, ob nicht auch unsere Gesellschaft zunehmend durch eine solche Entwicklung geprägt ist oder noch „Sinn für Abenteuer“[13] besitzt, ob und wie sich noch neue progressive Wege des Denkens, insbesondere in der Politik, einschlagen lassen, die verhindern können, dass unsere Demokratie langfristig nur noch „formal“ weiterexistiert[14].

(c) Tim Grafe

Tim Grafe ist Doktorand am Philosophischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

[1] Whitehead, A. N., Abenteuer der Ideen, Frankfurt a. M. 2000, S. 475.
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Whitehead (2000), S. 475 f.
[5] Floridi, L., The Ethics of Information, Oxford 2013, S. 6.
[6] Whitehead (2000), S. 484.
[7] Crouch, C., Postdemokratie, Frankfurt a. M. 2008, S. 13.
[8] Whitehead (2000), S. 484.
[9] Whitehead (2000), S. 485.
[10] Whitehead (2000), S. 484.
[11] Whitehead (2000), S. 485.
[12] Whitehead (2000), S. 482.
[13] Ebd.
[14] Vgl. Crouch (2008), S. 33.

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