InDebate: Können Kulturen kämpfen?

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Lisz Hirn

Beweisen die weltweiten Attentate und Anschläge terroristischer Gruppen, dass wir uns schon mitten in einem „Kampf der Kulturen“ befinden? In seinem kontrovers diskutierten Buch argumentiert Samuel P. Huntington gegen die Vorstellung einer einheitlichen „Weltkultur“. Er geht davon aus, dass sich Konflikte zwischen den Zivilisationen zunehmend verschärfen werden. Viele seiner Prognosen haben sich bewahrheitet. Aber heißt das gleichzeitig, dass wir nun Huntingtons Weltbild übernehmen können?

Erinnern wir uns nochmal an eines der Ereignisse, das Anfang des Jahres 2015 für Aufsehen gesorgt hat. Zwölf Menschen werden im Januar bei einem Terror­anschlag auf die Redaktion des Magazins „Charlie Hebdo“ ermordet. Einmal mehr wird klar, dass Terror keine europäischen Grenzen kennt. Ein Aufschrei geht durch die westliche Zivilisation, man nimmt sich an den Händen und präsentiert eine zivilisatorische Einheit wie schon lange nicht mehr. Alle sind plötzlich Charlie, selbst die, die Charlie einen Tag vor dem Anschlag gar nicht kannten. Allerdings bleibt unklar, von wem eigentlich die Bedrohung ausgeht. Während also in Paris 12 Menschen von angeblich muslimischen Terroristen erschossen werden, sterben zur fast gleichen Zeit Hunderte Menschen in Nigeria durch einen erneuten Angriff der islamistischen Terrororganisation Boko Haram. Für letztere bleibt eine offizielle Trauerdemonstration ähnlicher Größenordnung aus. Die Rezeption beider Ereig­nisse bleibt unverhältnismäßig wie auch deren mediale Diskussion. In den Medien wird neben Houellebecqs Gesellschaftsutopie „Unterwerfung“ sofort Huntingtons umstrittenes Buch zitiert. Das war nicht immer so. In den 1990er Jahren hatte Francis Fukuyama mit seinem „Ende der Weltgeschichte“ die Nase vorn, wenn es um die Erklärung kultureller Phänomene ging. Erst in den 2000ern holten die Medien Huntingtons „Kampf der Kulturen“ vom wissenschaftlichen Abstellgleis, als al-Quaida 2001 mit ihren Terroranschlägen den westlichen Kul­tur­raum erschüt­ter­ten. Was aber ist dran am angeblichen „Kampf der Kulturen“? Gibt es nun doch kein „Ende der Geschichte“, wie es uns Fukuyama prophezeit hat? Spätestens nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ stellt sich die Frage, ob Huntington am Ende nicht doch recht hatte. Sind al-Qaida, der IS, Boko Haram, die al-Shabaab-Miliz und die Anschläge von Paris eine späte Bestätigung seiner Thesen? Finden die heute gefährlichsten Konflikte wirklich nicht mehr zwischen sozialen Klassen oder ökonomischen Gruppen, sondern zwischen Völkern unterschiedlicher kultureller Einheiten statt? Fangen wir die Argumentation einmal von ganz vorne an.

Oft wird zwischen zwei großen kulturellen Einheiten unterschieden: der westlichen und der nichtwestlichen Welt. Wer dieses Denkmodell teilt, tappt schon in die erste Falle. Zwar ist es richtig, dass sich einige Menschen zu einer sogenannten west­lichen Zivilisation bekennen. Falsch ist jedoch, dass es eine nichtwestliche Zivilisation gibt. Es gibt derer nämlich mehrere. Und die haben nichts miteinander gemein außer dem Fakt, dass sie sich stark von der westlichen unterscheiden. Verwenden wir den Begriff „Zivilisation/Kultur“ vorerst wie Huntington es tut und nehmen wir an, diese Einteilung wäre zulässig. Damit ignorieren wir, dass diese Einteilung den Menschen bereits auf eine Dimension reduziert und müssen nun die ausgewählten Kulturen voneinander differenzieren. Nehmen wir als Beispiel den „Westen“, der früher unter dem Etikett „christliches Abendland“ lief. Heute wird unter westlicher Kultur eine euro-amerikanische oder nordatlantische Kultur verstanden, die sich allerdings schwer auf der Landkarte festmachen lässt. In seiner eigenen Vorstellung hat sich der Westen als universale Weltkultur etabliert, „aber nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion […], sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organi­sierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals“ (Huntington). Dass Gewalt plötzlich von außen ins Innerste westlicher Kultur dringt wie 2001 in New York oder nun 2015 in Paris, war ein weiterer Stich ins westliche Selbstverständnis. Wollten wir 2001 einfach nur nicht hören, was uns Huntington so klar prognostiziert hat? Könnte es sein, dass wir eine beispiellose self-fulfilling prophecy erleben, die seit mehr als einem Jahrzehnt auch von den Medien getragen wird?

Als sich der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi 2010 in Tunesien aufgrund von Repressalien seitens Polizei und Behörden anzündet, kommt es innerhalb weniger Wochen zu Massenunruhen, die innerhalb kürzester Zeit mithilfe sozialer Medien auf andere Staaten der islamischen Welt übergriffen. Die westlich-liberalen Konzepte von Demokratie schienen endlich auch in der islamischen Gesellschaft Wurzeln zu schlagen. Francis Fukuyamas prophezeites „Ende der Geschichte“ bahnte sich in Form einer Zukunft an, in der es nicht mehr um den Kampf gegensätzlicher Ideen, sondern lediglich um die Lösung technischer und ökonomischer Probleme geht. Die Hoffnung, dass der Arabische Frühling eine Annäherung der islamischen an die westliche Welt bringen könnte, wurde mittlerweile enttäuscht. Müssen wir aber überrascht sein, dass das „Ende der Geschichte“ nicht gekommen ist? Hat Fukuyama die „westlich-liberale Demokratie als definitive(…) Regierungsform des Menschen“ überschätzt und die „Islamische Resurgenz“ (Huntington) unterschätzt? Dieses „Wiedererstarken des Islams“ kann sowohl als ein Produkt als auch ein Versuch der Bewältigung der Modernisierung gesehen werden. Diese ist ein Produkt der Urbanisierung, der sozialen Mobilisierung, der höheren Alphabetisierung und Bildung, des verstärkten Kommunikations- und Medienkonsums sowie der erweiterten Interaktion mit westlichen und anderen Kulturen. Jedoch hat nicht die Modernisierung bestehende Konflikte verschärft, sondern, so behauptet Huntington, die damit einhergehende Verwestlichung. Letztere untergrübe traditionelle Bindungen an Dorf und Clan und erzeugte Entfremdung und eine Identitätskrise. Diese Verallgemeinerung verdient eine Relativierung mithilfe Amartya Sens, der in dieser verallgemeinernden Schlussfolgerung die Gefahr sieht, dass damit gezielt „Unzufriedenheit geschürt und ausgebeutet wird, wobei man auf einen solitaristischen Gegensatz der Identitäten baut“, speziell zwischen Westen und „Antiwesten“.

Eine Zivilisation, nämlich die muslimische, wird als gefährlichster Vertreter des „Antiwesten“ hervorgehoben. Huntington lässt keinen Zweifel an der aggressiv religiösen Identität der muslimischen Zivilisation und führt als Beweismittel Statistiken ethnopolitischer Konflikte an. Die Zahlen sollen beweisen, dass „muslimische Kriegslust und Gewaltbereitschaft“ am Ende des 20. Jahrhunderts eine „Tatsache sind“, nur die „Gewaltbereitschaft Chinas“ überträfe die der muslimischen Staaten. „Der Islam ist eine kriegerische Religion, die nicht zögert Gewalt als primäre(s) Mittel der Krisenbewältigung“ einzusetzen, und im Kampf der Kulturen ist die Religion für Huntington schließlich das Hauptunterscheidungsmerkmal. Sehen wir den Menschen allerdings als Träger verschiedener Identitäten, müssen wir Huntingtons Klassifikation notwendigerweise als einseitig und unzureichend bewerten, da sie den Menschen auf seine religiöse Dimension reduziert. Keine der vielen Identitäten kann als seine einzige Identität verstanden werden. Jeder Mensch ist gleichzeitig das Mitglied einer „Vielfalt von Gruppen“, wobei die Religionszugehörigkeit nur eine von vielen wie Beruf, politische Ansichten, persönliche Werte und Essgewohnheiten ist. Die Identifikation mit einer Gruppe und deren Ansichten übt natürlich einen Einfluss auf unser Denken aus, determiniert uns aber nicht dazu, andere Denkweisen in Betracht zu ziehen. Huntingtons Einteilung in Zivilisationen bzw. Kulturen vereinfacht und verbildlicht zwar einige Phänomene, reicht aber für subtile Erklärungen nicht aus, da sie die Verschiedenheit „innerhalb der benannten Kulturen ignoriert und über die ausgedehnten Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Kulturen hinwegsieht“(Sen). Ja, Huntington hat recht, meint Cicero-Redakteur Christian Schwennicke. Es könnte „sehr wohl ein paar junge Männer in Jeans geben, die Cola trinken, Big Macs essen und Rap hören, aber zwischen Verbeugungen in Richtung Mekka eine Bombe basteln, um ein amerikanisches Flugzeug in die Luft zu jagen“. Huntingtons Thesen drängen sich als Erklärung für die Attentate von Paris und die Massenmorde der Boko Haram in Nigeria geradezu auf. Sie bieten einfache Erklärungen für die Konflikte und machen den Gegner greifbar. Schließlich versuchen Huntingtons Prognosen vor allem die global auftretenden gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu erklären. Dass diese existieren, kann man nicht leugnen. Dass sich die Konflikte zum größten Teil zwischen Muslimen und Muslimen abspielen, obwohl sie doch derselben Religion angehören, findet in der aktuellen Diskussion kaum Gehör. Es ist also schlichtweg falsch zu sagen, dass der „Islam an seinen Rändern blutig“ ist. Wenn er es ist, dann ist er es auch im Inneren. In einem treffenden Artikel „Es sind keine Konfessions- oder Religionskriege“ von dem türkischen Schriftsteller Şahin Alpay im „Deutsch-Türkischen Journal“ heißt es im April 2015, dass „der gegenwärtige Konflikt im Jemen mit dem ‚Kampf der Kulturen‘ kaum etwas zu tun. Vielmehr handelt es sich um einen innerislamischen Interessenkonflikt. Dennoch werden Huntingtons Verfechter noch einmal hinterfragen wollen, ob der Konflikt wirklich nichts mit dem ‚Kampf der Kulturen‘ zu tun hat.[..] Neben unzähligen Faktoren, die die Konflikte der Region beeinflussen, spielt der Kampf zwischen den Staaten um Ressourcen und Macht die wohl wesentlichste Rolle. Der Ursprung dieser Konflikte basiert weder auf religiösen noch konfessionellen Aspekten, sondern auf Nationalinteressen.“ Die verschiedenen Religionen und Konfessionen werden dabei gezielt instrumentalisiert, um soziale Bruchlinien zu schaffen.

Berichte und Bilder von terroristischen Aktionen flimmern ständig über unsere Tablets und Smartphones. Die Kommentare sind ebenso lesenswert wie die provokativen Hauptartikel an sich. Die mit aller Professionalität ausgeführten IS-Videos beweisen, dass unsere ideologischen Konflikte massiv über globale massenmediale Vernetzung vorangetrieben werden. Vor allem das Internet bietet, was kaum ein anderes Medium bisher konnte: uneingeschränkte Meinungsvielfalt, Information und damit ganz neue Chancen für das menschliche Zusammenleben. Zum Beispiel in Form eines Interkulturalismus, der das „Dazwischen“ als Raum für Dialog, Demokratie und Kampf begreift. In diesem können Zwischenräume und Zwischenperspektiven zwischen Eigenem und Anderem, Vertrautem und Fremdem bearbeitet werden. Dieses neue „Dazwischen“ geht weit über den Multikulturalismus mit seiner Maxime der Toleranz und den Transkulturalismus mit seiner Maxime des Verbots hinaus, weil es, wie Hagen Kordes und Jacques Demorgon in ihrem Artikel „Interkulturell denken und handeln“ erklären, „die konkrete geschichtliche Situation, den Widerstreit der Menschengruppen und ihre geschichtlichen Aussichten in Rechnung“ stellt. Interkulturelle Problemlösungen achten im Gegensatz zum Multikulturalismus darauf, dass Menschen „zur Autonomie ihres Selbst und damit zur Lockerung ihrer Abhängigkeit von Familie und Herkunft ermutigt werden – mit der Freiheit allerdings, auch zur Religion und Kultur ihrer Eltern zurückzukehren“ (Kordes). Alles, was Huntington versucht, ist, den Multikulturalismus mit dem Transkulturalismus auszutreiben, und er erliegt dabei der Illusion, es gäbe eine ausschließliche Identität, die an Bedeutung und Erklärungskraft alle anderen Kategorien übersteigt, nämlich die der Religion. Inmitten der hitzigen, medialen Schlagzeilen wird schwarz-weiß gemalt und uns der Djihad als die größte Bedrohung der westlichen Zivilisation verkauft, während die meisten Opfer des Djihads bis jetzt unbeteiligte Muslime sind oder Muslime, die selbst gegen Extremisten kämpfen. Diese dürfen nicht vergessen werden, ebenso wenig wie diejenigen, die im Westen leben, also die westlichen Muslime. Die werden in Huntingtons Weltbild unzureichend berücksichtigt. Jedoch gerade diese westlichen Muslime nähmen sich, wie Tariq Ramadan, Professor für Islamische Studien an der Oxford University, schon 2005 in „Foreign Affairs“ herausstrich, als unterdrückte Minderheit auf feindlichem Territorium wahr, statt als gleichberechtigte Mitglieder der westlichen Gesellschaft mit vollen Rechten und Pflichten. Wenn Huntington seine kulturellen Grenzen zieht, dann mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass „vereinfachte Paradigmen oder Landkarten für das menschliche Denken und Handeln unentbehrlich“ sind und „sie bewusst zur Orientierung unseres Verhaltens“ eingesetzt werden können. Das, was Huntingtons Theorie so umstritten macht, ist nicht, ob sie stimmt oder nicht, sondern vielmehr, welche Wahrnehmung sie fördert: Die Islamisten argumentieren wie Huntington. Genau aus diesem Grund müssen wir uns bewusst machen, dass es nicht Kulturen sind, die miteinander kämpfen, sondern vielmehr Individuen, die einen kulturellen Kontext missbrauchen, um ihren Kampf um Ressourcen austragen und rechtfertigen zu können. Insofern hatten weder Huntington noch Fukuyama recht. Der eine überschätzt und reduziert die Menschen auf ihre religiöse Identität, während der andere den sozio-kulturellen Hintergrund der Individuen unterschätzt, der das „Ende der Geschichte“ unmöglich macht. Tatsache ist, dass wir die Attentäter solcher Anschläge wie in Paris 2015 und 2016 ohne Berücksichtigung des kulturellen Kontexts einfach „Verbrecher“ nennen würden. Erst mit der Religion im Anschlag werden sie zu mehr als Verbrechern, die man nach geltendem Recht verurteilen kann. Sie werden zu etwas schwer Greifbarem, leicht Instrumentalisierbarem: zu Terroristen

Lektüre:
Samuel Huntington: Kampf der Kulturen. Goldmann, 82002.
Francis Fukuyama: The End of the History and the Last Man. Simon+Schuster, 2006.
Hans Niklas, Burkhard Müller, Hagen Kordes (Hg.): Interkulturell denken und handeln. Campus, 2006.
Amartya Sen: Die Identitätsfalle. Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt. C.H.Beck, ³2007.

© Lisz Hirn

Lisz Hirn
Sieht das Ziel ihrer wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeit u.a. darin, dass aus jungen Menschen Kosmopoliten und nicht „Kosmoproleten“ werden. Derzeit ist sie Fellow am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover.

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Ein Gedanke zu „InDebate: Können Kulturen kämpfen?

  1. Super Artikel und Darstellung unserer derzeitigen Situation in der Welt.

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