InDebate: Absolute Helden? Anmerkungen zum „aggressiven Humanismus“

: CC by Rasande Tyskar Schwabinggrad Ballett - place of inequitable solutions II via Flickr

CC by Rasande Tyskar Schwabinggrad Ballett – place of inequitable solutions II via Flickr

Ana Honnacker

„Alle fragen sich: wie kann ich noch schöner werden?
Aber keiner fragt sich: für wen?
alle klagen ständig über Burn Out- Beschwerden
doch nach Hause will keiner gehn
Ich hab nen neuen Anzug, neues Auto – und die alten Probleme
was ich jetzt brauche, sind bequeme
Überlebensstrategien für das dritte Jahrtausend.“ [1]

Was Farin Urlaub hier ironisch herbeisehnt, darauf lässt sich nur noch mit einer gehörigen Portion Ignoranz hoffen: Die Zeit der Bequemlichkeit ist vorbei. Ein einfache Fortsetzung des Gewohnten stellt keine angemessene Antwort auf die vielgesichtigen und komplexen Krisen unserer Gegenwart dar. Die Einsicht, dass wir unsere Komfortzone verlassen müssen und es neue, alternative Formen des Zusammen- und Miteinanderlebens braucht, mündet auch in einem Nachdenken über das, was es heißt, menschlich zu sein und menschlich zu handeln. Die Forderung nach Humanismus erlebt einen erneuten Aufschwung, wobei dieser dadurch als neu qualifiziert wird, dass er mit Zusätzen versehen wird. So ist von einem „radikalisierten und erweiterten Humanismus“ die Rede, der erfunden werden müsse. [2] Der jüngste Spross dieser Familie ist nun der „aggressive Humanismus“, der im politischen Manifest des Philosophen und Aktivisten des Zentrums für politische Schönheit, Philipp Ruch, emphatisch eingefordert und – dem eigenen Anspruch nach – theoretisch untermauert wird. [3] Charakteristisch für den aggressiven Humanismus, wie er exemplarisch an Winston Churchills „Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede“ von 1940 eingeführt wird, sind, so Ruch, „Unbarmherzigkeit, Entschlossenheit, Kompromisslosigkeit“. Diese martialischen Vokabeln deuten bereits darauf hin, dass hier ein Kampf geführt wird. Der primäre Gegner ist dabei die diagnostizierte gesellschaftliche Resignation und Gleichgültigkeit, ein in lähmenden Nihilismus führender Relativismus, der uns daran hindert, engagiert für Humanität einzutreten.

Als Wurzel dieses Übels identifiziert Ruch einerseits „die Naturwissenschaften“ mit ihrem naturalistisch reduzierten Menschenbild, andererseits die psychoanalytischen Ideen Freuds – beides „toxische Ideen“, also solche, die den Menschen in seinem Selbstbild zersetzen, klein und handlungsunfähig machen. Ob es sich hierbei um eine treffende Diagnose der Ursachen handelt, darf als offene Frage behandelt werden. So könnte man Freud zweifellos wohlwollender lesen, als Ruch es getan hat, und Naturwissenschaftler treten in der Regel weit weniger szientistisch auf, als es Ruch an die Wand malt. Bei genauerem Hinsehen scheinen beide Antagonisten in ihrer Toxizität maßlos überschätzt.
Abgesehen von dieser wenig plausiblen Herleitung des gesellschaftlichen Dämmerzustandes lassen noch weitere Besonderheiten des Manifests ratlos bis leicht besorgt nach der Lektüre zurück. Der zweifelhafte Antimodernismus, als der sich Ruchs Gegenwartskritik entpuppt, wurde bereits hinlänglich kritisiert. [4] Gleiches gilt für den behaupteten Geltungsdrang des „Psychologensohns“, der – allzu getroffen von den freudschen Kränkungen an der Menschheit – sich selbst in die Geschichte einschreiben möchte und nach „großen Menschen“ ruft. [5]

Was aber ist, bei aller Kritik, vom angebotenen Heilmittel des aggressiven Humanismus als Ideengeber und Vision zu erwarten? Was setzt er voraus, wie buchstabiert er sich aus? Völlig zu Recht weist Ruch auf die Kraft der Imagination hin, den Einfluss von Narrativen auf das Selbstbild und damit auch die Handlungsperspektiven des Einzelnen. Ideen können in der Tat Möglichkeitssinn befördern oder beschränken, antreiben oder dämpfen. Vorstellungen sind damit mehr als Fantastereien, sondern können die Wirklichkeit verändern. Die Wirkmächtigkeit von Welt- und Menschenbildern vorausgesetzt, muss sich auch der aggressive Humanismus auf diese hin befragen lassen.

Als große Stärke des von Ruch vorgelegten Menschenbilds muss die Betonung des Werdens gegenüber dem zementierten Sein, dem Überschreiten des bereits oder auch nur vermeintlich Festgestellen hervorgehoben werden. Wichtigste Einsicht dabei ist, dass der Mensch als ein essentiell soziales Wesen, nicht als von der Gesellschaft getrenntes und isoliertes Individuum aufzufassen ist. Umso mehr verwundert allerdings die Fixierung auf das „Genie“ und andere „große Menschen“, die als Singularitäten auftreten, scheinbar losgelöst von ihrer Umgebung: „Ich frage: Was regiert uns, was treibt uns an? Ist es die Biografie, das Milieu, aus dem ich komme, der Kapitalismus? Sind es Gene, Hirnareale, Hormone? Nein! Es sind Ideen.“ [6] Die seltsame Alternativlosigkeit dieser kategorischen Antwort, als sei das eine nur ohne das andere zu denken, verweist auf den blinden Fleck dieser Anthropologie. Als soziales Wesen ist der Mensch auch ein gewordenes – die Reflexion auf das Geworden-Sein ist daher unerlässlich. Sowohl die (kulturelle, soziale, wirtschaftliche, politische…) Umwelt als auch sein spezifisches Geworden-Sein, seine Biographie prägen und bedingen das Individuum. Und gleiches gilt für sein Verkörpertsein. Die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen, ist nicht zu verwechseln mit der Fähigkeit, zu werden, was immer man sein will, wie sie Ruch im Abwehrgefecht gegen den freudschen und naturalistischen Determinismus behauptet. Eine (auch rückschauende) Selbstvergewisserung, eine kritische Standortbestimmung aber ist von Nöten, um nicht in einen überheblichen Super-Humanismus zu verfallen.

Eine Idee des sich selbst entwerfenden Menschen, auf die es sich zu schauen lohnt und die einige von Ruchs Intuitionen teilt, findet sich im philosophischen Pragmatismus. Auch der pragmatistische Humanismus geht davon aus, dass der Mensch wesentlich die Welt nach seinen Vorstellungen und Idealen formt. [7] Menschsein, oder besser: Menschwerdung, wird dort als experimenteller Prozess aufgefasst, einem Wechselspiel von imaginiertem Entwurf davon, wer man sein könnte, dem Erproben dieses Entwurfs im Handeln und der Anpassung aufgrund der damit gemachten Erfahrung. Dabei wird zwei Einsichten Rechnung getragen. Zum einen wird bestritten, dass es so etwas wie das Wesen des Menschen gibt, das es nur noch freizulegen gelte und durch das bestimmt ist, wie der Mensch zu sein habe (und durch das auch die Grenzen der Humanität ein für alle Mal festgeschrieben wären). Das schließt naturalistische Reduktionen ebenso aus wie ideologische Konstruktionen. Der Mensch ist vielmehr, so die Einsicht des Pragmatismus, ein kreatives Wesen, das Verantwortung für die Selbst- und Welterschaffung trägt. (Und durchaus schwer daran zu tragen hat.) In diesem kreativen Handeln ist es aber nicht absolut frei, sondern bewegt sich in einem Rahmen, gegen die Widerstände der Realität. Dazu gehört auch, und das ist die zweite Einsicht, die soziale Einbettung des Individuums. Gesellschaft und Individuum konstituieren sich gegenseitig, sind damit füreinander sowohl Produkt als auch Schöpfer. [8] Revolutionäre und Regelbrecherinnen (oder „Heilige“, um es mit James zu sagen) sind keine geschichtslosen Einzelfälle, sondern stehen in Traditionen, in deren Licht sie sich deuten, selbst wenn sie sich von ihnen abgrenzen, und aus denen sie ihre Visionen beziehen. Daraus folgt ein Weiteres: Auf eine objektive universale Idee können sie sich nicht berufen (auch nicht die der Schönheit). Eindeutigkeit und Allgemeingültigkeit müssen verabschiedet werden, so sehr dies auch als Verlust empfunden werden mag. Es gilt die mühsame Einzelprüfung durchzuführen, die Bewusstsein für das Geworden-Sein und ein Empathievermögen erfordert, die von Hass und Aggressivität eher behindert werden.

Ja, wir brauchen Überlebensstrategien für das dritte Jahrtausend. Diese können aber nicht bequem sein. Und sie sollten auch nicht nur auf ein reines Überleben, sondern ein gelingendes (und in diesem Sinne auch schönes) Zusammenleben zielen. Ein Humanismus, der dies leisten kann, sollte weniger für Aggressivität und das Auftreten heroischer Einzelkämpfer werben. Was wir brauchen, ist vielmehr ein leidenschaftlicher Humanismus, der Menschen dazu befähigt, engagiert und konsequent füreinander einzutreten, indem er sie sowohl für das Leid anderer empfindlich macht und in die Verantwortung nimmt als auch ihr Reflexionsvermögen und ihre Kreativität anregt und damit ihre Potentiale freisetzt.

(c) Ana Honnacker

Dr. Ana Honnacker ist wissenschaftliche Assistentin am fiph.

[1] „3000“ auf Faszination Weltraum (Farin Urlaub, 2014).

[2] Das konvivialistische Manifest. Für eine neue Kunst des Zusammenlebens, Bielefeld: transcript 2014, 58.

[3] Ruch, Philipp: Wenn nicht wir, wer dann? Ein politisches Manifest, München: Ludwig 2015.

[4] https://www.zeit.de/2015/48/philipp-ruch-kunst-politik-manifest-antimodernismus

[5] Bisky, Jens: „Der Künstler kennt den Weg“, Süddeutsche Zeitung Nr. 278, 02.12.15.

[6] https://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/philipp-ruch-der-mensch-ist-die-krone-der-schoepfung-interview-ld.3856

[7] James, William: Der Pragmatismus. Ein neuer Name für alte Denkmethoden, Hamburg: Meiner 2. Aufl. 1994.

[8] Außergewöhnliche Menschen spielen daher beim gesellschaftlichen Wandel zwar auch eine herausgehobene Rolle, ihr tatsächlicher Einfluss, die Wirksamkeit ihrer Talente und Taten aber hängt auch von der Fruchtbarkeit des sozialen Bodens ab, auf den diese fallen. Vgl. James, William: Great Men and Their Environment, in: ders.: The Will to Believe and Other Essays in Popular Philosophy. The Works of William James. Vol. 6, Cambridge – London: 1975, 163-189.

 

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