Pro und Contra: Ist der epistemische Relativismus überzeugend?

Martin Kusch

Pro: Martin Kusch

Relativismus beinhaltet eine Reihe von Annahmen. In diesem Beitrag werde ich mich auf eine ansatzweise Verteidigung einer dieser Annahmen konzentrieren, nämlich jene, die die Frage nach einer echten Alternative zu unserem epistemischen System affirmativ beantwortet.

(*) Es gibt epistemische Systeme, die sich von unserem epistemischen System wesentlich unterscheiden.

(*) spricht von „epistemischen“ System. Damit ist schon gesagt, dass es hier um eine Form des Relativismus geht, für die epistemische Rechtfertigung relativ auf Systeme von epistemischen Prinzipien ist. Wenn ich von „unserem epistemischen System“ spreche, meine ich in etwa das epistemische System, das mit einem aufgeklärten wissenschaftlichen Weltbild zusammengeht.

Hier möchte ich (*) vor allem gegenüber Paul Boghossian verteidigen.

Um zu zeigen, dass (*) falsch ist, unterscheidet Boghossian zunächst zwischen zwei Arten von epistemischen Prinzipien: „fundamentalen“ und „abgeleiteten“. Ich werde ab jetzt Prinzipien immer mit Großbuchstaben schreiben. SINNLICHE WAHRNEHMUNG ist ein fundamentales epistemisches Prinzip:

„(SINNLICHE WAHRNEHMUNG) Für jede Wahrnehmungsproposition p gilt: wenn dem Subjekt S p visuell der Fall zu sein scheint, und bestimmte Bedingungen B bzgl. der Umstände der Wahrnehmung erfüllt sind, dann ist S prima facie gerechtfertigt, p anzunehmen.“ (2006, S. 64)

Boghossian benutzt den Begriff des fundamentalen Prinzips um zu präzisieren, was unter einer „echten Alternative zu unserem epistemischen System“ zu verstehen sei. Eine solche Alternative liege vor, wenn sich das fragliche epistemische System von unserem in wenigstens einem fundamentalen Prinzip unterscheide. In der Folge versucht Boghossian dann zu zeigen, dass ein von RelativistInnen oft bemühter Fall einer angeblichen Alternative zu unserem epistemischen System diese Bedingung nicht erfüllt.

Bei dem fraglichen Beispiel handelt es sich um das epistemische System von Sankt Robert Bellarmine, dem Gegner Galileos und Verteidiger des geozentrischen Weltbildes. Boghossian nimmt an, Bellarmines epistemisches System habe folgendes Prinzip enthalten:

“(OFFENBARUNG) Für bestimmte Propositionen p, einschließlich der den Himmel betreffenden Propositionen, gilt: p anzunehmen ist prima facie gerechtfertigt, wenn p das offenbarte Wort Gottes ist, so wie die Bibel es darstellt.“ (Boghossian 2006, S. 69)

Diese Interpretation von Bellarmines epistemischen System lässt sich u.a. durch den Umstand rechtfertigen, dass Bellarmine den Geozentrismus mit Passagen aus der Bibel zu stützen suchte:

„Die Worte ‚Die Sonne geht auf und die Sonne geht unter, und sie eilt dahin zurück, wo sie aufgeht, u.s.w.‘ waren die Worte Salomons, der bei seiner Rede göttlicher Eingebung folgte und der der weiseste Mensch war …“ (Bellarmine 1615)

Wer behauptet, Bellarmines epistemisches System sei eine echte Alternative zu unserem, muss nun, so Boghossian, zeigen können, dass OFFENBARUNG fundamental ist (und nicht von uns geteilt wird).

Boghossian argumentiert, dass Bellarmine vernünftigerweise OFFENBARUNG nicht für ein fundamentales Prinzip halten konnte. Betrachten wir einmal nur Bellarmines Überzeugungen über den Himmel betreffende Sachverhalte. An manchen Tagen glaubte Bellarmine, dass der Himmel wolkenverhangen sei. An anderen Tagen war er überzeugt, dass der Himmel blau sei. Ferner nahm er an, die Sonne kreise um die Erde, und der Jupiter habe keine Monde.

Zu den erstgenannten Überzeugungen kam Bellarmine orientiert am Prinzip der SINNLICHEN WAHRNEHMUNG. Zu den letztgenannten hingegen gelangte er orientiert am Prinzip der OFFENBARUNG. Mit anderen Worten, hinsichtlich seiner Überzeugungen über Himmelsphänomene orientierte sich Bellarmine manchmal am Prinzip der SINNLICHEN WAHRNEHMUNG und manchmal am Prinzip der OFFENBARUNG. Boghossian fragt nun, welches Kriterium entscheide, wann welches Prinzip Anwendung finden solle. Und er behauptet, ein solches Kriterium habe Bellarmine nicht gehabt. Unter der Voraussetzung, dass OFFENBARUNG fundamental war, wäre Bellarmines Überzeugungsbildung also willkürlich und damit irrational gewesen.

Boghossian führt weiter aus, die Sachlage wäre anders, wenn OFFENBARUNG für Bellarmine ein abgeleitetes Prinzip gewesen sei. Dann wäre nämlich die Anwendung von OFFENBARUNG durch eine (religiös-metaphysische) Theorie bestimmt gewesen, die Bellarmine aufgrund von Sinneswahrnehmung (der Welt, der Bibel, der Texte der Kirchenväter), orientiert an SINNLICHER WAHRNEHMUNG und anderen mit uns geteilten Prinzipien, entwickelt hätte. Bellarmines epistemisches System wäre dann aber keine echte Alternative zu unserem; d.h. wir könnten mit ihm aufgrund der geteilten fundamentalen Prinzipien zu einer geteilten rationalen Bewertung seiner Theorie (einschließlich OFFENBARUNG) kommen.

Egal also, ob OFFENBARUNG fundamental war oder nicht, wir können so oder so zu einer nicht-relativen, rationalen Bewertung von Bellarmines Ansichten über den Himmel gelangen. Entweder OFFENBARUNG ist fundamental: dann ist Bellarmine irrational. Oder OFFENBARUNG ist abgeleitet: dann müssten wir uns mit Bellarmine über die Adäquatheit seines heliozentrischen Weltbildes einig werden. Und damit bleibt kein Raum für die relativistische Ansicht, die etwa lauten würde:

(R) Bellarmine und wir haben völlig verschiedene epistemische Systeme und daher lassen sich seine Ansichten nur dann widerlegen, wenn wie diese Verschiedenheit unberechtigterweise ignorieren.

Im Rest meines Beitrags möchte ich zeigen, dass Boghossians Argumentation nicht stichhaltig ist.

Zunächst ist es hier wichtig, sich daran zu erinnern, wie Bellarmine den epistemischen Status des Kopernikanischen Heliozentrismus einschätzte. Bellarmine war der Ansicht, eine „wirkliche Demonstration“ dieser Theorie läge bislang nicht vor. Und daher schienen ihm Zweifel an der Wahrheit des Heliozentrismus gerechtfertigt. Zugleich insistierte Bellarmine darauf, dass man „im Falle von [berechtigten] Zweifeln [an wissenschaftlichen Hypothesen] nicht von den heiligen Schriften, wie diese von den heiligen Kirchenvätern erklärt wurden, abweichen darf“ (Bellarmine 1615). Mit anderen Worten, Bellarmine hatte also durchaus ein epistemisches Kriterium dafür, wann OFFENBARUNG unsere Meinungsbildung über Himmelsphänomene anleiten solle: nämlich dann, wenn keine wirkliche Demonstration einer wissenschaftlichen Theorie möglich sei. Wir müssen also, um Bellarmines Rationalität zu retten, OFFENBARUNG nicht zu einem sekundären Prinzip herunterstufen. Bellarmine ist auch dann rational, wenn er OFFENBARUNG als ein fundamentales Prinzip ansieht.

Damit soll natürlich nicht bestritten werden, dass Bellarmines Akzeptieren von OFFENBARUNG nicht auf anderen epistemischen Prinzipien gegründet war, Prinzipien, die etwa Sinneswahrnehmung oder Zeugnisse (d.h. Berichte anderer) betreffen. Aber daraus folgt nicht, dass OFFENBARUNG abgeleitet war. Hier ist es wichtig, sich epistemische Systeme als dynamische, historische Phänomene zu denken. Anfangs mag Bellarmine sehr wohl OFFENBARUNG mittels Prinzipien begründet haben, die er mit Galileo und uns teilte. Aber dann mag er – vielleicht gerade durch die Lektüre der Bibel – Beweismaterial für OFFENBARUNG gefunden haben, das ihn dazu gebracht hat, OFFENBARUNG zu einem fundamentalen Prinzip zu machen.

Erinnern wir uns auch, dass für Bellarmine König Salomon „göttlicher Eingebung“ folgte. Vielleicht also akzeptierte Bellarmine folgendes weitere fundamentale Prinzip:

(MYSTISCHE WAHRNEHMUNG): Wenn es S erscheint, als würde ihm Gott p sagen, und bestimmte Bedingungen B bzgl. der Umstände der Erscheinung erfüllt sind, dann ist S prima facie gerechtfertigt, p anzunehmen.

Vertrauen in MYSTISCHE WAHRNEHMUNG kann, muss aber nicht, auf die Lektüre der Bibel gründen. In beiden Fällen kann es aber ein fundamentales Prinzip sein, und zwar entweder so fundamental wie OFFENBARUNG, oder aber noch fundamentaler. Im letzteren Fall wäre dann OFFENBARUNG zwar abgeleitet, gleichwohl aber hätten wir nun ein anderes Prinzip – MYSTISCHE WAHRNEHMUNG – an dem sich die relativistische Position festmachen ließe.

Aber könnte man nicht argumentieren, MYSTISCHE WAHRNEHMUNG und SINNLICHE WAHRNEHMUNG seien zwei verschiedene Instanzen eines noch allgemeineren Prinzips, nämlich WAHRNEHMUNG, und Instanzen eines fundamentalen Prinzips könnten nicht wiederum fundamental sein? (Dieser Gedanke ist inspiriert von Ideen aus Markus Seidels Buch, wenngleich er selbst nicht so argumentiert.)

Ich bin nicht überzeugt. Es ist natürlich wahr, dass „mystische Wahrnehmung“ auf einer Analogie mit der „sinnlichen Wahrnehmung“ beruht. Aber es erscheint mir nicht einleuchtend, dass wir eine solch vage Analogie zur Richtschnur unserer Überlegungen machen sollten. Ebenso wenig überzeugend finde ich den Gedanken, wir könnten von Wahrnehmung in Abstraktion von sinnlicher und mystischer Wahrnehmung sprechen.

Aber können wir den Einwand nicht verbessern? Sind nicht MYSTISCHE WAHRNEHMUNG und SINNLICHE WAHRNEHMUNG zwei Instanzen von ERSCHEINUNG?

(ERSCHEINUNG) Wenn S p der Fall zu sein scheint, und geeignete Bedingungen B bzgl. der Umstände der Erscheinung vorliegen, dann ist S prima facie gerechtfertigt, p anzunehmen.

Natürlich lassen sich MYSTISCHE WAHRNEHMUNG und SINNLICHE WAHRNEHMUNG als zwei Instanzen von ERSCHEINUNG konstruieren. Die Frage ist aber, ob das nicht für alle epistemischen Prinzipien gilt, egal ob sie nun Zeugnisse, Wahrnehmung, Erinnerung, Introspektion, Intuition oder logisches Schließen betreffen. Wenn diese Frage zu bejahen ist – und das Überprüfen sei hier meinen LeserInnen überlassen – dann gäbe es überhaupt nur ein fundamentales Prinzip. Und dann mag man sich fragen, ob ein so allgemeines, dünnes Prinzip ausreicht, um es plausibel zu machen, dass es keine wirklichen Alternativen zu unserem epistemischen System geben kann.

Literatur
Robert Bellarmine, Letter to Foscari (1615), https://www.historyguide.org/earlymod/foscarini.html.
Paul Boghossian, Fear of Knowledge, Oxford University Press, 2006.
Markus Seidel, Epistemic Relativism, Palgrave MacMillan, 2014.

(C) Martin Kusch

Die Arbeit an diesem Beitrag wurde finanziert durch das ERC Grant #339382.

Martin Kusch ist Professor für Angewandte Wissenschaftstheorie und Theorie des Wissens an der Universität Wien.

Bild: Charlott Becker

Bild: Charlott Becker

Contra: Markus Seidel

Der epistemische Relativismus ist die These, dass es keine absolut gültigen Rechtfertigungsstandards für Überzeugungen gibt. Etwas genauer kann man den epistemischen Relativismus folgendermaßen definieren: „Der epistemische Relativist glaubt, dass Personen, die verschiedene epistemische Systeme (bestehend aus epistemischen Standards) verwenden, eine ‚fehlerlose Meinungsverschiedenheit‘ bezüglich der Frage, ob eine bestimmte Überzeugung epistemisch gerechtfertigt ist oder nicht, haben können. Fehlerlose Meinungsverschiedenheit ist in einem solchen Szenario möglich, weil (1) Überzeugungen nur innerhalb epistemischer Systeme gerechtfertigt werden können; (2) es viele radikal verschiedene epistemische Systeme gibt und gab; und (3) es unmöglich ist, durch rationale Argumente zu zeigen, dass das eigene epistemische System allen oder den meisten anderen Systemen überlegen ist.“ (Kusch 2010, S. 226; Übersetzung M.S.).

Ich werde im Folgenden versuchen zu zeigen, dass die Argumentation des epistemischen Relativisten für die in der Definition von Martin Kusch genannte These (2) – diese These kann man auch die These epistemischer Pluralität nennen – nicht überzeugend ist (siehe für andere Argumentationsstränge epistemischer Relativisten Seidel 2014a). Der epistemische Relativist führt zur Begründung dieser These Beispiele an, die dazu dienen sollen, die These (2) zu stützen. Ich werde dafür argumentieren, dass diese Beispiele nicht zeigen können, dass es sich um Beispiele für radikal verschiedene epistemische Systeme handelt.

Ich möchte dabei Beispiele betrachten, die Kusch selbst offenbar als Beispiele für These (2) akzeptiert. In dem soeben bereits zitierten Aufsatz zu Wittgensteins Werk Über Gewißheit schreibt Kusch: „Wittgenstein scheint ebenfalls gewillt zu sein die Pluralität verschiedener epistemischer Systeme zuzulassen, also (2) zu akzeptieren. Über Gewissheit erwägt viele imaginäre Szenarien, in denen ‚wir‘, Moore oder Wittgenstein, ‚Königen‘, ‚Menschen‘ oder ‚Stämmen‘, die sich auf radikal von unseren verschiedene epistemische Systeme berufen, begegnen: Da gibt es einen König, der denkt, die Welt habe mit ihm begonnen (§92); einen anderen König, dem das Regenmachen zugeschrieben wird (§132); einen Stamm, der an die Möglichkeit glaubt zum Mond zu reisen (§286); einen Stamm, der Moore gefangen nimmt und ihn verdächtigt von irgendwoher zwischen Erde und Mond zu stammen (§264); eine Gruppe sehr gescheiter und gebildeter Kreationisten (§336); einen Stamm, der sich auf Orakel verlässt wo wir uns auf die Physik verlassen (§609), und einen Stamm, der verneint, dass Fliegen möglich ist (§671).“ (Kusch 2010, 226; Übersetzung M.S.). Stimmt es wirklich, dass wir mit diesen Beispielen – wie Kusch behauptet – Beispiele für radikal verschiedene epistemische Systeme gefunden haben? Einige der angeführten Beispiele scheinen mir doch klarerweise eher Beispiele für von unseren verschiedene Überzeugungen zu sein. Warum sollte der König, der denkt, die Welt habe mit ihm begonnen, nicht dieselben epistemischen Standards wie wir teilen? Es ist bemerkenswert, dass Wittgenstein in §92 selbst etwas darüber sagt, welche Gründe der König für seine Überzeugung angeben könnte: „Angenommen, es wäre ihm immer so gesagt worden, – hätte er einen guten Grund zu zweifeln?“ (Wittgenstein 1970, §92). Mir scheint, dass es keinesfalls so ist, dass der König mit seinem Vertrauen auf Autoritäten wirklich radikal verschiedene epistemische Standards hat – mir scheint, dass der König und wir doch eher verschiedene Überzeugungen darüber haben, welchen Autoritäten zu trauen ist, und somit verschiedene personenspezifische epistemische Standards in Bezug auf das Vertrauen in das Zeugnis anderer. Doch grundsätzlich enthalten unsere beiden epistemischen Systeme fundamentale Standards, die das epistemische Vertrauen in das Zeugnis von Autoritäten betreffen. Keinesfalls bestreite ich, dass der König womöglich eine sehr fundamentale, andere Überzeugung hat als wir – doch es ist eben eine andere Überzeugung und kein anderer fundamental verschiedener epistemischer Standard. Nach Kuschs eigener Definition, der zufolge epistemische Systeme aus epistemischen Standards bestehen, liefert der König also kein Beispiel für ein radikal von unserem verschiedenes epistemisches System. Analoges gilt für andere Fälle aus Kuschs Liste: Nehmen wir als zweiten Fall noch den Stamm, der an die Möglichkeit glaubt zum Mond zu reisen, da Kusch dieses Beispiel noch etwas ausführlicher bespricht. Kusch zitiert eine Passage aus Über Gewißheit, von der er zeigen möchte, dass sie fälschlicherweise als Beleg für einen Anti-Relativismus bei Wittgenstein gelesen wurde. Da es mir hier nicht um Wittgenstein-Interpretation geht, akzeptiere ich Kuschs Interpretation vollständig. Was ich jedoch bestreiten möchte, ist, dass diese Passage – wie Kusch kurz nach dem Zitat behauptet – ein Beispiel für ein „radikal verschiedenes epistemisches System“ (Kusch 2010, 229) ist. Die Passage, die Kusch zitiert, ist die folgende (man muss dabei natürlich bedenken, dass Wittgenstein das Folgende im Jahre 1950 schrieb): „Wir alle glauben, es sei unmöglich, auf den Mond zu kommen; aber es könnte Leute geben, die glauben, es sei möglich und geschehe manchmal. Wir sagen: diese wissen Vieles nicht, was wir wissen. Und sie mögen ihrer Sache noch so sicher sein – sie sind im Irrtum, und wir wissen es. Wenn wir unser System des Wissens mit ihrem vergleichen, so zeigt sich ihres als das weit ärmere.“ (Wittgenstein 1970, §286). Ist dies ein Beispiel für ein radikal von Wittgenstein verschiedenes epistemisches System? Zuerst einmal – und dies ist letztlich derselbe Punkt wie beim vorherigen Beispiel – sollte darauf hingewiesen werden, dass Wittgenstein in §286 wiederum Hinweise auf eine mögliche Begründung derjenigen, die glauben, man könne auf den Mond kommen, gibt. Der erste Satz von §286, den Kusch nicht zitiert, lautet: „Woran wir glauben, hängt von dem ab, was wir lernen.“ Gilt dies nun nur für uns oder nicht auch für diejenigen, die der von uns verschiedenen Überzeugung sind, man könne auf den Mond kommen? Und wenn es für beide gilt, warum sollten wir dann radikal voneinander verschiedene epistemische Systeme haben und nicht schlicht ziemlich verschiedene Überzeugungen? Zweitens jedoch kann die Unzulänglichkeit dieses Beispiels als ein Beispiel für radikal verschiedene epistemische Systeme noch auf andere Weise gezeigt werden. Beim Beispiel mit dem Mond können wir wohl sagen, dass Wittgenstein im Jahre 1950 gerechtfertigt war zu glauben, dass es nicht möglich ist zum Mond zu kommen: Nehmen wir an, er habe die Information direkt vom Raumfahrtpionier James Van Allen erhalten und vertraut diesem. Stellen wir uns nun aber vor, dass wir 1950-Wittgenstein durch eine Zeitreise ins Jahr 1970 transportieren. Stellen wir uns zudem vor, dass 1950-Wittgenstein durch die Zeitreise ins Jahr 1970 keinerlei Änderung in seinen epistemischen Standards widerfährt. Dennoch, so ist offensichtlich, ist 1950-Wittgenstein, wenn er im Jahre 1970 wieder James Van Allen nach der Möglichkeit zum Mond zu kommen fragt, natürlich gerechtfertigt zu glauben, dass es möglich ist zum Mond zu kommen. Dies kann aber qua Annahme gerade nicht an verschiedenen epistemischen Standards liegen, denn diese haben sich in keiner Weise geändert, sondern der Unterschied liegt offenbar an den geänderten Tatsachen und den darauf fußenden verschiedenen Belegen zwischen Wittgenstein im Jahre 1950 und im Jahre 1970. Wir haben hier sogar ein Beispiel für einen Fall fehlerloser Meinungsverschiedenheit bezüglich der Frage, ob eine bestimmte Überzeugung epistemisch gerechtfertigt ist oder nicht – also Kuschs in der Definition genannte erste These – ohne, dass dies den epistemischen Absolutisten beunruhigen müsste: Die epistemischen Standards bleiben ja zwischen beiden Wittgensteins dieselben.

Ich denke, es ist klar geworden, dass es deutlich schwieriger ist als es erst einmal klingt, plausible Beispiele für die These (2) – also die These, dass es radikal verschiedene epistemische Systeme gibt und gab – anzuführen. Die These, dass es tatsächlich radikal voneinander verschiedene epistemische Systeme gibt – also die These epistemischer Pluralität –, ist daher derzeit unbegründet und somit ist der epistemische Relativismus nicht überzeugend.

Natürlich kann diese kurze Diskussion nicht zeigen, dass alle Beispiele, die von epistemischen Relativisten – und auch von Kusch – angeführt werden, nicht für These (2) sprechen (siehe für eine ausführliche Diskussion der prominentesten Beispiele: Seidel 2014b, S. 172-190). Aber ich möchte auch betonen, dass ich nicht behaupte, dass es unmöglich ist, Beispiele zu finden, die tatsächlich für die Existenz voneinander radikal verschiedener epistemischer Systeme sprechen könnten – das „derzeit“ im letzten Satz des vorherigen Abschnitts ist ernstgemeint. Aus meiner Sicht ist es wenig hilfreich in der Diskussion um den epistemischen Relativismus davon auszugehen, dass entweder der Relativismus oder der Absolutismus durch ultimative Argumente ein für alle Mal aus dem Feld geschlagen werden können. Letztlich sollten wir in dieser philosophischen Diskussion mit den in Frage stehenden Positionen ganz ähnlich umgehen wie Naturwissenschaftler mit ihren Theorien umgehen: Derzeit spricht viel für den epistemischen Absolutismus, aber das kann sich in Zukunft natürlich ändern (siehe für eine solch naturalistische Auffassung bezüglich der Relativismusdebatte auch: Quine 1981, 181).

Literatur
Kusch, Martin 2010: „Kripke’s Wittgenstein, On Certainty, and Epistemic Relativism“. In: Whiting, Daniel (Hg.): The Later Wittgenstein on Language. Basingstoke: Palgrave Macmillan. S. 213-237.
Quine, Willard Van Orman 1981: Theories and Things. The Belknap Press: Cambridge (Mass.).
Seidel, Markus 2014a: “Epistemischer Relativismus”, in: Kompa, Nikola und Sebastian Schmoranzer (Hg.): Grundkurs Erkenntnistheorie. Mentis: Münster, S. 137-152.
Seidel, Markus 2014b: Epistemic Relativism. A Constructive Critique. Palgrave Macmillan: Basingstoke.
Wittgenstein, Ludwig 1970: Über Gewißheit. Suhrkamp: Frankfurt.

(c) Markus Seidel

Dr. Markus Seidel ist Lehrkraft für besondere Aufgaben am Zentrum für Wissenschaftstheorie an der Westfälische Wilhelms-Universität Münster.

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