Schwerpunktbeitrag: Nachhaltigkeit, aufgelöst in Gerechtigkeit

Foto Leist

Anton Leist

Wenn wir von „Nachhaltigkeit“ ganz allgemein sprechen, meinen wir dann mehr und anderes, als wenn wir von Gerechtigkeit zwischen den Generationen sprechen?

„Nachhaltige Entwicklung“ sei, so die bekannte Definition der Brundtland-Kommission von 1987, eine Entwicklung, bei der die gegenwärtigen Generationen ihre Bedürfnisse erfüllen, ohne die Chancen der zukünftigen Generationen zu verringern, die ihrigen zu befriedigen. Damit legt die Definition eine intergenerationelle Bedingung fest. Warum spricht sie aber nicht einfach nur von „Nachhaltigkeit“, oder beispielsweise von „nachhaltigem Wohlstand“? Einmal deshalb, weil mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ die Forderung nach Konstanz oder gar Wachstum des Wohlstandsniveaus unter der Bedingung von knapper werdenden natürlichen Ressourcen betont werden soll. Zum anderen deshalb, weil der Begriff „Entwicklung“ die Hoffnung signalisiert, dass sich das Wohlstandsniveau in den schlechter bestellten Ländern steigern lässt. Die Definition spricht also nicht nur direkt ein in die Zukunft hineingreifendes intergenerationelles, sondern indirekt auch ein auf die Gegenwart bezogenes Verhältnis zwischen reichen und armen Ländern an.

Die Definition der nachhaltigen Entwicklung ist deshalb nicht vorrangig empirisch, sondern normativ gemeint. „Nachhaltige Entwicklung“ ist ein „dichter“ normativer Begriff, in dem normative Forderung und deskriptiver Inhalt verschmolzen sind. Die Gesellschaften, darunter auch die westlichen, sollen sich nachhaltig entwickeln. Wird das weltweit gedacht, so ist die internationale Ungleichheit mit berücksichtigt. Wer bereit ist, sich für die fernen Zukünftigen zu engagieren, der dürfte auch bereit sein, sich für die gegenwärtig Armen zu engagieren.

Naturwissenschaftler und Politiker, die zunächst den Begriff „Nachhaltigkeit“ aufgriffen, hegten eine verständliche Skepsis gegenüber derartigen moralischen Forderungen und suchten vielleicht deshalb eine nicht-moralische Interpretation des Begriffs. Verständlich ist diese Skepsis, weil unklar ist, ob es zwischen Generationen und Gesellschaften überhaupt so etwas wie moralische Verhältnisse geben kann. Wenn die Brundtland-Formel fordert, dass die gegenwärtigen Generationen ihre Bedürfnisse nicht auf Kosten der zukünftigen Generationen befriedigen sollten, legt das ein Gerechtigkeitsargument nahe. Es wäre demnach ungerecht, heute so viel Natur zu verbrauchen, dass die Zukünftigen ihre Bedürfnisse nicht mehr zu erfüllen imstande sind.

Angenommen, wir könnten die Formel derart umschreiben, bleiben zwei Fragen dennoch aktuell. Erstens, lässt sich tatsächlich von Gerechtigkeit „zwischen den Generationen“ sprechen? Ist der Begriff der Gerechtigkeit auf ein solches Verhältnis anwendbar? Zweitens, warum hat sich die moralische Reformulierung nicht so weit durchgesetzt, dass sie die Rede von „Nachhaltigkeit“ abgelöst hätte? Die moralische Formel würde doch viel besser und expliziter erklären, warum wir uns beschränken sollen. Beginnen wir mit der Diskussion dieser zweiten Frage.

Der Begriff Nachhaltigkeit ist deshalb nützlich, weil mit ihm ein die Natur betreffender Systemerhalt charakterisiert werden kann. Mit „System“ ist entweder ein begrenzter Naturbestand gemeint oder die Nutzung eines begrenzten Naturbestands durch den Menschen. Ökologen reden beim ersten Gebrauch auch von „Elastizität“, „Resilienz“ oder „Integrität“. Der „Erfinder“ des Begriffs Nachhaltigkeit, Oberberghauptmann von Carlowitz, hatte 1713 mit Blick auf die Forstwirtschaft seines Herzogs den zweiten Gebrauch im Sinn. Für Ökologen ist ein nachhaltiges Biotop eines, das sich durch externe, auch natürliche, Störungen nicht in seinem Bestand erschüttern lässt. Für Forstwirte oder Fischer ist ein nachhaltiges System eines, das gleich bleibende Erträge bringt. Die Vorstellung des Systemerhalts passt auch auf künstliche Gebilde. Ein „nachhaltiges Gebäude“ ist eines, das für seinen Erhalt die Umwelt nur minimal belastet, also gleichsam energetisch abgeschlossen ist. In diesen Beispielen wird der Begriff „Nachhaltigkeit“ regional verwendet. Eine global erweiterte Verwendung des Begriffs muss jedoch eine andere Bedeutung haben, weil regionaler, interner Systemerhalt nicht verallgemeinerbar ist. Ein Forst als Ansammlung von Bäumen auf einem begrenzten Raum ist dann nachhaltig, wenn er mehrere Generationen überdauert und die gefällten Bäume durch neu heranwachsende ersetzt werden. Dabei geht es also um einen Kreislauf. Kann es im globalen Maßstab einen vergleichbaren Kreislauf geben, der von sich aus angibt, wann nachhaltig gewirtschaftet wird? Undenkbar ist das deshalb, weil die moderne Lebensweise auf nicht-regenerative Rohstoffe (im Unterschied zu von Carlowitz’ regenerativem Forst) nicht verzichten kann. Der Umgang mit regenerativen Rohstoffen kann nicht das Vorbild sein.

Warum auch sollte Natur nicht verbraucht werden? Im Gedankenexperiment lässt sich der vollständige Systemerhalt der gegenwärtigen natürlichen Umwelt denken – aber warum sollte er zum menschlichen Ideal werden? Eine naturreligiöse oder ästhetische Haltung müsste dann die menschlichen Bedürfnisse übertrumpfen. Im direkten Wortsinn sind die Bedürfnisse das, was zum menschlichen Leben notwendig ist, etwa Nahrung, Sicherheit und Freiheit. Regenerativer Systemerhalt hochgerechnet würde ein kümmerliches Leben als Sammler bedeuten, denn schon für die Jagd haben die frühen Menschen Steine, schließlich Kupfer und Zinn „verbraucht“.

Dass sich aufgrund dieser Umstände der regionale Begriff der Nachhaltigkeit nicht als Modell für den globalen eignet, lässt sich auch so ausdrücken, dass Nachhaltigkeit nicht allein als gleiche Nutzung der Rohstoffe verstanden werden kann. Bei den nicht-erneuerbaren Rohstoffen, wie insbesondere den fossilen Brennstoffen, würde das genau genommen heißen, dass diese Stoffe nicht mehr verbrauchend durch Arbeit in lebensdienliche Güter umgesetzt werden dürfen. Vernünftigerweise werden die Zukünftigen die lebensdienlichen Güter jedoch vorziehen. Weil sie wie wir Wert auf reales Kapital, Technologien, Infrastruktur und Wissen legen werden, muss irgendwie eine Gleichheit des Gesamtpakets von nicht-erneuerbaren Rohstoffen und verschiedensten kulturellen „Kapitalien“ gefordert werden. Wie ist aber gegenüber so verschiedenartigen Gütern ein vergleichendes Urteil zu fällen? Das mag noch angehen, wenn etwa knappes Öl durch eine Technik oder Kultur (den Hybridantrieb oder Car-Sharing) ersetzt wird. Aber wie ist eine kulturelle Errungenschaft wie die Entzifferung des Genoms mit dem dafür nötigen Energieverbrauch verrechenbar? Ein solches Rechnen muss nicht prinzipiell unmöglich sein – sicher ist nur, dass es nicht ohne das Kriterium des menschlichen Wohls, oder der Bedürfnisse, geht. „Gleichheit von Ressourcen“ allein für sich ist deshalb ebenso wenig ein tragfähiges Kriterium, wie es die Nachhaltigkeit als purer Systemerhalt wäre. Etwas salopp gesagt: Nicht die Natur, sondern was wir brauchen, bestimmt den Sinn von Nachhaltigkeit.

Nun richtet sich freilich zu Recht Skepsis auch gegen eine solche Aussage. Wir Westler decken durch unseren Umgang mit der Natur heute mehr als nur unsere Bedürfnisse. Wäre unser hoher Wohlstand noch gerechtfertigt, wenn den Zukünftigen ermöglicht wird, ihre elementaren Bedürfnisse zu decken? Weil Gerechtigkeit willkürliche Ungleichheit – unseren hohen Wohlstand, ihren niedrigen – ausschließt, scheint das mit ihr unvereinbar. Wie also sollen wir die Forderung der Formel verstehen? Etwa so, dass eine strikte Gleichheit des Wohlstands der Zukünftigen mit dem der Gegenwärtigen gemeint ist? Fordert die Gerechtigkeit, dass wir die Garantie des zukünftigen gleichen Wohlstands zur Bedingung unseres heutigen machen, und das sogar weltweit? Solche Forderungen sind zwar leicht geäußert, aber schwer zu begründen. Nun stellt sich unausweichlich die erste der vorhin unterschiedenen beiden Fragen. Lässt sich von Gerechtigkeit zwischen den Generationen überhaupt sprechen?

In einem an Rawls anschließenden Sinn fordert Gerechtigkeit, dass wir aktiv dazu beitragen, nicht nur die elementaren Bedürfnisse Anderer zu erfüllen, sondern auch ihre Chancen zu erhöhen und sie (über die Bedürfnisse hinaus) proportional am durchschnittlichen Wohlstand teilnehmen zu lassen. Vorausgesetzt dafür ist freilich, dass wir uns mit ihnen in einem Austausch zum gegenseitigen Vorteil befinden. Ohne eine solche Beziehung gilt nur das Verbot des Schädigens. Im transgenerationellen Maßstab ist diese Bedingung bestenfalls unter den drei zugleich lebenden Generationen erfüllt, und damit ist die Gerechtigkeit zwischen den Generationen zeitlich erheblich begrenzt. Als Angehöriger einer heute wirtschaftenden (mittleren) Generation untersteht man gerechten Forderungen nur gegenüber den Kindern, also für einen Zeitraum von etwa 30 bis 50 Jahren.

Nicht zeitlich begrenzt ist das Verbot des Schädigens. Wollen wir aber präzisieren, wann wir schädigen, wird wiederum aktuell, wie sich schlechte Hinterlassenschaften durch technologische Vorteile kompensieren lassen. Ein schlichtes Verbot des Schädigens, angewandt etwa gegenüber der Endlagerung von atomar verseuchtem Material, ist schon deshalb unsinnig, weil dieses Material ja bereits existiert und entsorgt werden muss. Unangebracht wäre es aber auch deshalb, weil die Zukünftigen vom Nutzen des Atomstroms indirekt Vorteile genießen und diese Vorteile verrechnet werden müssen. Unausweichlich führt das Schädigungsverbot deshalb immer in die Aufgabe hinein, eine angemessene Balance zwischen solchen Vor- und Nachteilen zu finden.

Was ist nun, insgesamt, die Antwort auf die Frage, ob wir, wenn wir von „Nachhaltigkeit“ sprechen, mehr meinen, als wenn wir von „Gerechtigkeit“ sprechen? Sprechen wir von regionaler Nachhaltigkeit und meinen damit einen je speziellen Systemerhalt, so bedarf dieser immer einer bilanzierenden Einordnung in eine umfassendere Entwicklung. Das nachhaltige Gebäude ist mit wenig nachhaltigem Aufwand erbaut worden, verdankt sich einem Kapital, das nicht nachhaltig erwirtschaftet wurde, usw. Die Vorstellung, dass sich viele nachhaltige Systeme in ihrer Wirkung addieren, ist eher eine Hoffnung als eine Sicherheit. Häufig zehrt die Nachhaltigkeit des einen Systems sogar vom gesteigerten Verbrauch eines anderen Systems. Die regionale benötigt deshalb die globale Nachhaltigkeit als Maßstab.

Sprechen wir von globaler Nachhaltigkeit, so meinen wir eigentlich ein Gesamtsystem des gerechten Naturverbrauchs, intra- und intergenerationell. Ein intergenerationell gerechter Naturverbrauch macht aber nur Sinn innerhalb des zeitlich begrenzten moralischen Raums der Austauschbeziehung zwischen Eltern und Kindern. Vielleicht reicht dieses zeitlich kurze Band der treuhänderischen Übergabe eines Pakets von natürlichen Ressourcen und kulturellen Gütern – bei annäherndem Konsens über deren ausgewogenes Verhältnis – auch für die späteren Generationen. Möglicherweise erweist es sich allerdings tatsächlich nur als ein parteiischer Pakt der Gegenwärtigen zu Lasten der ferner Zukünftigen. Zugunsten ihrer lässt sich heute leider nicht mehr sagen.

© Anton Leist

Anton Leist ist Professor em. für Philosophie an der Universität Zürich.

Erstveröffentlichung des Beitrags in fiph-Journal Nr. 16 (Oktober 2010), S. 6-7.

Print Friendly, PDF & Email