InDebate: Flüchtlingskrise: die Erfahrung der Unbehaustheit

Ferdinand Fellmann

Ferdinand Fellmann

Die Flüchtlingskrise beschäftigt auf verschiedenen Ebenen die Politik, die mit allen Mitteln versucht, die Probleme in den Griff zu bekommen und soziales Gleichgewicht zu schaffen. Begleitet wird die Politik von Bürgerbewegungen gegen Fremdenfeindlichkeit und Aufrufen zur Solidarität und Menschlichkeit. Auf seine Willkommenskultur kann Europa stolz sein. Auch die moralischen Reflexionen über die Pflicht zur Hilfe für Menschen in Not sind eindrucksvoll. Allerdings gibt es eine Dimension, die von Philosophen nicht oder nur marginal erfasst wird. Daher ist es angezeigt, nach anthropologischen Argumenten Ausschau zu halten, die uns tiefere Einblicke in die Mechanismen der Integration von Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen verschaffen. Dafür bieten sich die Schriftsteller an. Allerdings nicht diejenigen, die sich mit vorschnellen Äußerungen an die Öffentlichkeit wenden, sondern eher Klassiker, die gleichwohl hoch aktuell sind. Dazu zählt Thornton Wilder mit seinem Schauspiel Wir sind noch einmal davongekommen aus dem Jahre 1941.

Thema ist eine Naturkatastrophe, deren Herannahen unter den Bewohnern in einem gutbürgerlichen Einfamilienhaus Panik auslöst. Eine Gruppe von Flüchtlingen, die dem Tod entkommen sind und aus allen gesellschaftlichen Strukturen herausgefallen sind, sucht Schutz in dem Haus. Deren Besitzer sind Herr und Frau Mensch, Mr. und Ms. Antrobus (= gr. anthropos), mit ihren Kindern, die alles andere als folgsam sind. Hinzu kommt noch das Hausmädchen Sabina, eine unbekümmerte junge Frau, die das intakte Familienleben durch ihre Lebenslust durcheinanderbringt. Die Hausfrau wehrt sich gegen die Bewirtung der Flüchtlinge, da sie um die Vorräte der Familie fürchtet, aber schließlich siegt doch die Mütterlichkeit in ihr. Und der Hausherr, der zunächst herumvagabundiert, nimmt die Asylsuchenden am Ende doch im Haus auf.

Thornton Wilders Stück, das den amerikanischen Titel The Skin of Our Teeth trägt, ist ein Menschheitsdrama der Nachkriegszeit, daher der Bezug auf das Davongekommen-sein. Eine zentrale Rolle im Kampf ums physische und mehr noch ums psychische Überleben spielt die Liebe, die erstarrte Konventionen überwindet. Sicherlich kann man diese Situation nicht einfach auf die heutige übertragen, aber die Begegnung mit Flüchtlingen erzeugt doch die gleichen Erfahrungen des Ewig-Menschlichen, die im öffentlichen Schwarz-Weiß-Diskurs meist verlorengehen: hier die weltoffenen Gutmenschen, dort die ewig-gestrigen Fremdenhasser. Was uns heute am tiefsten beunruhigt, ist nicht das Fremde, an das wir in Großstädten und auf Reisen längst gewohnt sind, sondern das Bewusstsein, es mit Menschen zu tun zu haben, die ihre Heimat verloren haben, mit „unbehausten Menschen“, wie Egon Holthusen in den 1950er Jahren geschrieben hat. Eine für uns etablierte Wohlstandsbürger schockierende Erfahrung, die uns Angst macht. Es ist die Angst vor dem In-die-Welt-geworfen-sein, das wir in langen Friedenszeiten glücklich vergessen haben. Die existentielle Angst aber gehört zum Menschsein, und sie wird uns jetzt unerwartet und unvorbereitet ins Gedächtnis gerufen. In dieser ungewohnten Situation ist es schwierig, das Weltvertrauen zu bewahren, das unsere Europäische Wertegemeinschaft zusammenhält. Zentrifugale Tendenzen einzelner Länder sind nicht nur politisch motiviert, sondern anthropologisch tief verwurzelt und verweisen auf die „exzentrische Positionalität“ des Menschen.

Moralische Reflexionen, so selbstverständlich sie sind, helfen in dieser Situation allein nicht weiter. Die Macht der Reflexion ist nicht grenzenlos, sie deckt die lebensweltliche Verständigungspraxis nicht vollständig ab, da Menschsein nicht nur Solidarität und Empathie bedeutet, sondern auch Angst und Aggressivität. Diese emotionale Dimension wird von den Medien durch geschönte Bilder meist überdeckt. Der Hintergrund gemeinsamer Überzeugungen und Wertungen resultiert aus dem Lebensgefühl, das mit eingespielten Lebensformen, mit Lebensstilen zusammenhängt, wie Ludwig Wittgenstein schon bemerkt hat. Wie Gemeinschaftsgefühle trotz kultureller Differenzen sich herausbilden, übersteigt die rationale Machbarkeit. Hier verhält es sich wie mit dem religiösen Glauben, der sich nicht andemonstrieren lässt, sondern der aus zwischenmenschlichen Begegnungen erwachsen muss. William James hat 1896 in seinem bekannten Vortrag Der Wille zum Glauben gezeigt, dass der Mensch auf Überzeugungen angewiesen ist, da er nicht warten kann, bis er für sein Verhalten hinreichende Gründe gefunden hat. Das macht Überzeugungen aber nicht irrational. Die Suche nach gemeinsamen Überzeugungen gehört zum Menschen als sozialem Wesen. Geschäftliche oder berufliche Interaktion genügt für die Integration nicht. Zum Zusammenleben, das mehr ist als Nebeneinanderleben, bedarf es der Ich-Du-Begegnung in der Tiefendimension des lebensweltlichen Bewusstseins.

Flüchtlinge sind exterritoriale Menschen, und viele Einheimische fühlen sich durch den Zustrom von Flüchtlingen als Fremde im eigenen Land. In konkreter Situation sieht das etwa so aus: Eine junge Frau begegnet auf der Straße jungen Männern aus Syrien, die in der Nachbarschaft untergebracht sind und die gemäß ihrer muslimischen Sozialisation männliches Dominanzverhalten an den Tag legen. Dann hat die Frau Angst. Wenn sie zugleich aber die niedlichen Kinder vor der Flüchtlingsunterkunft spielen sieht, bekommt sie Mitleid und spürt Zuneigung. Diese widerstreitenden Gefühle sind unaufhebbar, sie gehören zur Urszene der Menschwerdung, wie sie in der Genesis dargestellt wird. Was ist daraus heute zu lernen? Integrationsprogramme sind schön und gut, aber es wäre naiv zu meinen, damit seien die Probleme endgültig gelöst. Zum Zusammenleben gehört eine gemeinsame Vergangenheit, eine Tradition. Tradition aber braucht Zeit, viel Zeit, und wird auf beiden Seiten Enttäuschungen und Opfer kosten. Die Bildung von Tradition gelingt am ehesten durch die Liebe und die Gründung von Familien. Vielleicht findet die junge Frau einen der Syrer attraktiv, verliebt sie sich in ihn und überwindet so ihre Angst vor dem Fremden. Natürlich warnen sie die katholischen Eltern vor weiteren Schritten: „Willst du etwa dein Leben lang ein Kopftuch tragen?“ Und der alte Vater des syrischen Jungen will keine ‚halbnackte‘ Frau als Schwiegertochter.

Ich führe diese Situation so breit aus, um eine Vorstellung von der gelebten Realität in einem heterogenen Land, wie es Deutschland durch die Flüchtlinge geworden ist, zu vermitteln. Diese alltägliche Realität wird  durch abstrakte Konzepte leicht überdeckt. Die Überwindung der Angst vor dem Fremden muss von innen kommen und sie muss gegenseitig sein, um ein gemeinsames Haus Europa einzurichten, statt Gettos zu bilden. Hier ist die junge Generation gefragt, deren Wirklichkeitssinn im Möglichkeitssinn enthalten ist. In der Versöhnung von Distanz und Nähe, in dieser Paradoxie der Subjektivität liegt die anthropologische Lehre der Flüchtlingskrise. Thornton Wilder hat diese Lehre in seinem Menschheitsdrama vom alten Adam und der neuen Eva der westlichen Zivilisation schon 1941 vor Augen geführt.

(c) Ferdinand Fellmann

Dr. Ferdinand Fellmann, Prof. em. für Philosophie an der TU Chemnitz
Nähere Informationen finden Sie unter http://www-user.tu-chemnitz.de/~ferdi/

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4 Gedanken zu “InDebate: Flüchtlingskrise: die Erfahrung der Unbehaustheit

  1. Ich frage mich, ob so eine „Unbehaustheit“ dieser Menschen/ Flüchtlinge für uns Deutsche eine Rolle spielt. Für mich ist es mehr die Angst vor „Fremden“ und „Fremdem“, die ich als Ursache sehe, weil die Fremden in unser Gebiet eindringen und an unsere Fleischtöpfe wollen (Arbeitsplätze, Sozialleistungen etc.) – ich denke, da wohnt uns ein ganz altes Horden-/Sippendenken inne. Die Jagdgründe der Sippe waren zu verteidigen um den Preis des eigenen Unterganges. So ist das jetzt auch noch. Daran ändert auch das Mitleid mit der einzelnen notleidenden Person/Familie nichts. Diese Angst vor dem Eindringling ist tausende von Jahren alt.

    Ich als Migrantin in Australien bin kein Flüchtling. Das ist ein Punkt, wo ich ganz entschieden einmal Klarheit in der Kommunikation und in den Medien fordere. Migranten sind keine Flüchtlinge und die Flüchtlinge sind keine Migranten! Der Unterschied ist: Flüchtlinge fürchten ums Überleben, Migranten wollen ein besseres Leben. Ich habe in Australien um keine Leistungen bitten müssen (und ich hätte auch keine bekommen). Ich habe mich zwar schon als Ausländer gefühlt (am meisten wegen der Sprache), aber wir Deutsche zählen in Australien zu den „guten Ausländern“ (berühmt für German Engineering, Beer, Octoberfest und schnelle Autobahnen). Die Asiatischen und Philippinischen Zuwanderer sind weit weniger angesehen. Schwarze, meist Flüchtlinge aus Afrika, und neuerdings eben auch aus dem Nahen Osten, haben den niedrigsten Status/Ansehen. In den letzten Jahren – seit die Boat People von den Philippinen kamen – ist Australien auch fremdenfeindlicher geworden. Diese und die 40 000 Refugees pro Jahr plus die ohnehin hohe Einwanderungsrate verbreiten dort ebenso wie in Deutschland die „Angst um die Fleischtöpfe“. Der Australier hat gewöhnlich einen Hauskredit von einer halben Million Dollar ‚an der Backe‘ und fürchtet um seinen Arbeitsplatz. Da ist nichts mehr mit dem berühmten Easy Going. Aufkleber an den Autos mit der Australischen Landkarte und „Love it or leave it“ sind nicht selten.

  2. Leider ist eine gemeinsame europäische Antwort kaum zu erwarten. Zu vorschnell war der Alleingang der Bundesregierung im vorigen Jahr. Da haben sich die „unwilligen Länder“ vor den Kopf gestoßen gefühlt. Nicht ohne Grund hat Orban Deutschland „moralischen Imperialismus“ vorgeworfen. Und meine polnischen Kollegen nehmen es Berlin übel, dass Merkel mit ihrem abgedroschenen Spruch „Wir schaffen das“ von eigenen Fehleinschätzungen ablenkt, die zur Spaltung der deutschen Gesellschaft beigetragen haben. Vom schmutzigen Deal mit dem kranken Mann am Bosporus ganz zu schweigen. Sicherlich haben wir Philosophen es leicht, über eine bessere Welt zu spekulieren, da unsere Gedanken nicht auf die Probe der Realität gestellt werden. Aber manchmal bekomme ich selbst am Schreibtisch es mit der Angst zu tun, wenn ich sehe, wie parteipolitisch Politiker mit Gerechtigkeit und Moral umgehen. Da hilft mir nur noch Schiller: „…wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion!“

  3. Damit die EU nicht an der Flüchtlingskrise zerbricht und die Reisefreiheit im Schengenraum weiterlebt, gibt es nur einen Ausweg: eine gemeinsame europäische Antwort auf die Flüchtlingskrise. Mit einem wirksamen Schutz der europäischen Außengrenzen. Mit einer gerechteren Verteilung von Flüchtlingen und der Option, dass die unwilligen Länder sich anfangs freikaufen können. Und mit mehr europäischem Engagement in Syrien und an anderen Krisenorten.

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