Schwerpunktbeitrag: Braucht Europa eine starke Erzählung?

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Albrecht Koschorke

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Die Ehrung*, die mir heute abend zuteil wird, hat mich umso mehr gefreut, als sie ganz unerwartet kam. Auch wenn das im Rahmen dieser Feier anders klingen mag, ist meine Studie Hegel und wir nämlich auf keine große Resonanz gestoßen. Und das kann ich leider gut verstehen. Denn vor allem mit dem zweiten Teil des Buches, dem Teil über ‚uns‘ in Europa, habe ich bis zum letzten Tag der Manuskriptabgabe gehadert. Ein Grund dafür liegt in zeitlichen Umständen. Das Buch ist unter dem Eindruck der sich verschärfen­den Krise Europas, vor allem im Hinblick auf den drohenden Staatsbankrott Griechenlands und die damit verbundenen Diskussionen entstanden. In die Wochen der Schlussredaktion fiel der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015. Als das Buch im Juni 2015 erschien, beherrschte der massenhafte Zustrom von Migran­ten über die Balkan­route die Gemüter. Seither gab es, in immer dichterer Folge, verheerende Terror­anschläge auch auf europäische Ziele. Die politische Eskalation innerhalb der nationalen Öffent­lichkeiten, die durch diese zeitliche Koinzidenz von Massenmigration und Terror­ begünstigt wurde, steht uns allen lebhaft vor Augen. Nicht erst der Ausgang des britischen Referen­dums im Juni 2016 macht es unabweisbar, dass die Nachkriegsordnung unseres Kontinents in ihren Grundfesten erschüttert ist.

Sich in einer solchen Lage gegen den Ruf der politisch Verantwortlichen auszusprechen, das europäische Projekt durch eine ‚neue Erzählung‘ zu befeuern, erscheint leicht als defä­tis­tisch. Man könnte ja erwarten, dass sich ein Literatur­wissen­schaft­ler die Gunst der Stunde zunutze macht, wenn einer seiner Schlüs­sel­begriffe – eben ‚Narrativ‘ – ins politi­sche Tagesgeschäft Eingang findet. Ich habe sogar Anlass zu glauben, dass ich mir durch meine Skepsis eine Karriere als Politik­berater verbaut habe. Bei einer Hochzeit vor drei Jahren kam ich nämlich gegen­über dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach zu sitzen (auch bei diesem privaten An­lass leicht an seiner Fliege zu erkennen). Wir sprachen über unsere jeweiligen Interes­sen, also Gesundheitspolitik und Erzähltheorie, bis wir uns irgendwo in der Mitte trafen, näm­lich bei der Klage über den Zustand der EU. Von dort war es nicht weit bis zu der damals allenthalben diskutierten Frage nach dem europäischen Narrativ. Herr Lauter­bach ging so weit, mir einen Gesprächstermin mit der gesamten Bun­destagsfraktion der SPD zu versprechen, falls ich mit einer für die Bewältigung der Griechen­landkrise förderlichen Europa-Erzäh­lung aufwarten könn­te.

Konnte ich aber nicht. Und kann ich auch heute nicht. In meinen Adorno-Vorlesungen, aus denen dann Hegel und wir hervorgegangen ist, gehe ich noch weiter und behaupte, dass Europa a) aus strukturellen und historischen Gründen über keine Große Erzählung verfügt, eine solche b) als eine dem Nationalismus mit seinen politischen Mythen entwachsene Staatengemeinschaft auch nicht haben sollte und zudem c) als ein weniger durch kollek­ti­ve Identität als durch technische, administrative und wirt­schaftliche Integration zusam­men­gehaltenes Gebilde nicht zwingend braucht. Aber selbst wenn diese Annahmen zutreffen sollten – und ich werde sie gleich noch näher erläutern –: Ist das ange­sichts von Flücht­lingen, Terror, nationalpopulistischer Radikalisierung, Brexit nicht ein sehr hilf­loser und zu intellektueller Passivität verurteilender Bescheid?

Die potentiellen Vorteile einer starken Europa-Erzählung liegen ja auf der Hand. Sie könn­te, wie das alle ordentlichen politischen Mythen tun, den Abstand zwischen der breiten Be­völ­kerung und den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft verrin­gern; sie könnte den nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts errungenen Frieden stär­ken, gemeinsames Handeln über den einzelstaatlichen Referenzrahmen hinaus er­leichtern, die Solidarität zwischen Nachbarvölkern vertiefen, nationalpopulistischen Bewegungen ent­gegen­wirken etc. Im Zu­sammenhang der Griechenland-Rettung und der anderen euro­pä­ischen Krisen­herde bestünde ihre Funk­tion, nüchtern ausgedrückt, in der Senkung der Trans­­aktions­kosten einer in vielen Bereichen unvermeidlich staaten­übergreifenden Politik.

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Was spricht also dagegen? Und warum sollte die Literaturwissenschaft, ein in politischer Hinsicht an chro­nischer Irrelevanz leidendes Fach, nicht die Chance ergreifen, sich mit ihrer Expertise an Stelle einer immer nur nach­laufenden Erzählkritik an dem großen Vor­haben der Produktion eines politischen Mythos zu beteiligen? (Schließlich haben das die Philo­logien des 19. Jahr­hunderts unter nationalen Vorzeichen ja auch getan, allen voran die deutsche Germanistik.)

Worauf stützen sich mögliche Gegengründe? Ich muss Sie, um diese Frage zu be­ant­wor­ten, kurz mit der etwas gewundenen Argumentation meines Buches vertraut machen. Sie nimmt ihren Ausgang von der These, dass sich die Situation in Preußen nach der militäri­schen Katastrophe durch Napoleon und dem Zusammenbruch des Alten Reiches 1806 mit der Lage Europas nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichen lässt. In beiden Fällen wird es zur Mission fortschrittlicher politischer Eliten, eine grundlegende Neuordnung herbeizu­füh­ren. Dies soll vor allem durch Maßnahmen administrativer Vereinheitlichung ge­sche­hen: durch Angleichung der Rechtsverhältnisse, Einführung gemeinsamer Maße, Stan­dards, Pro­duk­tionsnormen, durch flächendeckende statistische Datenerhebungen, Abbau von Zoll­schranken, Erleichterung von Handel und Verkehr sowie nicht zuletzt durch eine breit angelegte Bildungsoffensive. Viele der Maßnahmen stoßen jedoch im lokalen Rahmen auf Widerstand. Auch die Argumentationsweisen innerhalb dieser Konfrontation gleichen sich: Auf der einen Seite artikuliert sich ein stark bürokratisch geprägtes Sen­dungsbewusstsein im Stil einer Modernisierung von oben, auf der anderen Seite wird die schüt­zens­werte Vielgestaltigkeit von Ge­wohn­heiten, Vorrechten, kulturellen Eigenarten, Tradi­tio­nen in Anschlag gebracht. Schon im 19. Jahrhundert trägt übrigens der Widerstand gegen die von den Reform­bürokraten vorangetriebene Zentralisierung zum Teil populis­ti­sche Züge. Was heute das bürokratische Monster Brüssel ist, war damals Berlin als Zen­trum eines (anfangs noch liberalen) preußischen Neoabsolutismus mit seiner eigen­mächti­gen Beamtenelite.

Der große Unterschied besteht darin, dass sich in Preußen/Deutschland im frühen 19. Jahr­hundert eine machtvolle, viele Erneuerungsbestrebungen zusammenführende Erzählung aus­bil­dete, die im Eu­ropa unserer Tage schmerzlich entbehrt wird. Ihre geschlossenste Aus­prägung hat sie nach meiner Lesart in der Geschichtsphilosophie des zum preußischen Staatsphilosophen avancierenden Württembergers Georg Wilhelm Friedrich Hegel er­fahren. Warum es in meinen Augen berechtigt ist, Hegels Philosophie auch ihrer text­logi­schen Verfasstheit nach als Erzählung zu dechiffrieren, kann ich heute nicht näher er­läutern. Im nationalkulturellen Zusammenhang des 19. Jahrhunderts hat sie jedenfalls als solche gewirkt. Die lapidare Frage, auf die das Buch eine Antwort zu geben versucht, lautet deshalb: Warum konnte Hegel für das Preußen/Deutschland seiner Zeit eine Ge­schichte von der Art erzählen, die ‚wir‘ im Hinblick auf das heutige Europa nicht zustande brin­gen?

Nun lassen sich eine Reihe von Gründen angeben, warum Europa kein geeignetes Erzähl­subjekt ist. Ich will einige davon auflisten, ohne ins Detail gehen zu können: dass Europa unklare, sich je nach Betrachterstandpunkt und Operationsebene verschiebende Grenzen hat und überhaupt ein zu heterogenes Mischgebilde darstellt, um zu einer narrativen Einheit zusammengeschweißt werden zu können; dass es gleichzeitig zu klein und zu groß ist – zu klein, um den Kosmo­poli­tismus seiner Eliten ‚einfangen‘ zu können (als Teil des Westens, Teil der globalisierten Moderne etc.), andererseits aber zu groß, um eine ähnliche Identitätsressource zu sein wie inzwischen die meisten der auf dem Kontinent ange­sie­delten National­staaten; dass es über keine von allen Europäern geteilte Geschichte verfügt, im Gegensatz zu den Nationalmythologien weder Helden noch gemeinsam kommemo­rier­te Opfer großen Stils aufbringen kann; dass seine Stellung in der Welt sich abgeschwächt hat, marginaler und provinzieller geworden ist; dass es sich andererseits als vormaliges Machtzentrum von Kolonialismus und Imperialismus auf seine welthistorischen Erfolge nur mit schlechtem Gewissen zu beziehen vermag, etc. Wie soll man, so ließe sich fragen, aus einem derart un­einheitlichen Gebilde eine gediegene Erzählung formieren?

Hinter diesem Argumentationsgang steckt aber eine Prämisse, die mir ihrerseits höchst frag­würdig scheint. Sie besagt, dass kollektive Selbsterzählungen ihren Gegenstand mehr oder minder mimetisch abbilden, die Solidität der Erzählung folglich vom Integra­tionsgrad der Gemeinschaft abhängt, die sich in ihr spiegelt. Überlagert wird diese Prä­misse noch von der beliebten und gegen jedwede andersgeartete faktische Evidenz immu­nen ge­schichts­­philo­sophi­schen Denkfigur, derzufolge frühere, wahlweise: vormoderne Ge­mein­wesen stabiler und stär­ker integriert gewesen seien als heutige, von modernen Des­integra­tions­tenden­zen heim­gesuchte Gesellschaften. Dem Bild einer metaphysisch beglaubigten oder als organische Ganzheit verstandenen Welt der Vergangenheit steht am Gegen­warts­pol eine in Auflösung befindliche, anomische, unübersichtliche Sozial­ord­nung gegenüber. Von dieser die westliche Moderne als ganze grundierenden geschichts­philo­sophischen Prämisse aus ist es nur noch ein Schritt zu der post­modernen Erzäh­lung, dass es keine großen Erzählungen mehr gibt.

Preußen nach 1806 ist ein schönes Beispiel dafür, dass die genannte Prämisse, zumindest was ihren Vergangenheitspol angeht (zu ihrem Gegenwartspol komme ich gleich), nicht stimmt. Dieses territorial zerstückelte Misch­gebilde aus großen und kleinen Herrschaften, das weder über eine gemeinsame Währung noch über gemeinsame Größen- oder Ge­wichts­maße verfügte, dieses nach dem militä­ri­schen Kollaps gegen Napoleon vom Staats­bankrott bedrohte Agrarland mit geringer staatlicher Durchdringungstiefe entsprach in keiner Weise dem Bild eines vom Einzelnen ins Allgemeine gehenden, alle Partikula­ri­tä­ten in einem um­fassenden Ver­nunft­prinzip auf­heben­den Staatsorganismus, das Hegels Philo­sophie den Lesern vor Augen stellte. Das Preußen, das der späte Hegel als Schluss- und Gipfelpunkt der Welt­geschichte modelliert, ist nicht der Staat, den es wirklich gab, sondern wie er nach den Projektionen der Refor­mer aussehen sollte. Überhaupt bildet es ein Grundmerkmal von National­mythologien, dass sie nicht den Status quo wiedergeben, sondern eine performative Funk­tion im poli­tisch-ideologischen Meinungs­kampf ausüben wollen: sei es als Utopie eines künftigen Zu­standes, der erst noch zu erreichen ist, selbst wenn er als sich als wiederherzustellender Ursprung ausgibt, sei es als apokalyptisch ausgestaltete Mahnung zu radikalem Bruch und Neu­beginn.

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Wenn das so ist, muss man die Fragestellung modifizieren. Sie lautet dann: Warum brin­gen ‚wir‘ heute die Energien nicht auf, um eine kontrafaktische, aber vorausweisende Vision von Europa zu entwickeln, die wirkungsvoller wäre als die üblichen Beschwörun­gen und nicht nur das Handeln professioneller Politiker informiert, sondern kollektiven Traumstoff für alle bietet? Warum gelingt auf der Ebene des europäischen Staaten­verbunds nicht dasselbe, das im 19. Jahrhundert auf der Ebene der Nationalstaaten gelang, die ja auch großen­teils ‚erfundene‘, einer widerstrebenden Wirklichkeit abgerungene poli­tisch-kultu­rel­le Einheiten sind?

Die Antwort auf diese Frage führt unmittelbar zu meiner zweiten eben schon ange­sprochenen These, nämlich dass ein starkes ‚europäisches Narrativ‘, insofern es eine ‚euro­päische Identität‘ schaffen soll, bei genauerem Hin­sehen nicht wünschenswert ist. Wenn wir das self-fashioning der Nationalstaaten als Modell zugrunde legen, dann treten auch die Folgekosten starker Einheitserzählungen vor Augen. Politisches Erzählen ist alles andere als eine harmlose Tätigkeit. Die Gründungs­mythen der Nationalstaaten handeln durch­weg von Gewalttaten, zumeist Krieg. Sie erzeugen ihr Wir-Gefühl durch Abgren­zung, eigen/fremd- und Freund/Feind-Unter­schei­dung. Man sollte sich in Zeiten von Frieden und Wohlstand nicht über den kriegerischen, im Grenzfall massenhysterisch-paranoiden Charakter nationaler Identitätsbildungen täu­schen. Auf Ressourcen dieses Typs, die in einem teilweise über zweihundertjährigen Pro­zess nationalkulturell geformt und gebunden wurden, kann aber das Bemühen um eine europäische Identität nicht zu­rück­­greifen, will sie nicht die Gespenster der eben erst über­wun­denen Ver­gangen­heit herauf­beschwören. Anders als die Nationalstaaten, die ihre de facto oft willkürlichen Grenzen teils mit Waffengewalt, teils durch Legitima­tions­erzäh­lun­gen befestigt und gewissermaßen naturalisiert haben, ist geographische und kulturelle Offenheit für das europäische Projekt konstitutiv. Jede fixierte Identität aber erzeugt Aus­schluss­effekte. Wo endet das Abendland? Ist Europa lateinisch oder germa­nisch-protestan­tisch geprägt? Gehört das orthodoxe Christentum zum sogenannten jü­disch-christlichen Erbe? Ist Russ­land ein europäisches oder asiatisches Land? Sind die britischen Inseln ein Teil von Europa? Welche Stellung kommt dem Islam zu, ohne dessen Einflüsse und ver­mit­teln­de Rolle es eine europäische Kultur, wie wir sie kennen, nicht geben wür­de? Ein wün­schens­wertes Europa im Geist der EU-Verlautbarungen in den letzten Jahrzehnten gibt es nur dort und solange, wie all diese Fragen in der Schwebe bleiben. Para­dox zugespitzt: Es ist gerade ein Merkmal der europäischen Identität, eine schwache Identität, unklare Gren­zen, vage Konturen zu haben und dementsprechend auch erzählerisch nur schwach mo­del­lierbar zu sein.

Das heißt natürlich nicht, dass es keine europäischen Geschichten zu erzählen gibt. Aber es sind eben Geschichten im Plural, so wie vor der Durchsetzung des Kollektiv­singulars ‚Geschichte‘ in der sogenannten Sattelzeit (Reinhart Koselleck). In Unterscheidung vom Epos als hoher mythologischer Form, in dem Götter und Helden um die Zukunft der Welt ringen, habe ich in meinem Buch dafür den Begriff des ‚episodischen‘ Erzählens ge­braucht – „als Herstellung eines Gewebes von Einzelhandlungen, die zwar miteinander kom­munizieren, sich aber nicht notwendig zu einer erzählerisch präsentierbaren Haupt­handlung fügen“ und „dessen Protagonisten gewöhnliche, in hohem Maß individualisier­te, uncharismatische, mit geringen Handlungsspielräumen ausgestattete, zudem in ihren Beweg­gründen auf sich gestellte und gottferne Akteure sind“ (Hegel und wir, 223). Solche Geschichten mittlerer Reichweite stellen die vielfältigen Verbundenheiten inner­halb Europas vor Augen, aber sie tun dies mit wechseln­dem Fokus und je nach Konstellation wechselnden Allianzen, ohne eindeutig benennbares Zentrum und ent­sprechend ohne eindeutigen Rand. Sie tragen insoweit auch dem föderativen Charakter des europäischen Staatensystems Rechnung, dessen Anfänge ja auf den Staaten­pluralismus der Neuzeit zurückgehen, der übrigens auch schon ein notorisches Identitätsproblem hatte.

In der Praxis wäre daraus zu folgern, die europäische Krise als ein politisch-pragmati­sches, nicht als ein Identitätsproblem anzugehen. Die Suche nach kollektiver Identität ist nämlich keineswegs so selbstevident und natürlich, wie das in der laufenden Debatte suggeriert wird. Vielmehr interpretiere ich sie als ein Anzeichen von erhöhtem sozialem Stress. Politik für Europa, so wäre die Konsequenz, sollte keine Phantasmagorien nicht vor­hande­ner Einheit entwerfen, sondern sich mit den Ursachen für diesen Identitätsstress befassen – und im Übrigen nach und nach die parlamentarischen, medialen und bildungs­politischen Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich ein staaten- und sprachen­über­greifendes gesamteuropäisches Be­wusst­sein allererst ausbilden kann.

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Spätestens an diesem Punkt der Argumentation sind meine Selbstzweifel massiver ge­wor­den. Abgesehen davon, dass ich mich mit meiner Warnung vor den potentiell schädlichen Folgen des Erzählens als Literaturwissenschaftler in eine seltsame Position hinein­manöv­riere –: Ist mein Plädoyer gegen das große Epos und für die kleiner forma­tier­ten Episoden nicht letztlich ein sehr defensiver, hilfloser Bescheid, angesichts der Krisen, denen sich die EU gegen­übersieht, und angesichts einer zusehends fanatischen Mythen­bildung in natio­nal­populis­ti­schen Kreisen? Unterlaufe ich nicht all die begrüßenswerten Bemühungen, dem erlahmten europäischen Projekt neuen Geist einzuhauchen? Müssen sich in diesen Tagen nicht auch die Fürsprecher Europas ideolo­gisch energetisieren?[1] Ist eine ‚große‘ Erzählung in einer solchen Lage entbehrlich? Muss man auf ideologische Militanz nicht mit denselben Waffen antworten? Ich verstricke mich hier in das bekannte Dilemma der Gemäßigten in Zeiten politischer Eskalation – ein Dilemma, wie es Demokratien, Rechts­staaten, Zivilgesellschaften überhaupt im Umgang mit ihren radikalen Gegnern kenn­zeichnet.

In dem Buch habe ich an dieser Stelle die dritte These zum Einsatz gebracht, die lautet, dass funktions­fähige moderne Gesellschaften in hohem Maß „netzverdichtet“ sind (mit einer Wortprägung von Her­mann Lübbe) und weit stärker durch technische Automa­tis­men, wirtschaftliche Verflechtungen, rechtliche Regulationen, institu­tionelle Routinen etc. als durch semantische Steuerungen koordiniert werden. Deshalb, so meine Schluss­folge­rung, seien sie weitaus weniger als vormoderne Herrschaftsformen auf ideelle und nar­ra­ti­ve Integration großen Stils ange­wiesen. Schematisch vereinfacht, verhält es sich dieser Überlegung zufolge in unserem Europa umgekehrt wie in Hegels Preußen: Dort wölbt sich eine große Erzählung vom alles durchdringenden Staat über einem empirisch noch ganz inadäquaten Bestand; hier ist trotz der politischen Zwittergestalt Europas auf halbem Weg zwischen Föderation und gemeinsamem Staat und trotz des fragmentierten Bildes, das der Verbund der EU-Länder bietet, ein Grad an Interdependenz und Regelungsdichte erreicht, wie ihn vormoderne Staaten niemals aufgebracht haben. All die kleinteiligen Koordina­tio­nen juridisch-administrativer, wirtschaftlicher und finanztechni­scher Art, die den un­schein­­baren Kern der europäischen Politik bilden und immense Auswirkungen auf das Leben der Bewohner dieses Kontinents haben, sind die meiste Zeit jenseits des Lichtkegels öffentlicher Auseinandersetzung vor sich ge­gan­gen. Sie sind dementsprechend ohne dauernden symbolpolitischen ‚Flankenschutz‘ ausge­kom­men – ge­rahmt als Probleme der Verwaltungseffizienz, nicht der Identität. In dem Maß aber (um mich selbst zu zitieren), „in dem die staatliche Durchdringungstiefe auch in der Fläche zunimmt, in dem Ver­sorgungsinfrastruktur, Verkehrswege, informationelle Ver­netzung eng­maschiger werden und überdies apparative Steuerungen einen Großteil der gesell­schaftlichen Organisa­tions­leistung übernehmen, vermindert sich das relative Ge­wicht von sinnhafter Integration.“ (Hegel und wir, 202) Wenn das stimmt, dann wird der Befund, dass wir über keine große Europa-Erzählung verfügen, dadurch beschwichtigt, dass wir sie auch nicht brauchen.

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Es ist nicht lange her, dass ich mir diese Argumentation ergrübelt habe, und ich kann sie nach wie vor – ungeachtet der im Einzelnen nachvollziehbaren Kritik, die sie in manchen Rezensionen auf sich gezogen hat – nicht ganz falsch finden. Trotzdem kommt sie mir inzwischen vor wie aus einer anderen Zeit; einer Zeit, in der das Projekt Europa zwar auch schon vor sich hinkriselte und nur noch einen leicht gequälten offiziellen Enthusiasmus hervor­zurufen ver­mochte, aber doch irgendwie als Normalität gesetzt war. Angesichts der aktuellen Er­eig­nisse erscheint mir nun das (ohnehin etwas tautologische) Argument, funk­tio­nierende moderne Gesell­schaften bedürften keiner sinn­haften Integration, als zu pau­schal. Es macht seinerseits noch von einer geschichtsphilosophischen Verallgemei­ne­rung dessen, was Mo­der­ne be­deutet, Gebrauch. Das Bild, das ich, auf dieses Argument ge­stützt, von Europa gezeichnet habe, wäre mit einem Wort selbst noch zu hegelianisch.

Der  Punkt ist ja offenbar, dass die Europäer in ihrer Gesamtheit mitnichten dieselbe Sinn­welt bewohnen und dass dies erhebliche faktische Auswirkungen hat. Während der Pro­zess der europäischen Einigung den einen – schematisch ver­einfacht: den politischen, bürokratischen, ökonomischen, intellektuellen Eliten – als In­be­griff politischer Vernunft erscheint, wird er von einem erheblichen Pro­zent­satz der Bevölkerung als fortschreitende Entrechtung verstanden und löst Reaktions­weisen aus, die aus Sicht der Eliten irrational sind. Solche ins Irrationale überschießenden Reaktions­weisen aber sind nicht schlechthin ein Indiz von Unzurechnungsfähigkeit, son­dern deuten darauf hin, dass ein bestimmtes Anliegen oder auch nur ein bestimmtes Lebensgefühl innerhalb des etablierten Diskur­ses nicht artikuliert werden kann. Weil die gepflegte politische Semantik ihm keine Sprache lässt, wildert es gewissermaßen aus, wird erratisch, verbündet sich mit fatalen Assozia­tio­nen, die oft, in einer charakteristischen Unschärfe, nur ‚halb gemeint‘ sind. Und weil Radi­ka­lisierungen sich ab einem bestimmten Punkt spiral­förmig selbst verstärken, zielt diese Entwicklung letztlich auf die Aufkündigung jedes poli­tischen Dialogs. Während – wieder schematisch vereinfacht – die Pro-Europäer den Anti-Euro­päern nicht ohne Herab­lassung Kurzsichtigkeit und Unvernunft attestieren, antworten die Anti-Europäer, aus ihrer Sicht nachvollziehbar, damit, die Meinungsmacht der euro­päischen Eliten und überhaupt ihren Status als Elite zu attackieren. Sie fühlen sich von diesen Eliten und dem politischen System, das ihnen Rückhalt verschafft, nicht mehr ver­treten und gehen im Extremfall so weit, das System der politischen Repräsentation demo­kratischer Prägung als ganzes in Fra­ge zu stellen. Wobei die Lage noch dadurch kom­pli­ziert wird, dass der Aufstand gegen die Funktionseliten die Angewiesenheit auf sie nicht vermindert – so dass sich eine Kon­stel­la­tion von „ungehor­samer Abhängigkeit“ bildet, wie sie Richard Sennett seinerzeit in einem Buch über Autorität dar­gestellt hat.[2] (Das lässt sich gut am Beispiel des Brexit ver­anschau­lichen, der nun auf tausend verschiedenen Feldern von eben jenen Sach­verstän­digen und Bürokraten umgesetzt werden muss, die in der Leave-Kam­pagne offen verhöhnt wurden.)

Landläufig werden der Europäischen Union zwei Vorwürfe gemacht. Der eine besteht in der mangelnden demokratischen Legitimation ihrer Funktionseliten; er läuft zumeist darauf hinaus, für Euro­pa als ganzes eine Verfassung nach dem Vorbild parlamentarischer Demokratien an­zu­mahnen. Der andere Vorwurf scheint ähnlich zu lauten, hat jedoch bei genauerer Betrachtung eine entgegengesetzte Stoßrichtung. Er verdächtigt die europä­ischen Institu­tionen, Agenturen einer in immer fernere Instanzenzüge ausgreifenden Fremd­bestim­mung zu sein. Durch das „bürokratische Monstrum“ Brüssel sieht er die Belange der einfachen Leute vor Ort nicht mehr repräsentiert. Diese Sicht nährt sich aber im Kern aus demselben Misstrauen, mit dem immer größere Teile der Bevölkerung auch den demo­kratisch gewählten Reprä­sen­tations­organen begegnen, deren Vertreter sie man­geln­der Bürgernähe bezichtigen. Dieses Misstrauen machen sich Populisten und autoritäre Führer zunutze, wenn sie alle intermediären Instanzen zwischen sich und der angeblichen Volks­meinung zu umgehen oder auszuschalten versuchen. Aus einer solchen Per­spek­tive kommt die EU der Verfasstheit der Einzelstaaten zu nahe und kopiert deren Mängel in eine noch größere Dimension. Weil Populismus nur in einem überschaubaren politischen Rahmen gedeiht, das heißt auf regionaler oder nationaler Ebene, eignet sich ein so kompliziertes büro­kratisches Gebilde wie die EU bestens dazu, als finstere Gegenwelt zur propagan­dis­tisch beschworenen Wir-Gemein­schaft perhorresziert zu werden. Ihr kann man anlasten, was innerhalb der jeweiligen Wir-Erzählung nicht unterzubringen ist: die Effekte inter­nationaler Ver­wicklungen, Zwänge der Globalisierung, die Unkontrollierbarkeit des Ka­pi­talismus, am­bi­va­lente Haltungen zu allen möglichen politischen Entscheidungs­fragen, oder mit einem Wort: Komplexität.

Die Hegelsche Lösung für diese ‚Spaltung‘ des kollektiven Sinns würde darin bestehen, die Nationalisten als Sachwalter des Partikularen ins Unrecht zu setzen und alle Rationa­lität dem Standpunkt des Allgemeinen, in diesem Fall: eines europäischen Gemeinwesens, vorzubehalten. (Für die EU in ihrer jetzigen politischen Gestalt hätte Hegel allerdings wohl keine Sympathien, weil sie ihn zu sehr an das von ihm lächerlich gemachte Alte Reich mit seinem Instanzenwirrwarr und seinen gemischten Souveränitäten erinnern wür­de.) Diese Parteinahme für das Allgemeine wäre allerdings gepaart mit der Zuversicht, dass die partikularen Identitäten sich im histo­rischen Prozess ohnehin als Elemente eines sie einbeziehenden organischen Ganzen erweisen – anders gesagt, mit einer Zuversicht in den versöhnenden Charakter von Entwicklung, die heute nicht mehr geteilt werden kann.

Es ist nicht aussichtsreich, angesichts der beschriebenen Spaltung auf eine Verschmelzung der Sinnhorizonte und Herstellung eines beide Seiten zusammenführen­den Identifikations­musters zu setzen. Ein Modell europäischer Identität zu forcieren, das ja doch wieder haupt­sächlich die ökonomisch be­günstig­ten, urbanen, beruflich mobilen Schichten an­sprechen würde, könn­te im Gegenteil diese Spaltung noch vertiefen. Auf seine Funktions­routinen und unpathetisch daherkommenden Koordinationsleistungen, das zeigt die Er­fah­rung der letzten Jahre und Monate, kann sich das politi­sche Europa andererseits auch nicht verlassen. Man muss die Krisenfrage nach Identität, die sich derzeit gegen das europäische Projekt richtet, offensichtlich ernster nehmen, als ich dies tun wollte, und als gewichtigen Faktor der politischen Psychologie in Rechnung zu stellen. Aber man sollte zugleich darauf hinwirken, die umlaufenden identifikatorischen Energien, die einen Ankerplatz suchen, an ihrer Massierung zu hindern und stattdessen auf mehrere Schauplätze zu ver­teilen.

Damit meine ich zweierlei. Zum einen wäre die europäische Politik aus ihrer Sprach­losig­keit zu befreien, die sich dadurch ergibt, dass sie außerhalb von Expertenzirkeln fast ausschließlich innerhalb nationaler Öffentlichkeiten diskutiert wird. Das macht es zu einer beliebten politischen Strategie, um einer fiktiven nationalen Gemeinschaft willen alle in diesem Rahmen nicht verhandelbaren Kom­plexitäten auf die europäi­sche Ebene auszu­ver­lagern. ‚Europa‘ wird auf diese Weise zu einer Art von kommunikativem schwarzem Loch, jenseits der ausgeleuchteten Welt der einzelstaatlichen Politik und ihres dem Publi­kum auch menschlich-anekdotisch vertrauten Personals – einer leeren Verwaltungs­mitte, in die alle Ambivalenzen, Ängste und Aggressionen projiziert werden können. Dieses blame game, das nicht selten verschwörungstheoretische Züge annimmt, nährt und sta­bi­li­siert die nationalpopulistischen Blockbuster-Narrative – nach dem üblichen Drehbuch, dass ‚wir‘ uns im heldenhaften Abwehrkampf gegen einen ge­sichtslos-über­mäch­tigen Feind draußen befinden. Abhilfe wäre durch den konsequenten Aufbau einer Bericht­erstat­tung aus europäischer Warte zu schaffen, überhaupt einer lebendigen und alltagsnahen trans­nationalen Medienkultur, von der aus sich die einzelstaatlichen Befindlichkeiten rela­ti­­vie­ren und zugleich die Europa-Politik den Charakter eines undurchschaubaren Kom­plotts verliert. Er­zählstrategisch würde es in diesem Zusammenhang darum gehen, die große Block­buster-Konfrontation ‚Wir gegen die‘ in viele die Grenzen durchkreuzenden Er­zäh­lun­gen episodischer, beweg­licher, unabgeschlossener Art aufzulösen.

Dabei kommt es zwei­tens sehr darauf an, diese Pluralität von Erzählungen als Angebot, nicht als Be­drohung erfahrbar zu machen. Eine wichtige Rolle kann dabei der Mecha­nis­mus verteilter Identifikationen spie­len, wie er unter anderem aus der Migrations­forschung be­kannt ist: dass nämlich das wachsende Zugehörigkeitsgefühl zu einem poli­tischen Ge­mein­wesen die Zugehörigkeit zu einem anderen zumeist nicht schwächt, sondern stärkt.[3] Diesen Effekt erzielt man aber nicht, wenn man unter dem Schirm einer großen Erzählung Identitäts­politik treibt. Günstige Bedingungen schafft man vielmehr durch eine im besten Sinn zivil­gesell­schaft­liche Alltäglichkeit des nationenübergreifenden Zusammenlebens auf diesem Kon­tinent, flan­kiert durch eine Poli­tik, die auf den Abbau struktureller Nachteile und Barrieren achtet – so gut sie es an­ge­sichts verminderter Spielräume kann. Denn gegen derartige Barrieren bleibt auch das lebendigste Erzählen auf die Dauer wirkungslos. Es kann allerdings zu ihrer Analyse beitragen und den Möglichkeitssinn zu ihrer Aufhebung schärfen. Wenn dabei von Hegel zu lernen ist, dann eher von der Philo­sophie des Rechts, die auf hellsichtige Weise gesellschaftliche Wider­sprüche verzeichnet, als von der Ein­heits­vision seiner Geschichts­philosophie.

© Albrecht Koschorke

Albrecht Koschorke ist Professor für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz.

* Vortrag anlässlich der Verleihung des Philosophischen Buchpreises, Hildesheim, 9. September 2016
[1] Dieser Impuls trägt die kämpferische Argumentation von Robert Menasse, Der europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas. Freiburg 2015.
[2] Richard Sennett, Autorität. Frankfurt/M. 1985. S. 34. Für den Hinweis auf dieses Buch und eingehende Gespräche danke ich Johann Scholten.
[3] Empirische Belege dafür liefern die Studien des German Socio-economic Panel (SOEP). Eine Diskussion dieser Ergebnisse bieten Claudia Diehl und Rainer Schnell, „Reactive Ethnicity“ or „Assimilation“? Statements, Arguments, and First Empirical Evidence for Labor Migrants in Germany. In: International Migration Review 40, No. 4, Winter 2006, S. 786-816.

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