Schwerpunktbeitrag: Anthropologie der Macht

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Dirk Jörke

Macht und Gewalt stellen Grundformen menschlichen Zusammenlebens dar. Doch der Machtbegriff ist schwer zu fassen. Es sind vor allem drei Fragen, die in Philosophie und Wissenschaft immer wieder aufgeworfen, aber bis heute nicht endgültig beantwortet worden sind: 1. Was ist Macht? 2. Ist das Streben nach Macht dem Menschen als solchem angeboren oder wird er von den gesellschaftlichen Verhältnissen zur Macht gezwungen? 3. Wie lassen sich die destruktiven Wirkungen des Machtstrebens verhindern? Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Demokratische Repräsentation und die alten und neuen politischen Körperlehren

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Philip Manow

In der zeitgenössischen Demokratietheorie herrscht die Meinung vor, Volkssouveränität sei prinzipiell nicht darstellbar und die Vorstellung eines politischen Volkskörpers seit langem verabschiedet. Die Rede vom politischen Körper gilt heute als anachronistisch, die Körperlosigkeit der Demokratie wird geradezu zum Definitions- und Abgrenzungskriterium gegenüber der Monarchie mit ihrem politischen Königskörper: Demokratie beginne überhaupt erst am Ende aller politischen Verkörperungsmechanismen, demokratische Herrschaft sei gleichbedeutend mit der „Entkörperung der Macht“ (Claude Lefort). Der „Platz des verabschiedeten Volkskörpers“ markiert daher einen „vakante[n] Sitz der Souveränität“[1]. Aber was füllt diese Leerstelle? Welcher „symbolische Körper [tritt] an Stelle eines Volkes, das unauffindbar ist und nicht dargestellt werden kann“[2]? Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Bildung für eine Kultur der Verständigung

Katja Neuhoff

Katja Neuhoff

Menschen sind von Natur aus sowohl bildungsfähig als auch bildungsbedürftig. Als je besondere Menschen bringen sie ihre eigene Perspektive auf die Wirklichkeit mit. Ausgehend davon können sie sich in Freiheit bilden. Bildung kann eine Kultur der Verständigung fördern durch die Anleitung zur Ausbildung eigener Werthaltungen und eines moralischen Bewusstseins; durch die Erkenntnis, dass die eigene Sichtweise immer begrenzt ist und daher angewiesen bleibt auf andere Perspektiven zur Erfassung der Realität und durch die Orientierung an dem intersubjektiven Anspruch, die eigenen Einstellungen und Werthaltungen begründen zu können. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Globale Pilgerschaft: Religiöse Semantik mit weltpolitischem Potential

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Mariano Barbato

Die Globalisierung setzt so große Migrationsströme in Gang, dass das „Global Age“ (Martin Albrow) mitunter als „Age of Migration“ (Stephen Castles / Mark J. Miller) erscheint. Andere sprechen ganz fundamental von „Liquid Times“ (Zygmunt Bauman), weil sich nicht nur ein neuer Übergang der Moderne von einem „Ancien Régime“ zu einem „Novus ordo seclorum“ abzeichnet, sondern Bewegung, Beschleunigung, Mobilität, Flexibilität und Prozess selbst zum Signum der Zeit werden. Die Zeiten verflüssigen nicht nur alles, sie halten auch alles flüssig. Die politische Metapher des staatlichen Leviathans, der sich auch weniger monströs als „Vater Staat“ vorstellen lässt, scheint nicht mehr in die Zeit von Turbokapitalismus, digitalen Datenautobahnen, Klima und Kriegs- und Armutswanderung zu passen. Die alte Weisheit Heraklits „Panta rhei – Alles fließt“ erfasst in einer für die Moderne und ihr stählernes Gehäuse von Nationalstaat und Volkswirtschaft ungewohnten Weise Politik und Ökonomie. Grundlegende Vorstellungen politischer Sesshaftigkeit stehen zur Disposition. Eine neue politische Anthropologie scheint heraufzuziehen, die nicht nur den sozialstaatlich abgefederten Staatsbürger auf die Notwendigkeit der Wanderschaft vorbreitet, sondern die Stabilität der Verfasstheit einer politischen Gemeinschaft selbst in den Prozess regionaler und globaler Governance-Metamorphosen einschmilzt. Den postmodernen Nomaden der Globalisierung steht die Welt offen. Sie wissen jedoch selten, ob der neue Weidegrund so ertragreich sein wird wie erhofft. In jedem Fall wird es zu einer ungleichen Verteilung bei seiner Ausbeutung kommen. Sie rechnen genauso mit Krisen, wie sie Raubzüge als probates Mittel der Ressourcensicherung und der Markterschließung einplanen. So prekär und krisenanfällig dieses Modell sein mag und obgleich, mit Augustinus gesprochen, die Frage aufkommen könnte, ob politische Formationen sich hier nur noch mit der Binnenmoral der Räuberbande betreiben lassen, so müssen doch auch die Erfolge der Nomaden eingeräumt werden. Der neoliberale Turbokapitalismus hat eine so große Wachstumsdynamik losgetreten, dass eine Rückkehr in statisch-staatlich eingehegte Wachstumsmodelle in keiner Ecke der Welt mehrheitsfähig ist. Bis auf wenige Ausnahmen schotten sich weder Autokratien noch Demokratien vom Weltmarkt ab. Eine restaurative Kritik im Sinne einer Rückkehr zu Vater Staat würde die Nostalgie des alten Sozialstaats einem Test unterwerfen müssen, den diese kaum bestehen könnte, und den neuen Mittelschichten des Globalen Südens die Grundlage ihres hart erworbenen Wohlstands entziehen. Schnell wären zumindest letztere wieder in ihren Bauernkaten, die noch nichts gemein haben mit idyllischem Wohnen im restaurierten Altbau, das die arrivierten globalisierungskritischen Mittelschichten der alten Sozialstaaten gelegentlich anstreben. Da sich der große Sprung nach vorn ins kommunistische Paradies als Salto mortale in den Abgrund erwiesen hat, empfehlen ihn nur noch die Ewiggestrigen. Wenn man sich dennoch eine kritische Distanz zu den Segnungen des liberalen Kapitalismus bewahren möchte, um seine Schwachstellen angehen zu können, bedarf es vielleicht auch hier einer „christlichen Verschärfung“ (Jürgen Manemann) des Unterwegsseins des Nomaden. Die Vorstellung der Pilgerschaft könnte dem Nomaden einen neuen Deutungshorizont seines Unterwegssein verschaffen, der mit dem neuen Verständnis von Selbst und Gemeinschaft neue Handlungsoptionen erschließt. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Subtile Gewalt. Gedanken zu Sprache und Frieden

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Burkhard Liebsch

Neueren Erforschungen des Zusammenhangs von Sprache und Gewalt zufolge ist letztere so sehr in der Sprache selbst derer heimisch geworden, die im Zeichen des Guten „eines Sinnes“ zu sein behaupten, dass man sich kaum mehr menschliche Lebensformen vorzustellen vermag, die von dieser Last gänzlich befreit wären. Allenfalls um den Preis erneuter Gewalt, im Zuge einer gewaltsamen Reinigung der Sprache, wäre die Gewalt (wenn überhaupt) aus ihr zu vertreiben. Aber muss man sich, wenn man mit einer solchen „Endlösung“ nicht liebäugeln mag, darum unvermeidlich mit der Gewalt resignativ, zynisch oder defätistisch abfinden, die selbst wohlmeinendster, angeblich herrschaftsfrei und gewaltlos vonstatten gehender Verständigung inhärent zu sein scheint? Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: „We love death“ – Jihadism and nihilism

Manemann, Foto

Jürgen Manemann

Something goes wrong…
Welcome to my world
full of hate and blood
I am writing lines for my kids with blood
In a world nobody knows what the day to come brings
Children’s souls cry quietly when the Black angel sings

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Schwerpunktbeitrag: Nachhaltigkeit, aufgelöst in Gerechtigkeit

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Anton Leist

Wenn wir von „Nachhaltigkeit“ ganz allgemein sprechen, meinen wir dann mehr und anderes, als wenn wir von Gerechtigkeit zwischen den Generationen sprechen?

„Nachhaltige Entwicklung“ sei, so die bekannte Definition der Brundtland-Kommission von 1987, eine Entwicklung, bei der die gegenwärtigen Generationen ihre Bedürfnisse erfüllen, ohne die Chancen der zukünftigen Generationen zu verringern, die ihrigen zu befriedigen. Damit legt die Definition eine intergenerationelle Bedingung fest. Warum spricht sie aber nicht einfach nur von „Nachhaltigkeit“, oder beispielsweise von „nachhaltigem Wohlstand“? Einmal deshalb, weil mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ die Forderung nach Konstanz oder gar Wachstum des Wohlstandsniveaus unter der Bedingung von knapper werdenden natürlichen Ressourcen betont werden soll. Zum anderen deshalb, weil der Begriff „Entwicklung“ die Hoffnung signalisiert, dass sich das Wohlstandsniveau in den schlechter bestellten Ländern steigern lässt. Die Definition spricht also nicht nur direkt ein in die Zukunft hineingreifendes intergenerationelles, sondern indirekt auch ein auf die Gegenwart bezogenes Verhältnis zwischen reichen und armen Ländern an. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Moraltheologische Überlegungen zur künstlichen Ernährung und Hydrierung

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Eberhard Schockenhoff

Eine verbreitete Einschätzung betrachtet unterschiedslos alle Formen künstlicher Ernährung und Versorgung mit Wasser (Hydrierung) gegenüber jedem Patienten, dessen Leben dadurch erhalten werden kann, als moralisch geboten. Sie betrachtet beides nicht als besondere medizinische Maßnahmen, die einer eigenen Indikation bedürfen, sondern als notwendige Bestandteile der Basispflege, die jedem Kranken zu jedem Zeitpunkt des Krankheitsverlaufes bis zum Schluss geschuldet ist. Das Absetzen einer künstlichen Ernährung ist nach dieser Ansicht als Tötungshandlung zu betrachten, weil der Patient, anders als beim Abbruch einer künstlichen Beatmung, nicht an seiner Krankheit stirbt, sondern aufgrund des Kalorien- und Flüssigkeitsmangels verhungert oder verdurstet. Rechtlich muss das Einstellen der Ernährung unter diesen Voraussetzungen daher als Tötung durch Unterlassen qualifiziert werden, bei der der Tod beabsichtigt ist und willentlich herbeigeführt wird.[1] In dieser Perspektive wird die künstliche Ernährung, auch wenn sie nur mit Hilfe medizinischer Unterstützung durchgeführt werden kann, als Aufrechterhaltung einer elementaren Beziehung zum kranken Menschen und somit als ein symbolischer Akt der Fürsorge und Nähe zu ihm verstanden. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Philosophie im subsaharischen Afrika

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Anke Graneß

Afrika ist der zweitgrößte Kontinent der Erde. Seine kulturelle, ethnische, sprachliche und religiöse Pluralität sucht ihresgleichen. Neben den beiden großen Religionen Islam und Christentum gibt es eine Vielzahl an traditionellen Religionen und damit verbundenen Wert- und Normvorstellungen. Diese (oft vergessenen) Fakten sollen verdeutlichen, dass wir, wenn wir uns dieser Region zuwenden, eine sehr große Pluralität an philosophischen Traditionen erwarten sollten – und nicht eine einzige, unwandelbare afrikanische Philosophie. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Selbstkontrolle und die Freiheit der Person

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Helmut Pape

Sind Personen manchmal frei, so zu handeln, wie sie entschieden haben, oder ist ihr Handeln immer durch äußere Zwänge vollständig festgelegt? In Franz Werfels welt- und menschenklugem Stück »Jacobowsky und der Oberst« von 1944 geht es um diese Frage. Jacobowsky, ein sanfter, lebenserfahrener Jude, flüchtet in Frankreich zusammen mit einem hochfahrenden polnischen Oberst vor den Nazis. Während für den Oberst bei jeder kleinen Katastrophe, dem Zusammenbruch seines Autos, einer drohenden Polizeikontrolle und schließlich bei ihrer Verhaftung, stets „alles zu Ende“ ist, hält ihm Jacobowsky unerschütterlich vor „Herr Oberst, es gibt immer zwei Möglichkeiten“. Stets reicht Jacobowsky bereits eine Möglichkeit aus, um einen Weg aus den scheinbar aussichtslosen Situationen zu finden. Als nach der Verhaftung durch die Nazis der Oberst traurig-ironisch nachfragt, wo denn jetzt seine beiden Möglichkeiten bleiben, entgegnet Jacobowsky leise – die eine, ewig zweite Möglichkeit gäbe es noch immer: den Tod.

Es ist das Erkennen der ersten Möglichkeit, die uns leben lässt – aber die zweite ist für menschliche Freiheit ebenfalls wichtig. Die Freiheit, die wir leben und erfahren können, hat mit dem Verhältnis zu tun, das Menschen zu ihrem Handeln und ihrem Leben einnehmen. Dies Verhältnis wird von den großen metaphysischen Freiheitstheorien der Philosophie häufig ignoriert. Warum kann Jacobowskys Selbstverständnis, dass wir immer die Wahl haben, so eindrucksvoll wirksam werden? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil unklar ist, wonach wir fragen, wenn wir die Möglichkeit von Freiheit erklären wollen. Denn wenn Freiheit nur die Abwesenheit von kausal bestimmenden Bedingungen und die Anwesenheit von vollständiger Autonomie (Selbstbestimmung durch einen autarken Willen) wäre, dann ist sie unerweisbar.

Ein Akt freier moralischer Selbstbestimmung, also eine Handlung in einem Fall, in dem die Person auch anders hätte handeln können, widerspricht keineswegs den Naturgesetzen. Wenn nämlich beide Handlungen der Person verträglich mit den Naturgesetzen gewesen sind, aber nur eine von ihnen zur Zeit zu verwirklichen, so entsteht der Schein des Widerspruchs dadurch, dass wir eine überzeitliche Perspektive einnehmen: Nur eine der beiden künftig möglichen Handlungen kann vollzogen werden, aber welche das ist, das kann kein Handelnder wissen, bevor er sich entschieden hat. Ob und wie sich eine Person zum jeweils gegenwärtigen Zeitpunkt ihres Handelns als Subjekt versteht, ist entscheidend dafür, dass sie zwischen jetzt für sie bestehenden Möglichkeiten unterscheiden kann. Doch diese Frage stellt sich nur, wenn wir kein metaphysisches Verständnis von Freiheit voraussetzen. Denn die Annahme, dass Freiheit darin besteht, dass alle bestimmenden Bedingungen ausgeschaltet sind und gegenüber allen Möglichkeiten eine vollständige Selbstbestimmung wirksam werden kann – führt direkt zu der Haltung des Oberst, „dass alles zu Ende ist“, weil man nichts mehr tun kann. Jacobowsky dagegen könnte dem Oberst sagen: Wir sind vielleicht nicht frei, aber wir haben die Wahl.

Damit Jacobowskys Überzeugung, dass wir immer mindestens zwei Möglichkeiten haben, wirksam werden kann, ist es erforderlich, 1.) dass jeder Handelnde diese Möglichkeiten nicht nur erkennt, sondern auch seinen Zugang zu diesen Möglichkeiten begreift und in seinen Erwägungen berücksichtigt, 2.) dass er sich bemüht, die objektiven Bedingungen zu bewahren, die ihm Alternativen eröffnen und 3.) dass er bei allen Erwägungen von Zielen, Zwecken und unabweisbaren Handlungen auch den Zusammenhang zwischen erkannten Möglichkeiten im Blick behält.

Ich bin der Meinung, dass die Fähigkeit, die uns als Personen hilft, den Zugang zu der freien Wahl unserer Handlungsmöglichkeiten zu wahren, dieselbe Fähigkeit ist, die einen Menschen zu einer individuellen Person werden lässt. Dies ist jene Form der Reflexion, die man als Selbstkritik und Selbstkontrolle beschreibt. Wahlfreiheit ist demnach schon durch Akte der reflexiven Kontrolle dessen, was eine Person getan und gedacht hat, möglich. Denn dann, wenn sie durch Akte der Selbstkritik und Selbstkontrolle ihr Handeln, Denken und Empfinden durch ihre eigenen Entscheidungen entweder über die Kontrolle von Bedingungen mittelbar beeinflusst oder durch ihre Entschlüsse unmittelbar festlegen kann, sagen wir von einer Person, dass sie – als diese Person – gehandelt hat.

Damit eine handelnde Person in der Lage ist, sich zwischen verschiedenen Alternativen zu entscheiden, muss sie über Ziele, Interessen oder Bedürfnisse verfügen können, die sie als Maßstab ihrer Entscheidungen einsetzt. Wenigstens bis zu einem gewissem Umfang wird sie deshalb auch zur Initiative und Originalität im Entwerfen von Zwecken und Plänen fähig sein müssen. Außerdem sollte sie ein gewisses Maß an Vertrauen in ihre Handlungsfähigkeit besitzen und den Ergebnissen ihrer Überlegungen folgen können. Die Gewinnung der Freiheit als Wahlfähigkeit ist eine vielstufige und variable Fähigkeit. Das Vermögen, Selbstkontrolle und Selbstkritik zu vollziehen, kann ebenso intellektuelle wie charakterliche Eigenschaften und Fähigkeiten auf verschiedenen Stufen von Handlungsalternativen miteinander verbinden: Episoden des Handelns, Wahrnehmens, Fühlens, Abwägens, Denkens und logischen Schließens können wir kritisieren und bewerten. Dabei besteht Selbstkritik stets darin, dass wir vergangene Handlungen oder diverse geistige Prozesse anhand eines verfolgten Zwecks oder Ziels in ihrem Erfolg bemessen. Das Ergebnis dieses Urteils wird dann in komplexen Überlegungen eingeschätzt und auf künftige Handlungen bezogen. Dabei geht es um die Konsequenzen, die aus der in diesen Überlegungen vorgenommenen Bewertung des Erfolgs einer Erfahrung oder Handlung zu ziehen sind. Diese zweite Phase der Ergebnisabwägung kann dann zu einem Entschluss führen, der ein Verhalten in ähnlichen Fällen, den Zweck selbst oder aber auch den Zusammenhang mit anderen Zwecken betrifft. Nur wenn es zu einem Entschluss kommt, kann der Zweck, der Zusammenhang mit anderen Zwecken und das künftige Handeln oder Denken in ähnlich gelagerten Fällen durch kritische Ergebnisabwägung beeinflusst werden. Abwägungen konkurrierender Zwecke, Entscheidungen und Bewertungen münden also in der Ergebnisbewertung und Entschlussfassung.

Nach diesem Bild werden Menschen dadurch zu Personen, dass sie nicht nur einzelne Zwecke zufällig ausbilden, verwirklichen und entwickeln. Was den Charakter eines Menschen zu seiner Persönlichkeit werden lässt, ist die Fähigkeit, lebenslang bis zu irgendeinem Grade eine teilweise konsistente Ordnung der Präferenz und Komplementarität zwischen den verfolgten Zwecken und den ihnen entsprechenden Handlungen, ja unwillkürlichen Reaktionen, herzustellen. Personen in diesem starken Sinne sind wir nicht immer und überall.

Die alltägliche Freiheit unserer Mitmenschen zeigt sich eben darin, dass sie fähig sind, für die von ihnen verfolgten Zwecke neue Grade der Selbstkritik und damit der Selbstkontrolle ihrer Wahlmöglichkeiten in ihr Handeln umzusetzen – und ihre Ignoranz und Dummheit zeigt sich im Fehlen von wirksamer Selbstkritik und –kon­trolle. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle basiert auf dem Selektionsvermögen, das durch unsere vorgegebene Antriebs- und Gefühlsausstattung geprägt ist und die selbstkritischen Akte bewusster Entscheidungen erst möglich macht. Darin zeigt sich die Wirksamkeit – und Fehlbarkeit – alltäglichen Freiheitsgebrauchs, dass sie sich der Fähigkeit zum Erschließen von Wahlmöglichkeiten häufig nicht bewusst ist – und diese manchmal ignoriert. Doch die selbstkritischen Wahlen sind es, die den Charakter von Personen durch die selbstkontrollierte Verwirklichung von Zwecken individuell formen. Diese Freiheit der Entscheidung über das eigene Handeln und die Wahl von Zwecken ist entscheidend, damit für Personen, z.B. im Unterschied zu Computern, die Fähigkeit konstitutiv sein kann, durch selbstkontrolliertes Abwägen und Nachdenken aus dem Kreis ihrer Wahrnehmungen, ihres Spürens, ihrer Träume und Fantasie zweck- und selbstbestimmend ein wenig herauszutreten. Sie tun dies, indem sie die erfahrenen Inhalte, Personen und Ideen zu Zielen und Zwecken machen, denen gemäß sie dann in Zukunft handeln werden. Die Wahl von Zwecken geschieht dabei immer in der Hoffnung, dass sich dadurch künftige Handlungsalternativen eröffnen. Eben darin liegt die Verwirklichung eines menschenwürdigen Lebens und der humane Charakter einer Gesellschaft und Kultur, dass wir die Wahl haben, Personen werden zu können.

© Helmut Pape

Helmut Pape ist apl. Professor an der Universität Bamberg, Institut für klassische Philologie und Philosophie.

Erstveröffentlichung des Beitrags in fiph-Journal, 5 (Februar 2005), S. 11-12.