Schwerpunktbeitrag: Nachhaltigkeit, aufgelöst in Gerechtigkeit

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Anton Leist

Wenn wir von „Nachhaltigkeit“ ganz allgemein sprechen, meinen wir dann mehr und anderes, als wenn wir von Gerechtigkeit zwischen den Generationen sprechen?

„Nachhaltige Entwicklung“ sei, so die bekannte Definition der Brundtland-Kommission von 1987, eine Entwicklung, bei der die gegenwärtigen Generationen ihre Bedürfnisse erfüllen, ohne die Chancen der zukünftigen Generationen zu verringern, die ihrigen zu befriedigen. Damit legt die Definition eine intergenerationelle Bedingung fest. Warum spricht sie aber nicht einfach nur von „Nachhaltigkeit“, oder beispielsweise von „nachhaltigem Wohlstand“? Einmal deshalb, weil mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ die Forderung nach Konstanz oder gar Wachstum des Wohlstandsniveaus unter der Bedingung von knapper werdenden natürlichen Ressourcen betont werden soll. Zum anderen deshalb, weil der Begriff „Entwicklung“ die Hoffnung signalisiert, dass sich das Wohlstandsniveau in den schlechter bestellten Ländern steigern lässt. Die Definition spricht also nicht nur direkt ein in die Zukunft hineingreifendes intergenerationelles, sondern indirekt auch ein auf die Gegenwart bezogenes Verhältnis zwischen reichen und armen Ländern an. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Moraltheologische Überlegungen zur künstlichen Ernährung und Hydrierung

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Eberhard Schockenhoff

Eine verbreitete Einschätzung betrachtet unterschiedslos alle Formen künstlicher Ernährung und Versorgung mit Wasser (Hydrierung) gegenüber jedem Patienten, dessen Leben dadurch erhalten werden kann, als moralisch geboten. Sie betrachtet beides nicht als besondere medizinische Maßnahmen, die einer eigenen Indikation bedürfen, sondern als notwendige Bestandteile der Basispflege, die jedem Kranken zu jedem Zeitpunkt des Krankheitsverlaufes bis zum Schluss geschuldet ist. Das Absetzen einer künstlichen Ernährung ist nach dieser Ansicht als Tötungshandlung zu betrachten, weil der Patient, anders als beim Abbruch einer künstlichen Beatmung, nicht an seiner Krankheit stirbt, sondern aufgrund des Kalorien- und Flüssigkeitsmangels verhungert oder verdurstet. Rechtlich muss das Einstellen der Ernährung unter diesen Voraussetzungen daher als Tötung durch Unterlassen qualifiziert werden, bei der der Tod beabsichtigt ist und willentlich herbeigeführt wird.[1] In dieser Perspektive wird die künstliche Ernährung, auch wenn sie nur mit Hilfe medizinischer Unterstützung durchgeführt werden kann, als Aufrechterhaltung einer elementaren Beziehung zum kranken Menschen und somit als ein symbolischer Akt der Fürsorge und Nähe zu ihm verstanden. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Philosophie im subsaharischen Afrika

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Anke Graneß

Afrika ist der zweitgrößte Kontinent der Erde. Seine kulturelle, ethnische, sprachliche und religiöse Pluralität sucht ihresgleichen. Neben den beiden großen Religionen Islam und Christentum gibt es eine Vielzahl an traditionellen Religionen und damit verbundenen Wert- und Normvorstellungen. Diese (oft vergessenen) Fakten sollen verdeutlichen, dass wir, wenn wir uns dieser Region zuwenden, eine sehr große Pluralität an philosophischen Traditionen erwarten sollten – und nicht eine einzige, unwandelbare afrikanische Philosophie. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Selbstkontrolle und die Freiheit der Person

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Helmut Pape

Sind Personen manchmal frei, so zu handeln, wie sie entschieden haben, oder ist ihr Handeln immer durch äußere Zwänge vollständig festgelegt? In Franz Werfels welt- und menschenklugem Stück »Jacobowsky und der Oberst« von 1944 geht es um diese Frage. Jacobowsky, ein sanfter, lebenserfahrener Jude, flüchtet in Frankreich zusammen mit einem hochfahrenden polnischen Oberst vor den Nazis. Während für den Oberst bei jeder kleinen Katastrophe, dem Zusammenbruch seines Autos, einer drohenden Polizeikontrolle und schließlich bei ihrer Verhaftung, stets „alles zu Ende“ ist, hält ihm Jacobowsky unerschütterlich vor „Herr Oberst, es gibt immer zwei Möglichkeiten“. Stets reicht Jacobowsky bereits eine Möglichkeit aus, um einen Weg aus den scheinbar aussichtslosen Situationen zu finden. Als nach der Verhaftung durch die Nazis der Oberst traurig-ironisch nachfragt, wo denn jetzt seine beiden Möglichkeiten bleiben, entgegnet Jacobowsky leise – die eine, ewig zweite Möglichkeit gäbe es noch immer: den Tod.

Es ist das Erkennen der ersten Möglichkeit, die uns leben lässt – aber die zweite ist für menschliche Freiheit ebenfalls wichtig. Die Freiheit, die wir leben und erfahren können, hat mit dem Verhältnis zu tun, das Menschen zu ihrem Handeln und ihrem Leben einnehmen. Dies Verhältnis wird von den großen metaphysischen Freiheitstheorien der Philosophie häufig ignoriert. Warum kann Jacobowskys Selbstverständnis, dass wir immer die Wahl haben, so eindrucksvoll wirksam werden? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil unklar ist, wonach wir fragen, wenn wir die Möglichkeit von Freiheit erklären wollen. Denn wenn Freiheit nur die Abwesenheit von kausal bestimmenden Bedingungen und die Anwesenheit von vollständiger Autonomie (Selbstbestimmung durch einen autarken Willen) wäre, dann ist sie unerweisbar.

Ein Akt freier moralischer Selbstbestimmung, also eine Handlung in einem Fall, in dem die Person auch anders hätte handeln können, widerspricht keineswegs den Naturgesetzen. Wenn nämlich beide Handlungen der Person verträglich mit den Naturgesetzen gewesen sind, aber nur eine von ihnen zur Zeit zu verwirklichen, so entsteht der Schein des Widerspruchs dadurch, dass wir eine überzeitliche Perspektive einnehmen: Nur eine der beiden künftig möglichen Handlungen kann vollzogen werden, aber welche das ist, das kann kein Handelnder wissen, bevor er sich entschieden hat. Ob und wie sich eine Person zum jeweils gegenwärtigen Zeitpunkt ihres Handelns als Subjekt versteht, ist entscheidend dafür, dass sie zwischen jetzt für sie bestehenden Möglichkeiten unterscheiden kann. Doch diese Frage stellt sich nur, wenn wir kein metaphysisches Verständnis von Freiheit voraussetzen. Denn die Annahme, dass Freiheit darin besteht, dass alle bestimmenden Bedingungen ausgeschaltet sind und gegenüber allen Möglichkeiten eine vollständige Selbstbestimmung wirksam werden kann – führt direkt zu der Haltung des Oberst, „dass alles zu Ende ist“, weil man nichts mehr tun kann. Jacobowsky dagegen könnte dem Oberst sagen: Wir sind vielleicht nicht frei, aber wir haben die Wahl.

Damit Jacobowskys Überzeugung, dass wir immer mindestens zwei Möglichkeiten haben, wirksam werden kann, ist es erforderlich, 1.) dass jeder Handelnde diese Möglichkeiten nicht nur erkennt, sondern auch seinen Zugang zu diesen Möglichkeiten begreift und in seinen Erwägungen berücksichtigt, 2.) dass er sich bemüht, die objektiven Bedingungen zu bewahren, die ihm Alternativen eröffnen und 3.) dass er bei allen Erwägungen von Zielen, Zwecken und unabweisbaren Handlungen auch den Zusammenhang zwischen erkannten Möglichkeiten im Blick behält.

Ich bin der Meinung, dass die Fähigkeit, die uns als Personen hilft, den Zugang zu der freien Wahl unserer Handlungsmöglichkeiten zu wahren, dieselbe Fähigkeit ist, die einen Menschen zu einer individuellen Person werden lässt. Dies ist jene Form der Reflexion, die man als Selbstkritik und Selbstkontrolle beschreibt. Wahlfreiheit ist demnach schon durch Akte der reflexiven Kontrolle dessen, was eine Person getan und gedacht hat, möglich. Denn dann, wenn sie durch Akte der Selbstkritik und Selbstkontrolle ihr Handeln, Denken und Empfinden durch ihre eigenen Entscheidungen entweder über die Kontrolle von Bedingungen mittelbar beeinflusst oder durch ihre Entschlüsse unmittelbar festlegen kann, sagen wir von einer Person, dass sie – als diese Person – gehandelt hat.

Damit eine handelnde Person in der Lage ist, sich zwischen verschiedenen Alternativen zu entscheiden, muss sie über Ziele, Interessen oder Bedürfnisse verfügen können, die sie als Maßstab ihrer Entscheidungen einsetzt. Wenigstens bis zu einem gewissem Umfang wird sie deshalb auch zur Initiative und Originalität im Entwerfen von Zwecken und Plänen fähig sein müssen. Außerdem sollte sie ein gewisses Maß an Vertrauen in ihre Handlungsfähigkeit besitzen und den Ergebnissen ihrer Überlegungen folgen können. Die Gewinnung der Freiheit als Wahlfähigkeit ist eine vielstufige und variable Fähigkeit. Das Vermögen, Selbstkontrolle und Selbstkritik zu vollziehen, kann ebenso intellektuelle wie charakterliche Eigenschaften und Fähigkeiten auf verschiedenen Stufen von Handlungsalternativen miteinander verbinden: Episoden des Handelns, Wahrnehmens, Fühlens, Abwägens, Denkens und logischen Schließens können wir kritisieren und bewerten. Dabei besteht Selbstkritik stets darin, dass wir vergangene Handlungen oder diverse geistige Prozesse anhand eines verfolgten Zwecks oder Ziels in ihrem Erfolg bemessen. Das Ergebnis dieses Urteils wird dann in komplexen Überlegungen eingeschätzt und auf künftige Handlungen bezogen. Dabei geht es um die Konsequenzen, die aus der in diesen Überlegungen vorgenommenen Bewertung des Erfolgs einer Erfahrung oder Handlung zu ziehen sind. Diese zweite Phase der Ergebnisabwägung kann dann zu einem Entschluss führen, der ein Verhalten in ähnlichen Fällen, den Zweck selbst oder aber auch den Zusammenhang mit anderen Zwecken betrifft. Nur wenn es zu einem Entschluss kommt, kann der Zweck, der Zusammenhang mit anderen Zwecken und das künftige Handeln oder Denken in ähnlich gelagerten Fällen durch kritische Ergebnisabwägung beeinflusst werden. Abwägungen konkurrierender Zwecke, Entscheidungen und Bewertungen münden also in der Ergebnisbewertung und Entschlussfassung.

Nach diesem Bild werden Menschen dadurch zu Personen, dass sie nicht nur einzelne Zwecke zufällig ausbilden, verwirklichen und entwickeln. Was den Charakter eines Menschen zu seiner Persönlichkeit werden lässt, ist die Fähigkeit, lebenslang bis zu irgendeinem Grade eine teilweise konsistente Ordnung der Präferenz und Komplementarität zwischen den verfolgten Zwecken und den ihnen entsprechenden Handlungen, ja unwillkürlichen Reaktionen, herzustellen. Personen in diesem starken Sinne sind wir nicht immer und überall.

Die alltägliche Freiheit unserer Mitmenschen zeigt sich eben darin, dass sie fähig sind, für die von ihnen verfolgten Zwecke neue Grade der Selbstkritik und damit der Selbstkontrolle ihrer Wahlmöglichkeiten in ihr Handeln umzusetzen – und ihre Ignoranz und Dummheit zeigt sich im Fehlen von wirksamer Selbstkritik und –kon­trolle. Die Fähigkeit zur Selbstkontrolle basiert auf dem Selektionsvermögen, das durch unsere vorgegebene Antriebs- und Gefühlsausstattung geprägt ist und die selbstkritischen Akte bewusster Entscheidungen erst möglich macht. Darin zeigt sich die Wirksamkeit – und Fehlbarkeit – alltäglichen Freiheitsgebrauchs, dass sie sich der Fähigkeit zum Erschließen von Wahlmöglichkeiten häufig nicht bewusst ist – und diese manchmal ignoriert. Doch die selbstkritischen Wahlen sind es, die den Charakter von Personen durch die selbstkontrollierte Verwirklichung von Zwecken individuell formen. Diese Freiheit der Entscheidung über das eigene Handeln und die Wahl von Zwecken ist entscheidend, damit für Personen, z.B. im Unterschied zu Computern, die Fähigkeit konstitutiv sein kann, durch selbstkontrolliertes Abwägen und Nachdenken aus dem Kreis ihrer Wahrnehmungen, ihres Spürens, ihrer Träume und Fantasie zweck- und selbstbestimmend ein wenig herauszutreten. Sie tun dies, indem sie die erfahrenen Inhalte, Personen und Ideen zu Zielen und Zwecken machen, denen gemäß sie dann in Zukunft handeln werden. Die Wahl von Zwecken geschieht dabei immer in der Hoffnung, dass sich dadurch künftige Handlungsalternativen eröffnen. Eben darin liegt die Verwirklichung eines menschenwürdigen Lebens und der humane Charakter einer Gesellschaft und Kultur, dass wir die Wahl haben, Personen werden zu können.

© Helmut Pape

Helmut Pape ist apl. Professor an der Universität Bamberg, Institut für klassische Philologie und Philosophie.

Erstveröffentlichung des Beitrags in fiph-Journal, 5 (Februar 2005), S. 11-12.

Schwerpunktbeitrag: Die politische Repräsentation und ihre Krise

Vester, Foto

Michael Vester

Der Schlüsselbegriff der „Repräsentation“ hat, je nach Perspektive, verschiedene Bedeutungen. Er bezeichnet, etwa im Französischen, insbesondere die Vorstellungen, die Menschen von einem Gegenstand haben, und diese können sehr verschieden sein. In der politischen Theorie ist die Vertretung bestimmter Personen oder Personengruppen durch andere gemeint. Vertretene und Stellvertreter, Vorstellungen und Vorgestelltes sind nicht dieselben und können voneinander abweichen oder gar in krisenhaften Spannungen zueinander stehen. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Von der Seele zum Selbst. Probleme des Person-Verständnisses im Pragmatismus

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Hans Joas

In seinem überaus einflussreichen Lehrbuch ‚Principles of Psychology‘ von 1890 zitiert William James einen Autor, der die ganze Idee von einer Seele als Ausgeburt eines philosophischen Denkstils bezeichnet, dessen Hauptmaxime es ist, genau das, worüber man gar nichts weiß, als die Erklärung von allem anderen zu bezeichnen. Aber nicht alle Denker des 19. Jahrhunderts, die den Begriff der Seele obsolet fanden, schlugen schlicht seinen Ausschluss aus der wissenschaftlichen Begriffssprache vor. Andere empfahlen eine Rettung von Teilen seines Bedeutungsgehalts, indem diese verteidigenswerten Teile auf neue philosophische und wissenschaftliche Grundlagen gestellt wurden. Es waren diese Versuche zur Transformation des Seelenbegriffes, die zum Begriff des Selbst führten, den wir heute in Psychologie und Soziologie verwenden. Die klassischen Autoren des Pragmatismus spielten in diesem Prozess eine entscheidende Rolle. Schon häufig wurde – unter anderem auch von mir selbst – geschildert, wie wichtig das lange Kapitel über das Selbst in James’ ‚Psychologie‘ in dieser Hinsicht war und wie es zum Ausgangspunkt für die folgende, jüngere Generation von Pragmatisten – Denker wie John Dewey, George Herbert Mead und Charles Horton Cooley – wurde, von hier aus Anregungen von Fichte und Hegel zur menschlichen Intersubjektivität neu aufzugreifen und daraus eine Theorie der sozialen Konstitution des Selbst zu entwickeln. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Pluralität, Indifferenz und Toleranz

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Gerald Hartung

Ohne Zweifel ist heute eine sehr viel größere Anzahl von Überzeugungen möglich als ehemals; möglich, das heißt erlaubt, das heißt unschädlich. Daraus entsteht die Toleranz gegen sich selbst (Friedrich Nietzsche)

Nach Nietzsches Ansicht ist Toleranz gegen sich selbst nur um den Preis des Verlusts von Überzeugungen – anders gesagt: einer Haltung der Indifferenz in Bezug auf die Selbstdeutung des eigenen Lebens – möglich. Sie ist ein Symptom unserer modernen Kultur, der die Geschichtlichkeit der Lebenssituationen, die Variabilität der Überzeugungen, die Ablösung der Wahrheitsfrage durch das Wahrscheinlichkeitskalkül, mithin der Verlust von Selbst-Gewissheit eingeschrieben ist. Wer sich seiner selbst nicht gewiss ist, dem fehlt auch Gewissheit und Verlässlichkeit im Umgang mit Anderen. Die Außenseite der Indifferenz ist folglich die Gleichgültigkeit gegenüber Anderen. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Phänomenologie der Lebenswelt Großstadt – Hinführung zu einem Projekt

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Wolfgang Gleixner

Die Philosophie des 20. Jahrhunderts hat sich ausführlich mit der Großstadt, dem ‚großstädtischen Leben‘ und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Folgen auseinandergesetzt. Auch für die Psychologie, vor allem für die Psychoanalyse, und besonders eindringlich und phänomenologisch bemerkenswert für die Kunst und die Literatur war die Großstadt Thema. Ein ganzer Fächer sehr unterschiedlicher Perspektiven, Interessen und Intentionen entstand – sehr oft kritisch, aber auch zustimmend, sogar fasziniert von der Gestalt und Gestaltung der Großstadt. Dem neuen Genre „Großstadtliteratur“ zwischen ästhetischer Gesellschaftskritik, Lebensphilosophie und Phänomenologie, zwischen Futurismus und Expressionismus, war die Großstadt ein Faszinosum und Tremendum, ersehntes Jerusalem oder befürchtetes Babel. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Der globale Konstitutionalismus

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In der neueren verfassungstheoretischen Literatur hat sich die Auffassung verfestigt, dass der Konstitutionalismus einem umfassenden Wandel unterliegt. Gemeint ist der Wandel vom klassischen Konstitutionalismus zum globalen Konstitutionalismus, der auch jenseits und oberhalb des Nationalstaats eine sinnstiftende Rechtsordnung erkennt. Bei der Beurteilung dieses Wandels spaltet sich die Forschung in zwei Grundauffassungen: Für die einen verliert der Konstitutionalismus seinen (tradierten) Sinn als Lehre der Verfassung als Grundordnung des Staates. Er verkommt zur leeren Phrase. Es ist sogar vom „Ende“[1] oder vom „Zwielicht des Konstitutionalismus“[2] die Rede. Die anderen begrüßen die Globalisierung des Konstitutionalismus als längst überfällig und bitter notwendig. Überfällig, weil der überkommene Konstitutionalismus der Praxis der internationalen, europäischen, aber auch nationalen Gerichtsbarkeit nicht mehr entspricht. Notwendig, weil er „das Bewusstsein für die kognitiven Schranken des nationalen Parochialismus“ fördert[3] Demnach werden globale Verrechtlichungsprozesse unzureichend analysiert, wenn sie nach wie vor durch die Brille des Nationalstaates wahrgenommen werden. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Menschenrechte zukünftiger Generationen?

Katholischen Hochschule fŸr Sozialwesen Berlin

Andreas Lienkamp

Bei der „United Nations Conference on Environment and Development“, dem „Erdgipfel“ in Rio de Janeiro im Juni 1992, haben 166 Staats- und Regierungschefs das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen unterzeichnet. Darin bringen sie zum Ausdruck, dass Klimaschutz für die Völkergemeinschaft nicht nur eine technisch und politisch, sondern auch eine normativ höchst anspruchvolle Aufgabe ist: „Die Vertragsparteien sollen auf der Grundlage der Gerechtigkeit und entsprechend ihren gemeinsamen, aber unterschiedlichen Verantwortlichkeiten und ihren jeweiligen Fähigkeiten das Klimasystem zum Wohl heutiger und künftiger Generationen schützen.“ Ganz in diesem Sinne betonen die Unterzeichnerstaaten der parallel erarbeiteten Rio-Deklaration, dass die künftige Entwicklung so zu gestalten sei, dass „den Entwicklungs- und Umweltbedürfnissen heutiger und künftiger Generationen in gerechter Weise entsprochen wird“. Dass die anthropogene Beeinflussung des globalen Klimas eine Frage der Gerechtigkeit und eines der zentralen ethischen Probleme der Gegenwart darstellt, ist also nicht die Sondermeinung exzentrischer Moralisten oder überbesorgter Umweltschützer. Weiterlesen