InDebate: Plädoyer für eine aktivierende christliche Politikethik – Zur gegenwärtigen Herausforderung christlicher Sozialethik

Jürgen Manemann

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presidencia.gov.ar [CC-BY-SA-2.0 (http://creativecommons.
org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Ein Gespräch, das die „ZEIT“ mit Julie Coudry, einer der wichtigsten Anführerinnen der Studentenproteste in Frankreich im Jahre 2006, und Florian Lux, einem Studenten aus Heidelberg, führte, endet mit folgenden Sätzen:

„ZEIT: Welche Träume haben Sie beide?
Coudry: Keine Träume, keine Idole.
Lux: Große, generelle Träume? Nein, keine.
ZEIT: Gar keine? Anders gefragt: Wie wollen Sie in zehn Jahren leben?
Lux: Wenn ich das wüsste.
Coudry: Das ist ja das Schicksal unserer Generation: Wir wissen das nicht mehr.“

Keine Träume, keine Wünsche, keine Visionen – jeglicher Möglichkeitssinn scheint abhanden gekommen zu sein. Weiterlesen

Pro und Contra: Sollte ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden?

Pro: Christoph Henning

Bild Henning

Für die Mehrzahl der Menschen würde ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) eine große Erleichterung sein. Es brächte für sie eine ökonomische Entlastung und eine Befreiung von erniedrigenden Behördengängen. Auch für Menschen in der Normalerwerbsbiographie (die gar nicht mehr so normal ist) böte das BGE eine Chance, nämlich die, sich zeitweise aus einer vereinnahmenden Alltagsmühle abzuseilen und eine Auszeit zu nehmen, in der man endlich Zeit für sich und die seinen hätte. Kurzum, eine reiche Gesellschaft würde sich damit das erlauben, was doch eigentlich der Sinn von Reichtum ist: ein gemeinsames gutes Leben, statt wie bisher ein übersattes Leben für einige und ein Sich-Kaputt-Laufen im Hamsterrad für viele andere. Diese historische Bedeutung des BGE lässt sich nicht wegdiskutieren.

Nachgefragt wird allerdings, zu welchem Preis all das erkauft würde und wer ihn zu entrichten hätte. Weiterlesen

Philosophy and the Web

Begrüßung

Liebe Leserinnen und Leser,

ich freue mich, Euch unsere neue Kategorie „Philosophy and the Web“ vorstellen zu dürfen. An dieser Stelle werdet Ihr künftig regelmäßig Beiträge zum Themenkomplex „Internet und Philosophie“ finden. In dieser Kategorie wollen wir Websites vorstellen, die sich mit philosophischen Themen beschäftigen. Auch möchten wir aktuelle philosophische Diskussionen im und über das Internet vorstellen und kommentieren. Unser Ziel ist es, zu erforschen, welche Bedeutung dem Internet für die Philosophie im Allgemeinen und als Raum des Philosophierens im Besonderen zukommt. Wir freuen uns über Eure Kommentare, Kritik und Anregungen. Auch Hinweise auf Seiten, die Eurer Meinung nach hier vorgestellt werden sollten, nehmen wir gerne entgegen. Wir wünsche Euch viel Freude mit „Philosophy and the Web“

Dominik Hammer für das Philosophie InDebate-Team

Philosophy and the Web: The Indiana Philosophy Ontology (InPhO) project

Für die theoretische Philosophie ist die Ontologie eine der grundlegenden Disziplinen. Als Seinslehre beschäftigt sich Ontologie als Fachbereich der Philosophie mit Fragen, welche die Existenz selbst betreffen. In der Informatik wird der Begriff der Ontologie in Anlehnung an den philosophischen Begriff dazu verwendet, Darstellungs- und Ordnungsmethoden zu bezeichnen. Durch solche „Ontologien“ sollen in der Informatik Verknüpfungen von Wissensbeständen graphisch sichtbar und editierbar gemacht werden. Doch auch für geisteswissenschaftliches Arbeiten lassen sich diese mit der Mind-Map eng verwandten Graphiken gut nutzen. Welche Möglichkeiten eine solche Darstellung für die Philosophie bietet, demonstriert unter anderem das Indiana Philosophy Ontology (InPhO) -Projekt. Eine Forscher*innengruppe, die im Bereich der “Digital Humanities“ arbeitet, hat in diesem Projekt eine hilfreiche Übersicht der besonderen Art erstellt. Diese präsentiert eine graphische Einordnung philosophischer Ideen und Strömungen und verlinkt zu den jeweiligen Wikipedia-Artikeln (und in vielen Fällen auch zu den Einträgen aus der Stanford Enyclopedia of Philosophy). Die Ontologie kann durch mehrere Clicks so weit aufgefächert werden, dass die gesuchten philosophischen Konzepte oder die jeweiligen Philosoph*innen erscheinen. Die Website kann allerdings auch gezielt mithilfe einer Suchleiste nach Personen oder Begriffen durchsucht werden. Auf den Seiten der einzelnen Denker*innen finden sich neben Links und kurzen biographischen Angaben auch Philosoph*innen aus dem gleichen Disziplin, verwandte Denker*innen, und solche, die philosophische Positionen der gesuchten Philosoph*innen beeinflusst haben (oder von diesen beeinflusst wurden). Gleiches gilt für die gesuchten philosophischen Begriffe. Dort werden Untergliederung der jeweiligen philosophischen Fachdisziplinen, Schlagworte und die den Themenfeldern zuzuordnenden Philosoph*innen angezeigt. Damit stellt das Indiana Philosophy Ontology -Projekt einen gute Adresse für alle dar, die sich einen Überblick über Ideen oder Philosoph*innen und deren Kontext verschaffen wollen. Auch zur philosophischen Spurensuche lädt die Seite mit ihrer ansprechenden Fächeroptik ein.

Link: https://inpho.cogs.indiana.edu/taxonomy

Schwerpunktbeitrag: Der integrative Charakter der philosophischen Anthropologie

Foto Bohlken

Eike Bohlken

Die philosophische Anthropologie führte nach dem Zweiten Weltkrieg lange ein Schattendasein innerhalb der Philosophie. Erst in den letzten Jahren ist ihr wieder verstärkte Aufmerksamkeit zuteil geworden. Der Grund für diese Renaissance kann unter anderem darin gesehen werden, dass sich mit den Ergebnissen der Hirnforschung und der so genannten Lebenswissenschaften die Frage nach dem Wesen oder der Natur des Menschen für viele neu zu stellen scheint – Fragen, die traditionell in den Aufgabenbereich der philosophischen Anthropologie fallen. Ausgehend von dieser Diagnose möchte ich im Folgenden einige Überlegungen zur Stellung der philosophischen Anthropologie innerhalb der Philosophie, zu ihrem Verhältnis zu den übrigen Wissenschaften vom Menschen und schließlich zu ihrer methodologischen Ausrichtung anstellen. Alle drei Themenbereiche lassen sich – so meine These – gut unter dem Gesichtspunkt eines integrativen Charakters der philosophischen Anthropologie diskutieren.

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InDebate: „Du bist… der Erste Beweger!“ – Ayn Rands totaler Liberalismus

kainz

 

Peter Kainz

Im deutschen wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs wird die amerikanische politische Theoretikerin Ayn Rand (1905-1982; geb. Alissa Sinowjewna Rosenbaum in St. Petersburg) bislang weitestgehend ignoriert. Nicht einmal in Henning Ottmanns beeindruckender und umfassender Geschichte des politischen Denkens findet sich im Band zum 20. Jahrhundert die Darstellung einer Autorin, deren Werke in den USA millionenfach verbreitet sind, deren Denken von eigenen Think Tanks (z. B. Atlas Society oder Ayn Rand Institute) propagiert wird und deren Theorie des „Objektivismus“ zeitweise an Instituten renommierter amerikanischer Universitäten diskutiert wurde. Diverse Mitglieder der amerikanischen Elite bekennen sich zu den Ideen Rands, exemplarisch genannt seien Ex-Notenbankchef Alan Greenspan, Wikipedia-Gründer Jimmy Wales oder auch der republikanische Kandidat für das Amt des US-Vizepräsidenten bei den Wahlen 2012, Paul Ryan, der freilich einen formvollendeten „flip-flop“ hinlegte, als ihm bewusst wurde, dass sich Rands Vorstellungen so gar nicht mit einer religiösen Wählerschaft vertragen können.[1]  Weiterlesen

Pro und contra: Kann die Sozialphilosophie auf ideal-normative Prinzipien verzichten?

Pro: Maria-Sibylla Lotter

Unter Sozialphilosophie verstehe ich die philosophische Untersuchung der Probleme, die aus den sozialen Verhältnissen für das Individuum und die Gesellschaft entspringen. Daraus ergibt sich auch schon eine erste Antwort auf die Frage: Wenn man es überhaupt für sinnvoll hält, solche Probleme philosophisch zu durchdenken und nicht nur empirisch zu untersuchen – und das scheint mir nicht strittig –, benötigt man normative Maßstäbe, um Probleme eines bestimmten Typs zu diagnostizieren und zu bemessen. Im Aristotelismus war das bekanntlich die Idee des gelingenden Lebens, bei Platon die Gerechtigkeit, im Funktionalismus der Maßstab des reibungslosen Funktionierens der gesamtgesellschaftlichen Ordnung, bei Axel Honneth ist es die Selbstverwirklichung des Individuums, deren Mangel sich in „Pathologien des Sozialen“ ausdrückt. Weiterlesen

Philosophie am Kröpcke: Was ist Zeit? (Teil 2)

Hannover, Kröpcke-Uhr

Philosophie – eine Wissenschaft im Elfenbeinturm? Weit gefehlt! Das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover macht es sich zur Aufgabe, herauszufinden, was der Mann (und die Frau) von der Straße von den philosophischen Inhalten, die am Institut erforscht werden, weiß und hält. Pünktlich zu jeder Ausgabe des fiph-Journals führen wir dementsprechend eine streng wissenschaftlich kontrollierte Studie durch: Wir schreiten zum Kröpcke, der Agora Hannovers, mit Digitalkamera und Aufnahmegerät bewaffnet, und stellen allen Passanten, die nicht schnell genug flüchten, dieselbe Frage. Auf den Spuren des Sokrates, aber bar jeder Ironie. Ganz ohne ethisch-politische Hintergründe wollten wir den Hannoveranern/innen einmal in existenzieller Hinsicht auf den Zahn fühlen und wissen, was ihnen zum Thema Zeit einfällt. Auszüge aus den profunden Antworten lesen Sie hier … Weiterlesen