InDebate: Kollektive und institutionelle Verantwortung: Warum wir sie brauchen

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Ludger Jansen

Lange Zeit war unter Philosophen das Adjektiv „kollektiv“ verdächtig: Individuelles Handeln, individuelle Absichten und individuelle Verantwortung wollte man gelten lassen, kollektives Handeln, kollektive Absichten und kollektive Verantwortung hingegen nicht. Wie sollte eine Gruppe oder eine Institution denn auch handeln, so der Einwand des sogenannten Individualismus, wenn nicht durch Individuen. Wir haben es also, so die individualistische These, immer nur mit individuellen Handelnden und individuellen Handlungen zu tun. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Unbedachte Güte und die Ungerührtheit der Welt. Überlegungen zur zwischenmenschlichen Praxis des Umgangs mit moralisch wirksamen Gefühlen1

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Helmut Pape

I. Vorbemerkung, Klärung der Fragestellung und eine These

Die motivierende Rolle von Gefühlen ist für viele Moraltheoretiker häufig Anlaß zur Erfindung argumentativer Strategien, die im Namen der Rationalität deren Wirksamkeit leugnet oder durch Vernunft ersetzen will. Im Nachdenken über die moralische Richtigkeit des Handelns, so heißt es, sollten Gefühle keine Rolle spielen. Auch Kant z. B. hat immer wieder klar für die Ausschaltung motivierender Gefühle plädiert. Er hielt sie nicht für geeignet, um als Motivationen im moralischen Denken eine Rolle zu spielen. In der Grundlegung der Metaphysik der Sitten sagt Kant in diesem Sinne über den durch Mitempfinden motivierten Menschenfreund, daß dieser erst dann eine Chance hätte, sich moralisch zu verhalten, wenn er moralisch gefühllos geworden ist: Weiterlesen

InDebate: „Social Freezing“: Einige Bemerkungen

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Dora Papadopoulou

Eine der spannenden und interessanten Diskussionen, die vor kurzem aufgetaucht ist, ist die sogenannte Debatte über „social freezing“ oder – wie es die internationalen Medien genannt haben – „Perks arm race“. Die Diskussion ist wieder aktuell, seit die US-Unternehmen Facebook und Apple ihren Mitarbeiterinnen anbieten, die Kosten für das Einfrieren von Eizellen zu übernehmen. Während in Europa das Einfrieren aus nicht-medizinischen Gründen relativ neu ist, ist in den USA das Eizellen-Freezing schon länger bekannt. Die Methode wurde ursprünglich für krebskranke Frauen entwickelt, denen Eizellen vor der Chemotherapie entnommen werden, damit diese nicht durch die Behandlung zerstört werden, so dass ihre Chancen, Mutter zu werden, steigen. Bei der Kryokonservierung werden Frauen nach einer Hormonbehandlung die Eizellen in einer Operation entnommen und eingefroren. Es ist eine schmerzhafte Behandlung, bei der die Erfolgschancen sehr stark altersabhängig sind.

Wie sollen wir die ganze Situation betrachten? Geht es um eine Gegenüberstellung mit einer amerikanischen „Eigenart“, die die Menschen in Deutschland oder generell in Europa nicht so einfach akzeptieren wollen, oder ist – so lange in Europa gesetzlich geregelter Mutterschutz oder Elternzeit existieren – eine solche Bewegung nicht in den Blick zu nehmen? Nach einer Umfrage von TNS Emnid im Auftrag der Zeitung Die Zeit, die in Deutschland vor kurzem durchgeführt wurde, lehnt die Mehrheit das „Social Freezing“ ab. Auffallend ist, dass mehr Männer als Frauen diese Idee begrüßen. Es ist schon merkwürdig, dass eher die Frauen skeptisch sind, da man auf den ersten Blick denken könnte, dass die Frauen „Ja“ sagen würden.

Es ist klar, dass solche Bewegungen keine Lösung jedes Problems bringen können. Wir sollten es eher als eine Art von Anfang betrachten; nämlich einen Anfang, mit dem die Frauen eine zusätzliche Möglichkeit erhalten. Es hat mit der Bedingung der Auswahl zu tun, wenn und ob etwas passieren würde, die Gelegenheit zu nutzen, Mutter zu werden. Es ist nicht eine utilitaristische Bedingung: Thema ist auf gar keinen Fall, dass die Frauen ihre Weiblichkeit vergessen oder nur an die Arbeit denken oder die Geburt als etwas Unwichtiges beurteilen.

Wir sollten die Frage des Social Freezing auch nicht von einer autoritären feministischen Perspektive betrachten – obwohl die Feministinnen wahrscheinlich dagegen sprechen würden. Wir sollten sie stärker getrennt vom Begriff des Geschlechts sehen – ohne sie natürlich aus den Augen zu verlieren – und diese Diskussion nicht ausschließlich auf den Bereich des Geschlechts beschränken. Ich vermute, dass sie mehr mit der Herausforderung zu tun hat, die traditionelle Stabilität oder Sicherheit in Frage zu stellen, und sie als „Gefahr“ zu bezeichnen.

Beginnen wir mit unseren Überlegungen, ohne die Bestrebungen der Industrie als Hindernis in die Diskussion einzubeziehen. Es ist gewiss ein gängiger Topos, dass die Firmen davon profitieren werden. Klar, es geht nicht um Altruismus. Natürlich werden Facebook und Apple nicht nur für kinderlose, weibliche Fachkräfte Vorteile bieten; beide Unternehmen werden durch das Social Freezing auch versuchen sicherzustellen, dass weniger Mitarbeiterinnen im fruchtbaren Alter schwanger werden und so als Arbeitskräfte ausfallen. Wir müssen schon nachfragen, welche Risiken der Einsatz von Social Freezing durch oligopolistische Unternehmen bringen würde; aber obwohl die Zweifel an der Industrie eindeutig von großer Bedeutung sind, sollen sie nicht auf einer Pseudo-Argumentation gegründet werden, aus der alles Mögliche abgeleitet werden kann. Es kommt oft vor, dass emanzipatorische neue Technologien oder Bewegungen erstmals von den Unternehmen herausgebracht werden. Wieso betrachten wir nicht das Ganze so, als ob die Firmen sogar der „Moral“ dienen würden und wissenschaftliche Interessen verfolgen? Wäre es besser, wenn diese Bewegungen vom Staat ausgingen?

Philosophisch betrachtet geht es um die reproduktive Autonomie. In diesem Zusammenhang wird sich erweisen, dass die Lehre der reproduktiven Autonomie für solche Streitfälle eine Lösung zu bieten vermag. Frauen besitzen sie unabhängig davon, dass sie ihre Eizellen einfrieren lassen – aus beruflichen Gründen oder weil der richtige Mann fehlt, um Kinder zu bekommen –, als Menschenwürde, obwohl sowohl Wissenschaft als auch Technik der Macht der Menschenwürde eine andere Bedeutung geben. Es ist ein Prinzip – die reproduktive Autonomie –, das nicht nur das Verhältnis zwischen Stadt und Individuum, sondern auch das Verhältnis der Individuen untereinander reguliert. Zur Idee der reproduktiven Autonomie gehört auch die Fähigkeit der Frauen zu entscheiden, ob sie später Mutter werden wollen, worin ein hohes Risiko liegt, weil zum einen solche Prozeduren nicht immer erfolgreich und überdies keine einfache Methode sind, zum anderen die Frauen ab einem bestimmten Alter größere Probleme haben, Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen. Mit der Voraussetzung, die Frauen als vernünftige Wesen zu erkennen und dass sie sich informieren lassen, müssen wir zwei Prinzipien in Erwägung ziehen: a) das Prinzip gleicher Bedeutsamkeit und b) das Prinzip besonderer Verantwortung, die bedeutet, dass die Frauen für ihr Leben Verantwortung tragen und das Recht haben, fundamentale Entscheidungen darüber zu treffen, ihr Leben so zu führen, wie sie es sich selbst vorgestellt haben[i].

Auf diese Weise sollen solche Themen nicht nur von einer bioethischen Perspektive aus, sondern auch als biopolitische Fragen betrachtet werden.

Dr. Dora Papadopoulou ist Fellow am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover.

(c) Dora Papadopoulou


[i]R. Dworkin:„Playing God: Genes, Clones and Luck”, in ders.:Sovereign Virtue. The Theory and Practice of Equality, Cambridge 2000, S. 427-452.