Schwerpunktbeitrag: Nachhaltigkeit, aufgelöst in Gerechtigkeit

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Anton Leist

Wenn wir von „Nachhaltigkeit“ ganz allgemein sprechen, meinen wir dann mehr und anderes, als wenn wir von Gerechtigkeit zwischen den Generationen sprechen?

„Nachhaltige Entwicklung“ sei, so die bekannte Definition der Brundtland-Kommission von 1987, eine Entwicklung, bei der die gegenwärtigen Generationen ihre Bedürfnisse erfüllen, ohne die Chancen der zukünftigen Generationen zu verringern, die ihrigen zu befriedigen. Damit legt die Definition eine intergenerationelle Bedingung fest. Warum spricht sie aber nicht einfach nur von „Nachhaltigkeit“, oder beispielsweise von „nachhaltigem Wohlstand“? Einmal deshalb, weil mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“ die Forderung nach Konstanz oder gar Wachstum des Wohlstandsniveaus unter der Bedingung von knapper werdenden natürlichen Ressourcen betont werden soll. Zum anderen deshalb, weil der Begriff „Entwicklung“ die Hoffnung signalisiert, dass sich das Wohlstandsniveau in den schlechter bestellten Ländern steigern lässt. Die Definition spricht also nicht nur direkt ein in die Zukunft hineingreifendes intergenerationelles, sondern indirekt auch ein auf die Gegenwart bezogenes Verhältnis zwischen reichen und armen Ländern an. Weiterlesen

InDebate: Politische Beleidigungen und andere Arkana

Andreas Mix

Andreas Mix

In der öffentlichen Debatte um die Causa Erdogan gegen Böhmermann ist viel davon die Rede, dass ‚Satire alles dürfe‘. Das Tucholsky-Zitat dient hierbei der Solidarisierung der deutschen Öffentlichkeit mit einem durch den übermächtigen türkischen Staatspräsidenten bedrängten Grimme-Preisträger und ist in diesem Kontext sicher richtig. Was jedoch bedeutet der Satz ‚Satire darf alles‘ praktisch? Ist gemeint, dass wir als Publikum ein Recht auf Transparenz dahingehend haben, dass wir auch eindeutig beleidigende Inhalte als Satire geschützt ansehen können (transparent verfügbar halten, d.h. es kein Recht auf Unterlassung gibt), wenn die Beleidigung nur durch die Konstruktion einer Meta-Ebene angekündigt war? Nachdem inhaltlich schon von allen alles dazu gesagt wurde, fallen an diesem angenommenen ‚Recht auf Transparenz‘ (allein von Beleidigungen oder wäre auch Volksverhetzung okay, wenn sie nur als Satire angekündigt würde?) aus Sicht der politikwissenschaftlichen Geheimnisforschung einige Aspekte auf, die in Teilen so charakteristisch für die Gegenwart erscheinen, dass sie im Folgenden kurz dargestellt werden sollen. Insbesondere wird zu fragen sein, ob die Forderung nach Transparenz an sich eine politische Haltung darstellt oder ob Transparenz ein ambivalentes Prinzip ist, dessen emanzipatorisches Potential davon abhängt, in welchem Kontext seine Realisation gefordert wird. Weiterlesen

InDebate: ‚Lügenpresse‘: zum Anspruch auf Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Die Pose der Wahrheit als Instrument der Meinung

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Agnes Wankmüller

Die Partei Alternative für Deutschland (AfD) und die Proteste der Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) in Dresden sind seit 2013 bzw. 2014 eine Erscheinung in Deutschland, über die seitens der etablierten Politik Ratlosigkeit herrscht. Dies hat nicht nur damit zu tun, dass sie die Einwanderung von Muslimen und Muslimas problematisieren, sondern ebenfalls mit der Haltung und dem Selbstanspruch, die seitens AfD und Pegida in Bezug zum politischen und medialen Establishment evoziert werden: man sieht sich als exklusive Vertreter der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit. Weiterlesen

Pro und contra: Kann man die Umwelt als politisches Subjekt denken?

Janicka_Iwona - Pendant

Contra: Kotti Everdene

Kann man die Umwelt als politisches Subjekt denken? Ich denke nicht. Mit dieser Einschätzung reagiere ich direkt auf die neuste Tendenz neomaterialistischer Philosophie und deren Implikationen für praktisch orientierte Individuen. Vor allem Forscher*innen, die sich posthumanistischer und neomaterialistischer Philosophie verschrieben haben, versuchen im Moment, den Begriff der Politik neu zu denken, indem sie sich auf Denker wie Gilles Deleuze, Felix Guattari, Henri Bergson, Maurice Merleau-Ponty, Friedrich Nietzsche oder Jakob von Uexküll beziehen. Sie wollen das Denken über Politik auf einer anderen Sprache und einem anderen Denkbild fußen und nehmen an, dass diese Neukonzeptualisierung direkt zu einer anderen politischen Praxis führt. Wie interessant und wertvoll diese Beiträge auch sein mögen, zur Debatte steht, ob es wirklich Politik ist, über die diese gegenwärtigen materialistischen Philosoph*innen nachdenken. Weiterlesen