InDebate: Derrida, Gastfreundschaft und die AfD

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Marcel Vondermaßen

Der Wahlerfolg der AfD in Deutschland und anderer populistischer Parteien in ganz Europa beunruhigt die politische Landschaft. Kann die Philosophie etwas zur Diskussion dieser aktuellen politischen Entwicklungen beitragen? Sie kann es[1] und, ja, sie sollte es. Insbesondere, da in der derzeitigen politischen Auseinandersetzung fast immer auf Werte und Normen Bezug genommen wird.

Die These des folgenden Beitrages lautet: „Der Begriff der ‚Gastfreundschaft‘ von Jacques Derrida ist dazu geeignet, einen neuen Blick auf die Ängste und Emotionen zu werfen, die als Grundlage für den Erfolg der AfD und ähnlicher Parteien gesehen werden.“ Der Beitrag bietet überdies Argumente für einen Lösungsansatz, der sich nicht im „Ernstnehmen der besorgten Bürger*innen“ erschöpft. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Pluralität, Indifferenz und Toleranz

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Gerald Hartung

Ohne Zweifel ist heute eine sehr viel größere Anzahl von Überzeugungen möglich als ehemals; möglich, das heißt erlaubt, das heißt unschädlich. Daraus entsteht die Toleranz gegen sich selbst (Friedrich Nietzsche)

Nach Nietzsches Ansicht ist Toleranz gegen sich selbst nur um den Preis des Verlusts von Überzeugungen – anders gesagt: einer Haltung der Indifferenz in Bezug auf die Selbstdeutung des eigenen Lebens – möglich. Sie ist ein Symptom unserer modernen Kultur, der die Geschichtlichkeit der Lebenssituationen, die Variabilität der Überzeugungen, die Ablösung der Wahrheitsfrage durch das Wahrscheinlichkeitskalkül, mithin der Verlust von Selbst-Gewissheit eingeschrieben ist. Wer sich seiner selbst nicht gewiss ist, dem fehlt auch Gewissheit und Verlässlichkeit im Umgang mit Anderen. Die Außenseite der Indifferenz ist folglich die Gleichgültigkeit gegenüber Anderen. Weiterlesen

Philosophie inDebate: Am Abgrund: Plädoyer für eine maßvolle Politik im Streit zwischen Griechenland und der EU

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Dora Papadopoulou

Seit Ende Januar 2015 hat Griechenland eine neue Regierung. Diese Regierung besteht bekanntlich aus einer Koalition zwischen der linken Partei Syriza mit 149 Abgeordneten und der rechtspopulistischen Partei „Die Unabhängigen Griechen“ mit 13 Abgeordneten. Beide Parteien sehen ihre Zusammenarbeit durch die Wahl legitimiert und versuchen, linke und rechte Politik miteinander zu verbinden. Seitdem haben beide ein gemeinsames Ziel vor Augen haben, nämlich Griechenland vor den Feinden zu retten. Blicken wir auf diese Regierung, so geht es nicht nur um eine linke Regierung oder von einem Regime ohne Zusammenhang, sondern es geht eher um eine Regierung, auch nicht um eine Regierung ohne Konzept, sondern um eine Regierung, auf die viele Menschen große Hoffnungen gesetzt haben. Die Bürger/innen erwarten eine neue Zukunft. Diese Regierung repräsentiert viele verschiedene Menschen: diejenigen, die an etwas Neues glauben wollen, jene, die keine andere politische Partei mehr für vertrauenswürdig halten, aber auch diejenigen, die sich an einem streng utilitaristischen Nutzenkalkül orientieren. Mit dieser Gemengelage umzugehen – das war und ist die Aufgabe der Regierung. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Anerkennung und Toleranz

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Rainer Forst

Toleranz sollte nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.

Johann Wolfgang Goethe, Maximen und Reflexionen

Goethes Diktum ist paradigmatisch für eine gängige Kritik des Begriffs der Toleranz: Im Tolerieren, dem Dulden des Anderen, stecke eine Geringschätzung seiner; Toleranz sei eine strategische, herablassende (Kant spricht vom „hoch­müthi­gen Namen der Toleranz“) oder gar (wie Marcuse meinte) repressive Haltung, in der der Andere nicht wirklich, nicht im eigentlichen Sinne anerkannt werde. Weiterlesen