InDebate: „Sehnsuchtsort Europa“ – am Ende der Großen Erzählungen? Laudatio auf Albrecht Koschorke

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Birgit Recki

Sehnsuchtsort Europa. Wenn ich nach einem gelungenen Beispiel für eine der schönen Tugenden aus dem vielstimmigen und dabei doch überwiegend einvernehmlichen europäischen Tugend-Kanon suche: für unprätentiöses Auftreten, für die Maxime Mehr sein als scheinen, für Understatement, oder altmodisch gesagt: für Bescheidenheit — dann kann ich seit kurzem auf das Buch unseres diesjährigen Buchpreisträgers Albrecht Koschorke verweisen. Dem Titel (Hegel und wir. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2013, Berlin 2015) ist beim besten Willen nicht zu entnehmen, welche großen (und nicht nur für die Frage nach dem Sehnsuchtsort Europa einschlägigen) Fragen darin ausgetragen werden. Es geht tatsächlich um Europa als ein von Sinn getragenes Ganzes, es geht um den prekären Status eines europäischen Selbstverständnisses, und dabei vor allem um das Potential von Theorien, durch grundlegende konzeptuelle Entwürfe ein solches Selbstverständnis, das gemeinsame Verständnis einer europäischen Identität, zu vermitteln. Albrecht Koschorke geht von der Einsicht aus, dass ein Bewusstsein von politischer und kultureller Identität nicht schon aus der direkten gesellschaftlichen Praxis, ja noch nicht einmal aus den programmatischen und ideologischen Erklärungen der tagespolitischen Auseinandersetzung entspringt, sondern auf große historische, gesellschaftstheoretische, philosophische Systementwürfe angewiesen ist, die mit der begrifflichen Welterklärung immer zugleich Sinn stiften, Sinn als das Element der Reflexion auf das Ganze, als dessen Teil sich der Erkennende begreifen können muss, um sich in der Welt orientieren und in konstruktiver Bereitschaft zur Partizipation seinen Platz in ihr ausfüllen zu können. Weiterlesen