Schwerpunktbeitrag: Lob des ‚dummen Huhnes‘ oder: Depression und Gesellschaft. Eine philosophische Polemik im Anschluss an Friedrich Nietzsche und Wilhelm Genazino

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Eike Brock

„When the day is through / all I want to do / is slow down.“
(Ignite: Slow Down, Our Darkest Days)

I. Von letzten und von deprimierten Menschen

Nach dem Tod Gottes, d. h. nach dem Wegfall derjenigen Instanz, die so lange Zeit die Funktion eines Sinnstifters und -garanten in unserer Welt des unablässigen Werdens und Vergehens ausfüllte, ist ein Sinnvakuum entstanden. Soll das Nichts infolgedessen nicht wie in Michael Endes Unendlicher Geschichte nach allen Richtungen um sich greifen und dabei einen alles verschlingenden Sog erzeugen, dann muss die entstandene Leerstelle irgendwie gefüllt werden. Ein neuer Sinn muss her, denn so paradox es auch klingen mag: Das Nichts wächst fortwährend. Sinnverlust und Sinnsuche: Damit ist ein Themenkomplex berührt, der beinahe zwangsläufig einen der wichtigsten Philosophen der Moderne auf den Plan ruft. Die Rede ist von Friedrich Nietzsche, dem Durchdenker des Nihilismus. Mag sich Nietzsches philosophisch-literarische Figur Zarathustra auch noch so rätselhaft ausdrücken[1] – sie sieht doch ungemein klar. Nicht nur ist sich Zarathustra der Gefahr bewusst, die ein prosperierendes Nichts bedeutet, er hat auch eine konkrete Vorstellung davon, wie sich ihr begegnen lässt: Der neue Sinn der Erde soll der Übermensch sein. Indessen stößt Zarathustra bei dem Versuch, seiner Lehre vom Übermenschen auf einem dicht bevölkerten Marktplatz Gehör zu verschaffen, auf taube Ohren. Also verändert er seine Taktik. Weiterlesen

Philosophy and the Web: Philosophie to go?

“Heutzutage ist ja alles Bio, sogar die Macht”. Dieses Bonmot verdanke ich FIPH-Fellow Dr. Eike Brock, der diese Feststellung in einem Gespräch über den Bio-Trend und die Konjunktur postmoderner Philosophie traf. Kulturkritiker*innen, die sich an den Schriften von Byung-Chul Han oder an den Befunden von Hartmut Rosa orientieren, könnten darauf verweisen, dass heutzutage eher alles „to go“ ist. Angefangen bei den Nahrungsmitteln. Denn neben Kaffee gibt es freilich auch Brötchen, Pizza, Pommes Frites und jede Menge anderes Fast Food zum Mitnehmen. Freilich ist in diesem Bereich auch an das LOHASSegment auf dem Markt gedacht. Der Comedian Rainald Grebe beschreibt dies in seinem Song „Karoshi“, der ein wenig wie der Soundtrack zu Hartmut Rosas Beschleunigungsthese klingt: „Es gibt jetzt Suppe-to-go, Suppe-to-go, so’ne Minestrone auf die Hand, das brauch ich“. Weiterlesen

InDebate: Die Gegenwart als kulturloser Raum. Trifft Mario Vargas Llosas La civilización del espectáculo einen wunden Punkt?

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3APerplexity.png

Eike Brock

Mario Vargas LLosa, seines Zeichens Literaturnobelpreisträger von 2010, hat jüngst ein zugleich zähnefletschendes und schwanzeinziehendes (mithin ein attackierendes und resignierendes bzw. ein kulturkritisches und kulturpessimistisches [1]) Buch vorgelegt, darin er eine Generalabrechnung mit der heutigen Kultur vornimmt – bzw. mit dem, was derzeit unter dem Namen ‚Kultur‘ firmiert. Weiterlesen