Schwerpunktbeitrag: Braucht Europa eine starke Erzählung?

koschorke-foto

Albrecht Koschorke

1

Die Ehrung*, die mir heute abend zuteil wird, hat mich umso mehr gefreut, als sie ganz unerwartet kam. Auch wenn das im Rahmen dieser Feier anders klingen mag, ist meine Studie Hegel und wir nämlich auf keine große Resonanz gestoßen. Und das kann ich leider gut verstehen. Denn vor allem mit dem zweiten Teil des Buches, dem Teil über ‚uns‘ in Europa, habe ich bis zum letzten Tag der Manuskriptabgabe gehadert. Ein Grund dafür liegt in zeitlichen Umständen. Das Buch ist unter dem Eindruck der sich verschärfen­den Krise Europas, vor allem im Hinblick auf den drohenden Staatsbankrott Griechenlands und die damit verbundenen Diskussionen entstanden. In die Wochen der Schlussredaktion fiel der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015. Als das Buch im Juni 2015 erschien, beherrschte der massenhafte Zustrom von Migran­ten über die Balkan­route die Gemüter. Seither gab es, in immer dichterer Folge, verheerende Terror­anschläge auch auf europäische Ziele. Die politische Eskalation innerhalb der nationalen Öffent­lichkeiten, die durch diese zeitliche Koinzidenz von Massenmigration und Terror­ begünstigt wurde, steht uns allen lebhaft vor Augen. Nicht erst der Ausgang des britischen Referen­dums im Juni 2016 macht es unabweisbar, dass die Nachkriegsordnung unseres Kontinents in ihren Grundfesten erschüttert ist. Weiterlesen

InDebate: „Sehnsuchtsort Europa“ – am Ende der Großen Erzählungen? Laudatio auf Albrecht Koschorke

recki-laudatio
Birgit Recki

Sehnsuchtsort Europa. Wenn ich nach einem gelungenen Beispiel für eine der schönen Tugenden aus dem vielstimmigen und dabei doch überwiegend einvernehmlichen europäischen Tugend-Kanon suche: für unprätentiöses Auftreten, für die Maxime Mehr sein als scheinen, für Understatement, oder altmodisch gesagt: für Bescheidenheit — dann kann ich seit kurzem auf das Buch unseres diesjährigen Buchpreisträgers Albrecht Koschorke verweisen. Dem Titel (Hegel und wir. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2013, Berlin 2015) ist beim besten Willen nicht zu entnehmen, welche großen (und nicht nur für die Frage nach dem Sehnsuchtsort Europa einschlägigen) Fragen darin ausgetragen werden. Es geht tatsächlich um Europa als ein von Sinn getragenes Ganzes, es geht um den prekären Status eines europäischen Selbstverständnisses, und dabei vor allem um das Potential von Theorien, durch grundlegende konzeptuelle Entwürfe ein solches Selbstverständnis, das gemeinsame Verständnis einer europäischen Identität, zu vermitteln. Albrecht Koschorke geht von der Einsicht aus, dass ein Bewusstsein von politischer und kultureller Identität nicht schon aus der direkten gesellschaftlichen Praxis, ja noch nicht einmal aus den programmatischen und ideologischen Erklärungen der tagespolitischen Auseinandersetzung entspringt, sondern auf große historische, gesellschaftstheoretische, philosophische Systementwürfe angewiesen ist, die mit der begrifflichen Welterklärung immer zugleich Sinn stiften, Sinn als das Element der Reflexion auf das Ganze, als dessen Teil sich der Erkennende begreifen können muss, um sich in der Welt orientieren und in konstruktiver Bereitschaft zur Partizipation seinen Platz in ihr ausfüllen zu können. Weiterlesen

InDebate: Wieviel Hoffnung gibt Geschichte? Anmerkungen zu einem neuen Ansatz der Geschichtsphilosophie

Volker Drell

Volker Drell

Geschichte ist im öffentlichen Diskurs des Jahres 2014 kaum zu übersehen. Historiker sind viel gefragte Experten, die – auch für Details – eine Aufmerksamkeit finden. In Fachwissenschaft, Politik und Feuilleton werden historische Erklärungen und Analogien mit beachtlicher Intensität zum aktuellen Weltgeschehen angeboten und kritisch abgewogen. Zuweilen vertiefen sich die Ausführungen ins Grundsätzliche, beispielsweise beim Thema der politischen Freiheit: mal wird sie als Resultat einer besonderen historischen Entwicklung des Westens herausgestellt (Winkler), mal als absoluter Wert im geschichtlichen Prozess betont, für den der persönliche Einsatz immer richtig ist (Gauck). Gerade diese weitgehenderen Ausführungen offenbaren die Bezugspunkte zur Geschichtsphilosophie, in der die Erkenntnisinteressen Sinnstiftung, Orientierung und normative Selbstvergewisserung einen prominenten Rang haben. Allerdings scheint der philosophische Beitrag zu diesem Feld klar: Geschichtsphilosophie könne keine substantiellen Aussagen mehr über den Gang der Geschichte treffen, da ihre prinzipielle Offenheit und die zunehmende Verfeinerung des historischen Wissens solche allgemeinen Aussagen völlig unplausibel erscheinen lassen. Weiterlesen

InDebate: Geschichte

Walter Benjamin Quelle: Wikimedia Commons, Autor: Jordi coll costa

Walter Benjamin Quelle: Wikimedia Commons, Autor: Jordi coll costa

Da unsere Blogger*innen Urlaub machen, starten wird in der Rubrik „Indebate“ mit neuen Beiträgen erst wieder Anfang September. In der Zwischenzeit würden wir uns freuen, wenn Ihr an dieser Stelle Eure Lieblings-Zitate zu den jeweiligen Themen postet. Einfach in den Kommentar schreiben und abschicken.

Das Thema diese Woche ist “Geschichte”. Unser Zitat hierzu stammt von Walter Benjamin:

„Das Staunen darüber, daß die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert noch möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis, es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.“

Quelle: Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, VIII. These. In: Walter Benjamin: Erzählen.Schriften zur Theorie der Narration und zur literarischen Prosa. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2007, S.133