Schwerpunktbeitrag: Afrikanische Moderne und die Möglichkeit(en), Mensch zu sein

Elísio Macamo

Gibt es eine afrikanische Form der Moderne? Ich möchte in diesem Beitrag die These vertreten, dass die Suche nach einer solchen Form bei der Erfahrung ansetzen muss, die Afrikaner mit der europäischen Moderne gemacht haben. Der Begriff der Moderne steht für eine Welterklärung, die ihre Wurzeln in einer bestimmten historischen Erzählung hat. Diese geht von einem tiefen Einschnitt in der historischen Erfahrung aus, der sich in der europäischen Renaissance ereignete und eine neue Zeit einläutete. Diese neue Zeit ging aus der Auseinandersetzung zwischen vernunftgeleiteten Individuen und ihrer Gegenwart hervor. Individuen bedienten sich der Wissenschaft, um die Natur zu beherrschen, und wandten sich einer aufgeklärten Philosophie zu, um die moralischen Werte ausfindig zu machen, die dem Bedürfnis nach Wohlstand und Fortschritt als Grundlage dienen könnten. Wissen wurde zu einer Mutprobe, die – wie Kant mit seinem Wahlspruch zur Aufklärung „Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ verdeutlichte – die Individuen (selbst-)bewusst eingingen. Getrieben wurden sie von Erfahrungen der Industrialisierung, die, um es mit den prägnanten Worten des Kommunistischen Manifests zu sagen, alles Ständische und Stehende verdampfen ließ und alles Heilige entweihen würde. Diese europäischen Entwicklungen wurden als Maßstab betrachtet, mit dem die Entfernung gemessen werden könne, die andere Weltteile von Europa trenne. Weiterlesen

InDebate: Wer bin ich zwischen den Kulturen? Kulturelle Neurowissenschaft und neue Fragen an das Selbst

Liya Yu

Liya Yu

Ich stehe an der gusseisernen Universitätspforte der Columbia Universität und blicke ein letztes Mal zurück auf den schneebedeckten Campus bevor ich die Treppen zur Subway Station hinuntersteige. Heute war wieder ein Tag, an dem ich mich nicht fragen musste, wer ich bin. In den Seminarräumen, der Bibliothek, der Kantine und den verwinkelten Korridoren der Vorkriegsgebäude des Morningside Campuses wird mein britisches Englisch mit deutschem Akzent und meine gar nicht dazu passende chinesische Erscheinung nicht kommentiert, eher, mit unerschütterlicher New Yorker Gleichgültigkeit und leichter Ungeduld übersehen um sofort auf das Wesentliche zu kommen: meinen Kommentar zum Seminartext, die überfälligen Leihgebühren, meine Unterschrift für die Rechnung des Earl Grey Tees. Ein guter Tag für mich, so konnte ich mich ebenfalls auf das Wesentliche konzentrieren und ich selbst sein. Weiterlesen