Pro und contra: Folgt Macht einer einheitlichen Richtung?

(c) Agnes Wankmüller

(c) Agnes Wankmüller

Pro: Antonio Gramsci

Macht als Hegemonie erfährt ihre Richtung durch die führende, herrschende Gruppe einer Gesellschaft

„Vorläufig lassen sich zwei große superstrukturelle ‚Ebenen‘ festlegen – diejenige, die man die Ebene der ‚Zivilgesellschaft‘ nennen kann, d.h. des Ensembles der gemeinhin ‚privat‘ genannten Organismen, und diejenige der ‚politischen Gesellschaft oder des Staates‘ – die der Funktion der ‚Hegemonie‘, welche die herrschende Gruppe in der gesamten Gesellschaft ausübt, und der Funktion der ‚direkten Herrschaft‘ oder des Kommandos, die sich im Staat und in der ‚formellen‘ Regierung ausdrückt, entsprechen. Diese Funktionen sind eben organisierend und verbindend. Die Intellektuellen sind die ‚Gehilfen‘ der herrschenden Gruppe bei der Ausübung der subalternen Funktionen der gesellschaftlichen Hegemonie und der politischen Regierung, nämlich: 1. des ‚spontanen‘ Konsenses, den die großen Massen der Bevölkerung der von der herrschenden grundlegenden Gruppe geprägten Ausrichtung des gesellschaftlichen Lebens geben, eines Konsenses, der ‚historisch‘ aus dem Prestige (und folglich aus dem Vertrauen) hervorgeht, das der herrschenden Gruppe aus ihrer Stellung und ihrer Funktion in der Welt der Produktion erwächst; 2. des staatlichen Zwangsapparats, der ‚legal‘ die Disziplin derjenigen Gruppen gewährleistet, die weder aktiv noch passiv ‚zustimmen‘, der aber für die gesamte Gesellschaft in der Voraussicht von Krisenmomenten im Kommando und in der Führung, in denen der spontane Konsens schwindet, eingerichtet ist.“[1] Weiterlesen

InDebate: Genealogien als Methoden der Sozialwissenschaften?

Beispiel für eine historische Genealogie Bild: Ahnenreihe Jesu im Limburger Dom. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ahnenreihe_Jesu_im_Limburger_Dom.jpg Autor: SteveK http://commons.wikimedia.org/wiki/User:SteveK

Beispiel für eine historische Genealogie Bild: Ahnenreihe Jesu im Limburger Dom. Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ahnenreihe_Jesu_im_Limburger_Dom.jpg
Autor: SteveK http://commons.wikimedia.org/wiki/User:SteveK

Dominik Hammer

Nicht nur in den Geschichtswissenschaften oder in der Biologie, auch in den Sozialwissenschaften begegnet die aufmerksame Leserin/der aufmerksame Leser immer wieder der Textform der Genealogie. Es seien einige willkürliche Beispiele genannt. Cornel Wests Buch „The American Evasion of Philosophy“ ist, wie der Untertitel verrät, eine „Genealogy of Pragmatism“. Die Politikwissenschaftlerin Nadia Urbinate lieferte in ihrem Buch „Representative Democracy. Principles and Genealogy“ unter anderem eine Genealogie der repräsentativen Demokratie. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Lob des ‚dummen Huhnes‘ oder: Depression und Gesellschaft. Eine philosophische Polemik im Anschluss an Friedrich Nietzsche und Wilhelm Genazino

Foto Brock

Eike Brock

„When the day is through / all I want to do / is slow down.“
(Ignite: Slow Down, Our Darkest Days)

I. Von letzten und von deprimierten Menschen

Nach dem Tod Gottes, d. h. nach dem Wegfall derjenigen Instanz, die so lange Zeit die Funktion eines Sinnstifters und -garanten in unserer Welt des unablässigen Werdens und Vergehens ausfüllte, ist ein Sinnvakuum entstanden. Soll das Nichts infolgedessen nicht wie in Michael Endes Unendlicher Geschichte nach allen Richtungen um sich greifen und dabei einen alles verschlingenden Sog erzeugen, dann muss die entstandene Leerstelle irgendwie gefüllt werden. Ein neuer Sinn muss her, denn so paradox es auch klingen mag: Das Nichts wächst fortwährend. Sinnverlust und Sinnsuche: Damit ist ein Themenkomplex berührt, der beinahe zwangsläufig einen der wichtigsten Philosophen der Moderne auf den Plan ruft. Die Rede ist von Friedrich Nietzsche, dem Durchdenker des Nihilismus. Mag sich Nietzsches philosophisch-literarische Figur Zarathustra auch noch so rätselhaft ausdrücken[1] – sie sieht doch ungemein klar. Nicht nur ist sich Zarathustra der Gefahr bewusst, die ein prosperierendes Nichts bedeutet, er hat auch eine konkrete Vorstellung davon, wie sich ihr begegnen lässt: Der neue Sinn der Erde soll der Übermensch sein. Indessen stößt Zarathustra bei dem Versuch, seiner Lehre vom Übermenschen auf einem dicht bevölkerten Marktplatz Gehör zu verschaffen, auf taube Ohren. Also verändert er seine Taktik. Weiterlesen