InDebate: Ein Plädoyer für eine nicht-anthropozentrische Philosophie

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Iwona Janicka

In den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren ist eine bedeutsame Verschiebung in der Philosophie zu beobachten, in der unsere Beziehung zur Außenwelt radikal überdacht wird. Ein neuer Begriff „Neo-Materialismus“ oder „Neuer Materialismus“ wurde ins Leben gerufen, um diese philosophische Verschiebung in Richtung Materie oder so genannten „non-humans“ (der Umwelt, der Tiere, der Pflanzen, der Technologie, der künstlichen Intelligenz, der Maschinen) zu bezeichnen. Philosophen und Geisteswissenschaftler wie zum Beispiel Donna Haraway, Manuel De Landa, Karen Barad, Rosi Bradotti, Jane Bennett, Bill Brown, Bruno Latour sind einige der wichtigsten Denker, die die zentrale Stellung menschlicher Wesen in der Philosophie des Abendlandes problematisieren. Warum ist diese Problematisierung wichtig und warum findet sie jetzt statt? Weiterlesen

InDebate: Besitzt unsere Gesellschaft noch „Sinn für Abenteuer“?

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Tim Grafe

Blickt man auf die gegenwärtige politische und gesellschaftliche Entwicklung in Europa, so zeigen sich zweifellos besorgniserregende Tendenzen. Rechtspopulistische und rechtsradikale Bewegungen erhalten immer mehr Zulauf, in Staaten wie Polen und Ungarn verwandelt sich die Demokratie schleichend in ein autoritäres System. Als Legitimationsgrund für solche Transformationsprozesse dient dabei immer wieder das Heraufbeschwören einer grundsätzlichen Gefahr für „unsere“ Zivilisation, ohne dass wirklich klar wird, wie sich Letztere eigentlich bestimmen lässt. Weiterlesen

InDebate: Hat Meinungsfreiheit Grenzen?

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Martin Breul

Ein altes Phänomen ist in den letzten Jahren durch die sozialen Netzwerke und die digitalen Medien in einer potenzierten Neuauflage zu beobachten: Fremdenfeindliche Personen, die ja inzwischen nicht mehr eindeutig äußerlich durch Springerstiefel und Glatze zu erkennen sind, beleidigen, diffamieren und hetzen online oder auf einschlägigen Demos gegen Flüchtlinge, Muslime, Juden, Schwule, und alle anderen, die als Sündenböcke herhalten müssen. Dieses Phänomen ist nicht nur eine neue Qualität des Fremdenhasses als Massenerscheinung, sondern zugleich auch eine Art Testfall für liberale Demokratien: Die Facebook-Hetzer und Twitter-Rechten fühlen sich ja gerade deshalb gerechtfertigt, ihre Hassbotschaften ungefiltert in die (digitale) Welt hinauszuposaunen, weil sie sich auf das Menschenrecht der Meinungsfreiheit berufen. Dabei stellt sich automatisch die Frage: Hat Meinungsfreiheit eigentlich Grenzen? Ist jede noch so menschenverachtende Ideologie im Sinne der Meinungsfreiheit von allen anderen zu ertragen, oder können Leitplanken ersonnen werden, bei deren Überschreiten Meinungen nicht länger als legitimer Ausdruck bürgerlicher Freiheiten toleriert werden müssen? Weiterlesen

InDebate: Kunst – Warum es zur Philosophischen Praxis kein Lehrbuch gibt

Polednitschek

Thomas Polednitschek

Man kann Philosophie nicht lernen wie Physik.
(Michael Hampe)

Philosophische Praxis ist das, was sich zeigt. In der Tätigkeit eines Praktikers zeigt sich, was Philosophische Praxis ist. Darum stimmt für Philosophische Praxis Wittgensteins Satz aus seinem Tractatus: Die Philosophie ist keine Lehre, sondern eine Tätigkeit. (4.112)[1] Weil aber Philosophische Praxis eine Tätigkeit und keine Lehre ist, kann es von ihr auch kein Lehrbuch geben. Lehrbücher gibt es da, wo ein Sachverhalt der Gegenstand eines Lehrbuches ist, z. B. die Persönlichkeitsstörungen von Psychotherapie-Klienten. Die Wissenschaften haben es mit Sachverhalten zu tun, die Gegenstand eines Lehrbuches sind. Von Philosophischer Praxis kann es kein Lehrbuch geben, weil Philosophische Praxis kein Sachverhalt ist, der Gegenstand eines Lehrbuches werden kann. Von Deleuze und Guattari kann dieser Unterschied zwischen Philosophischer Praxis und Wissenschaft aus ihrem Buch: Was ist Philosophie? gelernt werden. Die Wissenschaft hat es mit einem Sachverhalt zu tun, auf den man sich refentiell beziehen kann[2] (sic!). Philosophische Praxis ist dagegen nichts, worauf Bezug genommen werden könnte, weil sie sich allein in der Tätigkeit eines Praktikers zeigt. Diese Tätigkeit macht Philosophische Praxis zu dem Medium des Praktischwerdens von Vernunft als Freiheit. Ich könnte auch sagen: Philosophischer Praktiker ist, wer den Nektar der philosophischen Tradition in Honig für seine Gäste verwandelt.

Philosophische Praxis kennt keine Lehrbücher, sie kennt aber sehr wohl Lehrer. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Der globale Konstitutionalismus

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In der neueren verfassungstheoretischen Literatur hat sich die Auffassung verfestigt, dass der Konstitutionalismus einem umfassenden Wandel unterliegt. Gemeint ist der Wandel vom klassischen Konstitutionalismus zum globalen Konstitutionalismus, der auch jenseits und oberhalb des Nationalstaats eine sinnstiftende Rechtsordnung erkennt. Bei der Beurteilung dieses Wandels spaltet sich die Forschung in zwei Grundauffassungen: Für die einen verliert der Konstitutionalismus seinen (tradierten) Sinn als Lehre der Verfassung als Grundordnung des Staates. Er verkommt zur leeren Phrase. Es ist sogar vom „Ende“[1] oder vom „Zwielicht des Konstitutionalismus“[2] die Rede. Die anderen begrüßen die Globalisierung des Konstitutionalismus als längst überfällig und bitter notwendig. Überfällig, weil der überkommene Konstitutionalismus der Praxis der internationalen, europäischen, aber auch nationalen Gerichtsbarkeit nicht mehr entspricht. Notwendig, weil er „das Bewusstsein für die kognitiven Schranken des nationalen Parochialismus“ fördert[3] Demnach werden globale Verrechtlichungsprozesse unzureichend analysiert, wenn sie nach wie vor durch die Brille des Nationalstaates wahrgenommen werden. Weiterlesen

InDebate: Die Unparteiischen in der Parteiendemokratie. Das Verfassungsgericht als Hüter der Legitimität?

Hüter der Legitimität? Das Bundesverfassungsgericht bei einer Urteilsverkündung. Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F065074-0023 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA, via commons.wikimedia.org

Hüter der Legitimität? Das Bundesverfassungsgericht bei einer Urteilsverkündung. Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F065074-0023 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA, via commons.wikimedia.org

Dominik Hammer

Ein richtiger Dauerbrenner in Diskussionen um politische Kultur, Kirche und Staat, Demokratie und ihr Wesen sowie vordemokratische Grundlagen ist das sogenannte Böckenförde-Paradoxon, manchmal auch Böckenförde-Diktum genannt. Dieses besagt: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ (Böckenförde 2006, S. 112) Selten wird auch der zweite, zu diesem Diktum gehörende Satz hinzugefügt, nämlich: „Das ist das Wagnis, das er um der Freiheit Willen eingegangen ist“ (ebenda). Eine Ausnahme bildet ein kürzlich in der FAZ erschienener Artikel. Meist jedoch konzentriert man sich auf den ersten Teil des Paradoxons und die damit im Hinblick auf das Wesen der Demokratie getätigten Grundannahmen. Weiterlesen

InDebate: Weltanschauliche Konflikte

 

Oliver Wendell Holmes Jr. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AOliver_Wendell_Holmes_Jr_c1924.jpg

Oliver Wendell Holmes Jr. Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AOliver_Wendell_Holmes_Jr_c1924.jpg

Da unsere Blogger*innen Urlaub machen, starten wird in der Rubrik „InDebate“ mit neuen Beiträgen erst wieder Ende August. In der Zwischenzeit würden wir uns freuen, wenn Ihr an dieser Stelle in die Diskussion zu den jeweiligen Themen einsteigt. Als Ausgangspunkt der Diskussion stellen wir ein kontroverses Zitat zur Debatte.

Das Thema der nächsten beiden Wochen sind weltanschauliche Konflikte. Weiterlesen

Philosophie inDebate: Am Abgrund: Plädoyer für eine maßvolle Politik im Streit zwischen Griechenland und der EU

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Dora Papadopoulou

Seit Ende Januar 2015 hat Griechenland eine neue Regierung. Diese Regierung besteht bekanntlich aus einer Koalition zwischen der linken Partei Syriza mit 149 Abgeordneten und der rechtspopulistischen Partei „Die Unabhängigen Griechen“ mit 13 Abgeordneten. Beide Parteien sehen ihre Zusammenarbeit durch die Wahl legitimiert und versuchen, linke und rechte Politik miteinander zu verbinden. Seitdem haben beide ein gemeinsames Ziel vor Augen haben, nämlich Griechenland vor den Feinden zu retten. Blicken wir auf diese Regierung, so geht es nicht nur um eine linke Regierung oder von einem Regime ohne Zusammenhang, sondern es geht eher um eine Regierung, auch nicht um eine Regierung ohne Konzept, sondern um eine Regierung, auf die viele Menschen große Hoffnungen gesetzt haben. Die Bürger/innen erwarten eine neue Zukunft. Diese Regierung repräsentiert viele verschiedene Menschen: diejenigen, die an etwas Neues glauben wollen, jene, die keine andere politische Partei mehr für vertrauenswürdig halten, aber auch diejenigen, die sich an einem streng utilitaristischen Nutzenkalkül orientieren. Mit dieser Gemengelage umzugehen – das war und ist die Aufgabe der Regierung. Weiterlesen

InDebate: The Existential Self and the Politics of Place: Environmental Racism as a Philosophical Problem

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Yoko Arisaka

When we think of the notion of the “self,” we tend to think of “it” as a thing that has internal states, physical characteristics, history, “identity,” relations, and so on. One important feature that is often overlooked is the fact that a living self is, existentially speaking, always placed. I am who I am in a particular place, which may define the language I speak, the culture I am a part of, a particular history that may define my worldview; I am and become who I am through being placed, with its features that make up my surroundings. The place of the self is also its natural environment. I live in a certain climate and environmental conditions—it might be in extreme heat or cold, or with or without clean air and water, etc. The natural environment of the earth provides the ultimate horizon within which all human beings live and survive. If we continuously live in a polluted place, our health becomes compromised. The children grow up sick. Generations suffer bad health effects. In short, our well-being is very much affected by the kind of place we live in. In this short paper I would like to start from the explication of this premise—that our being and flourishing are grounded in place—and bring our attention to a newly emerging field of study, environmental racism. Weiterlesen

InDebate: Hip-Hop Voices and the Problem of Black Experience

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Michael L. Thomas

“…there are to-day no truer exponents of the pure human spirit of the Declaration of Independence than the American Negroes; there is no true American music but the wild sweet melodies of the Negro slave…” – W.E.B. Du Bois, The Souls of Black Folk

It was 1903 when Du Bois in The Souls of Black Folk wrote that, “The problem of the twentieth century is the problem of the color line.”  At this time, African Americans had gained emancipation from slavery, suffrage, and access to education, but their promise was extinguished by the principle that people of color were ultimately “equal but separate.” For Du Bois, the continued presence of the color line produces the “strange experience” for African Americans of “being a problem.” The problem of the color line, the division of the races, replicates itself as a “vast veil” that produces “double-consciousness,” the “sense of always looking at one’s self through the eyes of others, of measuring one’s soul by the tape of a world that looks on in amused contempt and pity.” Weiterlesen