Schwerpunktbeitrag: Warum Wirtschaftsphilosophie?

Kurt Röttgers

Angesichts eklatanter Skandale, wie zur Zeit des Finanzkapitals, aber auch der „Normalität“, dass z.B. die Gehälter der Spitzenmanager im vergangenen Jahr um 20 Prozent stiegen, die des durchschnittlichen Arbeitnehmers aber mit 2 Prozent unter der Inflationsrate lagen, verlangt die Öffentlichkeit gelegentlich nach dem Beistand der Philosophie in Form einer Wirtschaftsethik. Ethik, so eine weit verbreitete Meinung, habe der Moral der Wirtschaftsführer auf die Sprünge zu helfen, damit nicht mehr Gier und Geiz die höchsten Werte seien, sondern Verantwortung und Wohlwollen. Wirtschaftsethik habe den Managern und den „Spekulanten“ die Leviten zu lesen und sie mit moralisch erhobenem Zeigefinger das Gute zu lehren; denn die Philosophie sei ja nun einmal der Hort des Guten, Wahren und Schönen und die Ethik die Lehre vom guten, moralisch richtigen und sittlich gelungenen Handeln und Leben der Menschen. Wer also wie gewisse Akteure in der Wirtschaft unmoralisch handele, müsse gewissermaßen in Ethik nachsitzen. Das kann so nicht funktionieren, und solche Erwartungen gehen an der eigentlichen Leistungsfähigkeit der Philosophie vorbei: Sie unterfordern sie, was ihre theoretische Leistungsfähigkeit betrifft, und überfordern sie hinsichtlich ihrer Fähigkeit zur Praxisbehilflichkeit.

 Ein schönes Beispiel dieser Erwartungen der Öffentlichkeit bietet der Artikel „Wirtschaftsethik“ in Wikipedia. Dort heißt es u.a. mit Bezug auf Karl Homann: „Gegenstand der Wirtschaftsethik ist die Anwendung ethischer Prinzipien auf den Bereich wirtschaftlichen Handelns. Zentrale Werte sind dabei Humanität, Solidarität und Verantwortung.“ In der bloßen Beschwörung solcher „Sonntags“- Werte wäre die Philosophie zur Wirkungslosigkeit verdammt. Denn in der Zustimmung zu diesen Werten kann ein Konsens leicht hergestellt, ja unterstellt werden. Wenn man dann noch die Einschränkung hinzufügt, dass es nicht Aufgabe der Philosophie sein könne, für die Umsetzung zu sorgen, sondern nur den Appell an die individuellen Gewissen vorzutragen, der Rest aber Aufgabe einer (im Großen und Ganzen allerdings an dieser Aufgabe versagenden) Politik der ökonomischen Rahmenordnung sei – was ja stimmt –, dann muss man als Beobachter feststellen, dass wir Philosophie in dieser Funktion als einer angewandten Wirtschaftsethik gesellschaftlich gar nicht brauchen. So ist es nicht erstaunlich, dass in dem anlässlich der sogenannten Bankenkrise zusammengerufenen Expertenrat kein einziger Wirtschaftsethiker saß, wohl aber der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, der (wahrscheinlich wahrheitsgemäß) beteuerte, er habe keinen Zweifel darüber aufkommen lassen, dass er dort nur die Interessen der Deutschen Bank vertreten habe, das sei schließlich die Erwartung seiner Aktionäre. Schaut man sich die Ratschläge der praxisbehilflichen Wirtschaftsethiker an, so sind sie oft so trivial und allgemein zustimmungsfähig, dass die Welt nicht auf die moralische Expertise der Philosophen zu warten brauchte, um darauf zu kommen. Man kann nur – für solche Philosophie schonungsvoll – hoffen, dass die Öffentlichkeit derartige praxisbehilfliche Meinungen von Personen, die als Philosophen tätig sind, ignoriert.

Von der Irrelevanz einer solchen Wirtschaftsethik zu sprechen, heißt jedoch keineswegs, dass eine Wirtschaftsmoral unsinnig sei. Im Gegenteil: Moralische Kultur ist enorm wichtig; aber das lässt sich nur sozialphilosophisch und nicht ethisch begründen. Die Sozialphilosophie bildet den Rahmen für eine Ethik und nicht umgekehrt; denn Humanität ist eben mehr, als bloß dem Sittengesetz oder einer anderen ethischen Formel zu folgen. Die Moral einer Gesellschaft ist Teil ihrer Kultur; sie stiftet eine Verlässlichkeit, die nicht so ohne Weiteres zu ersetzen ist. Dies sei an einem Beispiel erläutert: nämlich an der Funktion von Vertrauen. Zunächst: Vertrauen lässt sich nicht gebieten, und eine ethische Rechtfertigung für ein Vertrauensgebot lässt sich nicht finden. Im Gegenteil: Wer Vertrauen zu gebieten versucht, zerstört es genau dadurch. Vertrauen ist ein riskanter Vorschuss in eine Interaktionsmöglichkeit, es kann immer enttäuscht werden. Wäre dem nicht so, wäre kein Vertrauen nötig, sondern es bestünde Gewissheit, wie der Interaktionspartner handeln wird. Die moralische Formulierung „mir solltest Du vertrauen” ist daher paradox, weil sie gerade auf den riskanten Faktor aufmerksam macht, der im wirkenden Vertrauen stillschweigend übergangen wird. Umgekehrt könnte man dann auch feststellen, dass dort, wo es gar kein Risiko gibt, auch Vertrauen unnötig wird. Vertrauen antizipiert eine Kontingenzreduktion. Die eigene Verletzlichkeit ist der Einsatz in diesem Spiel. Da Kontrolle stets nur die Gegenwart kontrollieren kann, nie die Zukunft, das Kontingenzproblem aber aus der Zukunft entsteht, ist Kontrolle in dieser Hinsicht keine echte Alternative zu Vertrauen. Würde man nämlich bei jedem Vertrauen quasi ethisch prüfen müssen oder wollen, ob es ein gerechtfertigtes ist, dann würde es, weil es auf Misstrauen gegründet wäre, eben doch kein Vertrauen sein. Vertrauen bleibt stets unbegründbar, es ist, wie Georg Simmel sagt, eine unentwirrbare Mischung aus Wissen und Nichtwissen (Soziologie, Berlin 1908, S. 263). Erst wenn wir alles wüssten, könnten wir auf Vertrauen verzichten. Unter Bedingungen der Endlichkeit des Daseins und der sozialen Prozesse sind wir dagegen auf Daseinsbewältigung und Prozessbewältigung durch Vertrauen verwiesen. Insofern kann man sagen, dass Vertrauen zwar unbegründbar ist, aber es im Allgemeinen gute Gründe dafür gibt, zu vertrauen. Es gibt, kurz gesagt, keine Ethik des Vertrauens, obwohl Vertrauen ein wichtiges Element geltender Moralen ist. Denn Ethik wird man erst dann bemühen wollen, wenn die selbstverständliche Orientierung geltender Moralen gebrochen ist.

Die Frage „Warum Wirtschaftsphilosophie?“ lässt sich also nun so beantworten: Wirtschaftsphilosophie ist die (sozial-)philosophische Reflexion auf die Wirtschaft, auch und gerade eine solche Reflexion, die sich auf wirtschaftsmoralische Fragen bezieht. Ist nicht aber, so wird jetzt vielleicht der eine oder andere wirtschaftsethischpraxisbehilfliche Ungeduldige fragen, eine solche Wirtschaftsphilosophie genauso irrelevant? Die klare und (das wird im Rahmen dieser Zeitschrift niemanden überraschen) ebenso eindeutige Antwort lautet: Nein. Das sei im Folgenden an dem jüngst erschienenen Buch von Joseph Vogl „Das Gespenst des Kapitals“ (3. Aufl. Zürich 2011) veranschaulicht. Vogl schildert am Beispiel des exponiertesten und zugleich inzwischen dominanten Teil der Wirtschaft, nämlich des Finanzkapitals, wie zentrale Begriffe des Selbstverständnisses ökonomischer Theorie und Praxis dekonstruiert werden können und müssen, z.B. die Grundannahme (Grundhoffnung), „dass einzig der Markt und seine Akteure als Garantien spontaner Ordnung, innerweltlicher Vorsehung und Systemhaftigkeit überhaupt funktionierten“ (Das Gespenst des Kapitals, S. 31). Er nennt das die „Idylle des Markts“. Vogl kritisiert nicht, und vor allem treibt er keine angewandte Wirtschaftsethik, sondern er analysiert die Grundwidersprüche der Selbstverständigung des ökonomischen Systems und seiner Praktiken. Seine theoretische Arbeit versteht er daher als Arbeit im „Verzweiflungsgebiet ökonomischer Theorie“ (Das Gespenst des Kapitals, S. 141). Die Logik des Finanzkapitals offenbart, dass es nicht von der Tendenz zum Gleichgewicht (die Marktideologie) beherrscht oder auch nur gezügelt wird, sondern gerade auf den Turbulenzen des Ungleichgewichts aufbaut, sodass alle rationalistischen Marktmodelle an dieser Realität vorbeigehen. Warentausch auf dem Markt ist etwas ganz anderes, als wenn mit nicht vorhandenem Geld zukünftiges, auch dann nicht vorhandenes Geld bezahlt wird. Die Wirtschaftsmoral eines „ehrbaren Kaufmanns“ ist dort nur noch eine Lachnummer ebenso wie der Versuch der politischen Rahmenordnung, das „Gespenst des Kapitals“ dadurch zu bannen, dass z.B. Staaten sich verpflichten, Schulden abzubauen und – als Verbeugung vor der Logik des Finanzkapitals – Kreditwürdigkeit zu erhöhen. Diese Tendenz, die derzeit die schwachen Staaten als Oktroi der „starken“ trifft, jener vermeintlichen Garanten der wirtschaftlich-politischen Rahmenordnung, ist eben mit den Begriffen, die uns die ökonomische Theorie anbietet, nicht mehr zu begreifen, weswegen die Politik den Eindruck einer Patchwork-Politik macht. Dies ist auch nicht verwunderlich, wenn man sie und sie sich selbst weiterhin in den Begriffen der Heilsamkeit des Marktes und einer sie ermöglichenden Rahmen-Politik versteht.

Wirtschaftsphilosophie hätte sich in Zukunft der Aufgabe zu widmen, sich dem Begreifen dieser neuen Realitäten zu stellen. Sie kann dies auch, wenn sie sich rückhaltloser als bisher von den praxisbehilflichen Handreichungen einer angewandten Ethik freimacht und der ökonomischen Theoriebegrifflichkeit nicht länger vertraut. Sie kann es, wenn sie sich von der Betrachtung von Menschen als ethischen Subjekten oder alternativ: als ökonomischen egoistischen Einzeltätern freimacht, der eigentümlichen Logik des Systems nachspürt und mit dieser Unbefangenheit vielleicht auch der ökonomischen Theorie und der Reflexion ökonomischen Geschehens aufhilft. Niemand hat je einen „Spekulanten“ zu Gesicht bekommen, der nur von Gier geleitet ist und angeblich sogar manchmal „irrational“ reagiert; jeder, der als ein solcher identifiziert werden mag, weiß, dass nicht er und seinesgleichen das System beherrschen, sondern dass sie nur der Logik des Systems folgen.

Innerphilosophisch gesprochen, heißt das, dass wir aus der sozialphilosophischen Reflexion ökonomischer Selbstverständigungen auch eine neue Ethik erwarten dürfen, eine Ethik, die weder individualistisch noch kollektivistisch ansetzt, sondern von derjenigen relationalen Mitte, dem Zwischen, ausgeht, in dem sich die sozialen Prozesse in den Dimensionen von Zeit, Sozialität und Diskursivität abspielen.

Kurt Röttgers ist Professor i.R. für Philosophie an der FernUniversität in Hagen. Nähere Informationen finden Sie unter https://www.fernuni-hagen.de/roettgers/.

Lesetipp: Kurt Röttgers: Wirtschaftsethik, Wirtschaftsmoral und die Aufgaben der Wirtschaftsphilosophie; in: Hubertus Busche (Hrsg.): Philosophische Aspekte der Ökonomie, Würzburg 2011, S. 39-54.

Erstveröffentlichung in FIPH-Journal Nr. 18 (Herbst 2011), S. 6-7.

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8 Gedanken zu „Schwerpunktbeitrag: Warum Wirtschaftsphilosophie?

  1. Na ja, womöglich wollen sich die heutigen Philosphen nicht an ihren Vorgängern messen lassen…..und das ist scheinbar ihr Dilemma!

    Alltägliche Begebenheiten mit einer intellektuell konstruierten Sprache für den Philosphen alltagstauglich zu machen, scheint erstmal oberstes Ziel des heutigen Philosophen zu sein?
    Ich habe da durchaus Mitgefühl mit dem Philosphen und frage mich: Wie kann er sich vom Literaten (Autor), Künstler, Politiker, Gaukler, oder sogar vom Proleten….absetzen?
    Ich sag mal: Gar nicht! Der Philosoph sollte in´s Leben eintauchen. Dann, rausgefischt zu werden, liegt nicht in seiner Macht. Der Philosoph hat die Wahl, abzutauchen, wo es ihm gefällt. Er kann sich hineinfallen lassen, wo immer er will. Das ist seine Wahl – den Rest muss er ertragen. Der Philosoph ist kein einzigartiger Weltbürger, der Philosoph ist nicht frei. Er entscheidet. Und ich denke, die Aufgabe des Philosphen ist, seine Entscheidungen zuerst mal auf Subjektivität zu Gunsten der Objektivität zu ordnen. Dann ist er schon mal ein Stück weiter.

    Und wenn er eigentaucht ist, könnte es ihm gefallen, das Schwimmen, frei, ohne Unten, Oben, Links oder Rechts. Fühlt sich womöglich sogar richtig gut an? Und dann kommt einer und fragt: Hey, Philosoph, ich will auch so sein wie du! Ich will auch keine richtige Meinung haben, ich will in diesem Leben rumwabern, wie im Tod (weil da ist ja eine Vorstellung durchaus manifestiert mit Religionen)……Und dann sagt der Philosoph: Spring! Lass alles los. Du hast alle Chancen hier – aber ich geb dir nen Tipp, entscheide dich, Amöbe zu sein, das ist jetzt grad nicht besonders attraktiv, aber deine Art wird uralt so!
    Und dann meint der Freund der Philosophie, dass er doch gern im Jetzt und Hier klar kommen will. Ja, dann musst du eine“ schlaue“ Amöbe sein, antwortet der Philosoph! Wie? Ja, dann musst du nicht mehr so viel denken, sagt der Philosoph. Wie jetzt, fragt der geneigte Taucher? Ich bin ja hier, weil ich denke.

    Ja, dumm gelaufen, sagt der Philosph……

  2. Irrelevanz der Moral

    Heute, unter der Herrschaft der Monopole, widerstreitet die Betätigung des Eigennutzes oft genug dem gemeinen Wohl. Daher die gut gemeinten Ratschläge der Moralisten und Ethiker, den Eigennutz zu bekämpfen. Sie haben nicht begriffen, dass der Eigennutz an und für sich durchaus am Platze ist, und dass es nur einige rein technische Mängel unserer Wirtschaft sind, derentwegen der Eigennutz so häufig zu Ungerechtigkeiten führt. In einer monopolbefreiten Wirtschaft hingegen, in der es nur eine Art des Einkommens, den Lohn, geben wird, laufen Eigennutz und Gemeinnutz dauernd parallel. Je mehr die Einzelnen dann, ihrem Eigennutz gehorchend, arbeiten, umso besser werden sie den Interessen der Allgemeinheit dienen.

    Der heutige endlose Widerstreit zwischen Eigennutz und Gemeinnutzen ist eine ganz zwangsläufige Folge des herrschenden Geldstreik- und Bodenmonopols. Eine von diesen beiden Monopolen befreite Wirtschaft entzieht diesem Widerstreit für immer die Grundlage, weil in ihr der Mensch aus Eigennutz stets so handeln wird, wie es das Gemeininteresse erfordert. Die seit Jahrtausenden von Religionsgründern, Religionslehrern, Philosophen, Moralisten usw. aufrecht erhaltene Lehre von der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur wegen ihrer Eigennützigkeit findet damit ein für allemal ihr Ende. Es ist keineswegs notwendig, dass wir, diesen Lehren folgend, uns durch Äonen hindurch abmühen, um uns selbst zu überwinden, um eines Tages vielleicht doch noch gemeinnützig zu werden – sondern wir können schon jetzt, heute, in dieser Stunde, die Verbrüderung der bisherigen Widersacher Eigennutz und Gemeinnutz vollziehen. Es ist dazu nicht erforderlich, dass wir den Menschen reformieren, es genügt vielmehr, wenn wir das fehlerhafte Menschenwerk, unser Geldwesen und Bodenrecht, ändern.

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/12/die-losung-der-sozialen-frage.html

    Wie naiv ist es, zu glauben, die Moral könnte irgendeine Relevanz für das menschliche Zusammenleben haben, wenn die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung, das Geld, nur in der Form eines primitiven Ausbeutungsmittels (Zinsgeld mit parasitärer Wertaufbewahrungsfunktion) existiert, das prinzipbedingt zu systemischer Ungerechtigkeit (Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz, sowohl innerhalb der Nationalstaaten als auch zwischen den Staaten) und damit zwangsläufig zu Massenarmut, Umweltzerstörung, Terrorismus und Krieg führt?

    Und wie naiv ist es weiterhin, zu glauben, die berühmteste Persönlichkeit der Welt, auf der bis heute die planetare Zeitrechnung basiert, wäre nichts weiter gewesen als ein moralisierender Wanderprediger?

    http://www.deweles.de/willkommen/apokalypse.html

  3. Eine Art von negativer Grenzmoral lässt es als wahrscheinlich erscheinen, dass jemand, der so konditioniert ist, dass er den Aufstieg in einer betrieblichen Hierarchie zu seinem Lebensziel macht, geradezu zwangsläufig bis an die
    Grenzen des gesetzlich Möglichen gehen muss. Und manchmal auch darüber hinaus“, denn offenbar hat sich ein individualistisches Nützlichkeitsethos durchgesetzt, das darauf gerichtet ist, das ökonomisch Mögliche und das psychologisch Akzeptable zusammentreffen zu lassen.
    Dies findet Bestätigung in einer Studie über die ethischen Haltungen deutscher Manager, die zu dem Ergebnis kommt, dass traditionelle Werthaltungen bei Führungskräften durch eine opportunistische Situationsorientierung abgelöst werden, die sich keinen als verbindlich erachteten normativen Kriterien verpflichtet fühlt, sondern dem Diktat der Prosperität und der ökonomistischen Logik gehorchen.

  4. Zu: Warum Wirtschaftsphilosophie?
    Von Prof. Kurt Röttgers

    Die drei Kommentare, die ich zu dem Beitrag von Prof. Röttgers gelesen habe, empfinde ich als kümmerlich. Es ist schon berechtigt Mitwirker am Projekt FIPH aufzufordern, so zu schreiben, dass sie sich nicht nur das wohlwollende Kopfnicken der Kollegen und Kolleginnen erhoffen dürfen, sondern auch des allgemeinen Publikums und zwar deshalb, weil sie sonst ihr eigenes Ziel und das des FIPH verfehlen, offen in die Gesellschaft hineinzuwirken. Das kann aber auch in anderer Form angemahnt werden, als hier geschehen.

    Die Ermutigung zur Philosophie setzt nicht die Simplifizierung von Inhalten voraus, aber doch eine verständliche Sprache und auch Sprachbilder, die nicht nur der kennt, der ganz spezielle Literatur gelesen oder verarbeitet hat. Ich, der als Bootsbauer in Rente gegangen bin, habe bestimmt ein Dutzend Bücher mit philosophischen Inhalt im Regal stehen, aber die wenigste davon gelesen. So habe ich Mühe, mir eine klare und abgrenzende Vorstellung von den Begriffen Wirtschaftsphilosophie, Wirtschaftsethik und Wirtschaftsmoral zu machen.
    Und ich frage mich, drückt der Begriff Wirtschaftsphilosophie aus, dass diese im Verhältnis zu der allgemeinen Philosophie eine selbständige Wissenschaft sein will oder nur dass hier innerhalb der Philosophie das Thema Wirtschaft behandelt wird.

    Überhaupt hat die Frage nach der Wissenschaftlichkeit mich hier hergetrieben und mich angeregt, mich zu äußern. Der verstorbene Astrophysiker Peter Kaffka hat den Satz von Marx „Religion ist Opium fürs Volk“ umformuliert in: „Die Wissenschaft ist Opium fürs Volk!“ http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13494766.html

    Auf der Einladung zur Preisverleihung am 7. 9. 13 in Hildesheim steht die Wortkombination „Wissenschaftliche Preisfrage ..“, diese formulierung hat mich nachträglich ins Grübeln gebracht. Klar, es gibt unterschiedliche Fragen und Antworten, z. B. ehrliche und verlogene.
    Aber was bedeutet „wissenschaftliche“ im Zusammenhang mit der Philosophie? Ist damit die Logik der Gedankenführung oder die Berufung auf anerkannte Autoritäten gemeint? Eine statistische oder experimentelle Beweisführung kann es doch nicht sein. Eine Reduzierung auf die richtige Anwendung von Regeln des richtigen Zitierens kann ja wohl das wissenschaftliche nicht ausmachen.

    Obwohl das Thema „Was ist und wie entsteht demokratische Identität“ nicht unmittelbar etwas mit dem Wirtschaftsthema zu tun hat, hat mich die Laudatio von Prof. Saskia Wendel auf den 1. Preisträger Dr. Felix Heidenreich zu diesem Thema hingeführt und zwar durch die von ihr erwähnten Worte Freiheit und Gleichheit. Mir fiel da spontan der Buchtitel „Gleiche Freiheit – Allgemeine Grundlagen und Reziprozitätsdefizite in der Geldwirtschaft“ von Dieter Suhr ein. Dr.
    Dieter Suhr wahr Professor für Öffentliches Recht, Rechtsphilosophie und Rechtsinformatik an der Universität Augsburg. Er verunglückte am 28. 8.
    1990 auf Kreta – wie mir berichtet wurde – bei der Rettung einer Tochter.

    Und nun kommt gedanklich Prof. Röttgers ins Spiel: Dieser schreibt im obigen Blog:
    > Niemand hat je einen „Spekulanten“ zu Gesicht bekommen, der nur von Gier geleitet ist und angeblich sogar manchmal „irrational“ reagiert; jeder, der als ein solcher identifiziert werden mag, weiß, dass nicht er und seinesgleichen das System beherrschen, sondern dass sie nur der Logik des Systems folgen. < Wenn die Logik des System – die konkret Systemfehler der Marktwirtschaft sind und das ausmachen, was sinnvoller Weise unter Kapitalismus verstanden werden kann – stärker als die Wirtschaftsethik oder die Wirtschaftsmoral ist, dann ist doch klar, dass erst die Systemfehler erkannt und behoben werden müssen bevor eine neue Wirtschaftsethik greifen kann. Die vorhandenen Systemfehler sind auch Ausdruck des Versagens der Wirtschaftswissenschaft, ihre Nichtbeseitigung hat zum Untergang der Weimarer Republik und zur Herrschaft der Nationalsozialisten geführt. Der Versuch andernorts, sie mit einer fehlerhaften Theorie zu beseitigen führte zum Stalinismus. Die Kirche hat in der Zinsnahme einen Verstoß der Ökonomie gegen ihre Soziallehre gesehen und musste vor dem System kapitulieren, weil ihre Ethik ein stumpfes Schwert war. Oswald von Nell-Breuning („Den Kapitalismus umbiegen“) versuchte wohl dieser Kapitulation Positives abzugewinnen. Sein weniger bekannter und kaltgestellter Gegenspieler Johannes Kleinhappl („Christliche Wirtschaftsethik“, „Christentum und Kapitalismus“ ) hielt vergeblich die alte Fahne der christlichen Sozialehre hoch. Dieter Suhr unzufrieden damit, dass seine Kollegen von der ökonomischen Fakultät keine zufriedenstellen Antworten auf seine Fragen hatten, hat sich diese selber erarbeitet. Titel wie „Befreiung der Marktwirtschaft vom Kapitalismus“ und „Geld ohne Mehrwert“ zeugen davon. Da das große Versagen von liberalen Ökonomieschulen eine Renaissance der Beschäftigung mit Karl Marx zu bewirken scheint ( Siehe: Kultur heute • 04.09.2013 http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/2240002/drucken/ ) und die Gefahr nicht gering ist, dass daraus ein neuer Zentralismus entsteht, sollte die nachfolgende Arbeit zu Marx von Suhr beachtet werden: > Dieter Suhr: Der Kapitalismus als monetäres Syndrom
    – Aufklärung eines Widerspruchs in der Marxschen Politischen Ökonomie
    Campus Verlag, 1988, ISBN 3-593-33999-4, Seite 7 – 9 (Im August 1999 gescannt, korrekturgelesen und ins Web gestellt von W.
    Roehrig.), http://userpage.fu-berlin.de/roehrigw/suhr/kms/ < Mit freudlichen Grüßen Tristan Abromeit

  5. Also, hier funktioniert Einiges nicht. „Labern“ bezieht sich auf Marieluises Beitrag.

  6. Zitat:
    Innerphilosophisch gesprochen, heißt das, dass wir…..eine neue Ethik erwarten dürfen, eine Ethik, die weder individualistisch noch kollektivistisch ansetzt, sondern von derjenigen relationalen Mitte, dem Zwischen, ausgeht, in dem sich die sozialen Prozesse in den Dimensionen von Zeit, Sozialität und Diskursivität abspielen.

    Antwort:
    Eine Bankrotterklärung, die das aufgeworfene Konfliktthema samt Lösungsversuch in ein Nirvana der Diskursivität wegrelativiert.
    Das hört sich an, als würde ein Ornitologe das schlechte Flugverhalten von Hühnern kritisieren. Wirklich sehr unbefriedigend! Natürlich wird man in einer sich permanent erneuernden Welt eine neue Ethik erwarten dürfen. Was denn sonst? Eine alte, inadäquate?
    Welche Wirtschaftsethik eine Gesellschaft will, entwickelt sich in einem politischen Meinungsbildungsprozess. Da wird bestimmt kein „Wirtschaftsphilosoph“ nach seiner Meinung befragt, Gott sei Dank. Es kann ja wohl auch ernsthaft nicht darum gehen, dass ein Wirtschaftsphilosoph diese oder jene Auswüchse des Marktes für unmoralisch erachtet und solches dann bekrittelt.
    Es geht vielmehr darum, konkrete Regularien politisch umzusetzen, die moralisch vertretbar sind und ökonomisch nicht in den Ruin führen. Wenn sie noch klug und effizient sind, um so besser. Darin besteht die Schwierigkeit!

    Ohne überflüssiges Gerede auf den Punkt gebracht, haben wir in der westlichen Hemisphäre ein ökonomisches System, welches dem Einzelnen gestattet, seine monetäre Gier zu befriedigen. Die Gesellschaft legt dabei Grenzen und Bedingungen fest, kassiert Steuern ab und sorgt für ein funktionierendes Gemein- und Sozialwesen.

    Hat hier jemand ernsthaft ’ne bessere Idee?

  7. Was ist „moralische Kultur?“ Meint der Philosoph, er könne sich der Evolution bedienen? So rein theoretisch?
    Das funktioniert nicht – nicht mal mit guten Worten – und auch nicht mit dem akademisch verbrämten Mist, den hier viele von sich geben, weil sie für sowas womöglich bezahlt werden.
    Mann, mann, alles Plattitüden :“ Vertrauen setzt voraus, dass es zufällig nämlich missbraucht wird“…..Hach, wie interessant für den intellektuellen Theoretiker – praktisch hat das nämlich jeder Vollidiot schon kapiert.

    Was will der Philosoph, also der moderne? Nicht Fisch nicht Fleisch. Was will der Philosoph?

    • Ist doch klar was die wollen. Ein Sinnlosfeuerwerk der Gedanken veranstalten. Sinngemäß: Schön drüber geredet zu haben. Nur ist es kein Feuerwerk, sondern ’ne verglimmende Kerze. Also die Philosophieprofessoren hier müssen sich mal sagen lassen, dass sie nicht einmal einen winzigen Bruchteil dessen zustande bekommen, was Nietzsche, Hegel oder Schopenhauer geschrieben haben. Ich empfinde die professorischen Darlegungen hier z. Teil als schmerzhaft, das tut ja weh. Alle sind über Gebühr im Ausdruck kompliziert und inhaltlich profan. Die reden, was jeder halt so redet. Das Gegenteil von Nietzsche und Hegel.

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