Philosophie am Kröpcke: Sind Sie ein souveräner Konsument? (Teil 1)

Hannover, Kröpcke-Uhr

Philosophie – eine Wissenschaft im Elfenbeinturm? Weit gefehlt! Das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover macht es sich zur Aufgabe, herauszufinden, was der Mann (und die Frau) von der Straße von den philosophischen Inhalten, die am Institut erforscht werden, weiß und hält. Pünktlich zu jeder Ausgabe des fiph-Journals führen wir dementsprechend eine streng wissenschaftlich kontrollierte Studie durch: Wir schreiten zum Kröpcke, der Agora Hannovers, mit Digitalkamera und Aufnahmegerät bewaffnet, und stellen allen Passanten, die nicht schnell genug flüchten, dieselbe Frage. Auf den Spuren des Sokrates, aber bar jeder Ironie.
In Erweiterung des Themas „Wirtschaftsphilosophie“ und zur Vorbereitung weiterer Forschungsarbeiten wollten wir diesmal wissen: „Sind Sie ein souveräner Konsument?“ Leider wussten manche Hannoveraner nur wenig mit dieser Frage anzufangen. Auszüge aus den souveränsten Antworten lesen Sie hier …

fiph: Sind Sie ein souveräner Konsument?
Benjamin: Ich komme aus den Medien, ich bin Kaufmann, und ich weiß, dass die Medien uns beeinflussen. Sie können gerne direktere Fragen stellen.
fiph: Spielen moralische Kriterien bei Ihren Kaufentscheidungen eine Rolle?
Benjamin: Definitiv nein. Nicht in unserer heutigen Zeit.
fiph: Warum nicht?
Benjamin: Ich lasse mich sehr leicht durch andere Meinungen, durch mein Umfeld, beeinflussen. Ich habe nur meine gesetzliche Moral und meine familiäre Moral.
fiph: Gibt es Produkte, die Sie nicht kaufen würden, weil sie z.B. mit Kinderarbeit hergestellt werden?
Benjamin: Wenn ich jetzt ehrlich bin: nein. Die Industrieverlagerung in andere Länder geht mir eigentlich ziemlich (zögert kurz) am Arsch vorbei. Wenn es Kinder produzieren, ist es Scheiße. Aber made in China, ohne das würden wir doch gar nicht mehr weiterkommen!
fiph: Sie denken, dass Moral und Wirtschaft nicht zusammenpassen?
Benjamin: Die passen sowieso nicht zusammen. Wenn wir weit zurückgehen, und ich und mein Kumpel tauschen Brot gegen Zucker, das kriegen wir vielleicht noch hin. Aber die heutige Wirtschaft, nein.

fiph: Sind Sie eine souveräne Konsumentin?
Martina: Inwiefern?
fiph: Haben Sie schon mal den Ausdruck ‚Konsumentensouveränität’ gehört? Er meint, dass man seine Kaufentscheidungen souverän, d.h. selbstbestimmt und kritisch trifft. Passt das auf Sie?
Martina: Ja.
fiph: Spielen moralische Kriterien bei Kaufentscheidungen für Sie eine Rolle?
Martina: Ja. Zum Beispiel bin ich Vegetarierin, weil ich mit der Massentierhaltung nicht einverstanden bin. Auch Kinderarbeit sollte man nicht fördern.

fiph: Seid ihr souveräne Konsumentinnen?
Miriam: Bei manchen Sachen schon. Gerade gestern war ich einkaufen, das macht sonst meine Mutter, und ich brauchte noch Eier. Da stand ich dann vorm Regal. Und es gab Bodenhaltung, Freilandhaltung und die Bio-Eier. Ich hab‘ dann die Bio-Eier genommen, weil man die Bilder im Kopf hat von den Hühnern, die so eingepfercht leben, und das konnte ich dann nicht verantworten. Wir haben auch unsere Ernährung in Sachen Fleisch reduziert und essen jetzt nur noch Gutes von dem Schlachter, den wir auch kennen. Wir wissen dann, wo es herkommt. Das sind so die einzigen Bereiche, wo ich wirklich drauf achte …
Stephanie: Jugendliche lassen sich ja auch ganz gerne von der Werbung verführen.
Miriam: ‚Gerne‘ vielleicht nicht. Aber unterbewusst passiert’s trotzdem.
Stephanie: Es ist schon so, dass man dann seinen Verstand lieber ausschaltet und einfach … kauft.
fiph: Fällt Dir das bei Dir selber auf oder bei Freunden?
Stephanie: Ja, es gibt ja immer so Marken, bei denen ist man sich nicht sicher: Wie wird das produziert? Und man kauft dann trotzdem bei diesen Läden ein. Weil, es ist günstig. Als Schüler hat man auch nicht das Gehalt, für das man teure Klamotten kaufen kann, bei denen man weiß: Das ist fairtrade. Deswegen sind wir eigentlich auch gezwungen, auf andere Marken zurückzugreifen. Wenn ich das Geld hätte, dann würd‘ ich da auch mehr drauf achten.

fiph: Sind Sie eine souveräne Konsumentin?
Inge: Das kann ich alleine. Mein Mann ist seit fünf Jahren tot. Da kann ich das selbst bestimmen. Ich kaufe viel ein für meine Töchter und für meine Enkelinnen. Da ist das wichtig.
(Die Namen der Befragten wurden von der Redaktion geändert)

Interviews: Eike Bohlken und Volker Drell

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