Philosophie am Kröpcke: Was ist Zeit? (Teil 1)

Hannover, Kröpcke-Uhr

Philosophie – eine Wissenschaft im Elfenbeinturm? Weit gefehlt! Das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover macht es sich zur Aufgabe, herauszufinden, was der Mann (und die Frau) von der Straße von den philosophischen Inhalten, die am Institut erforscht werden, weiß und hält. Pünktlich zu jeder Ausgabe des fiph-Journals führen wir dementsprechend eine streng wissenschaftlich kontrollierte Studie durch: Wir schreiten zum Kröpcke, der Agora Hannovers, mit Digitalkamera und Aufnahmegerät bewaffnet, und stellen allen Passanten, die nicht schnell genug flüchten, dieselbe Frage. Auf den Spuren des Sokrates, aber bar jeder Ironie. Ganz ohne ethisch-politische Hintergründe wollten wir den Hannoveranern/innen einmal in existenzieller Hinsicht auf den Zahn fühlen und wissen, was ihnen zum Thema Zeit einfällt. Auszüge aus den profunden Antworten lesen Sie hier …

Fiph: Was ist Zeit?
David: Zeit ist das, woran wir uns halten, wenn wir an gesellschaftliche Abläufe gebunden sind, sag‘ ich mal. Ansonsten ist Zeit nach Einstein ja relativ.
Fiph: Sie würden also sagen, Zeit taktet unser Leben?
David: In gewisser Weise ja.
Fiph: Ist das gut oder schlecht? Werden wir von unserem Zeitregime unterdrückt?
David: Manchmal ist es von Vorteil, weil man sich dadurch besser vereinbaren kann mit anderen Menschen. Manchmal ist es aber auch nervend, weil man durch die Zeit auch einen gewissen Druck hat, etwas zu erledigen. Wenn die Zeit etwa den Abgabetermin für eine Hausarbeit bestimmt.
Fiph: Sie haben eben auf Einstein verwiesen. Was verändert sich, wenn man sich auf diese Ebene begibt, für unsere Alltagssicht?
David: Hmm (überlegt), eigentlich müsste man es dann ja nicht mehr so genau nehmen. Aber … man tut’s trotzdem (lacht).

Fiph: Was ist Zeit?
Georg: Etwas sehr Kostbares.
Fiph: Was macht Zeit so wertvoll?
Georg: Dass sie schnell vergeht.
Fiph: Würden Sie sagen, dass Zeit etwas Objektives ist oder etwas Subjektives?
Georg: Etwas Subjektives.
Fiph: Sind unsere Uhren dann irreführend? Gehen sie am Phänomen vorbei?
Georg: Sie sind eine gute Orientierungshilfe.
Fiph: Was macht für Sie das Subjektive an der Zeit aus?
Georg: Manchmal vergeht sie schnell, manchmal vergeht sie sehr langsam, je nach Stress.
Fiph: Hätten Sie gern mehr Zeit?
Georg: Bestimmt. In meinem Alter, da sieht man schon langsam das Ende des Tunnels.
Fiph: Haben Sie in Ihrer Jugend anders über Zeit gedacht?
Georg: Ich glaube eher: gar nicht.

Fiph: Was ist Zeit?
Meike: Zeit ist vor allem der Moment. Und wenn der zerrint, ist sie vorbei. Man kann die Zeit nicht festhalten.
Fiph: Kann man zu viel Zeit haben? Was ist mit Langeweile?
Meike: Wenn man sich selber Langeweile macht – selber Schuld!

Fiph: Was ist Zeit?
Manfred: Ein sehr dehnbarer Begriff, der nicht definiert werden kann und der nicht feststeht. Stellen Sie sich mal vor: Wenn einer auf der Milchstraße ist, der betrachtet den Tagesablauf ganz anders als wir hier unten auf der Erde, wo wir einen 24-Stunden-Tagesablauf haben. Unsere Kernkraftuhr an der Physikalischen Anstalt in Braunschweig rechnet die Zeit nach Schwingungen. Was ist Zeit? Der kurze Moment, die Abstände, zwischen den Schwingungen? Wir definieren Zeit ja selbst – den Begriff. Aber ob der nun nachweisbar ist, real? Woher wissen wir das?
Fiph: Würden Sie denn sagen, dass es etwas wie eine allgemeine Zeit für Menschen gibt?
Manfred: Ja, selbstverständlich. Ich möchte jetzt mal zum Religiösen oder Philosophischen übergehen. Da sagt auch die Bibel: Unsere Zeit steht in Gottes Händen. Nur mal als Beispiel. Auch die verschiedensten Philosophen wissen im Grunde nicht viel mit dem Zeitbegriff anzufangen. Die definieren das auch nur mehr oder weniger ins Mystische hinein. Man kann im Grunde genommen das Beste daraus nehmen, wenn man sagt: Jeder Mensch wird geboren, jedes Lebewesen entsteht, wächst und stirbt irgendwann ab.
Fiph: Sie würden sagen, es gibt eher so etwas wie eine Lebenszeit oder Wirkungszeit?
Manfred: Ja. Man kann sagen, dem einen ist mehr Lebenszeit vergönnt als dem andern.

Fiph: Was ist Zeit?
Alte Dame: Was manche haben und manche nicht. Im Moment hab‘ ich Zeit.
(Sprach’s und ging).

(Die Namen der Befragten wurden von der Redaktion geändert.)

Interviews: Eike Bohlken und Dominik Hammer

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