InDebate: Zum Wesen von „Political Correctness“

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„Political Correctness“-Kritiker Thilo Sarrazin bei einer Buchvorstellung. (cc) Richard Hebstreit (rhebs.de). Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/ac/Sarrazin_book_pres_a1.jpg/320px-Sarrazin_book_pres_a1.jpg

Greta Jasser

In westlichen Demokratien hat sich im Laufe des letzten Jahrhunderts ein gewaltiger Mentalitätswandel vollzogen. Die Akzeptanz Homosexueller beispielsweise, deren sexuelle Orientierung lange pathologisiert wurde, ist unter den Parteien der Mitte inzwischen Konsens. Diese Wandlung drückt sich auch in der politischen Sprache und Wortwahl aus. Homosexuelle Personen durch abwertende Ausdrücke zu beleidigen oder implizit zu diskriminieren wird von der Mehrheit nicht mehr toleriert. Gegen solche Entwicklungen regt sich aus mehreren Gründen und in vielerlei Weise Widerstand. Manche begründen ihr Vorgehen gegen eine Beschäftigung mit Homosexualität im Unterricht mit sittlichen und moralischen Grundüberzeugungen. Viele sehen in der eingangs skizzierten Entwicklung jedoch auch einen Schritt in Richtung undemokratischer Sprechverbote. Das Argument, es gäbe auch in Deutschland Sprechverbote, wird häufig bemüht und beispielsweise in folgendem „Focus“-Artikel aufgegriffen: „Was darf man in Deutschland sagen – und was nicht?“.

Was hier angesprochen wird, ist der viel bemühte Begriff der ‚politischen Korrektheit‘ oder ‚Political Correctness‘ (PC). Selbst in den Duden, zumindest in dessen Online-Version, hat es der Begriff schon geschafft: „Einstellung, die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird“. Es handelt sich also vornehmlich um ein Phänomen, das im Umgang mit der Sprache angesiedelt ist. Seit dem Einstieg in eine Metadiskussion über ‚Political Correctness‘ (Wem nutzt sie? Wer beharrt auf ihre Einhaltung?) ist der Begriff jedoch auch ein Reizwort. Die Kritik an politischer Korrektheit beginnt oft mit einem Anstoß nehmen an den oben genannten ‚Sprech- oder Denkverboten‘. Die modernen Kritiker*innen der ‚Political Correctness‘ kommen mit ihrer Kritik einem Klassiker der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Ressentiment sehr nahe: Friedrich Nietzsche. So beschreibt Nietzsche, die „Schwachen und heillos-Krankhaften“[1] hätten
„die Tugend jetzt ganz und gar für sich in Pacht genommen […]. Sie wandeln unter uns herum als leibhafte Vorwürfe, als Warnungen an uns, – als ob Gesundheit, Wohlergehen, Stärke, Stolz, Machtgefühl an sich schon lasterhafte Dinge seien, für die man einst büssen, bitter büssen müsse: oh wie sie im Grunde dazu selbst bereit sind, büssen zu machen, wie sie darnach dürsten, Henker zu sein! Unter ihnen giebt es in Fülle die zu Richtern verkleideten Rachsüchtigen, welche beständig das Wort ‚Gerechtigkeit‘ wie einen giftigen Speichel im Munde tragen, immer gespitzten Mundes, immer bereit, Alles anzuspeien, was nicht unzufrieden blickt und guten Muthes seine Strasse zieht.“[2]

Dieses Zitat aus der Genealogie der Moral postuliert folgendes: die Schwachen verfügen, schlicht auf Grund eines ihnen anhaftenden Mangels, über die (Sklaven-)moralische Überlegenheit und viele von ihnen nutzen diese Position aus, um all jene anzuklagen, die nicht unter einem Mangel leiden. Nun ist die sexuelle Orientierung, das Geschlecht oder die geschlechtliche Identität eines Menschen keinesfalls ein Mangel oder eine Schwäche. Die Argumentationsweise jedoch, die von Gegner*innen der ‚Political Correctness‘ verwendet wird, scheint die gleiche, derer sich Nietzsche bedient. Die „PC“-Gegner*innen unterstellen den „Gutmenschen“ (denjenigen, die einen politisch korrekten Sprachgebrauch einfordern) ein ähnliches Vorgehen wie das, welches Nietzsche den Schwachen zuschreibt. Hinter dem Appellieren an Moral, Gerechtigkeit und der Forderung nach Nicht-Diskriminierung verbirgt sich, der nietzscheanischen Argumentationsstruktur folgend, strategisches Aufbauen von Machtstrukturen und Unterdrückung der Starken.

So ist beispielsweise eine der Leitlinien des Weblogs ‚Politically Incorrect“, Medien „Gegen den Mainstream“[3] zu schaffen, da „die politische Korrektheit und das Gutmenschentum heute überall die Medien [dominieren].“[4] und diese Mainstreammedien deshalb zensiert oder sogar verfälscht seien.[5] Eine leicht verschwörungstheoretische Auffassung über den (politischen) Einfluss der ‚politisch Korrekten’ wird hier keinesfalls nur angedeutet. Oft wird einer solchen Argumentation der Satz ‚Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.‘ vorangestellt. Thilo Sarrazin etwa prangert in seinem diese Woche erschienenem Buch „Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“ die vermeintlich herrschende ‚Political Correctness‘ an. Wie bizarr sein Ansinnen ist, Redeverbote mit einem Bestseller-Buch zu bekämpfen, ist auch dem konservativen Publizisten Jan Fleischhauer aufgefallen. Politische Korrektheit ist zweifellos ein politischer Kampfbegriff, jedoch viel weniger derjenige ihrer vermeintlich übermächtigen Verfechter*innen, als der ihrer Gegner*innen.

Dieser Umstand lässt es fraglich erscheinen, ob die ‚Political Correctness‘ als Beschreibung eines Sets von Sprachregelungen zutreffend ist. Wenn ‚Political Correctness‘ ein Kampfbegriff ist, der auf den Ausschluss bestimmter Gruppen aus der Diskussion zielt, müsste er anders gefasst werden. Was dann tatsächlich ‚politically correct‘ ist, entspricht dem aktuellen Zeitgeist. Geht man einem so verstandenen Begriff der ‚Politischen Korrektheit‘ auf den Grund, so ist sie ein Ausdruck der herrschenden ‚kulturellen Hegemonie‘, wie Antonio Gramsci es benannt hätte.
Es scheint demnach momentan durchaus ‚Politically Correct‘, also gemeinhin akzeptiert sein, Sätze mit „Ich bin kein*e Rassist*in aber…“ oder „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen…“ einzuleiten.
Als Forderung nach einem inklusiven Sprachgebrauch ist ‚Political Correctness‘ keineswegs dominant, sondern eine umstrittene Position in einer pluralistisch ausgerichteten gesamtgesellschaftlichen Diskussion. Als Kampfbegriff von ihren Gegner*innenn eingesetzt wirkt die ‚Political Correctness‘, gegen ihre Befürworter gewandt letztlich genau so wie von den Gegner*innen unterstellt: als Totschlagargument. Nur dass der Vorwurf der ‚Political Correctness‘ eben keine „Rassismus-Keule“ oder „Homophobie-Keule“ ist, sondern eine „Keulen-Keule“. Aus der Opferhaltung der vermeintlich an der freien Meinungsäußerung gehinderten „PC“-Gegner*innen wird der Vorwurf der ‚Political Correctness‘ trotzdem zur Moral-Keule.

Damit haben die „PC“-Gegner*innen keinesfalls in Nietzsches Sinn das Ressentiment überwunden, sondern nur eine neues Level des Ressentiment-Denkens erreicht: Sie bedienen ein Ressentiment, das sich aus der Vorstellung speist, es würde sich gegen Ressentiments wenden. Kein Wunder: das Ressentiment ist ja bekanntlich schöpferisch.


[1] Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral – Eine Streitschrift. Stuttgart: Reclam. S. 122
[2]Nietzsche, Friedrich (1988): Zur Genealogie der Moral – Eine Streitschrift. Stuttgart: Reclam.S. 122
[3] https://www.pi-news.net/leitlinien/ zuletzt gesehen 10.10.13 um 10.53 Uhr.
[4] https://www.pi-news.net/leitlinien/ zuletzt gesehen 10.10.13 um 10.53 Uhr.
[5] https://www.pi-news.net/leitlinien/ zuletzt gesehen 10.10.13 um 10.53 Uhr.
 

Greta Jasser studiert Staatswissenschaften an der Universität Passau. Derzeit ist Frau Jasser Praktikantin am FIPH.

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2 Gedanken zu „InDebate: Zum Wesen von „Political Correctness“

  1. Vielen Dank für Ihren interessanten Beitrag und Ihren sehr lesenswerten Blogeintrag. Das ‚political correctness‘ nicht Regel, sondern Voraussetzung für Debatten ist, scheint eine logische Annahme, bildet doch die gegenseitige Anerkennung als gleichwertiges Subjekt die Basis für pluralistische Auseinandersetzungen. Nichts desto weniger trotz ist die Formel „durch Inanspruchnahme von Meinungsfreiheit stimme ich der Meinungsfreiheit aller zu“ nicht immer zutreffend. Selbst wenn sich die Person hierdurch selbst widerspricht ist letztlich nicht ausschlaggebend ob ihre Postulate logisch oder widerspruchfrei, sondern ob sie für logisch/widerspruchfrei oder wahr gehalten werden. Der Glaube an die Richtigkeit einer Aussage (und damit auch der Zuspruch dazu) schafft also selbst eine Realität, mit der davon Betroffene umgehen müssen.
    Die Annahme, dass jede*r der*die „überhaupt nur eine Meinung frei und ungehindert formuliert oder sein Leben frei und toleriert von anderen lebt.“ dieses Recht auch allen anderen zugesteht, verkennt hierarchische Gefälle zwischen Personengruppen, die, auch und vor allem durch die Sprache, stetig zum Ausdruck gebracht werden.

  2. Vielen Dank für Ihren Beitrag! – Er wirft meines Erachtens ein paar sehr interessante Fragen auf. Einige Ihrer Thesen möchte ich kurz dafür herausgreifen:

    „[…] lässt es fraglich erscheinen, ob die ‚Political Correctness‘ als Beschreibung eines Sets von Sprachregelungen zutreffend ist.“

    „Wenn ‚Political Correctness‘ ein Kampfbegriff ist, der auf den Ausschluss bestimmter Gruppen aus der Diskussion zielt, müsste er anders gefasst werden.“

    „Als Forderung nach einem inklusiven Sprachgebrauch ist ‚Political Correctness‘ keineswegs dominant, sondern eine umstrittene Position in einer pluralistisch ausgerichteten gesamtgesellschaftlichen Diskussion.“

    Was halten Sie davon? – Das Hauptproblem, um das sich die Debatte dreht und das Sie auch sehr klar in seiner Aporetik zum Ausdruck bringen, liegt m.E. in der allzu einfachen Annahme, dass so etwas wie ‚Sprache‘, derer wir uns ja beständig bedienen, selbst wenn wir über ‚Sprache‘ sprechen, durch so etwas wie ‚Sprachregelungen‘ festgelegt wird, die man sonstwo her hätte. Wittgenstein hat diese Sichtweise sehr luzide analysiert: Diese Regeln müssten ihrerseits, um verstanden zu werden, sprachlich verfasst sein, also wiederum Regeln folgen, die wiederum sprachlich verfasst sind usw. Die Festlegung von ‚Sprache‘ durch irgendwelche ‚Regeln‘ führt in den Regress.
    Weiterführend halte ich dagegen Ihre Betonung der ‚political correctness‘ als „eine umstrittene Position in einer pluralistisch ausgerichteten gesamtgesellschaftlichen Diskussion.“ – Weiterführend, nicht in dieser Explikation von ‚political correctness‘, sondern in der Betonung der Möglichkeit dessen: dass eine Position umstritten sein kann (und nicht von selbst schon gilt) – dass die Diskussion gesamtgesellschaftlich abläuft (und nicht von selbst schon Teilnehmer ausschließt) – dass die Diskussion schließlich ‚pluralistisch ausgerichtet‘ ist, dass sie also verschiedene Positionen zulässt, die ausdrücklich einander widersprechen, die sich aber auch einigen können und dass sie nicht von vorneherein an einer gesetzten Wahrheit angemessen wird, die von dieser Wahrheit abweichende Positionen schon zur Marginalie macht. Sieht man sich vor diesem Hintergrund noch einmal die von Ihnen genannte Definition von ‚political correctness‘ an – „Einstellung, die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird“ – so scheint eben diese Einstellung genau auf die ERMÖGLICHUNG einer fairen Debatte untereinander abzuzielen, OHNE dass jemand wegen kontingenter Eigenschaften pathologisiert, diskriminiert oder aus der Debatte ausgeschlossen wird. Es scheint sich also bei dem, was (m.E. schon falsch) ‚political correctness‘ genannt wird, weniger um eine Regel, als um ein Gebot oder ein Recht zu handeln, das derjenige schon in Anspruch genommen hat, der überhaupt nur eine Meinung frei und ungehindert formuliert oder sein Leben frei und toleriert von anderen lebt.
    – Ich habe in meinem Blog versucht, die Logik dieser ‚reflexiven Rechte‘ einmal im Überblick darzustellen, vielleicht wollen Sie ja einen Blick hineinwerfen: http://rechtfertigung.wordpress.com/2014/02/27/zur-debatte-um-den-tugendterror-reflexive-rechte-und-logische-rechtfertigung/

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