InDebate: Wieviel Hoffnung gibt Geschichte? Anmerkungen zu einem neuen Ansatz der Geschichtsphilosophie

Volker Drell

Volker Drell

Geschichte ist im öffentlichen Diskurs des Jahres 2014 kaum zu übersehen. Historiker sind viel gefragte Experten, die – auch für Details – eine Aufmerksamkeit finden. In Fachwissenschaft, Politik und Feuilleton werden historische Erklärungen und Analogien mit beachtlicher Intensität zum aktuellen Weltgeschehen angeboten und kritisch abgewogen. Zuweilen vertiefen sich die Ausführungen ins Grundsätzliche, beispielsweise beim Thema der politischen Freiheit: mal wird sie als Resultat einer besonderen historischen Entwicklung des Westens herausgestellt (Winkler), mal als absoluter Wert im geschichtlichen Prozess betont, für den der persönliche Einsatz immer richtig ist (Gauck). Gerade diese weitgehenderen Ausführungen offenbaren die Bezugspunkte zur Geschichtsphilosophie, in der die Erkenntnisinteressen Sinnstiftung, Orientierung und normative Selbstvergewisserung einen prominenten Rang haben. Allerdings scheint der philosophische Beitrag zu diesem Feld klar: Geschichtsphilosophie könne keine substantiellen Aussagen mehr über den Gang der Geschichte treffen, da ihre prinzipielle Offenheit und die zunehmende Verfeinerung des historischen Wissens solche allgemeinen Aussagen völlig unplausibel erscheinen lassen.

In diesem Zusammenhang stellt der Versuch von Johannes Rohbeck in seinem Buch Zukunft der Ethik, eine „materiale Geschichtsphilosophie“ zu rehabilitieren, einen interessanten und zugleich gewagten Versuch dar. Neben der wissenschaftsinternen Frage nach der Bedeutung und Stellung einer vermeintlich obsoleten Disziplin geht es dem Autor um die Klärung ethischer Forderungen, die aus einer neuen Geschichtsphilosophie folgen. Seine These: unser heutiges Geschichtsbewusstsein wende sich der Zukunft zu, verbinde sich so mit einer Zukunftsethik und begründe darin moralische Ansprüche.

In theoretischer Absicht versucht Rohbeck, Zukunftsethik und Geschichtsphilosophie also zusammenzubringen. So sollten nicht nur die zeitlichen Strukturen innerhalb ethischer Ansätze begrifflich geklärt werden, sondern aus genuin geschichtsphilosophischen Überlegungen heraus ethische Forderungen gerechtfertigt werden, wie etwa generationenübergreifende Ansprüche. So führe die Erfahrung des rasanten technischen und gesellschaftlichen Wandels, der in historischer Perspektive besonders sichtbar wird, zu der Erwartung, diese Entwicklung werde sich in der Zukunft fortsetzen. Ein solcher Wandel sei – vor allem aufgrund mangelhafter Prognostizierbarkeit sozialer Prozesse – als Offenheit der Geschichte zu verstehen. Die Erwartung des fundamentalen Wandels erstrecke sich daher auch auf die Werthaltungen zukünftiger Gesellschaften. Allein die Wertschätzung, die etwa die Menschenrechte in der Gegenwart genießen, spräche nicht für ihre zukünftige Geltung. Für die Ethik folge daraus eine zeitliche Begrenzung bei der Formulierung berechtigter Interessen. Ethische Ansätze, die dies missachteten, begingen den Fehler, das gegenwärtig moralisch Wünschenswerte auf eine ferne Zukunft zu projizieren. Die geschichtsphilosophisch reflektierte Ethik müsse daher zurückhaltender auftreten und für den Erhalt von Wahlmöglichkeiten und Gestaltungschancen eintreten. Nur so sei es den zukünftigen Generationen freigestellt, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Konkret spricht er sich im Bereich umweltethischer Forderungen für eine Reversibilität von Entscheidungen großer Tragweite, z.B. bei Atomenergie und Ressourcenverbrauch, aus.

Interessant ist, wie die stärkere und reflektierte Einbeziehung der zeitlichen Perspektive nicht in einen synchronen Relativismus verfällt, sondern im Gegenteil die Sicherung materieller Grundlagen für eine gerechte Gesellschaft universell einfordert. Allerdings ist zu fragen, inwieweit der Befund einer fundamentalen Wandelbarkeit von Bedürfnissen und Werten – der nicht allen philosophischen Traditionen gleichermaßen einleuchtet – eine Antithese zu formalen Ansätzen darstellt, die Gerechtigkeit durch Verfahren sichern wollen. Eine Ergänzung wäre zudem mit einem Verweis auf den Kritikbegriff angebracht. Dort wo die Diskrepanz von ethischer Forderung (Reversibilität, Entwicklungsgebote und -verbote für entwickelte und weniger entwickelte Länder etc.) und realen Entwicklungstrends zunimmt, muss die Kritik innerhalb der ethischen Theorie eine stärkere Rolle spielen, insbesondere wenn es mit dem Blick auf Geschichte um reale Verwirklichung geht.

Neben die Analyse ethischer Maßstäbe tritt bei Rohbeck die praktische Absicht, durch eine auf Gegenwart und Zukunft ausgerichtete Geschichtsphilosophie den Aktionsraum für Handlungen zu erschließen. Die theoretischen Mittel dazu seien unter anderem, verschiedene Vorstellungen von Wandel und Entwicklung aufzuzeigen und so Alternativen zu bestehenden problematischen Strukturen denkbar zu machen. Aus der Debatte um Nachhaltigkeit etwa ist die Entgegensetzung begrenzter Ressourcen eines endlichen Planeten mit ökonomischen Imperativen eines linearen und beschleunigten Wachstums hinlänglich bekannt. Ihm gegenüber kollidiere das Alternativmodell des Zyklus, wie es in der „strikten Nachhaltigkeit“ postuliert wird, mit der historischen Beschaffenheit menschlicher Existenz. Der Doppelbegriff „nachhaltige Entwicklung“, welcher mit seiner Metapher der aufsteigenden Spirale stark an Hegels Geschichtsphilosophie erinnere, könne ein tragfähigeres, weil zukunftsfähiges Modell des menschlichen Naturverhältnisses abgeben. Das geschichtsphilosophische Denken könne nach Rohbeck Modelle, Theoreme und Geschichtszeichen offenlegen und selbst formulieren, um innerhalb eines erweiterten geschichtspolitischen Diskurses Appelle zu erkennen, aber auch selbst zu setzen. Geschichtszeichen interpretiert er als „verkürzte Erzählungen, die an vergangene Ereignisse erinnern und Erwartungen an die Zukunft signalisieren“ verstanden werden („Attentate vom 11. September“; „Reaktorkatastrophe in Fukushima“; „Klimawandel“). Sie seien durch ihre normative Aufladung dazu in der Lage, den öffentlichen Diskursen eine Richtung zu geben.

Es bleibt unklar, inwiefern die so verstandenen Geschichtszeichen durch die Philosophie nur im Nachhinein – also in historischer Entfernung – konstatiert oder als unhintergehbares Zeitgeschehen überzeugend behauptet und ausgelegt werden können. Die Geschichtsphilosophie in praktischer Absicht muss also zeigen, was die Bedingungen für überzeugende Erzählungen sind und warum die eingelassenen Appelle vom Publikum verstanden werden und gegebenenfalls auf Zustimmung stoßen.

An dem reichen Anschauungsmaterial gegenwärtigen Gedenkens und historischen Debattierens ließen sich durch solche Betrachtungen einige Einsichten gewinnen, warum das Publikum sich durch diese Erzählungen angesprochen und herausgefordert fühlt. Diese neue Geschichtsphilosophie ist damit ein Hilfsmittel, um ethische Forderungen in geschichtspolitischen Debatten offenzulegen. Von größerer Relevanz wäre jedoch ein erweitertes Bewusstsein in alternative Handlungsoptionen. Doch damit bliebt sie allerdings weit hinter einem zentralen Anspruch klassischer Geschichtsphilosophie zurück: durch die Einsicht in den Verlauf der Geschichte Hoffnung zu begründen.

Literaturhinweis: Johannes Rohbeck, Zukunft der Geschichte: Geschichtsphilosophie und Zukunftsethik. Akademie Verlag, Berlin 2013

Volker Drell, M.A., M. Ed., geb. 1977, war von 2007-2012 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover. Seit 2014 Zweites Staatsexamen für Lehramt an Gymnasien für die Fächer Geschichte und Philosophie.

© Volker Drell

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