InDebate: Kierkegaard und Nietzsche oder: die Angst des Kriegers vor dem Guten

Polednitschek

Thomas Polednitschek

Frei ist, wer Krieger ist. So ist es in Nietzsches ‚Götzen-Dämmerung‘ zu lesen: „Der freie Mensch ist Krieger.“[1]. Aber als Philosophischer Praktiker weiß ich: Der Krieger einer von Nietzsche imprägnierten Spätmoderne ist keinesfalls frei. Er erliegt der Illusion, ein freier Mensch zu sein, weil er nicht von der Kierkegaard’schen Angst vor dem Bösen gequält wird. Er hat diese Angst hinter sich gelassen, indem er sich von seinem repressiven Über-Ich befreit und sein Gewissen auch gleich mit »entsorgt« hat. Beispiel ist der Immobilienbesitzer, der seine unerwünschten Mieter in ihren Wohnungen solange schikaniert, bis sie freiwillig ausziehen, damit er die Wohnungen der oft langjährigen Mieter in profitablere Eigentumswohnungen umwandeln kann. Moralität hält dieser Krieger des entfesselten Finanzkapitalismus unserer Tage eher für einen humanen Schwächeanfall. Der Krieger ist der von seiner betriebswirtschaftlichen Rationalität korrumpierte homo oeconomicus. Er missachtet sämtliche Verkehrsregeln im Straßenverkehr, wenn dies für ihn selbst von Nutzen ist. Sein »Markenzeichen« ist, dass er sich am Kältepol (Beuys) des Denkens bewegt.

Mit Sören Kierkegaard kann verstanden werden, dass Nietzsches Krieger sich über sich selber täuscht. Er hat sich von der Angst vor dem Bösen befreit, aber er ist unfrei, weil an die Stelle der Angst vor dem Bösen die Angst vor dem Guten getreten ist. Eben sie wird von ihm verleugnet, bricht sich aber eventuell in nächtlichen Panikattacken Bahn. Wer also den spätmodernen Krieger unserer Tage verstehen will, muss sich mit seiner Angst vor dem Guten beschäftigen. Dabei ist wichtig: Kierkegaard setzt dieses Gute in seinem Werk ‚Der Begriff Angst‘ mit der Freiheit gleich. „Das Gute ist die Freiheit“[2], sagt der dänische Denker. Nietzsches Krieger erliegt einer Verwechselung: Er verwechselt die Befreiung von der Angst vor den Bösen mit der Freiheit.

Der Neurotiker hat – im Gegensatz zum Krieger – keine Angst vor dem Guten oder der Freiheit. Er hat Angst vor dem Bösen, anders gesagt: Er hat Angst schuldig zu sein. Und schuldig fühlt sich der Neurotiker nicht, weil ihn sein Gewissen plagt, sondern er von seinem rigiden Über-Ich terrorisiert wird. Eben dieses Über-Ich erstickt den Krieger im Neurotiker, aber die Aneignung von Freiheit ist keine Sache des entfesselten Kriegers, eben weil die Befreiung von der Angst vor dem Bösen und die Freiheit unterschieden werden müssen.

Nietzsches letzter Mensch ist der unfreie Mensch, der seine Angst vor dem Guten betäubt hat. „’Wir haben das Glück erfunden’ – sagen die letzten Menschen und blinzeln“[3]. Aber der Krieger unserer Tage ist nicht der Gegensatz zum letzten Menschen, der freie Mensch. Denn in seiner Aggression und tendenziellen Gewaltbereitschaft spiegelt sich nichts anderes als seine Angst vor dem Guten wider. Eben sie hat er mit dem letzten Menschen gemeinsam. Ist das Kennzeichen des Kriegers die Aggressivität, so ist das Kennzeichen des Neurotikers, der von der Angst vor dem Bösen gequält wird, die Depressivität. Sein Thema ist nicht – wie beim Krieger – die Skrupellosigkeit, sondern sein skrupulöses Über-Ich. Der Neurotiker leidet unter der Unterdrückung seiner Freiheit. Denn er wird von der Angst vor dem Bösen gepeinigt, weil sein Ich durch das Über-Ich »gnadenlos« geknebelt wird. Die Angst vor dem Guten kann dagegen von dem Krieger leicht verdrängt und verleugnet werden, weil er an dem Verlust einer Freiheit leidet, die von ihm gar nicht vermisst wird. Aber darum täuscht er sich über sich selbst: Wer die Angst vor dem Bösen besiegt hat, hat noch lange nicht die Angst vor dem Guten überwunden. Eben dafür ist der spätmoderne Krieger ein Beispiel. Er hat – im Unterschied zum Neurotiker! – alles, was zu einer erfolgreichen Lebensbewältigung notwendig ist, aber ihm steht nicht zur Verfügung, was in einem guten Leben möglich ist, weil die Angst vor dem Guten ihm immer »im Nacken sitzt«. Darum sieht Lebenskönnerschaft (Achenbach) anders aus.

Es ist die Angst vor dem Guten, die den Krieger unserer Tage – von ihm selbst undurchschaut – »auf der Flucht« vor sich selbst sein lässt.[4] Die Freiheit macht ihm Angst, weil sie von ihm einen hohen Preis erfordert. Sie gibt es nur um den Preis, dass er nicht länger vor dem flieht, was ihn nicht zu einem Krieger macht. Von Kierkegaard könnte Nietzsches Krieger lernen, dass sein Selbstbewusstsein ein »halbiertes« Selbstbewusstsein bleibt, solange er alles »exkommuniziert«, was mit seinem Selbstverständnis als Krieger als unvereinbar gilt. Denn »Selbstbewusstsein« gibt es für den Dänen nur dann und dort, wenn und wo die Angst vor dem Guten die Freiheit nicht länger liquidiert.

Beim spätmodernen Krieger entsprechen dem Internet als Quelle der Information die versiegten Quellen der Inspiration. Aber die Wahrheit der Inspiration ist die Wahrheit, die wach und lebendig macht, weil sie eine Existenzmitteilung ist. Die Unfreiheit und der Verlust dieser Wahrheit sind für Kierkegaard die zwei Seiten der einen Medaille. Er selbst spricht von dem pneumatische(n) Verlust der Freiheit. Gleichwohl gilt für den spätmodernen Krieger: Es ist ein Verlust, dem kein Vermissen entspricht, denn was den Krieger von dem Neurotiker auf jeden Fall unterscheidet, ist, dass er kein Bewusstsein für das hat, was fehlt (Habermas).[5] Darum leidet er auch keinesfalls unter dem pneumatischen Verlust der Freiheit. Er leidet nicht unter dem Verlust der Freiheit, die ohne die inspirierende Wahrheit nicht zu haben ist. Was er für seine Wirklichkeitstauglichkeit braucht, ist nicht die Wahrheit der Inspiration, sondern die Wahrheit der Information. Übrigens: Der Krieger unserer Tage hat die Differenz zwischen Wirklichkeit und Wahrheit bis zur Unkenntlichkeit »eingeebnet«, darum ist für ihn wahr, was Fakt ist.

Der spätmoderne Krieger setzt auf eine Wachheit und Lebendigkeit, die sich allein seiner »Funktionstüchtigkeit« verdankt, und sei es um den Preis von Aufputschmitteln oder Antidepressiva. Weil bei diesem Krieger an die Stelle der Wahrheit der Inspiration die Wahrheit der Information getreten ist, entspricht er Enzensbergers sekundärem Analphabeten: „Er verfügt über ein beträchtliches Durchsetzungsvermögen. Wir brauchen uns also keine Sorgen um ihn zu machen. Zu seinem Wohlbefinden trägt bei, dass der sekundäre Analphabet keine Ahnung davon hat, dass er ein sekundärer Analphabet ist. Er hält sich für wohl informiert, kann Gebrauchsanweisungen, Piktogramme und Schecks entziffern und bewegt sich in einer Umwelt, die ihn hermetisch gegen jede Anfechtung seines Bewusstseins abschottet.“[6] Auch die Aggression des spätmodernen Kriegers ist nicht ohne die Anästhesierung der Angst vor dem Guten zu haben.

Es ist die Angst vor der Freiheit, die den Krieger unfrei macht, und das Kennzeichen des unfreien Kriegers ist die uninspirierte Wahrheit. Denn der Verlust der Wahrheit der Inspiration ist  der Spiegel für das, was Kierkegaard das Dämonische nennt und mit der Angst vor dem Guten gleichsetzt. Dämonisch ist es für ihn dort, wo „das Ewige im Menschen“[7] geleugnet wird. „In demselben Augenblick ist der ‚Lebenswein ausgeschenkt’“[8], sagt Kierkegaard mit Shakespeare. Mit anderen Worten: Die Bestreitung des Ewigen und die Leere sind die zwei Seiten der einen Medaille. Das Dämonische ist die Angst vor der Freiheit, die die Alternative zu der Leere des spätmodernen Kriegers ist. „Lässt man nämlich alle ethischen Bestimmungen des Bösen beiseite und wendet man nur die metaphysischen Bestimmungen der Leere an, so hat man das Triviale, dem sich leicht eine komische Seite abgewinnen lässt.“[9] Der Krieger unserer Tage ist der Mensch, dessen Freiheit nicht durch die Unterdrückung, sondern durch die Banalität bedroht ist.

Ihm ist am Anfang des 21. Jahrhunderts die von Freud und Heidegger geprägte Psychotherapie des kulturellen Westens nicht gewachsen. Sie ist heute in eine Sackgasse geraten, seit sie es bei ihren Patienten durch den Niedergang der Neurose (Ehrenberg) immer weniger mit der Angst vor dem Bösen zu tun bekommt, dafür aber immer mehr mit der Angst vor dem Guten. Auf diese Angst des spätmodernen Nihilismus hat sie keine Antwort, weil sie – im Gegensatz zur Philosophischen Praxis – die Angst vor dem Guten gar nicht kennt. Sie kennt nicht die Angst vor der Freiheit, die es ohne die inspirierende  Wahrheit nicht gibt. Philosophische Praxis ist im dialogischen Denken mit ihren Gästen an der Aneignung dieser Freiheit interessiert. Sie macht diese Aneignung möglich, wenn sie ihre Gäste im dialogischen Denken an sich selbst erinnert. Solange der spätmoderne Krieger sich nicht an sich selbst erinnert, bleibt er ein Opfer seiner Angst vor der Freiheit und ein Gefangener seiner »abgedichteten« Subjektivität.[10]

Dr. Thomas Polednitschek ist als Philosophischer Praktiker und Psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis in Münster tätig.

(c) Thomas Polednitschek

[1] Nietzsche, Friedrich (1999). Götzen-Dämmerung. In: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Studienausgabe, Bd. 6. München. S. 140. Hervorhebung F.N.
[2] Kierkegaard, Sören (1984). Der Begriff Angst. Hamburg. S. 121. Fußnote 1.
[3] Nietzsche, Friedrich (1999). Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen. In: Colli, Giorgio und Montinari, Mazzino (Hrsg.): Kritische Studienausgabe, Bd. 4. München. S. 19.
[4] Man könnte sein Burn-out durchaus als die Erschöpfung verstehen, die die chronifizierte Flucht vor sich selbst nach sich zieht.
[5] Dem entspricht, dass der spätmoderne Krieger auch nicht unter einem Verlust leidet, wie dies der Neurotiker tut. Weil er an diesem Verlust leidet, ist er – im Gegensatz zum Krieger – in der Lage, die »objektlose« Traurigkeit, deren Kehrseite die Unfähigkeit zu trauern (Mitscherlich) ist, in Trauer zu verwandeln.
[6] Enzensberger, Hans-Magnus (1988). Mittelmaß und Wahn. Frankfurt a. M. S. 67f.
[7] Kierkegaard, Sören (1984). Der Begriff Angst. Hamburg. S. 167.
[8] Ebd.
[9] Ebd. S. 146.
[10] Polednitschek, Thomas (2014). Der politische Sokrates. Was will Philosophische Praxis. Münster.

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4 Gedanken zu „InDebate: Kierkegaard und Nietzsche oder: die Angst des Kriegers vor dem Guten

  1. Die Figur des Kriegers muss der des Nicht-Kriegers nicht völlig äußerlich gegenüber stehen; jemand kann auch seine Identität, ganz opportunistisch oder rein willkürlich, von mal zu mal ändern. Mal hat er angebliche „Angst vor dem Guten“ und mal tut er selbst etwas Gutes, nur um dann später wieder Spaß daran zu finden, das alles zu zerstören…

    Ist man freier wenn man sich an bestimmte Moralvorschriften hält als wenn man einfach tut, wonach einem gerade der Sinn steht – völlig unabhängig, ob irgendwer es gut oder böse nennt. Es kann dann durchaus sein, dass man mal tut, was als „gut“ gilt, mal das, was als „böse“ gilt – man hat weder Angst vor dem einen, noch vor dem anderen.
    Darum muss der Krieger auch keine Angst vor dem Guten haben, er sieht bloß ein, dass das Gute ihm oft nichts einbringt – darum tut er es nicht. Natürlich, man kann sagen – wenn man es denn unbedingt möchte-, dass er Angst davor hätte, etwas zu tun, was er nicht tun will. Aber ist das eine Einschränkung seiner Freiheit?

    Oder vielleicht gibt es hier kein „freier“ oder „unfreier“ – ob man nun der Idee des Guten, einer Idee des Bösen oder einem Opportunismus oder einem aktiven bzw. passiven Nihilismus anhängt -, sondern bloß eine andere Art der Freiheit bzw. Unfreiheit – und jede gewisse Art der Freiheit geht mit einer Art Unfreiheit einher; und dann wählt man eben irgendein Paket von Freiheit-Unfreiheit oder wird zu dieser Wahl genötigt. Zumal ja auch die Wahl selbst den Nutzen, den ich daraus ziehen kann, langfristig beeinflussen kann. Die Präferenzen ebenso wie das Wahrnehmungsschema können sich endogen verändern, in Abhängigkeit vom Verhalten, das wiederum die Präferenzen und das Wahrnehmungsschema verändert.
    Was sollen wir dann noch mit einem substantiellen Freiheitsbegriff?

    Es ist hier also immer ein objektives Verständnis von Freiheit vorausgesetzt – was aber, wenn sich das hermetisch abgeschottete Subjekt nicht um wesenslogische Argumente eines objektiven Freiheitsbegriffs kümmert, sondern einfach nur um seine subjektive triumphale Erfahrung der Freiheit? Dies mag für den Außenstehenden ein bloß „imaginärer“ Triumph sein, für das hermetisch abgeschottete Subjekt ist es dies jedoch gerade nicht, es ist vielmehr die vollständige Erfüllung seiner Freiheit.
    Sofern dem Krieger selber in seiner Erfahrung noch solche Ahnungen seiner eigenen Unfreiheit erscheinen, funktioniert er – oder das ihn umgebende System – nicht entsprechend. Reine Funktionalität simuliert Freiheit und Lebendigkeit – jede objektive Freiheitskonzeption braucht das sich als frei erfahrende Subjekt gar nicht zu stören.
    Es könnte aber natürlich ein System vorliegen, welches – trotz aller endogenen Veränderbarkeit der in ihm eingegliederten Subjekte – systematisch Dysfunktionalitäten erzeugt; oder das System schafft es, alle solchen Dysfunktionalitäten abzuschaffen.

  2. Diese Kritik, Anonymous, halte ich an manchen Stellen für nicht ganz gerechtfertigt. Ich denke, dass sich manche Kritikpunkte auflösen lassen, wenn man den Text so nimmt, wie er gegeben wurde, weil dadurch m.E. einsichtig wird, dass die Kritik den Text teilweise verfehlt. Dies versuche ich im Folgenden zu tun.

    Sie lassen den »Krieger« am »Nicht-Krieger« die Kritik äußern, letzterer sei „ein von der Moral verseuchtes und geknechtetes Individuum“. Der Typus, den Sie damit beschreiben, wird von Polednitschek als »Neurotiker« bezeichnet und stellt im Text nicht den positiven Typus einer freien Person dar (auch wenn es nicht die Freiheit selbst ist, die ihn ängstigt). Insofern ist die Kritik, die Sie am Text äußern durchaus mit dem Text selbst vereinbar: Der Krieger hat eine Art der Unfreiheit – die Knechtschaft des Über-Ichs – überwunden. Die Pointe des Textes ist nun aber die, dass es hier nicht aufhört, sondern dass eine Befreiung vom Über-Ich nicht mit Freiheit gleichgesetzt werden darf. Die »Angst vor dem Bösen« zu überwinden ist also gewissermaßen notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung der Freiheit.

    Insofern ist es m.E. nicht gerechtfertigt, dem Krieger die „ultimative Erfahrung des Abgrunds der absoluten Freiheit“ zu unterstellen. Seine Freiheit ist ja eben eingeschränkt. Der Krieger ist in einer bestimmten Hinsicht freier als der Neurotiker: Er leidet nicht unter der »Angst vor dem Bösen«. Daraus „absolute Freiheit“ abzuleiten ist aber eben der Fehlschluss des Kriegers, auf den in dem Text hingewiesen wird. Das sagen Sie indirekt selbst, wenn Sie von der „Nötigung“ zum kriegerischen Leben sprechen und dass er „letztlich keine wirkliche Wahl hat“. Der Krieger hat sich mit den Prämissen und Normen einer kriegerischen Kultur angefreundet. Was ihn auszeichnet ist, dass er sie bejaht und sich mit ihnen zurecht findet. Nach Achenbach ist der Krieger kein Lebenskönner, sondern ein Lebenskünstler: Er steht nicht für das ein, was recht ist, sondern er setzt sich durch.

    In diesem Sinne stimme ich Ihnen zu, wenn Sie schreiben: „Der spätmoderne Krieger zieht seine Lebendigkeit daraus, dass er funktioniert“. Ich würde den Begriff »Lebendigkeit« zwar nicht benutzen, weil er für mich semantisch dem des »Funktionierens« entgegengesetzt ist. Aber ich stimme zu – und ich denke, dass diese These auch von Polednitschek vertreten wird – dass der Krieger in unserem kriegerischen System funktioniert. Den Text verstehe ich hier allerdings so, dass er die Gleichsetzung von »Funktionieren« und »Freiheit« kritisiert, indem zwischen der »Wahrheit der Inspiration« und der »Wahrheit der Information« unterschieden wird. Die »Wahrheit der Inspiration« fasse ich allerdings nicht, wie Sie, als „ohnmächtig“ oder „jenseitig“ auf, sondern als eine Wahrheit, die für konkrete Individuen Handlungsoptionen eröffnet. Im Text gibt es Hinweise dafür, dass der Krieger insofern unter der Angst vor dem Guten leidet, als ‚Symptome‘ dieser Angst „nächtliche[] Panikattacken“ oder Burnout sein können. Der Krieger funktioniert also systemgemäß, aber die Beschneidung seiner Freiheit durch die »Angst vor dem Guten« deutet sich auch in seiner Erfahrung hin und wieder an.

    Im Text wird ein Typus kritisiert, nicht ein Gegenentwurf eines freien Subjekts angestellt. Somit lässt sich nur über einen Typus mutmaßen, der sowohl die »Angst vor dem Bösen« als auch die »Angst vor dem Guten« abgelegt hat. Ich sehe aber keinen Grund darin, einem solchen Subjekt zu unterstellen, es könne nicht auch gemäß der sozialen Normativität seines Systems agieren. Schließlich gewinnt es Freiheitsgrade dazu, wenn es die Angst vor der Freiheit abgelegt hat. Dass seine Freiheit dadurch beschnitten wird, halte ich nicht für eine sinnvolle Kritik.

  3. So, mal wieder eine schöne Theorie, die besagt, dass der egoistische Mensch, der nur an sich denkt, einer Illusion über seine Freiheit oder sein Glück erliegt, ohne es zu wissen und ohne daran zu leiden.
    Für diesen spätmodernen Krieger mag etwas anderes als das „Böse“ gelten, nämlich all das, was aus der Schwäche wächst. Diesem Krieger, auch wenn er nach der obigen Theorie nicht „wirklich frei“ ist, reicht es aus, wenn er sich subjektiv frei fühlt. Er mag von der betriebswirtschaftlichen Rationalität korrumpiert sein; aber für ihn ist genauso der „Gute“ oder der „Nicht-Krieger“ korrumpiert durch seine Ressentiments, seine Schwäche, sein Mitleiden, usw. – ein von der Moral verseuchtes und geknechtetes Individuum voller Vorurteile, die bloß aus dessen Angst (z.B. vor der Rache des Stärkeren), Schwäche und dessen Illusionen über das Gute im Menschen, die nur seinem Opportunismus geschuldet sind, herrühren. Der Krieger verfügt eben auch über eine mehr oder weniger verfeinerte Theorie darüber, dass der Nicht-Krieger ein Getäuschter ist, einer, der nur eine illusionäre Freiheit besitzt und genießt, einer, dem etwas wesentliches fehlt, der objektiv mit einem Verlust belastet ist, der ihn jedoch subjektiv nicht belastet.
    Man kann sagen, der Krieger fliehe vor sich selbst, vor dem, „was ihn nicht zu einem Krieger macht“, vor seinen Schwächen und der verletzbaren Öffnung gegenüber dem Anderen; und man kann sagen, der Gemäßigte oder der Nicht-Krieger flieht vor der Wahrheit seiner Einsamkeit und dem radikalen Abgrund der Freiheit, oder vor was auch immer… Die Flucht vor welcher Identität, vor welchem Selbst (man könnte ja viele haben, besonders in der Zeit der polymorph-perversen Identitäten und Identitätswechsel), das ist hier die Frage. So kann der Krieger, der Liebe zur Symmetrie folgend, argumentieren: Die Freiheit macht dem Nicht-Krieger Angst, denn es gibt sie nur um den Preis, dass er nicht länger vor dem flieht, was ihn nicht zu einem Nicht-Krieger macht. Gerade in solchen Konflikten – das ist eines ihrer wesentlichen Probleme – lässt sich nur allzu oft jeder Vorwurf (mit ein bisschen Phantasie, die in solchen Konflikten definitiv nicht Mangelware ist) direkt umkehren.
    Der eine sagt, dem Krieger stünde das „nicht zur Verfügung, was in einem guten Leben möglich ist, weil die Angst vor dem Guten ihm immer im Nacken sitzt“, z.B. „Liebesfähigkeit“, der andere behauptet, demjenigen, der seine Stärke nicht nutzt und andere ausnutzt, entginge etwas Wesentliches, eine ultimative Erfahrung des Abgrunds der absoluten Freiheit o.ä. – warum dem einen mehr Glauben schenken als dem anderen? Aus beiden gegensätzlichen Perspektiven meint jeder doch sowieso auf das, was einem angeblich – wie es zumindest vom anderen attestiert wurde – fehlen würde, gut und gerne verzichten zu können.

    Das diagnostizierte kriegerische Verhalten kann, muss aber nicht aus einer ursprünglichen Freiwilligkeit resultieren, sondern mag auch nur der Nötigung geschuldet sein, sich kriegerisch gegen andere behaupten zu müssen, weil man sonst im Konkurrenzkampf untergehen würde. So gibt es eben denjenigen, der die Moralität durchaus zu schätzen weiß, aber auch plausible rationale Erwartungen anstellt, die ihm sagen, dass er letztlich keine wirkliche Wahl hat: Seine Machtposition zu stärken versuchen und nur an seinen Vorteil denken oder, wenn man dies nicht ausreichend tut, in die Gefahr geraten, dass andere einen ausnutzen und man unter den Egoismen der anderen zu leiden hat und unter die Räder der blind wütenden Maschinerie der Nacht gerät. Er muss seine Moralität aufgeben, um erfolgreich zu sein, oder er gibt seinen Erfolg auf – aber der Erfolg ist ihm lieber. So heuchelt er sich – seiner praktisch gelebten Schizophrenie oder einer Art von Zynismus folgend – durchs Leben. Aber diese Art des Erfolgsdenkens, diese betriebswirtschaftliche Rationalität oder
    Pseudo-Rationalität ist gerade das „Korrumpierende“ oder Falsche – zumindest nach der obigen Theorie, der ich durchaus viel abgewinnen kann. Beide mögen sich gegenseitig mangelnde „Lebenskönnerschaft“ vorwerfen.

    Die Gewaltbereitschaft des spätmodernen Kriegers mag bloß ein Ausdruck seiner „Angst vor dem Guten“ sein. Aber wenn das, was hier als „das Gute“ gilt, etwas ist, was ihm, dem Krieger, schadet, so wendet er eben dagegen Gewalt an. Genauso wie mangelnde Gewaltbereitschaft gegen das bestehende Schlechte, Unterdrückende, gegen die strukturelle Gewalt z.B. des kapitalistischen Staatsapparats nicht unbedingt mit dem Guten identisch ist.

    Die Angst vor dem Guten oder vor dem Bösen verschwimmt in einer Zone der Ununterscheidbarkeit. Der Über-Ich-Befehl scheint mir in den heutigen Tagen der Imperativ des (reglementierten) Genießens (der kleinen Genüsse und/oder des exzessiven, beständig wiederholten Immer-mehr-Genießens) zu sein – das „Lüstchen für den Tag“; dieser Genuss-Befehl schlägt um in Unterdrückung der Freiheit oder es wird eine gewisse tyrannische Seite der Freiheit selbst hervorgekehrt (wie etwa die „Jeder ist seines Glückes Schmied“-Propaganda, d.h. die Individualisierung von Fehlern – oder man beklagt in umgekehrter Weise eine Kultur des Jammerns); insofern nähern sich der letzte Mensch und der Neurotiker, der unter dem Befehl des Über-Ich zusammenbricht und depressiv wird, in gewissem Sinne aneinander an. Einige, die es schaffen und „oben bleiben“, werden zu Kriegern, wieder andere, die in der Schwebe bleiben, verwandeln sich in selbstzufriedene imaginäre Krieger (insofern sie sich in einen imaginären Triumph abseits des faktischen kapitalistischen Erfolgs flüchten – bzw.: insofern sie sich mit weniger zufrieden geben und nicht dieses unbeschränkte Verwertungsbedürfnis haben bzw. es statt direkt in Geld zu messen auf andere Lebensbereiche übertragen), und wieder andere „stürzen ab“, gehen durch den übermäßigen Erfolgs-Druck, der sie überfordert und der sich immer weiter nach oben verschiebt, zugrunde.

    Der spätmoderne Krieger zieht seine Lebendigkeit daraus, dass er funktioniert – und zwar besser als die anderen. Und mit seinem Charakterpanzer schottet er sich „gegen jede Anfechtung seines Bewusstseins ab“.
    Nun: „Gelobt sei, was hart macht.“ Und: „Aus der Kriegsschule des Lebens. Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.“
    Da sagt er sich ganz pragmatisch: Fakt ist Fakt, irgendeine ohnmächtige, jenseitige Wahrheit der Inspiration hilft mir in meinem Leben nicht weiter, sie bringt mir kein Geld, kein Profit ein – was soll ich also damit? Er ist damit zufrieden wie er ist, die Wahrheit der Inspiration ist ihm ein bloßes Hirngespinst von Schwätzern, die mit der Praxis nicht klarkommen und sich irgendeine Hinterwelt-Freiheit erdichten. Mag sein, dass man so in der Leere wohnt, aber warum sollte man sich diese nicht ausschmücken können – lieber die wiederkehrende Leere ertragen und sie in beständiger, routinierter Wiederholung überwinden und an den Seiten des Lebenswegs mit einigen kleinen Genüssen ausschmücken oder konsumistischen und feierlichen Exzessen übertäuben, als auf all diese Betäubugungsmittel, die das Leben doch so glücklich machen, zu verzichten …
    So ist es: Dem Trivialen lässt „sich leicht eine komische Seite abgewinnen“.

    Hier muss ich aber auch darauf hinweisen, dass ich Nietzsche – auch wenn er sich oft so anhört – keinesfalls als einen Prediger des Finanzkapitalismus oder der Konkurrenzwirtschaft etc. betrachten würde; aber in Nietzsche, so scheint mir, kann man so vieles hineininterpretieren.
    „Wo die Einsamkeit aufhört, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da beginnt auch der Lärm der großen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen Fliegen. (…) Wenig begreift das Volk das Große, das ist: das Schaffende. Aber Sinne hat es für alle Aufführer und Schauspieler großer Sachen. (…) Weil du milde bist und gerechten Sinnes, sagst du: `unschuldig sind sie an ihrem kleinen Dasein´ Aber ihre enge Seele denkt: `Schuld ist alles große Dasein´. (…) Dein wortloser Stolz geht immer wider ihren Geschmack; sie frohlocken, wenn du einmal bescheiden genug bist, eitel zu sein. Das, was wir an einem Menschen erkennen, das entzünden wir an ihm. Also hüte dich vor den Kleinen! (…) Das, was groß an dir ist, – das selber muss sie giftiger machen und immer fliegenhafter. Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe, starke Luft weht. Nicht ist es dein Los, Fliegenwedel zu sein.“
    Hier ist der einsam Schaffende jenseits des Marktes, jenseits vom „Geschwirr der giftigen Fliegen“ – vielleicht ein Geistesaristokrat. Aber es ist ja bekanntlich nach Schumpeter der Kapitalismus eine schöpferische Zerstörung und – ebenfalls nach all diesen bürgerlichen Ideologen, welche die Figur des Unternehmers so schön verklären können – der kreative, innovative freie Unternehmer ist der Schaffende, der Rest besteht aus Nachahmern. Nietzsche scheint mir letztlich auch eine „Wahrheit, die wach und lebendig macht“ im Sinn zu haben – vielleicht können Kierkegaard und Nietzsche beide voneinander lernen.

    Aus der Selbstzufriedenheit wacht der spätmoderne Krieger nicht von selbst auf – warum sollte er auch? Gegen den Kapitalismus, gegen die Lieblosigkeit der Welt, den blinden Konsumismus und die niederträchtige Konkurrenz muss man kämpfen, dem Kapital muss man offen den Kampf gegen den Wirtschaftskrieg erklären. Der Kapitalismus beginnt sowieso bereits abzufaulen …
    Und dann noch das marxistische Schlusswort: „Brecht dem Kapital die Gräten, alle macht den Räten!“

    • Ich danke den beiden Kommentatoren für Ihre Anmerkungen zu meinem Blog-Beitrag. Hier möchte ich noch einmal sagen, worum es mir in meinem Beitrag geht. Mit dem Text möchte ich auf eine „Verschiebung“ aufmerksam machen, die m. E. in den letzten dreißig Jahren stattgefunden hat: Was sich verschoben hat, ist das Belastungsbild der von einer (autoritären) Tradition und Religion imprägnierten Menschen gegenüber den Menschen, die Zeitgenossen einer reflexiven Moderne sind. Unfrei sind sie beide: Der „Neurotiker“ und der „Krieger“. Nur steht der „Neurotiker“ für den Menschen, der durch die Unterwerfung in seinem Subjektsein behindert worden ist. Der sog. „Krieger“ steht für den Menschen, dessen Thema die „Subjektmüdigkeit“ ist. Der „Krieger“ unserer Tage ist ein durchsetzungsstarkes Ego, aber es ist die „kulturelle Amnesie“ (Metz) oder ein Europa, das immer mehr sein kollektives Gedächtnis verliert, wodurch dieses subjektmüde Ego unserer Tage nicht mehr die Möglichkeit hat, sich seine eigene Freiheit anzueignen. Dieser Subjektmüdigkeit unserer Tage begegnet die Philosophische Praxis mit der „Wahrheit der Inspiration“. Ich könnte genauso gut sagen, Philosophische Praxis setzt auf das, was „Bildung“ genannt wird.

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