Schwerpunktbeitrag: Gerechtigkeitstheorie als Gesellschaftsanalyse. Zur Rekonstruktion von demokratischer Sittlichkeit

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Axel Honneth

Eine der größten Beschränkungen, unter denen die politische Philosophie der Gegenwart leidet, ist ihre Abkoppelung von der Gesellschaftsanalyse und damit die Fixierung auf rein normative Prinzipien. Nicht, dass es nicht Aufgabe einer Theorie der Gerechtigkeit wäre, normative Regeln zu formulieren, an denen sich die moralische Legitimität der gesellschaftlichen Ordnung bemessen ließe; aber diese Prinzipien werden heute zumeist in Isolation von der Sittlichkeit gegebener Praktiken und Institutionen entworfen, sodass sie erst sekundär auf die gesellschaftliche Realität „angewendet“ werden müssen. Die darin zum Ausdruck kommende Entgegensetzung von Sein und Sollen oder die philosophische Herabsetzung der moralischen Faktizität ist Resultat einer weit zurückreichenden Theorieentwicklung, die eng mit dem Schicksal der Hegelschen Rechtsphilosophie verknüpft ist. Nach Hegels Tod war seine Absicht, aus den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit die vernünftigen, d.h. freiheitsverbürgenden Institutionen normativ zu rekonstruieren, auf der einen Seite nur als konservative Restaurationslehre, auf der anderen Seite allein als Revolutionstheorie verstanden worden; diese Aufspaltung in eine Hegelsche Rechte und eine Hegelsche Linke ermöglichte es späteren Generationen, nachdem beinah alle revolutionären Ideale verschlissen waren, die politische Philosophie Hegels im Ganzen dem Konservatismus zuzuschlagen. Damit aber war der Siegeszug einer letztlich an Kant (oder, angelsächsisch, an Locke) orientierten Theorie der Gerechtigkeit nahezu besiegelt: Die normativen Prinzipien, an denen sich die moralische Legitimität der sozialen Ordnung bemessen sollte, durften nicht aus dem existierenden Institutionengefüge heraus, sondern nur von ihm unabhängig entwickelt werden.

Aus der jüngsten Vergangenheit lassen sich zwar die Arbeiten von Michael Walzer (Sphären der Gerechtigkeit, Frankfurt/New York 1992), David Miller (Grundsätze sozialer Gerechtigkeit, Frankfurt/New York 2008) und Alasdair MacIntyre (Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart, Frankfurt/New York 1987) anführen, um zu belegen, dass der Impuls zur Überwindung rein normativer Gerechtigkeitstheorien bzw. Anstrengungen zur Wiederannäherung an die Gesellschaftsanalyse nie wirklich erlahmt sind. Aber gerade diese Versuche machen auch deutlich, wie weit wir uns heute von Hegel entfernt haben; was gegenwärtig betrieben wird, um die Mängel einer kantianischen, institutionenvergessenen Gerechtigkeitstheorie zu überwinden, besteht fast immer in der hermeneutischen Rückanpassung der normativen Prinzipien an existierende Institutionengefüge oder herrschende Moralüberzeugungen, ohne dass dabei der zusätzliche Schritt unternommen würde, deren Gehalt selbst als vernünftig oder gerechtfertigt auszuweisen. Hegel hingegen wollte in seiner ‚Rechtsphilosophie‘ beides zu einer Einheit zusammenbringen, die institutionelle Realität seiner Zeit als in entscheidenden Zügen bereits vernünftig darlegen und umgekehrt die moralische Vernunft als in den modernen Kerninstitutionen schon verwirklicht nachweisen; sein Begriff des „Rechts“ sollte das an der gesellschaftlichen Wirklichkeit namhaft machen, was dadurch moralischen Bestand und Legitimität besitzt, dass es der allgemeinen Ermöglichung und Verwirklichung der individuellen Freiheit dient.

Trotz aller historischen Veränderungen scheint es mir sinnvoll, die Hegelsche Absicht noch einmal aufzugreifen, eine Theorie der Gerechtigkeit aus den Strukturvoraussetzungen der gegenwärtigen Gesellschaften selbst zu entwerfen. Ein solches Unternehmen beruht auf vier Prämissen. Zunächst muss vorausgesetzt werden, dass die jeweilige Form der sozialen Reproduktion einer Gesellschaft durch gemeinsam geteilte, allgemeine Werte und Ideale bestimmt ist; sowohl die Ziele der gesellschaftlichen Produktion als auch die der kulturellen Integration werden letztlich durch Normen reguliert, die insofern einen ethischen Charakter besitzen, als sie Vorstellungen des gemeinsam geteilten Guten enthalten. Solche ethischen Normen legen nicht nur von oben, als „ultimate values“ (Parsons), fest, welche sozialen Maßnahmen oder Entwicklungen überhaupt als vorstellbar gelten können, sondern bestimmen auch von unten, als mehr oder weniger institutionalisierte Erziehungsziele, mit, woran sich der Lebensweg des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft auszurichten hat. Parsons zufolge fließen die ethischen Werte, die die „letzte Realität“ jeder Gesellschaft bilden, über das kulturelle System in die untergeordneten Teilbereiche ein, indem sie über die Mechanismen von Rollenerwartungen und einsozialisierten Idealen die Handlungsorientierungen der Mitglieder prägen. Was dieses Gesellschaftsmodell für die Aktualisierung der Hegelschen Absichten besonders geeignet macht, ist die Tatsache, dass es alle sozialen Ordnungen ausnahmslos an eine Legitimierung durch ethische Werte als erstrebenswerte Ideale bindet.

Auch die Tatsache „heterogener“ Gesellschaften, also ethnisch oder religiös diversifizierter Gemeinwesen, ändert an dieser „transzendentalen“ Voraussetzung des Zwangs zur normativen Integration wenig: Zwar entsteht damit ein Druck, die ethischen Werte umfassender und genereller werden zu lassen, um auch die Ideale der Minderheitskulturen beherbergen zu können, aber es bleibt bei der Unvermeidbarkeit, die materielle Reproduktion und die kulturelle Sozialisation an den Vorgaben gemeinsam geteilter Normen auszurichten. In einem derartigen, zunächst nur schwachen Sinn ist jede Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade eine Verkörperung des objektiven Geistes: In ihren Institutionen, in ihren sozialen Praktiken und Routinen hat sich niedergeschlagen, welche normativen Überzeugungen die Mitglieder darüber teilen, worin die Ziele ihres Kooperationszusammenhangs bestehen.

In der zweiten Prämisse wird in einer ersten Annäherung behauptet, dass der Begriff der Gerechtigkeit nicht unabhängig von den gesellschaftlich übergreifenden Werten verstanden werden kann: Als „gerecht“ hat zu gelten, was innerhalb einer Gesellschaft an Institutionen oder Praktiken dazu angetan ist, die jeweils als allgemein akzeptierten Werte zu verwirklichen. Für Hegel, aber auch für Marx ist die Idee der Gerechtigkeit gar keine unabhängige, aus sich selbst heraus erläuterbare Größe; das mag auch der Grund dafür sein, dass sich bei ihnen nur selten ein nicht-polemischer, konstruktiver Gebrauch von diesem Begriff findet. Im klassischen, aus der Antike überlieferten Wortsinn bezeichnet „Gerechtigkeit“ die „verbindliche und dauerhafte Absicht, jedem das Seine zu geben“ (Justinian, Cicero, Thomas von Aquin); im Kern ist damit die Anforderung gemeint, jede andere Person auf die ihrer individuellen Persönlichkeit angemessene Weise zu behandeln, was auf eine sowohl gleiche wie auch ungleiche Behandlung verschiedener Anderer hinauslaufen kann. Hegel ist nun der Überzeugung, dass es für die Art dieser Angemessenheit gar keinen unabhängigen, im Begriff der Gerechtigkeit selbst angelegten Maßstab geben kann; wir können keinen neutralen Standpunkt einnehmen, von dem aus wir die zu berücksichtigenden Eigenschaften der anderen Person analysieren könnten, weil unsere Beziehung zu ihr immer von den Praktiken geprägt ist, in die wir gemeinsam verstrickt sind. Das, was es heißt, „jedem das Seine zu geben“, kann nur aus dem internen Sinn von bereits etablierten Handlungspraktiken rekonstruiert werden; da dieser Sinn sich aber wiederum nur aus dem ethischen Wert ergibt, den die entsprechende Sphäre im idealen Gesamtgefüge der ethischen Aufgabenteilung einer Gesellschaft besitzt, lassen sich die Maßstäbe der Gerechtigkeit letztlich allein unter Bezug auf die Ideale analysieren, die in jener Gesellschaft faktisch institutionalisiert sind.

Mit der Forderung nach einer immanent ansetzenden Analyse ist freilich der Unterschied zu den konventionellen, von mir als „kantianisch“ bezeichneten Gerechtigkeitstheorien noch nicht hinreichend markiert, da auch diese sich häufig bemühen, ihre „konstruktiv“ gewonnen Prinzipien zugleich als Ausdruck der gegebenen Wertorientierung darzustellen; sowohl die Rawls’sche Theorie der Gerechtigkeit als auch die Habermas’sche Rechtstheorie sind gute Beispiele für Ansätze, die von einer historischen Kongruenz zwischen unabhängig gewonnenen Gerechtigkeitsprinzipien und den normativen Idealen moderner Gesellschaften ausgehen. Die Differenz zu derartigen Theorien besteht darin, dass im Anschluss an Hegel darauf verzichtet werden muss, der immanent ansetzenden Analyse den Schritt einer freistehenden, konstruktiven Begründung von Gerechtigkeitsnormen vorzuschalten; ein solcher zusätzlicher Rechtfertigungsschritt ist überflüssig, wenn sich im Nachvollzug der Bedeutung der herrschenden Werte bereits nachweisen lässt, dass sie den historisch vorausliegenden Gesellschaftsidealen normativ überlegen sind.

Erst mit der dritten Prämisse kommt nun aber ins Spiel, was es des Näheren bedeuten soll, auf der Basis der beiden vorherigen Bestimmungen eine Gerechtigkeitstheorie als Gesellschaftsanalyse durchzuführen; gemeint ist damit, aus der Mannigfaltigkeit der gesellschaftlichen Wirklichkeit diejenigen Institutionen oder Praktiken herauszudestillieren oder „normativ zu rekonstruieren“, die tatsächlich als geeignet gelten können, die allgemeinen Werte sicherzustellen und zu verwirklichen. Um der Gefahr zu entgehen, die immanent gewonnenen Prinzipien der Gerechtigkeit doch wieder nur auf die gegebene Wirklichkeit anzuwenden, sollte die gesellschaftliche Realität selbst nicht als ein schon hinreichend analysiertes Objekt vorausgesetzt werden; vielmehr müssten deren wesentliche Züge erst eigenständig herauspräpariert werden, indem gezeigt wird, welche sozialen Sphären welchen Beitrag zur Sicherung und Verwirklichung der gesellschaftlich bereits institutionalisierten Werte leisten. Die „normative Rekonstruktion“ ist ein Verfahren, welches die normativen Absichten einer Gerechtigkeitstheorie dadurch umzusetzen versucht, dass es die immanent gerechtfertigten Werte direkt zum Leitfaden der Aufbereitung und Sortierung des empirischen Materials nimmt: Die gegebenen Institutionen und Praktiken werden auf ihre normativen Leistungen hin in der Reihenfolge analysiert und dargestellt, in der sie für die soziale Verkörperung und Verwirklichung der gesellschaftlich legitimierten Werte von Bedeutung sind. „Rekonstruktion“ soll also heißen, dass aus der Masse der gesellschaftlichen Routinen und Einrichtungen nur diejenigen analysiert werden, die für die soziale Reproduktion unverzichtbar sind. Ein ähnliches Vorgehen findet sich auch bei Emile Durkheim und Talcott Parsons.

Mit der vierten Prämisse soll schließlich gewährleistet werden, dass die Anwendung eines solchen methodischen Verfahrens nicht dazu führt, nur die bereits bestehen Instanzen der Sittlichkeit zu affirmieren; Hegel hatte den Begriff der „Sittlichkeit“ zunächst gewählt, um gegen die vorherrschende Tendenz der Moralphilosophie auf jenes Netzwerk von institutionalisierten Routinen und Verpflichtungen aufmerksam zu machen, in dem moralische Einstellungen nicht in Form der Orientierung an Prinzipien, sondern der Gestalt von sozialen Praktiken eingelassen waren; für ihn stand es außer Frage, dass intersubjektiv praktizierte Gewohnheiten die Heimstätte der Moral bildeten, nicht kognitive Überzeugungen (vgl. etwa Allen W. Wood: Hegel`s Ethical Thought, Cambridge/UK 1990, Teil IV). Allerdings hat Hegel „Sittlichkeit“ nicht im Sinne einer bloßen Deskription vorfindlicher Lebensformen verstanden wissen wollen; schon das von ihm gewählte Verfahren macht ja deutlich, dass er viel selektiver, typisierender und normativer vorzugehen suchte, als es ein Positivismus erlauben würde. Nur dasjenige sollte aufgenommen werden, was nachweislich dazu diente, den allgemeinen Werten und Idealen moderner Gesellschaften zur Verwirklichung zu verhelfen; alles, was diesen Werten widersprach, was partikulare Werte oder rückständige Ideale verkörperte, wurde nicht für berechtigt gehalten, zum Gegenstand der normativen Rekonstruktion zu werden.

Auch mit dieser Einschränkung scheint das Konzept der „Sittlichkeit“ freilich noch eine Tendenz zur Affirmation des Bestehenden zu besitzen; denn als „sittlich“ kann offensichtlich nur das an den sozialen Lebensformen gelten, was in dem Sinn einen allgemeinen Wert verkörpert, dass die zu dessen Verwirklichung geeigneten Praktiken gesellschaftlich schon Gestalt angenommen haben. Das Hegelsche Verfahren enthält jedoch auch korrektive Zielsetzungen: Im Vollzug der normativen Rekonstruktion kommt das Kriterium, dem zufolge an der gesellschaftlichen Wirklichkeit als „vernünftig“ gilt, was der Umsetzung allgemeiner Werte dient, nicht nur in Form einer Freilegung bereits existierender Praktiken zur Geltung, sondern auch im Sinne der Kritik existierender Praktiken oder des Vorausentwurfs noch nicht ausgeschöpfter Entwicklungspfade. Dabei geht es darum, die bestehende Wirklichkeit auf Praxispotenziale hin auszudeuten, in denen die allgemeinen Werte besser, umfassender oder getreuer verwirklicht werden könnten. Die vierte Prämisse einer Gerechtigkeitstheorie alsGesellschaftsanalyse muss also in der These bestehen, dass die normative Rekonstruktion stets auch die Chance einer kritischen Anwendung bietet: Es kann nicht nur darum gehen, die Instanzen der bereits existierenden Sittlichkeit freizulegen, sondern es muss auch möglich sein, diese im Lichte der jeweils verkörperten Werte zu kritisieren.

Die vorangegangen Überlegungen haben den theoretischen Rahmen umrissen, in dem es sinnvoll ist, eine Gerechtigkeitstheorie als Gesellschaftsanalyse zu entwerfen. Dabei ist deutlich geworden, dass ein solches Projekt vom ersten bis zum letzten Schritt davon abhängig ist, wie die allgemeinsten Werte unserer gegenwärtigen Gesellschaften bestimmt werden müssen; erst nachdem diese Aufgabe gelöst ist, kann im Ernst mit dem Geschäft der normativen Rekonstruktion unserer heutigen, posttraditionalen Sittlichkeit begonnen werden.

(c) Axel Honneth

Axel Honneth ist Professor für Sozialphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt/Main und Direktor des Instituts für Sozialforschung.

Erstveröffentlichung des Beitrags in: fiph-Journal 15 (April 2010), S. 1, 3-5.

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