InDebate: Transkulturelle Dynamik und hybride Modernisierung in der Philosophie

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Fabian Heubel

Seit vielen Jahren arbeite ich im Kontext chinesischsprachiger Gegenwartsphilosophie. Die daraus erwachsenden Erfahrungen stehen in schroffem Kontrast zu dem, was sich in der deutschsprachigen Philosophie beobachten läßt. In dieser ist das Interesse, ja selbst die Neugier für philosophische Entwicklungen außerhalb des anglo-europäischen Rahmens nach wie vor erstaunlich – um nicht zu sagen: schockierend – gering; zu schweigen von der breiten institutionellen Verankerung von Forschung und Lehre in diesem Bereich. In China hingegen ist akademische Philosophie, seit ihrer institutionellen Herausbildung im frühen 20. Jahrhundert, prinzipiell interkulturell strukturiert. Damit ist zunächst gemeint, dass philosophische – und nicht nur philosophische – Reflexion auf den von schweren Krisen und Kulturbrüchen begleiteten Weg der chinesischen Modernisierung ohne dauerhafte und tiefgreifende Interaktion mit westlicher Philosophie nicht möglich gewesen wäre. Philosophie musste interkulturell werden, um intellektuell auf die aus dem Westen kommende Herausforderung reagieren zu können; sie konnte gar nicht anders als auf dem Wege einer breit angelegten und geduldigen Rezeption und Transformation westlicher Theorien und Terminologien eine neue philosophische Sprache zu schaffen. Dieser leidvolle, von revolutionären Brüchen durchsetzte Lernprozess – der sich insbesondere nach der Niederlage Chinas im ersten sino-japanischen Krieg (1895) zu beschleunigen begann – ist innerhalb der deutschsprachigen Philosophie bisher weitgehend unbekannt. Um sich vorstellen zu können, was dieser Zwang zur Interkulturalität für China bedeutet hat, ist es nötig, das im deutschsprachigen Raum vorherrschende, komparative Verständnis von interkultureller Philosophie hinter sich zu lassen und sich zunächst einmal die transkulturelle Dynamik zu vergegenwärtigen, die für Philosophie im zeitgenössischen China schlechthin konstitutiv war. Ist es auch nur vorstellbar, dass Vergleichbares in Europa geschieht: dass es – eines Tages – nicht mehr möglich sein könnte, über die europäische(n) Moderne(n) nachzudenken, ohne sich eingehend nicht nur mit der chinesischen Moderne, sondern vielleicht gar mit der chinesischen Antike auseinanderzusetzen; dass Philosophie in Europa interkultureller werden muss, um sich den philosophischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen zu zeigen?

Betrachtet man das philosophische Verhältnis zwischen China und Europa aus diesem hypothetischen Blickwinkel der Reziprozität – und nicht der faktischen Asymmetrie –, stellt man sich also nur einmal vor, was es bedeuten würde, Philosophie in Europa würde sich eines Tages der dringenden Notwendigkeit bewusst, „chinesische Philosophie“ in dem Maße rezipieren zu müssen in dem europäische Philosophie in China rezipiert worden ist, so erweist sich schnell das drastische Ungenügen einer interkulturellen Philosophie, die, mehr oder weniger von der Möglichkeit ausgeht, mit kulturräumlich oder gar nationalstaatlich fixierten Philosophien arbeiten zu können und von europäischer, asiatischer, deutscher, französischer, indischer, afrikanischer, lateinamerikanischer, japanischer oder chinesischer Philosophie zu sprechen. Die „chinesische Philosophie“, die unter diesen Umständen rezipiert werden müsste, ist nämlich Ergebnis einer hybriden Modernisierung, in der eine keineswegs homogene chinesische Tradition (man denke nur an den historischen Einfluss des indischen Buddhismus) auf eine Weise mit westlichen Einflüssen interagiert hat, durch die „chinesische Philosophie“ bereits tiefgreifend verändert worden ist. Wer sich heute mit chinesischsprachiger Gegenwartsphilosophie auseinandersetzen möchte, muss etwa Kant, Hegel, Marx und Nietzsche ebenso einbeziehen wie antike chinesische Texte oder chinesischen Buddhismus, muss also ein starkes Bewusstsein für eine transkulturelle Dynamik mitbringen, die jenen kulturkomparativen Rahmen sprengt, in dem interkulturelles Philosophieren im deutschsprachigen Raum vielfach noch verhaftet ist.

Aber auch der Begriff der Transkulturalität stößt inzwischen spürbar an seine Grenzen. In den vergangenen Jahren hat sich ein internationaler Trend transkultureller Studien herausgebildet. Diesen gegenüber wächst jedoch einerseits der Verdacht, jener komparatistischen Interkulturalität, von der sie sich kritisch abgrenzen, näher zu sein als behauptet: transkulturelle Forschung ist häufig kaum mehr als eine flexibel und reflexiv gewordene Komparatistik. Andererseits dürfte die im Namen von Transkulturalität vorgetragene Kritik an der komparativen Fixierung auf Unterschiede und Ähnlichkeiten zwischen „Kulturen“, die als mehr oder weniger separate Entitäten vorausgesetzt werden, sowie die Notwendigkeit, sich der dynamischen Verflechtung und Vermischung von kulturellen Praktiken und Diskursen zuzuwenden, derweilen so weitgehend Akzeptanz gefunden haben, dass die Frage auftaucht, ob die kritische Entgegensetzung von Interkulturalität und Transkulturalität nicht ihre Aufgabe erfüllt hat und nun die Frage nach den Grenzen von Transkulturalität gestellt werden sollte.

Ist nicht der Begriff der Transkulturalität noch an den theoretischen Rahmen der Kulturkomparatistik gebunden? Er mag geeignet sein, der Komplexität des Verhältnisses großer kultureller Sphären (Ost-West, Asien-Europa etc.) besser gerecht zu werden als herkömmliche komparative Ansätze, scheint indes wenig geeignet, um Phänomene der philosophischen Hybridisierung im gegenwärtigen China in ihrer ganzen Tragweite zu erörtern. Kompliziert wird es insbesondere, wenn sich in das philosophische Verhältnis von chinesischer und europäischer Moderne auch noch chinesische und europäische Antike hineinmischen. Wie mit einer Situation innerhalb der chinesischsprachigen Gegenwartsphilosophie umgehen, der nicht nur europäische Terminologie konstitutiv beigemischt ist, sondern in der diese hybride Philosophie nun zum Ausgangspunkt wird, um sich erneut in die Interpretation klassischer chinesischer Texte zu vertiefen? In diesem innerchinesischen Verhältnis von Antike und Moderne sind dynamische Prozesse philosophischer Transformation im Spiel, die sich weder angemessen als intrakulturell, noch als interkulturell, noch als transkulturell bezeichnen lassen. Eine transkulturelle Perspektive ist geeignet, um die komplexe Dynamik des Aufeinandertreffens von europäischer und chinesischer Kultur in China zu analysieren – daran scheitern komparative Ansätze. Dieser Dynamik erwachsen jedoch Probleme, für deren Erforschung transkulturelle Ansätze nur bedingt geeignet sind – Probleme, die sich in dem Moment zeigen, in dem das Bewusstsein hybrider Modernisierung als Bedingung der Möglichkeit hervortritt, um die kulturelle Situation Ostasiens zu Beginn des 21. Jahrhunderts verstehen zu können.

Während die transkulturelle Perspektive dazu neigt, kulturelle Entwicklungen im China des 20. Jahrhunderts letztlich doch immer wieder auf westliche Einflüsse zurückzubeziehen und an ihnen zu messen, stellt sich nun die Frage, ob diese nicht teilweise bereits soweit internalisiert und transformiert worden sind, dass es immer weniger Sinn macht, im Westen nach Maßstäben für die Beurteilung dieser Entwicklungen Ausschau zu halten. So ist es beispielsweise bei der Beschäftigung mit Kant, Hegel, Marx oder Nietzsche im chinesischsprachigen Kontext nur noch bedingt sinnvoll, auf dem Bezug zum Originaltext oder zur europäischen Interpretationsgeschichte zu insistieren, anstatt sich zunächst einmal der innerchinesischen Dynamik von deren Rezeption und Transformation zuzuwenden; als wenig sinnvoll erweist sich entsprechend die alte Gewohnheit, sich in Anbetracht der Verwendung von Begriffen wie „Philosophie“ und „Metaphysik“ im Chinesischen reflexhaft an vermeintliche Grundbedeutungen in europäischen Sprachen klammern zu wollen. Komparative und transkulturelle Perspektiven mögen je auf ihre Weise Möglichkeiten der Orientierung in dieser intellektuell teilweise äußerst unübersichtlichen Situation bieten. Es zeigt sich jedoch zunehmend, dass die größten intellektuellen Herausforderungen aus der Notwendigkeit erwachsen, der verwirrenden Dynamik nachzugehen, die Rezeption und Transformation westlicher Kultur und westlichen Wissens im chinesischsprachigen Kontext gewonnen haben. Diese transformative Dynamik hat sich teilweise bereits soweit von ihren westlichen Bezugspunkten entfernt, dass das Verständnis ihrer internen Entwicklungslogik durch komparative wie durch transkulturelle Untersuchungen mehr behindert als gefördert wird.

Erst durch die gesteigerte Aufmerksamkeit für diese interne Transformationsdynamik hindurch dürfte sich sodann ein vertieftes Verständnis der Tendenz gewinnen lassen, dass Philosophen in China sich in jüngster Zeit nicht nur verstärkt den „eigenen“ Klassikern widmen, sondern auch der klassischen Antike Europas. Das transkulturelle Potential chinesischsprachiger Gegenwartsphilosophie fließt somit auf komplexe und schwer zu entwirrende Weise in Interpretationen antiker und moderner Klassiker ein: mal hat man es mit Deutungen zu tun, die ganz ohne direkten Bezug zur vormodernen chinesischen Philosophie auskommen; mal entstehen Interpretationen chinesischer Klassiker, die zahlreiche Bezüge zu antiker und moderner europäischer Philosophie aufweisen, aber diesen Bezügen nur implizit Ausdruck verleihen. Hier bildet sich eine philosophische Dynamik heraus, der weder interkulturelle noch transkulturelle Ansätze gewachsen sind, die aber berücksichtigt werden müssen, wenn „wir“ uns nicht nur mit dem modernen, sondern auch mit dem antiken China philosophisch auseinandersetzen wollen.

(c) Fabian Heubel

Dr. phil. Fabian Heubel ist Research Fellow am Institute of Chinese Literature and Philosophy der Academia Sinicia in Taipei und assoziiertes Mitglied des Instituts für Sozialforschung an der Goethe-Universiät Frankfurt a.M.

Der Beitrag ist in einer gekürzten Fassung im fiph-Journal 25 (Frühjahr 2015) erschienen.

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