Schwerpunktbeitrag: Einige Erwägungen, warum Philosophie (nicht nur heute) interkulturell ist und sein muss

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Ram A. Mall

„Ich habe oft betont: Die westliche Philosophie (mutatis mutandis gilt dies für alle Philosophien, Vf.) kann sich nicht endlos nur innerhalb ihrer eigenen Tradition bewegen, ohne provinziell zu werden.“
Mircea Eliade

1. Schon das Kompositum „außereuropäische Philosophie“ verrät ein langlebiges Vorurteil, als stünde das Kompositum „europäische Philosophie“ im Zentrum und stellte das eine allgemeingültige universelle tertium comparationis dar. Will Philosophie sich nicht provinzialisieren (was sie in der Tat nicht wollen kann und soll), so muss sie sich „inter-kulturalisieren“, ob dies nun im ‚engeren’ Sinne intra-kulturell oder im weiteren Sinne interkulturell geschieht, also zwischen Platon und Epikur, Descartes und Hume, Hegel und Schopenhauer, Habermas und Lyotard, Nagarjuna und Shankara, Lao Tzu und Konfuzius oder im ‚weiteren’ Sinne inter-kulturell zwischen Platon und Vedanta Philosophie, Nagarjuna und Hume geschieht. Denn es sind stets unterschiedliche Kulturen der Philosophie, die sich da begegnen. Schopenhauer fühlt sich der Lehre Buddhas näher als der Hegels.

2. Schon die beiden griechischen Doxographen Lukian v. Samosata (2. Jh. n. Chr.) und Diogenes Laertius (3. Jh. n. Chr.) stritten sich über den eigentlichen Geburtsort der Philosophie. Während Lukian von Samosata Philosophie zunächst in Indien, dann in Äthopien und schließlich in Griechenland entstehen lässt, ist Diogenes Laertius der Ansicht, Philosophie sei ausschließlich eine griechische Leistung. Interkulturelle philosophische Orientierung, die sich als eine grundsätzliche philosophische Einstellung begreift, lässt Philosophie niemandes Besitz allein sein. Interkulturelles Philosophieren pluralisiert die Geburtsorte der Philosophie und lässt den Geist der Philosophie wehen, wo er will. Es ist zwar wahr, dass das Wort „Philosophie“ griechisch ist. Heißt dies dann auch, dass die Sache, der Begriff, das Philosophieren nur griechisch-europäisch ist? Mitnichten. Denn ist Philosophie eine denkende Bewältigung der Probleme, was sie ohne Zweifel ist, dann kann sie nicht a priori und restriktiv nur dem griechisch-europäischen Denken vorbehalten sein. Hinzukommt, Philosophie macht nicht eine bestimmte Sprache zu ihrer einzigen Muttersprache; sie ist polyphon, spricht mehrere Sprachen und privilegiert nicht unbedingt eine bestimmte Sprache, eine bestimmte Tradition oder eine bestimmte philosophische Schule. Denn es herrscht ein metonymisches Verhältnis zwischen dem Akt des Philosophierens und dem „Worüber“ des Philosophierens. Die Sache bedarf zwar des Namens, geht in dem Namen jedoch nicht ganz auf.

3. Die Frage ist nicht so sehr: „Muss Philosophie (heute) interkulturell sein?“, sondern vielmehr: Muss Philosophie nur griechisch-europäisch sein? Es ist nachgewiesener Maßen eine „historische Kontingenz“ gewesen, dass das Adjektiv „europäisch“ sich universaliert hat, veranlasst, hervorgerufen und unterstützt von außerphilosophischen Machtfaktoren wie z. B. Kolonialismus, Imperialismus u. a. Das post-koloniale Zeitalter hat jedoch glücklicherweise dem außereuropäischen Denken Zunge verliehen. Unser Philosophieren ‚enteuropäisiert’ sich, und es ist gut so. Interkulturelle Philosophie ist weder anti-europäisch noch pro asiatisch, afrikanisch oder lateinamerikanisch. Sie ist ausschließlich dem „orthaft ortlosen“ philosophischen Geist verpflichtet, der sich in unterschiedlichen Gestalten realisiert. Sie ist der festen Überzeugung: Philosophie ist nicht nur-, sondern auch (und dies freilich in einem maßgeblichen Sinne) griechisch-europäisch.

4. Die heutige de facto hermeneutische Situation definiert sich durch eine vierfache hermeneutische Dialektik: 1. Das Selbstverständnis Europas durch Europa (Selbsthermeneutik), 2. Das europäische Verstehen nicht-europäischer Kulturen, Philosophien und Religionen (Fremdhermeneutik), 3. Das Selbstverständnis nicht-europäischer Kulturen, Philosophien und Religionen und 4. Das Verstehen Europas durch nicht-europäische Kulturen, Philosophien und Religionen. In dieser Situation stellt sich die Frage: Wer versteht wen, wie und warum besser oder am besten? Der europäische Geist ist oft mit dem selbstverschuldeten Anspruch aufgetreten, dass er den nicht-europäischen Geist besser versteht als dieser sich selbst. Dass heute Nicht-Europäer Europa interpretieren, legt den monologischen Charakter der jahrhundertealten europäischen Hermeneutik bloß. Dieses Interpretierbargewordensein Europas durch Nicht-Europa überrascht freilich Europa mehr als Nicht-Europa.

5. Ist Philosophie etwas Universelles, was sie zweifelsohne ist, so kann sie nicht mit einem bestimmten Adjektiv ihrer selbst ausschließlich gleichgesetzt werden, unabhängig davon, ob es um die Adjektive wie z. B. europäisch, indisch, chinesisch und dergleichen geht. Die Universalität des Philosophierens zeigt sich in verschiedenen philosophischen Traditionen, transzendiert diese jedoch auch. Im Vergleich der Vorsilben „inter…“, „trans…“, „intra…“ und „multi…“ kommt der Vorsilbe „inter…“ ein Primat zu, weil diese sich durch eine ‚verbindende und verbindliche Differenz auszeichnet und das tertium comparationis nicht an einer bestimmten Tradition ausschließlich dingfest macht. Philosophie besitzt eine Art „orthafte Ortlosigkeit“.

6. Das Projekt „interkulturelles Philosophieren“ weist auf einen überfälligen Paradigmenwechsel hin im Diskurs der Philosophien im weltphilosophischen Kontext und hilft uns die „Brunnenfroschperspektive“ zu überwinden, und dies sowohl inter- als auch intrakulturell. Es ist zwar wahr, wir sind zu Perspektiven verurteilt. Der Fehler liegt jedoch nicht darin, dass wir ohne Perspektiven nicht auskommen, sondern der Irrtum besteht darin, dass wir eine bestimmte Perspektive, meistens die eigene, in den absoluten Stand setzen.

7. Die interkulturelle philosophische Orientierung zielt auf eine zeitliche, räumliche und philosophisch historiographische Korrekturthese hin. Sie lehnt nicht die Zentren ab. Sie ist dezidiert gegen Zentrismen.

8. Interkulturelle philosophische Orientierung schaut genau hin, um herauszufinden, was die Philosophen tun, wenn sie philosophieren. Und sie tun im Namen der Philosophie Verschiedenes sogar manchmal radikal Verschiedenes. Aber philosophieren tun sie dennoch. So ist diese ‚Differenz’ im Philosophieren etwas, das Philosophen ‚verbindend trennt’ und ,trennend verbindet’. Denn wie sonst können wir das Prädikat, ein ‚Philosoph zu sein’, so unterschiedlichen Philosophen wie Heraklit und Parmenides, Hegel und Schopenhauer, Heidegger und Ryle, Nagarjuna und Shankara, Lao tzu und Konfuzius, um nur einige zu nennen, zubilligen?

9. Auf die Frage nach dem, was Philosophen aller Traditionen und Länder miteinander verbindet, lautet die interkulturell orientierte Antwort: Es sind in erster Linie eher die Fragestellungen und nicht so sehr die Antworten, die uns verbinden. Denn wie sonst sollte man dann die reiche Vielfalt – ob inter- oder intrakulturell – z. B. der Epistemologien, Metaphysiken, Moralphilosophien u. a. erklären und begründen. Es gibt eine Asymmetrie zwischen Fragen und Antworten, Problemen und Lösungen, und dies fast wie eine anthropologische Konstante.

10. Interkulturelles Philosophieren lehnt hermeneutische Monologe ab und weist auf die Geschichte der Philosophie aller philosophischen Traditionen als ein reichhaltiges hermeneutisches Reservoir hin. Es gibt nicht den einen absoluten Text, ebenso wenig die eine absolute Interpretation. Die Texte sprechen mit uns nach und nicht vor der Interpretation.

11. Es besteht ein schillerndes Verhältnis zwischen Wahrheit und Tradition. Wahrheit in der Tradition darf nicht verwechselt werden mit der Wahrheit der Tradition. Es gibt Traditionen, die Wahrheit durch sich selbst und sich selbst durch Wahrheit definieren. Es hilft aber kaum, ob dies ein Philosoph in Oxford, Freiburg oder Benaras (Indien) tut. Definitionen können unter Umständen zur „Definitionsgewalt“ führen. In diesem Zusammenhang könnte man von einem ‚Imperativ interkulturellen Philosophierens’ sprechen, der da lautet: Lasse alle Arten des Philosophierens zu bis auf jene, die neben sich alle anderen ablehnen und kultiviere die interkulturelle philosophische Tugend der Verzichtleistung auf jeglichen universalistischen Absolutheitsanspruch in Theorie und Praxis.

12. Aus dem Gesagten folgt, dass Philosophie per se interkulturell ist. In diesem Sinne könnte das Kompositum „interkulturelle Philosophie“ fast eine Tautologie darstellen. Unkenntnis, Superioritätsanspruch und philosophische Enge scheinen die Gründe dafür zu sein, dass man eine bestimmte, in einem bestimmten Kulturkreis oder in einer bestimmten philosophischen Schule entstandene Konzeption der Philosophie zu der einen allgemeingültigen Konzeption deklariert. Dabei ist es ein Mythos von einer monolithischen Gestalt der Philosophie zu sprechen, ob inter- oder intrakulturell. Daher sind die Komposita „die europäische Philosophie“, „die indische Philosophie“, „die Chinesische Philosophie“ usw. höherstufige Konstrukte. Interkulturelles Philosophieren leitet heute eine über die enge epistemologische Grenze hinausgehende ‚erweiterte interkulturell-philosophisch orientierte ‚Kopernikanische Wende’ ein. Denn wer heute noch eine bestimmte Philosophie, eine bestimmte philosophische Schule, eine bestimmte philosophische Tradition ins Zentrum stellt und alle anderen Philosophien, Traditionen und Schulen wie Sterne um diese eine umkreisen lässt, ist und bleibt einem ptolemäischen Weltbild befangen. Eine interkulturelle philosophische Orientierung lässt alle Philosophien wie Sterne um die eine Sonne der philosophia perennis, zumindest im Sinne einer regulativen Idee kreisen. Dies ermöglicht uns, dass wir philosophieren und philosophieren lassen.

13. Akademische Institutionen (und nicht nur sie) sind heute verpflichtet, dass unsere Studierenden nicht nur Namen wie z. B. Platon, Hegel, Kant, Heidegger, Wittgenstein usw. kennen, sondern auch Namen wie z. B. Laotzu, Konfuzius, Buddha, Nagarjuna, Shankara usw. Andernfalls käme es einem Versäumnis, einer Verletzung der Informationspflicht gleich. Es gibt viele Studienbereiche, die sich heute an den Universitäten und Akademien etabliert und institutionalisiert haben mit dem Adjektiv „interkulturell“ wie z. B. „Interkulturelle Kommunikation“, „Interkulturelle Pädagogik“, „Interkulturelle Theologie“ um einige zu nennen. Philosophie scheut sich noch, hinkt hinterher. Einigen mögen die folgenden Worte Karl Jaspers’ ein wenig gestelzt erscheinen, aber sie atmen zu Recht den Geist interkultureller Philosophie:„Wir sind auf dem Wege vom Abendrot der europäischen Philosophie durch die Dämmerung unserer Zeit zur Morgenröte der Weltphilosophie.“[1]

14. Mircea Eliade wirft die heute noch nachdenklich stimmende Frage auf, warum es dem asiatischen Geist nicht gelang, in Europa richtig Fuß zu fassen, wie es in der ersten Renaissance der gräko-lateinischen Kultur gelungen ist. Für Denker wie z. B. Deussen, Schopenhauer war die Entdeckung des Sanskrit, der Upanishaden und des Buddhismus im 19. Jh. ein kulturelles Ereignis mit der Hoffnung und Erwartung einer Erneuerung des europäischen Geistes in der Begegnung mit dem asiatischen. Diese Entdeckung nennt Eliade die „zweite Renaissance“ und spricht von einer „missglückten zweiten Renaissance“. Die erste Renaissance war voller Erfolg, weil sie von Philologen, Philosophen, Historikern, Theologen, Literaten, Künstlern usw. ernst genommen wurde. Die zweite Renaissance missglückte, weil sie hauptsächlich von den Indologen, nicht aber von Fachphilosophen, Philologen, Historikern, Theologen, Literaten, Künstlern usw. ernst genommen wurde. Sollten wir heute im Zeitalter der Globalisierung an der Schwelle einer interkulturell orientierten dritten Renaissance stehen (und es sieht so aus), so sind wir alle im Geiste der interkulturellen philosophischen Orientierung berufen dieser dritten Renaissance zum Erfolg zu verhelfen.

© Ram A. Mall

Der indische Philosoph Prof. Dr.  Ram A. Mall hat u.a. an den Universtäten Heidelberg, München und Jena gelehrt und ist Gründungspräsident der internationalen Gesellschaft für interkulturelle Philosophie (GIP).

[1] Jaspers, K.: Rechenschaft und Ausblick. Reden und Aufsätze. München 1958, S. 391.

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