Schwerpunktbeitrag: Pluralität, Indifferenz und Toleranz

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Gerald Hartung

Ohne Zweifel ist heute eine sehr viel größere Anzahl von Überzeugungen möglich als ehemals; möglich, das heißt erlaubt, das heißt unschädlich. Daraus entsteht die Toleranz gegen sich selbst (Friedrich Nietzsche)

Nach Nietzsches Ansicht ist Toleranz gegen sich selbst nur um den Preis des Verlusts von Überzeugungen – anders gesagt: einer Haltung der Indifferenz in Bezug auf die Selbstdeutung des eigenen Lebens – möglich. Sie ist ein Symptom unserer modernen Kultur, der die Geschichtlichkeit der Lebenssituationen, die Variabilität der Überzeugungen, die Ablösung der Wahrheitsfrage durch das Wahrscheinlichkeitskalkül, mithin der Verlust von Selbst-Gewissheit eingeschrieben ist. Wer sich seiner selbst nicht gewiss ist, dem fehlt auch Gewissheit und Verlässlichkeit im Umgang mit Anderen. Die Außenseite der Indifferenz ist folglich die Gleichgültigkeit gegenüber Anderen.

Zeitgenössische Theoretiker der Toleranz lehren uns, daß dieser Begriff der Toleranz, der Indifferenz und Gleichgültigkeit einschließt, einen uneigentlichen Wortgebrauch impliziert. In diesem Sinne ist Goethe (und Rainer Forst allemal) zuzustimmen. Sein Diktum, daß eine bloße Duldung des Anderen und Fremden einer Beleidigung gleichkommt, weil sie eben nicht auf gleicher Höhe der sozialen Akteure praktiziert wird, ist überzeugend. Wer zu einem normativen Konzept von sozialer Anerkennung kommen will, der muß genau hier einsetzen.

Duldung und Toleranz, Differenz und Normalität

Was in normativer Hinsicht wünschenswert ist, das muß jedoch nicht unmittelbar einleuchtend sein, und zwar weder in historischer noch in anthropologischer Hinsicht. Beginnen wir mit einem Blick in die politische Geschichte. Als sich im 18. und 19. Jahrhundert der europäische Nationalstaat stabilisieren konnte, wurde es möglich, den schon im Jahrhundert zuvor geprägten Gedanken einer souveränen Gewalt, die sich religiöse und weltanschauliche Neutralität erlauben kann, in die politische Wirklichkeit zu übertragen. Die religiöse Indifferenz der politischen Gewalt, d. h. die Aufhebung des Grundsatzes cuius regio eius religio, und die Durchsetzung der Religionsfreiheit, d. h. das Nebeneinander religiöser Überzeugungen und Praktiken auf einem Territorium, waren zwei Seiten einer Medaille. Hier ermöglichte Indifferenz erst Differenz, insofern das staatliche Gewaltmonopol die friedliche Koexistenz unterschiedlicher Meinungen, Überzeugungen und Praktiken toleriert hat.

Ein Fehlschluss wäre es zu sagen, daß die Welt auf diese Weise toleranter geworden ist, denn nun wurde die Frage der Duldung abweichenden Denkens und Verhaltens zunehmend zu einem gesellschaftlichen Problem. Damit wurde auch die Problematik einer Politik der Toleranz auf die Ebene gesellschaftlicher Konflikte verlagert. Diesen Zusammenhang hat John Stuart Mill (On Liberty) in bemerkenswerter Klarheit ausgesprochen: Die Welt ist nicht toleranter geworden, nur weil nicht mehr der politische Gewaltinhaber, sondern fortan der gesellschaftliche Konsens darüber entscheidet, was als normal und was als abweichend bezeichnet wird. Mill spricht von einer „Tyrannei der Mehrheit“ und charakterisiert damit ein Dilemma der modernen Gesellschaft, denn der die Neuzeit durchziehende Kampf zwischen „liberty and authority“ hat offensichtlich nicht zum Sieg der Freiheit geführt.

Ist Gesellschaft von Natur aus intolerant?

Was die Theoretiker der Gewissensfreiheit (Locke und Rousseau) seiner Ansicht nach übersehen haben, ist folgendes: Daß die Gesellschaft von Natur aus intolerant ist in allen Fragen, die sie wirklich bewegt. Deshalb ist nach seiner Auffassung die Gewährung der Religionsfreiheit niemals ein Ergebnis der wahrhaften Anerkennung differenter Ansichten gewesen, sondern allein der politischen Indifferenz in religiösen Fragen geschuldet. Wo es heute noch ums Ganze geht, da wird die Meinungs- und Diskussionsfreiheit ebenfalls beschnitten, um den gesellschaftlichen Konsens zu wahren. „Unsere soziale Intoleranz tötet niemanden, rottet keine Meinungen aus, führt aber Menschen dazu, von der Äußerung ihrer Meinungen abzusehen.“

Toleranz ist für den Skeptiker Mill nicht eine Frage der Wahrheit einer Meinung oder Handlung, sondern vielmehr eine Frage ihrer sozialen Bedeutung. Die Grenze der Toleranz soll allein nach Maßgabe des gesellschaftlichen Schadens bestimmt werden, der durch eine Meinung oder Handlung bewirkt wird. Dieser Grundgedanke Mills hat zweifellos eine herausragende Bedeutung und Aktualität für das Selbstverständnis unserer modernen Gesellschaft, in der es kaum mehr um den Gehalt und die Wahrheitsfähigkeit unserer Aussagen, sondern vorrangig um ihre Funktion im Prozess sozialer Stabilisierung geht. Hier genau liegt denn auch für die meisten Theoretiker der Toleranz ihre Grenze. Solange eine Überzeugung unschädlich für unsere soziale Lebenswelt ist, können wir sie tolerieren.

Toleranz braucht Anerkennung nicht

Wir können es auch so formulieren: Die Unschädlichkeit einer Überzeugung und Praktik je für uns und für unsere Lebenswelt vorausgesetzt, üben wir eine Form sozialer Indifferenz. Isaiah Berlin bringt diesen Gedanken in seinem wunderbaren Essay über John Stuart Mill and the Ends of Life zum Ausdruck, wo er beiläufig anmerkt, daß Mill von uns gar nicht fordere, die Meinungen und Praktiken anderer Menschen wahrhaft anzuerkennen, sondern, viel weniger, daß wir bloß versuchen sollen, sie zu verstehen und zu tolerieren – „only tolerate; disapprove, think ill of, if need be mock or despise, but tolerate.“ Eine Anerkennung der Differenzen mag sehr wohl das Ziel unserer Bemühungen sein, unsere Wirklichkeit ist aber zumeist − und manchmal ist sogar das schon sehr viel − von der Einübung sozialer Indifferenz geprägt.

Damit kommen wir zu den anthropologischen Zweifelsfragen. In der gegenwärtigen Diskussion über eine Politik der Toleranz und ihre Grenzen wird zumeist folgendes vergessen: Die Kultivierung von Differenzen in unserer modernen, multikulturellen Gesellschaft setzt die soziale Indifferenz der meisten Akteure im Hinblick auf Fragen nach den letzten und vor-letzten Dingen und mit ihnen in Verbindung stehenden sozialen Praktiken voraus. Nur in einer Gesellschaft, der dieser Komplex − Erlösung der Gemeinde oder Religionsgemeinschaft, Schicksal der jeweiligen Gemeinschaft (Sippe, Nation, Volk usw.) − weithin gleichgültig ist, weil es den meisten Akteuren um ihr privates Glück, ihre persönliche Entwicklung und ihr individuelles Seelenheil geht, ist überhaupt kulturelle Vielfalt alltagsfähig. Zur Signatur der modernen Kultur gehört, daß sie das soziale Ideal der Geschlossenheit, Einheit und Homogenität hinter sich gelassen hat. Es gibt gute Gründe, diesen Prozess zu begrüßen und die angesprochene Gleichgültigkeit als Gelassenheit im Umgang mit dem je eigenen, wandelbaren Selbst und den jeweils Anderen innerhalb der Lebenswelt zu beschreiben. Liberalität im Alltag − nicht die wahrhafte Liberalität, von der Goethe auch spricht − basiert auf dieser Haltung.

Wie alles im Leben, so hat auch diese Entwicklung ihren Preis. Jürgen Habermas hat zu Recht von den „Irritationen“ gesprochen, mit denen wir in einer säkularen Moderne konfrontiert sind. (Kultur-)Anthropologisch interessant und durchaus prekär ist nämlich die Frage, wieviel soziale Indifferenz sich eine Gesellschaft im Hinblick auf letzte und vor-letzte Dinge leisten kann. Das Experiment selbst ist unvorgreiflich. Was bleibt von den jeweiligen Differenzen − der Kultur-, Religions- oder Sprachgemeinschaften −, wenn ihre soziale Bedeutung vergleichgültigt sein wird? Was wird zudem sein, wenn eine um sich greifende Haltung der Indifferenz in Bezug auf die Sinndeutung des eigenen Lebens von innen heraus die letzten Mächte der Kollektivierung hinweggefegt haben wird? Und letztendlich: Wie ist An-Erkennung des Anderen zu denken, wenn die Erkenntnis des je eigenen Selbst zunehmend problematisch, weil von allen Traditionen und Bindungen entkoppelt wird? Ist es in sozial-anthropologischer Hinsicht beruhigend und in normativer Hinsicht ausreichend, sich hier ein prozedurales Geschehen wechselseitiger Stabilisierung beider Momente vorzustellen? Jede Theorie der Toleranz, die den theoretischen Anspruch einer normativen Begründung von Anerkennung einzulösen versucht, muß mitbedenken, daß ihr möglicherweise die notwendigen Grundlagen entzogen werden. Es ist zu hoffen, daß dies nicht längst schon der Fall ist.

(c) Gerald Hartung

Gerald Hartung ist Professor für Philosophie: Kulturphilosophie/Ästhetik an der Bergischen Universität Wuppertal.

Erstveröffentlichung des Beitrags in fiph-Journal Nr. 3 (Februar 2004), S. 10-11.

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