Pro und contra: Kann man die Umwelt als politisches Subjekt denken?

Janicka_Iwona - Pendant

Contra: Kotti Everdene

Kann man die Umwelt als politisches Subjekt denken? Ich denke nicht. Mit dieser Einschätzung reagiere ich direkt auf die neuste Tendenz neomaterialistischer Philosophie und deren Implikationen für praktisch orientierte Individuen. Vor allem Forscher*innen, die sich posthumanistischer und neomaterialistischer Philosophie verschrieben haben, versuchen im Moment, den Begriff der Politik neu zu denken, indem sie sich auf Denker wie Gilles Deleuze, Felix Guattari, Henri Bergson, Maurice Merleau-Ponty, Friedrich Nietzsche oder Jakob von Uexküll beziehen. Sie wollen das Denken über Politik auf einer anderen Sprache und einem anderen Denkbild fußen und nehmen an, dass diese Neukonzeptualisierung direkt zu einer anderen politischen Praxis führt. Wie interessant und wertvoll diese Beiträge auch sein mögen, zur Debatte steht, ob es wirklich Politik ist, über die diese gegenwärtigen materialistischen Philosoph*innen nachdenken.

Nach Aristoteles braucht Politik eine polis (eine institutionelle Struktur) und einen logos (Vernunft, Sprache): Politik basiert auf einem Verhältnis des Individuums zu einer institutionellen Struktur, was auf der stillschweigenden Annahme beruht, dass allein Menschen die Möglichkeit zu sprechen und darum zur Teilhabe am Politischen haben. Beides ist nötig, damit eine Gemeinschaft zustande kommen kann. Ohne Handlungsfähigkeit und Verantwortung, die diesen Überlegungen einen juridischen Aspekt hinzufügen, ist es schwierig, sich Politik vorzustellen, weil all diese Aspekte bestimmen, wie eine Gemeinschaft zustande kommt: was seine Teile sind, seine Arten des Funktionierens, seine Verantwortlichkeiten sowie wer zum ihm gehört, und wer nicht. Das Innen und Außen, wer Freund ist und wer Feind, diese Unterscheidung ist wesentlich für die Bildung und Erhaltung jeder Art von Gemeinschaft.

Auch wenn die neomaterialistischen Philosoph*innen die Frage der Politik gar nicht unbedingt auf der Ebene von politischen Institutionen und Entscheidungen diskutieren wollen – die Frage nach der Möglichkeit des politischen Dissenses muss beantwortet werden. Kann die neomaterialistische Philosophie einen politischen Dissens anerkennen? Wäre es möglich, einen Tsunami als einen Akt des Aufbegehrens gegen menschliches Handeln im Zeitalter des Anthropozän zu interpretieren? Es ist schon schwierig, Tiere oder künstliche Intelligenzen als politische Subjekte zu verstehen – Entitäten, die noch viel eher als Handelnde begriffen werden können als die Umwelt. Wie soll man dann letztere als politisches Subjekt denken? Es ist sehr schwierig sich vorzustellen, wie diese Lücke auf theoretischer Ebene überbrückt werden kann.

Außerdem ist da das Problem der politischen Praxis: Wie sollen wir politischen Aktivismus denken und betreiben, wenn die Umwelt ein politisches Subjekt wäre? Hätte die Umwelt Repräsentanten? Wer würde die Interpretation dessen übernehmen, was die Umwelt uns sagen will? Wie würde diese Praxis des Übersetzens genau funktionieren? Auch wenn neomaterialistische Philosoph*innen die Frage nach der Politik hervorheben, lässt sich bezweifeln, ob sie wirklich über Politik sprechen. Es klingt eher nach Ontologie oder Ethik. In der Zeit nach dem poststrukturalistischen Unbehagen bezüglich konkreter politischer Handlung ist der Versuch neomaterialistischer Denker*innen, die Politik „wiederzubeleben“, verständlich. Abgesehen von einigen schön gezeichneten Bildern, wie man Politik anders denken solle, haben diese Philosoph*innen im Moment jedoch wenig anzubieten auf der Ebene politischer Praxis. Das ist frustrierend für einen politischen Aktivisten, der der neomaterialistischen Philosophie sympathisch gegenübersteht. Und für jeden, der ernsthaft über Politik nachdenken möchte.

Darum ist der Versuch, die Umwelt als politisches Subjekt zu denken, zwar ein interessantes Gedankenexperiment, aus einer praktischen Perspektive bleibt es aber eine Übung der Einbildungskraft. Nichts weiter.

Janicka_Iwona

Pro: Iwona Janicka

Die Frage, ob wir die Umwelt als politisches Subjekt denken können, ist tatsächlich eine der Einbildungskraft. Wenn man Aristoteles folgt, ist allein das sprechende Wesen ein politisches Wesen. Aus heutiger Perspektive ist jedoch klar, dass nicht alle sprechenden Wesen als solche anerkannt wurden. Die begriffliche Verbindung von polis und logos schloß axiomatisch Entitäten wie Frauen und Metöken (fremde Ortsansässige) aus dem Bereich der Politik aus. Wenn wir darüber hinaus die Geschichte des als Emanzipationsbewegung verstandenen Humanismus der Aufklärung berücksichtigen, sehen wir, dass auch diese sehr selektiv war in Bezug auf den Gegenstand der Emanzipation. Durch die ganze Geschichte hindurch haben ausgeschlossene Andere wie Frauen und Sklaven versucht, die Kriterien, wer „zu sprechen“ (logos) fähig ist, in Frage zu stellen und auf diese Weise den Ort der Politik zu betreten. Aus dieser Perspektive ist es notwendig anzuerkennen, dass der logos immer eine ordnende Kategorie war, die auf bestimmte Menschen bezogen war, und auf andere nicht. Und darum diente sie oft Praktiken der Diskrimination und Exklusion.

Angesichts dieser historischen Zusammenhänge stellt sich die Frage, auf welcher Grundlage wir eine radikale Öffnung der Kategorie des „politischen Subjekts“, d.h. derer die Politik machen, begrenzen dürfen? Wenn wir Jacques Rancières Definition von Politik als Transformation der Aufteilung des Sinnlichen (partage du sensible), also der Art und Weise, wie wir zwischen „Sprechenden“ und „Schweigenden“ unterscheiden, zwischen Sichtbaren und Unsichtbaren, berücksichtigen, dann würde eine radikale Öffnung der Kategorie des politischen Subjekts bis hin zu Umwelt, Tieren oder künstlicher Intelligenz einen wahrhaft politischen Akt bedeuten. Es scheint demgegenüber problematisch, bestimmte Entitäten vollständig aus dieser Kategorie auszuschließen, nur weil wir uns zum gegenwärtigen Augenblick der Geschichte nicht vorstellen können, wie sie politische Subjekte konstituieren würden.

Angesichts der wachsenden ökologischen Krise und den Fortschritten der künstlichen Intelligenz ist unser Verständnis von Politik mit radikalen Veränderungen konfrontiert, ob wir das mögen oder nicht. Eine vollständige Rekonfigurierung des Begriffs der Politik und der Frage, wer als politisches Subjekt zählt und wer nicht, scheint unvermeidbar. Obwohl es schwierig ist, sich in den Begriffen, die wir gewohnt sind, die Umwelt als politisches Subjekt vorzustellen, wird es immer schwieriger, ihre Reaktionen auf menschliches Handeln auf der globalen Ebene zu ignorieren. Neomaterialistische Philosoph*innen haben sich dieser Aufgabe, Politik in Bezug auf Nicht-Menschen (non-humans) zu denken, auf verschiedene Art und Weise angenommen.

Zum Beispiel gibt es Forscher*innen, die versuchen, gegenwärtige politische Theorien so umzuformulieren, dass sie Nicht-Menschen mit einschließen. Am prominentesten ist hier Sue Donaldsons und Will Kymlickas Zoopolis (2011). Diese Autor*innen schlagen vor, Haustiere als Mitbürger*innen einer menschlichen polis zu inkludieren, indem ihnen Rechte und Pflichten zugesprochen werden. Wilde Tiere sollen so betrachtet werden, als besäßen sie ihre eigenen souveränen Tiergemeinschaften, und der Rest der Tiere (die sogenannten „liminalen“ oder „Schwellenbereichs-“Tiere wie z.B. Mäuse und Waschbären) soll als zugewanderte Einwohner*innen gelten. Ihrer Meinung nach sollte der menschliche Umgang mit Tieren hinsichtlich der Kategorie, in die ein gegebenes Tier fällt, reguliert sein: häusliche Mitbürger*innen, wilde Souveräne oder liminale Einwander*innen. Selbst wenn Donaldson und Kymlicka den Begriff der Politik nicht vollständig neu definieren, ist ihr Ansatz ein Weg, wie man Tiere praktisch und auf der Ebene politischer Entscheidungen mit einbeziehen kann.

Die Umwelt ist natürlich ein ungleich herausfordernderer Fall. Hier braucht es eine neue politische Theorie, und nicht bloß begriffliche Anpassung. Es gibt Philosoph*innen wie Bruno Latour, der über das „Parlament der Dinge“ spricht, wo Dinge als aktive Entitäten anerkannt werden, die mit Menschen kooperieren oder eben nicht, und Repräsentanten brauchen, um gehört zu werden. Es gibt Anthropolog*innen wie Eduardo Kohn, der Tieren und Wäldern die Fähigkeiten zu denken, zu lernen und sich selbst als Selbst zu begreifen zuspricht. Diese Denkbewegungen lassen sich natürlich nicht direkt in Fragen der Verfassung, politischer Entscheidungsfindung oder des politischen Aktivismus übersetzen. Allerdings beeinflussen sie unsere gewöhnliche partage du sensible und werden schließlich unsere Vorstellungen darüber verändern, wie wir ein politisches Subjekt definieren und wer als ein solches zählt.

Die Umwelt als politisches Subjekt anzuerkennen, fordert unsere eingeübte Art zu denken heraus. Doch nur dank dieser „Übungen der Einbildungskraft“ werden wir irgendwann in der Lage sein, adäquat auf die gegenwärtige Situation zu reagieren und diese begrifflichen Veränderungen in konkrete politische Aktionen zu überführen.

Dr. Iwona Janicka ist British Academy Postdoctoral Fellow, French Studies, an der University of Warwick, UK, und Fellow am FIPH.

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