InDebate: Leit- als Leidkultur. Die Leitkulturdebatte im Kontext der kulturellen Moderne

Paul Stephan

Wie bewertet man eigentlich Kulturen? Nietzsche etablierte dafür die Unterscheidung zwischen Leid- und Freudkulturen. Jene haben das primäre Ziel, Leid zu vermindern, diese wollen Freude vergrößern. Jene basieren auf negativen Stimmungen wie Angst, Wut und Kränkung, ihr Grundbedürfnis ist das nach Sicherheit; diese auf positiven Affekten wie Mut, Gelassenheit und Stolz, sie stehen im Zeichen der Freiheit. Jene neigen dazu, sich abzuschotten und imaginäre Kompensationsmechanismen zu entwickeln, die ihre Angehörigen in falscher Sicherheit wiegen. Diese sehen in der Konfrontation mit dem Außen gerade Bedingung ihrer Stärke und Möglichkeit des eigenen Wachstums, Leiderfahrungen werden in ihnen nicht unbedingt vermieden, sondern als notwendige Bedingungen der Freude erkannt. Jene tendieren dazu, mit der Möglichkeit des Leids auch die intensiver Freude aus der Welt zu schaffen. Diese sind jenen vorzuziehen: Es sind Kulturen des Wachstums und der Lebensfülle, Leidkulturen solche der Stagnation und des Niedergangs. Die Dominanz einer Leidkultur ist Symptom tiefliegender Pathologien an der Basis einer Gesellschaft.

Wie steht es vor diesem Hintergrund dieser Bewertungsweise mit der Frage, ob wir eine Leitkultur brauchen? Ende der 90er wurde die zu verteidigende Leitkultur von ihrem Begriffsschöpfer Bassam Tibi über die Werte der „kulturellen Moderne“ definiert: „Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft.“[1] Eigentlich dürfte kaum jemand etwas gegen eine Leitkultur in diesem Sinne einzuwenden haben. Denn es handelt sich um die realexistierende Leitkultur in allen modernen Gesellschaften: Die Werte des Liberalismus, die Kultur des Bürgertums. Die Geltung dieser „Leitkultur“ ist zwar keineswegs selbstverständlich – allzu oft werden ihre Werte, auch in überwiegend modernisierten Gesellschaften, mit Füßen getreten –, doch es bedürfte eigentlich nicht viel Aufhebens um sie, keiner „Leitkulturdebatte“ oder sonstiger besonderer Schutzmaßnahmen. Wer daher von einer „Leitkultur“ spricht, der hat mehr im Sinne als das. So fällt etwa nach nur kurzem Nachdenken auf, dass im Katalog Tibis keine Rede von Werten wie Nächstenliebe, Mitleid oder Gerechtigkeit ist. Dementsprechend wird Religionen gegenüber sogar die religiöse Neutralität der modernen Leitkultur betont. Auch von einer gemeinsamen Sprache, die es unter einen besonderen Schutz zu stellen gälte, wird nichts vermerkt. Und erst recht fehlen all die Sitten und Gebräuche, die man sonst so als Inbegriff europäischer, deutscher oder regionaler Kultur betrachten möchte.

Je spezifischer es wird, desto größer die Widerstände dagegen, einzelne Kulturgüter zu Ingredienzien einer besonders schützenswerten „Leitkultur“ zu deklarieren. Der Grund ist simpel: Weil dies genau im Widerspruch zu den Werten der von Tibi treffend zusammengefassten „kulturellen Moderne“ steht. Die liberale Leitkultur schließt es aus, dass irgendwelche kontingenten Sitten und Gebräuche den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben.

Was also unsere real existierende Kultur wirklich zu kennzeichnen scheint, ist der Widerspruch, dass wir einerseits in einer modernen Welt leben, die nur einen äußerst dünnen allgemeingültigen Wertekatalog kennt, dass wir andererseits aber mit diesem Wertekatalog nicht ganz zufrieden sind und in ihn noch einige „Sonderwerte“ einschmuggeln wollen.

Woher kommt dieser Drang? Als Rechtfertigung für ihn wird immer wieder angeführt, dass es bestimmte Werte gäbe, die die eigene Identität ausmachten, deren Verteidigung notwendig sei, um eine gewisse Stärke zu behaupten. Man kann diesen Gedanken auch anders formulieren. Was nämlich der „kulturellen Moderne“ implizit zu Grunde liegt, ist die kapitalistische Produktionsweise, deren Dominanz moderne Gesellschaften definiert. Damit ist notwendig eine bestimmte Wertordnung verbunden, die in den Menschenrechten ihren Ausdruck findet: Die Menschen stehen sich als freie und gleiche Privateigentümer gegenüber, die auf dem Markt diverse Vertragsbeziehungen eingehen. Für Sonderprivilegien aufgrund von Gruppenzugehörigkeit ist in dieser Welt kein Platz, sie werden sukzessive abgeschafft. Das heißt nicht, dass damit eine kulturelle Gleichschaltung verbunden ist. Im Gegenteil: Solange er damit keine Allgemeinheit beansprucht, kann jeder Marktteilnehmer jede kulturelle Idiosynkrasie verfolgen, die er mag.

Doch die moderne Welt ist auch eine brutale. Aller traditionellen Bindungen beraubt, treten sich die Menschen als Konkurrenten gegenüber, müssen sich der Herrschaft des Marktes unterwerfen, der bestimmt, welcher Teil des gesellschaftlichen Reichtums ihnen zusteht. So setzen sich, über den Markt vermittelt, doch bestimmte allgemeine Werte durch, die über einen hohen Marktwert verfügen.

Während früher Adel und Klerus definierten, was wahr, gut und schön ist, muss sich heute jeder gnadenlos dem Urteil der Allgemeinheit stellen. Das ist rational, zugleich aber auch kränkend. Es ist nicht immer leicht, einsehen zu müssen, dass das, was man selbst für wahr, gut und schön hält, nur von wenigen oder gar niemandem sonst für ebenso befunden wird – und nichts Anderes drückt, der Theorie nach, ein Misserfolg auf dem Markt ja aus. Allzu verständlich also das Bedürfnis, sich dem Urteil des Marktes zu entziehen und sich seine individuellen Schutzräume zu schaffen, in denen andere Werte gelten als diejenigen, die der Markt diktiert. All diese Sondergemeinschaften mit ihren Sonderwerten haben gemeinsam, dass sie Schutzzonen schaffen, von denen andere wesensmäßig ausgeschlossen sind. Derartige Abschottungsversuche sind überall zu beobachten und gehören zum Marktgeschehen notwendig dazu – weshalb ihr Überhandnehmen seinerseits durch staatliches Eingreifen verhindert werden muss.

Neben dieser handfesten ökonomischen Dimension dient eine Leitkultur freilich auch der psychologischen Kompensation: Indem man sich selbst als Angehörigen einer solchen Kultur imaginiert, macht man die real erfahrene Kränkung durch den Markt subjektiv erträglich und gewinnt so einen psychologischen Mehrwert.

Ganz abgesehen davon, dass dieses Vorgehen zweckrational und psychologisch nachvollziehbar ist, verweist es auf reale Probleme moderner Gesellschaften: Zunächst einmal sind auf dem Markt all jene benachteiligt, die von Natur aus bestimmten allgemein gültigen Normen nicht entsprechen können oder denen es unverhältnismäßig schwerfällt. Wenigstens in solchen Fällen ist eine Korrektur des reinen Marktgeschehens also unbedingt erforderlich und wird ja auch im großen Stil betrieben. Es gibt jedoch ein weitaus größeres Dilemma: Wie gesagt werden an allen Ecken und Enden die Regeln des freien Wettbewerbs nicht eingehalten, gerade weil die Logik des Marktes den Betrug nahelegt, oft erzwingt. Was sich also im Ergebnis als Marktwert und damit als allgemeingültige Wertschätzung durchsetzt, spiegelt gerade keine reale Rationalität wieder, sondern nur das Ergebnis allgegenwärtiger Klüngelei und Korruption, gegen die sich ein bestimmtes Mindestmaß an Vernunft mühsam – oft nur durch staatlichen Zwang – behauptet.

Die auf dem Markt herrschende Konkurrenz erzeugt dabei nicht nur Korruption, Manipulation, Betrug und Klüngelei, sondern auch einen stetigen Innovationsdruck, der zwar einerseits durchaus rational ist – ohne kapitalistische Produktionsweise wären die technischen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte kaum möglich gewesen –, andererseits die Welt einer derart zugespitzten Beschleunigung unterwirft, dass durch die Ignoranz gegenüber jedweden natürlichen und kulturellen Beschleunigungsgrenzen Pathologien erzeugt werden, die das Fortbestehen der Menschheit als ganzer zu gefährden drohen.

Der antimoderne, antikapitalistische Affekt hat also zwei Seiten: Einerseits ist er die bornierte narzisstische Reaktion auf eine durchaus gerechtfertigte Kränkung, andererseits die berechtigte Kritik am systematischen Scheitern der kulturellen Moderne an ihren eigenen Maßstäben. Beides ist freilich kaum klar auseinanderzuhalten: Ist es nicht rational, sich einer Gesellschaft zu entziehen zu versuchen, die hochgradig irrational ist – selbst wenn es die Methoden dieses Entzugs auch sind?

Die Therapie mag fragwürdig, sofern es sich um reine Kompensation handelt sogar schädlich sein, die Leiderfahrung selbst ist real. Bei der geforderten Leitkultur handelt es sich so oder so – und das ist zugleich ihre eigentliche Problematik – um eine Leidkultur. Sie ist nicht Ausdruck der Freude und der Lust, der Freiheit und der Offenheit, sondern entspringt einem defensiven Bedürfnis nach Schutz, Trost, Sicherheit und Geborgenheit. Ihr Grundaffekt ist die Angst, die Angst vor der Moderne. Eine wünschenswerte Leitkultur müsste einem Affekt der Freude und der Lust entspringen, sie müsste auch nicht als „Notwendigkeit“ verordnet werden, sondern würde sich von selbst ergeben. Es wäre keine Leid-, sondern eine Freudkultur. Es ist die Problematik der modernen Welt, dass sie eine solche Kultur (noch) nicht hervorzubringen vermochte.

© Paul Stephan

Paul Stephan, wohnhaft in Leipzig, Initiator der Halkyonischen Assoziation für radikale Philosophie, hat Philosophie, Soziologie und Germanistik in Frankfurt am Main und Dublin studiert. Er forscht schwerpunktmäßig zur Philosophie des 19. Jahrhunderts im Kontext ihrer Rezeption im 20. und 21. Seine von Andreas Urs Sommer und Hartmut Rosa betreute Promotion an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg widmet sich dem Konzept der Authentizität bei Kierkegaard, Stirner und Nietzsche. 2017 gewann er der den 2. Preis des Essaywettbewerbs des FIPH für eine Arbeit zu Trump, Nietzsche und der Digitalisierung.

[1] Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft. München 1998, S. 154.

Print Friendly, PDF & Email