InDebate: Gleichberechtigung. Die ZEIT ist reif für Veränderung: die Zweite

Agnes Wankmüller

Im InDebate-Artikel vom 27.07.2018 wurde die Art und Weise kritisiert, wie die ZEIT mit den Artikeln „Der bedrohte Mann“ von Jens Jessen (05.04.18) und der Replik „Mann irrt“ von Bernd Ulrich die Abbildung eines ausgewogenen Meinungsspektrums suggeriert. Dazu wurden einige zentrale Positionen der Artikel zusammengetragen. Im Folgenden werde ich meinen Kommentar zu den ersten beiden Auszugssegmenten zur #metoo-Debatte und zur Verantwortungszuweisung in aller Kürze nochmals zusammen fassen und ausführlicher zum dritten Punkt übergehen, der sich mit dem Verhältnis von Feminismus und Universalismus beschäftigt.

1) „#metoo geht zu weit“

… Nö.

2) „Feministinnen halten alle Männer für Triebtäter“

… Nö.

3) „Vernunft und allgemeine Menschenrechte sind mit der feministischen Forderung nach Gleichheit nicht angezielt.“

Jessen: „Glauben die Frauen, die den Vernunftgrund des abendländischen Humanismus kündigen, für alle Frauen zu sprechen?“ „Ihre Ideologie zwingt sie dazu, die Geschlechter über jede Individualität hinweg absolut zu setzen: Männer als Besitzer von Macht, Frauen als deren Opfer“.

Ulrich: „Es brauchte eine Weile bis ich mich auf den im Grunde sehr simplen Gedanken bringen ließ, dass es für die jungen Frauen egal ist, ob früher alles schlimmer war, dass sie Profiteurinnen von Kämpfen sind, die andere vor ihnen ausgefochten hatten. Sie sahen und sehen schlicht nicht ein, warum sie überhaupt noch einen Nachteil für ihr Geschlecht in Kauf nehmen sollten.“ „Schließlich wurde Alice Schwarzers Kampf gegen häusliche Gewalt in den Siebzigern von vielen als ebenso übertrieben empfunden und hingestellt wie 1983 die Forderung der Grünen Petra Kelly im Bundestag, Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen, was dann erst 1997 geschah.“ „Wer sich allein auf die Vernunft und die allgemeine Menschlichkeit beruft, wer die existentiellen Unterschiede in ethnischer, sexueller und sozialer Sicht ignoriert, der verfehlt die Wirklichkeit und degradiert die Vernunft zum Werkzeug bestehender Machtverhältnisse“.

Jessen stellt die bereits erkämpfte, formal-rechtliche Gleichstellung neben das Bild eines Twitter-Exzesses („Hass hinterm Hashtag“): Dies lässt den Hashtag aussehen wie eine Ansammlung aus individuellen Alltagsrechnungen, die auch kleine und kleinste Vergehen mit dem Verweis auf Sexismus einzulösen versuchen. #metoo und Feminismus erscheinen in Jessens Artikel als in eins zu gehende Bewegung bzw. Denkweise, unter welcher erstens Männer pauschal kriminalisiert und zweitens ein Rechtsstatus für Frauen eingefordert wird, der über jenen der Männer signifikant hinausgeht. Während er damit dem modernen Feminismus im Allgemeinen die Rationalität abspricht, verhält sich Ulrichs Replik kritisch dazu: Er merkt an, dass Jessens Pauschalisierung des Feminismus dazu beiträgt, die Debatte über Geschlechtergerechtigkeit auf Vergewaltigung oder Lohn-Ungleichheit zu reduzieren. Diese Probleme aus einer gemäßigten Haltung der Mitte heraus nicht als gesellschaftliche Probleme einzustufen, ist dank der bereits geleisteten Errungenschaften der Emanzipation heute nicht mehr vorstellbar. Doch durch die Linse von Jessens Artikel erscheinen nun alle Forderungen nach Geschlechtergerechtigkeit, die darüber hinaus gehen, notgedrungen als Übertreibungen des Feminismus, als pauschale Verurteilung aller Männer. Sein Vorwurf an  Feministinnen, alle „alten weißen Männer“ für rassistisch und sexistisch zu halten, ist ein Strohmann – aufgebaut aus einer Gesamtverurteilung des Feminismus anhand der Aussagen einer kleinsten Anzahl extremer Vertreterinnen. Der Effekt einer solchen Darstellung ist, die feministische Kritik, die sich gegen jene richtet, die sich tatsächlich bigott, rassistisch und sexistisch positionieren und verhalten, als generell überzogen und partikularistisch zu entwerten.

Richtig ist Ulrichs Feststellung, dass es für die heutige Debatte egal ist, was schon in Bezug auf Gleichstellung erreicht wurde: Es gibt keinen Grund, sich deswegen andere Formen von geschlechtsbezogener Ungerechtigkeit gefallen zu lassen, bzw. sich diese als naturgegeben verkaufen lassen zu müssen. Formal vor dem Gesetz mag es Gleichstellung geben. Nicht jedoch in privaten Räumen, nicht in vielen Teilen der Geschäftswelt und nicht in der Vorstellungswelt vieler Personen darüber, wie viel Wert und Gewicht der Willen, die (Arbeits-)Zeit, das Wissen und die Argumente von Frauen neben jenen von (bestimmten) Männern haben. Dies ist aber nicht ein individuelles Problem, sondern eines, das aus strukturellem Sexismus erwächst und durchaus große Auswirkungen auf den Alltag der Betroffenen, auf ihre Präsenz in der Öffentlichkeit sowie auf ihren Lebensvollzug und ihre tatsächlichen Lebenschancen entfaltet. Anders ausgedrückt: Alltagssexismus ist schädlich genug für die Personen, die darunter zu leiden haben, um ein Argument im Sinne der Gleichstellung gegen ihn zu entwickeln. Auch wenn er den Rechtsstatus der Betroffenen nicht formal angreift, sondern diesen „nur“ im Alltag regelmäßig und wiederholt untergräbt. Gleichstellung auf ihre rein formal-rechtliche Dimension zu reduzieren kommt der aktiven Affirmation der bestehenden Machtgefälle gleich, die einer tatsächlichen Gleichstellung radikal entgegensteht. Denn was mit der Argumentation um Rechte verdeckt wird, ist, dass es eben gerade nicht um grundlegende Rechte geht, sondern um die Regeln des Verhaltens in öffentlichen und privaten Räumen, die diesen Rechtsstatus auch reflektieren müssen: Wenn Personen millionenfach über ihre eigenen Erlebnisse mit Sexismus und sexualisierter Gewalt twittern und diese damit sichtbar machen, dann ist dies genau der Hinweis darauf, dass in vielen unausgesprochenen Regeln des Verhaltens nicht Anerkennung, sondern aktive Aberkennung des formal gleichen Rechtsstatus zum Ausdruck kommt.

Aus emanzipativen Forderungen, die über das Minimum des formal-rechtlichen Status hinaus denken und ein anderes Verhalten und Denken in Bezug auf Geschlechterverhältnisse fordern, eine neue Unterdrückung für „den Mann“ abzulesen, ist über alle Maßen zynisch gegen jene, die unter genannten Verhältnissen zu leiden haben. Ulrich meint hierzu kritisch in seiner Replik an, es solle nicht die Vernunft zum Werkzeug bestehender Verhältnisse degradiert werden und so die Wirklichkeit verfehlt werden, indem man ein universalistisches Gerechtigkeitsverständnis verabsolutiert. Genau dies tut Jessen aber gerade nicht, denn er denunziert persönliche Erfahrungen als „partikulare Weltsichten“ und legt damit nahe, dass einerseits Betroffenenberichte verargumentiert werden müssen und nicht einfach nur erzählt werden dürfen. Gleichzeitig setzt er diese Berichte mit dem Feminismus gleich und legt mit dem Hinweis auf Partikularität nahe, dass es sich bei der feministischen Perspektive um eine Sicht handelt, die sich dem Austausch rationaler Argumente strategisch entziehe und damit die andere, „männliche“ Sicht kategorisch entwerte. Dass es sich bei der feministischen Sicht aber gerade um eine auf Gleichheit zielende Perspektive handelt, die ungleiche Behandlungen aufzeigt, welche ebenfalls von vielen Männern als problematisch eingeschätzt werden würden, unterschlägt Jessen. Seine reduktionistische Darstellung des Feminismus erscheint wie eine Variante der Diskurse, wie sie auf rechtspopulistisch-antifeministischen Websites geführt werden. Diese können heruntergebrochen werden auf die Annahme, der Feminismus könne nicht für die Gleichheit der Geschlechter stehen, weil sich Feminismus lediglich auf die Interessen von Frauen beziehe und damit Ungleichheit bzw. die Vorherrschaft von Frauen vertrete oder anstrebe. Diese Darlegung blendet jedoch die historische Entstehung, die zentralen Akteur*innen und die Ziele der feministischen Bewegungen aus: Der feministische Aktivismus der ersten Stunde bezog sich auf das Einfordern gleicher Rechte, während sich der spätere auf die Herstellung gleicher Chancen und die Forderung nach gleichwertiger Behandlung in der Gesellschaft bezieht (und  ebenfalls verbunden ist mit antirassistischen und weiteren Kämpfen)[1]. Es ist in antifeministischen Diskursen üblich, sich selbst als Opfer von Antisexismus oder Feminismus wahrzunehmen und dies mit tatsächlichen männerrechtlichen Problemen um bspw. Sorgerechtsfragen zu unterfüttern, um diese gegen den Feminismus in Stellung zu bringen. Diese Argumentationsstrategie trägt dazu bei, die Verantwortlichkeitsstrukturen umzukehren und den eigenen Reflex zur Besitzstandwahrung zu legitimieren: Als „Opfer des Feminismus“ muss man keine Machträume teilen oder sich aktiv für Gleichheit einsetzen, und man kann sich trotzdem weiterhin zurechnen, die Vertretung einer neutralen, rational-fortschrittlichen Vernunft zu sein. Denn die Rede über Gerechtigkeit und Gleichheit stört viele der antifeministisch Argumentierenden erst dann, wenn sie ihnen als Forderung von „Minderheiten“ entgegenkommt, die das schmeichelnde Selbstbild nicht bestätigt.

Es ist zu bezweifeln, dass Personen, die diese Argumentationsstrategie einschlagen, eine konkrete Idee von menschlicher Würde entwickelt haben, die sich nicht lediglich auf die eigene Person bezieht. So implizieren einige von Jessens Äußerungen, dass ein „richtiges“ Verhalten gegenüber Frauen das natürliche Resultat einer guten Erziehung sei, also „zum guten Ton gehöre“. Dieser Vorstellung steht nicht nur die Tatsache entgegen, dass es sexualisierte Gewalt und Abwertung auch in liberal-gebildeten Kreisen gibt und sie auch hier gerne als Lappalie abgetan werden (wie Ulrich bemerkt). Jessens Vorstellung widerspricht einem universalen Verständnis von Gleichheit: Ein Verständnis von Gleichstellung, das das Unterlassen von übergriffigen Aussagen oder Handlungen als Ausweis einer guten Erziehung, einer besseren Herkunft oder einer besonderen zwischenmenschlichen Güte begreift, steht einem Verständnis der universellen Menschenwürde nämlich radikal entgegen. Denn ein Ausbleiben von Übergriffen trotz Gelegenheit ist nicht der Würde des potentiellen Tatbegehenden geschuldet, sondern der unhintergehbaren Würde des potentiellen Opfers. Diese zu achten ist die nicht unterbietbare Basis jeder respektvollen menschlichen Interaktion.

In diesem Sinne schreibt Leila Slimani: „Ich beanspruche mein Recht, in Ruhe gelassen zu werden, allein sein zu dürfen, mich ohne Angst fortbewegen zu können. Ich will nicht nur eine innere Freiheit. Ich will die Freiheit, draußen zu leben, in der Öffentlichkeit, in einer Welt, die auch ein bisschen mir gehört.“[2] Hier wird deutlich, worum es in der Debatte neben Rechten und gleichwertiger Behandlung nun endlich auch geht: Es geht um die notwendige Übung, die Unsicherheiten und Mehrarbeiten des zwischenmenschlichen Zusammenlebens im Privaten und in der Öffentlichkeit gerechter zu verteilen. Gerade deswegen geht es dem Feminismus nicht darum, pauschal Schuldzuweisungen auszugeben, denn dies hätte keinen Effekt auf die bestehende Gesellschaft. Vielmehr geht es ihm darum, systemische Gewalt aufzuzeigen und zu einem kritisch-distanzierten Bewusstsein zu ihr aufzurufen, das sich der Potentialität von Übergriffen und der Realität bestehender Alltagsgewalt bewusst ist und aktiv gestaltend zu deren Minderung beiträgt.

Und nun?

Antifeminismus ist ein „Trend“, der in den letzten Jahren immer mehr Nachahmung und Mitlauf erhalten hat: Er verspricht Distinktionsgewinne durch seine pseudo-provokante, mit konservativen Haltungen häufig gut zu vereinbarende Pose. Pressestimmen, die ähnliche Diskurse propagieren, ohne sich tatsächlich je mit feministischem Denken zu befassen, spielen dieser Entwicklung bewusst oder unbewusst in starkem Maße zu. Ihre Stimmen scheinen kaum ernsthaft an universalen Rechten interessiert zu sein, sondern vielmehr daran, konservativ-reaktionäre Perspektiven neutral und rational erscheinen zu lassen. Dies trägt dazu bei, die allgemeine Wahrnehmung dessen, was als neutrale oder inakzeptable Rede gilt, nachhaltig zu verschieben. Im Fall der beiden genannten ZEIT-Artikel, die zusammen ein Meinungsspektrum von gemäßigt-konservativ bis konservativ-antifeministisch abdecken, ist das Problem nicht nur, dass die gemeinsame Rahmung der Artikel die Abbildung eines breiteren Meinungsspektrums suggeriert. Besonders Jessens Artikel gibt durch seinen Mangel an ernstgemeinter Auseinandersetzung mit der Debatte um Gleichstellung und sexualisierter Gewalt antifeministischen und frauenverachtenden Deutungsversuchen eher Raum, anstatt diese (konservativ oder progressiv argumentierend) zu verunmöglichen. Es handelt sich um eine Pose der Neutralität aus „der Mitte“, unter der der Autor nicht nur feministisches Denken, sondern auch Erfahrungen sexualisierter Gewalt von Frauen und Männern diskreditiert, während er einer tatsächlichen Beschäftigung mit diesen weitestgehend ausweicht. Problematisch ist dies zudem, weil Artikel dieser Art eine Kultur fördern, die sich in einem internationalen politischen Backlash gegen linksliberale Werte und die Vertreter*innen entsprechender Eliten wendet, doch gerade nicht lokalisiert diese zu treffen vermag: Vielmehr trifft der Gegenschlag besonders jene, die in unserer Gesellschaft am leichtesten verwundbar sind, indem er sich gegen Geschlechtergerechtigkeit, gegen die Akzeptanz von Bürger- und LGBTQ+-Rechten und gegen grundlegende Menschenrechte von Geflüchteten wendet.

© Agnes Wankmüller

Dipl.-Pol. Agnes Wankmüller ist Wiss. Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover.

[1] Vgl. Thom Avellas Reaktion auf entsprechende Gegenüberstellungen von Feminismus und Egalitarismus (01.08.2016): What „Questions for SJWs“ Taught Me About YouTube Antifeminism; URL: https://www.youtube.com/watch?v=dbyosLN58BU; 27.06.18.
[2] Leila Slimani (13.01.18): Leila Slimani über Sexismus; URL: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/sexismus-und-metoo-leila-slimani-antwortet-catherine-deneuve-a-1187600.html (28.06.2018).

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