InDebate: Warum wir alle in Milgrams Versuchslabor zurückgeblieben sind

Christoph Paret

Vor 55 Jahren wurden die ersten Ergebnisse des Milgram-Experimentes publiziert.[1] Auf dieses Experiment trifft zu, was Hans Blumenberg von den Ernstfällen gesagt hat, welche die  vorausgegangenen Generationen durchstehen mussten: In Gedanken daran sind wir zugleich von Abscheu und von Neid erfüllt.[2] Von Abscheu, nicht nur, wenn wir daran denken, was Milgrams Versuchspersonen zugemutet wurde, sondern auch, wenn wir uns bewusst machen, wie jämmerlich sie bei dieser Bewährungsprobe abgeschnitten haben. Von Neid, weil sich ihnen immerhin eine Möglichkeit bot, die den meisten von uns verwehrt bleibt: Sie konnten sich ihre Erprobungsfestigkeit vor Augen führen. Wir dagegen können allenfalls hoffen, dass wir anders gehandelt hätten als die durchschnittliche Versuchsperson. Doch wie könnten wir uns dessen gewiss sein?

Rufen wir uns ins Gedächtnis, was sich im Versuchslabor von Milgram abspielte: Den Testpersonen wurde vorgegaukelt, hier würde untersucht, ob Bestrafung dem Lernen eher förderlich oder hinderlich sei. Als „Lehrer“ sollten die Versuchspersonen einer anderen mutmaßlichen Versuchsperson, dem „Schüler“ (der in Wahrheit mit Milgram im Bunde stand), einen Stromschlag erteilen, sobald diesem bei einem angeblichen Gedächtnistest ein Fehler unterlief. Von Fehler zu Fehler sollten sie die Voltanzahl erhöhen. Das bestürzende Ergebnis: Zwei Drittel aller Versuchspersonen versetzten dem „Schüler“ solange immer stärkere „Stromstöße“, bis das Experiment von den Psychologen selbst abgebrochen wurde. Sie machten weiter, obwohl der „Schüler“ bald protestierte, obwohl er vor Scherzen schrie und irgendwann sogar bewusstlos schien. Ja, sie machten weiter, obwohl sie davon ausgehen mussten, ihn lebensgefährlich zu verletzen.

Zweierlei verdient es, besonders hervorgehoben zu werden. Erstens: Schon Milgram wies darauf hin, dass fast keiner der Versuchspersonen das schreckliche Geschäft gefiel, auf das sie sich eingelassen hatten. Sie litten erkennbar unter ihrer Aufgabe, sie zitterten, bekamen Schweißausbrüche. Nicht wenige gerieten mit dem Versuchsleiter sogar in einen Streit über die Frage, ob man das Experiment nicht besser abbrechen solle. Das hielt sie allerdings mehrheitlich nicht davon ab, nachzugeben, wenn er sie in betont kühlem Ton darum bat, mit dem Experiment fortzufahren. Zu wissen, dass es offensichtlich ungerechtfertigt ist, eine völlig unschuldige Versuchsperson im Zuge eines Experiments in Lebensgefahr zu bringen, war für die Versuchspersonen anscheinend nicht ausreichend, zu dieser Überzeugung auch zu stehen. Was bedeutet das? Milgram hat keineswegs die grausame Natur des Menschen ans Tageslicht gebracht. Er hat gezeigt, dass Menschen gar nicht innerlich grausam sein müssen, um Grausames zu tun.

Ein weiterer beunruhigender Aspekt dieses Experiments wird von vielen Kommentatoren übersehen, wenn sie Milgram dafür kritisieren, die Versuchspersonen in Versuchung geführt zu haben, sich schrecklich zu kompromittieren. Ich sage: Milgram machte es seinen Versuchspersonen besonders leicht, den Aufforderungen des Experimentators nicht Folge zu leisten. In unserem gewöhnlichen Leben ist oft unklar, welcher Ansicht wir eigentlich sind; im Unterschied dazu wussten die Versuchspersonen hier nur zu genau, dass es keinen guten Grund gab, die unschuldige Versuchsperson mit Stromschlägen zu traktieren. Und während wir im gewöhnlichen Leben zu diversen Autoritätsfiguren in einer existentiellen Abhängigkeit stehen, unterhalten die Versuchspersonen zu dem Versuchsleiter keinerlei über das Experiment hinausgehende Bindung. Er hat ihnen gegenüber überdies keine ernsthaften Machtmittel in der Hand. Man kann deshalb mit Fug und Recht bestreiten, dass hier im Versuchslabor tatsächlich der Ernstfall geprobt wurde. Weil aber so viele bereits bei einer derart leichten Probe schmählich abschnitten, hört das Milgram-Experiment nicht auf, uns umzutreiben: Denn wenn die Versuchspersonen sogar dann ihren eigentlichen Ansichten untreu wurden, als ihnen diese mit wünschenswerter Klarheit vor Augen standen, wie können wir dann hoffen, mehr Widerstand aufbieten zu können, wo unsere Ansichten im Alltag weniger klare Konturen haben? Und wenn die Versuchspersonen selbst vor einer derart unnatürlich machtlosen Autorität einknickten, welche Aussichten bestehen, dass wir vor Autoritäten, die wirksamere Sanktionsmittel aufzubieten haben, mehr Beharrungskraft zeigen? Das ist der Grund dafür, warum wir alle das alptraumhafte Milgram’sche Versuchslabor seit den Ereignissen in den frühen 60er Jahren nie ganz verlassen haben.

© Christoph Paret

Christoph Paret hat soeben eine Dissertation mit dem Titel „Emanzipative Menschenversuche. Über die Geburt der Freiheit im Labor“ beendet.

[1] Stanley Milgram: „Eine verhaltenspsychologische Untersuchung des Gehorsams“ (1963), in: Nicolas Pethes / Birgit Griesecke / Marcus Krause / Katja Sabisch: Menschenversuche. Eine Anthologie 1750-2000. Suhrkamp: Frankfurt am Main 2008, S. 739-49; Stanley Milgram: Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität. Rowohlt: Hamburg 1974.
[2] Hans Blumenberg: „Im Ernstfall“, in: Ders. / Carl Schmitt. Briefwechsel 1971-1978 und weitere Materialien. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen v. Alexander Schmitz und Marcel Lepper. Suhrkamp: Frankfurt am Main 2007, S. 208-12, hier S. 209.

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