InDebate: Hannover – erste autofreie Stadt Deutschlands!

Klimaweisen-Rat unterstützt Forderung von FridaysForFuture

Bernd Schwabe [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Jürgen Manemann

Die ökologische Krise, in der wir uns befinden, ist verursacht durch eine gestörte Weltbeziehung, deren Ausdruck Entfremdung ist. Der Soziologe Hartmut Rosa hat diese Zusammenhänge scharfsinnig analysiert. Entfremdung ist das „Gefühl, dass die Welt ihre Bedeutung verloren hat, dass sie blass und grau geworden ist. Dass mich nichts mehr berührt.“ Der Gegenbegriff zu dieser Weltbeziehung ist Resonanz: „berührt werden, […] die Welt erreichen können. Nicht verschlossen, sondern offen sein.“[1] Eine resonante Weltbeziehung gelingt uns immer weniger. Deutlich spüren wir das in unseren Städten. In einem Interview wurde der zurzeit wohl einflussreichste Stadtplaner, Jan Gehl, gefragt, woran man die Lebensqualität einer Stadt erkenne. Seine Antwort: „Es gibt einen sehr simplen Anhaltspunkt. Schauen Sie, wie viele Kinder und alte Menschen auf Straßen und Plätzen unterwegs sind. Das ist ein ziemlich zuverlässiger Indikator. Eine Stadt ist nach meiner Definition dann lebenswert, wenn sie das menschliche Maß respektiert. Wenn sie also nicht im Tempo des Automobils, sondern in jenem der Fußgänger und Fahrradfahrer tickt.“[2]

Das Auto, einst Sinnbild für Wirtschaftswunder und freie Mobilität, steht mittlerweile für stumme und aggressive Resonanzverhältnisse. Autos erobern jeden Tag die Städte und setzen ihre Einwohner*innen unter Stress. Aber auch die Autofahrer*innen sind dem Stress ausgesetzt. Der Psychiater Adli Mazda weist in seinem Buch über den Stress in der Stadt darauf hin, dass in mehreren Studien „bei Autofahrern im Berufsverkehr massiv erhöhte Stresshormone wie Adrenalin und Kortisol festgestellt (wurden, J.M.) sowie zahlreiche körperliche Stresssymptome. Eine britische Studie fand sogar bei Verkehrsteilnehmern zur Rushhour einen höheren Anspannungszustand vor als bei Kampfjetpiloten im Flug oder bei Polizeieinsatzkräften, die gewalttätige Ausschreitungen zu kontrollieren hatten. Autofahren durch eine betriebsame Innenstadt während des morgendlichen Berufsverkehrs ist demnach im Durchschnitt mit mehr Stress verbunden, als einen Prüfungsvortrag vor einer Klasse zu halten, und etwas weniger stressig als ein Fallschirmsprung aus einem Flugzeug. Zwar ist das ein Stresstyp, der unter akuten und weniger chronischen Stress fällt. Aber wenn es täglich so eine Stressspitze gibt, kann das zum Problem werden.“[3]

Durch den Autoverkehr geraten alle Lebewesen und die Natur in unseren Städten unter Dauerstress. Deshalb plädiert der Sozialpsychologe Harald Welzer dafür, die Landeshauptstadt Hannover als erste Stadt Deutschlands autofrei zu machen. Das hätte Ausstrahlkraft, „weil diese Stadt nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs als erste ‚autogerechte Stadt‘ wieder aufgebaut wurde. Die Transformation in die ‚autofreie Stadt‘ ist hier besonders sinnfällig, weil sich die nunmehr überdimensionierte Verkehrswegeinfrastruktur für Nachnutzungen anbietet. (…) Durch die radikale Erhöhung der ‚Begegnungsqualität‘ im öffentlichen Raum, durch das Verschwinden tödlicher Verkehrsunfälle, die radikal verminderte Schadstoff- und Lärmbelastung zeichnet sich ein neues zukunftsweisendes Konzept ab: die ‚autofreie Stadt‘ ist mehr und mehr auch die ‚analoge Stadt‘, also die Stadt, in der die für Demokratien immens wichtige bürgerliche Öffentlichkeit zurückkehrt.“[4]

Auch der Klimaweisen-Rat der Klimaschutzregion Hannover unterstützt die Forderung nach einer autofreien Stadt. In einer Stellungnahme ruft der Rat die Entscheidungsträger*innen „zur schnellen, fachkompetenten und ergebnisorientierten Aufnahme der Forderungen von FridaysForFuture“ auf. Im Wortlaut heißt es dort:

Die FridaysForFuture-Gruppe Hannover hat der Stadt und Region am 22.08.19 eine 12-seitige Liste mit konkreten Forderungen übergeben. In einer gemeinsamen Sitzung des Klimaweisenrates mit Vertreterinnen von FridaysForFuture bzw. StudentsForFuture wurde am 23.09.19 der erste Forderungspunkt zum Thema ‚Verkehr‘ als besonders relevant und potentiell umsetzbar eingestuft:

„Vision. Der Verkehr in Hannover ist klimaneutral und schadstofffrei. Es gibt insbesondere in der Stadt keinen Bedarf, fossile Kraftstoffe für motorisierten Individualverkehr zu verbrennen. Die Stadt hat sich nach Kopenhagener Vorbild zu einer attraktiven und sicheren Fahrradstadt mit flächendeckendem und kostenlosem ÖPNV entwickelt. Fahrradverkehr und ÖPNV haben bei allen Planungen und bei der Flächenverteilung Priorität vor dem motorisierten Individualverkehr. Wir fordern ein Verbot von privaten Autos im Innenstadtring bis 2022 und solchen mit Verbrennungsmotor in der Umweltzone bis 2030.“

Der Klimaweisen-Rat lobt das methodische Vorgehen und den Konkretisierungsgrad. Jetzt müssen die fachliche Kompetenz und der Erfahrungsschatz in den Verkehrsplanungsabteilungen genutzt werden. Mit dem Ziel einer nachhaltigen Mobilitätswende soll eine Prüfung und Konkretisierung in praktikable Teilschritte in drei Bereichen durchgeführt werden.

• Stadt und Region sollen bis Ende 2019 eine Arbeitsgruppe bilden und Personalressourcen zur Verfügung stellen, um mit der vorhandenen Verkehrsplanungskompetenz technisch umsetzbare Wege aufzuzeigen.

• Bis Juni 2020 sollen erste Pilotversuche zum Erproben der Mobilitätswende in ausgewählten Bereichen durchgeführt werden. Es sollen Erfahrungsräume geschaffen werden, in denen Einwohnerinnen und Einwohner ihr Mobilitätsverhalten ausprobieren, reflektieren und möglichst selbstbestimmt verändern können.

• Bis Ende 2020 soll eine Auswertung dieser Erfahrungsräume durchgeführt werden. Längerfristige Konsequenzen für Anwohner, Pendler, Einzelhandel, Luftqualität und Lebensqualität sollen quantifiziert werden. Die rechtlichen, finanziellen und politischen Randbedingungen sind zu klären und eine potentiell umsetzbare Roadmap soll in 2021 vorgelegt werden.

Wir wünschen der Stadt und Region Hannover eine positive und gestalterische Auseinandersetzung mit diesen grundsätzlich richtigen Forderungen der FridaysForFutureGruppe. Es gilt das vorhandene Wissen in Handeln zu überführen!“

Gerade in heutiger Zeit fragen sich immer mehr Menschen, was denn ein gutes Leben ist. Rosa gibt die Antwort: „Ein gutes Leben ist (…) eines, das reich an Resonanzerfahrungen ist (…).“[5] Die Lebensqualität einer Stadt bemisst sich daran, wie viel resonanzaffine Räume sie bietet. Wir benötigen Räume, die ein positives Raumgefühl entstehen lassen, die unkompliziert passiert werden können, die entstressen. Ressonanzaffine Räume garantieren aber noch nicht Resonanz. Resonanz lässt sich nicht herstellen. Sie kann sich nur einstellen. Ob sich Resonanz einstellen kann, hängt davon ab, wie Menschen ihre Beziehungen zu ihrer Außenwelt leben, ob sie das sie Umgebende sich aneignen, beherrschen oder ob sie es sich anverwandeln: „Anverwandlung bedeutet, sich eine Sache so zu eigen zu machen, dass sie mich existenziell berührt oder tendenziell sogar verändert. Es genügt nicht, die Dinge zu erwerben, sie zu beherrschen, mit ihnen umzugehen. Erst wenn ich sie zum Sprechen bringe, kann ich sie mir anverwandeln.“[6] Anverwandeln bedeutet, „ich mache mir eine Sache so zu eigen, dass sie mich verwandelt. Ich bin danach ein anderer.“[7] Das setzt die Bereitschaft voraus, „sich auf eine Resonanzbeziehung einzulassen. Konkret heißt das, offen dafür zu sein, dass mir etwas Neues oder anderes begegnet, wovon ich berührt, ergriffen oder bewegt werde, also zuzulassen, dadurch verändert zu werden.“[8]

Das Problem ist allerdings, dass Resonanzmodi in unseren Städten immer mehr abnehmen und sich stattdessen Repulsionsmodi ausbreiten. Im Repulsionsmodus befinden wir uns, wenn wir das Gefühl haben, „die Welt, andere Menschen oder auch Naturdinge begegnen uns feindlich, und wir selbst müssen kämpfen. Repulsion bezeichnet ein Weltverhältnis, das auf wechselseitiger Zurückweisung, auf Widerstand und auf Feindschaft beruht.“[9] Wenn in unserem Leben in der Stadt sich Repulsionsmodi ausbreiten, wird die Stadt zur Kampfzone.[10] Insbesondere SUVs stehen allein schon mit ihrer panzerähnlichen Kampfästhetik für einen Repulsionsmodus. Wer die Stadt zur Kampfzone macht, zerstört den Resonanzraum Stadt. Wenn sich nämlich Repulsionsmodi ausbreiten, entstehen „stumme Weltverhältnisse“ (H. Rosa). In diesen Verhältnissen kommt uns die Erfahrung abhanden. Mit dem Verlust von Erfahrungen breiten sich in uns schlechte Gefühle aus: Gier, Neid und Hass – Gefühle, die zu Ressentiments und Diskriminierungen führen. Dann wird die Stadt zur Kampfzone.

Wer wissen will, ob eine Stadt resonanzaffin ist oder nicht, soll darauf achten, wie Kinder, Kranke und Alte sich in ihr bewegen. Fühlen sie sich sicher oder bedrängt? Sicherlich, Mobilität ist für viele Menschen ein Grundbedürfnis. Dieses Bedürfnis darf aber nicht auf Kosten unseres Zusammenlebens und erst recht nicht auf Kosten unseres Überlebens befriedigt werden. Muss es auch nicht, wie FridaysForFuture betonen, denn ein kostenloser ausgebauter öffentlicher Nahverkehr und alternative Fortbewegungsmittel wie das Fahrrad sind Alternativen.

© Jürgen Manemann

Jürgen Manemann, Prof. Dr., ist Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover. Forschungsschwerpunkte: neuere Demokratietheorien und Umweltphilosophie. Zuletzt ist erschienen: „Demokratie und Emotion. Was ein demokratisches Wir von einem identitären Wir unterscheidet“ (Bielefeld 2019).


[1] Vgl. H. Rosa, Warum Achtsamkeit nicht möglich ist, wenn die Welt nicht achtsam ist (und was wir dennoch tun können), in: F. van Rootselaar, Leben, Pos. 854-964, Pos. 925.
[2] „Die Menschen in Bewegung setzen“, in: edition brand eins, Wie sieht die Stadt aus, in der wir leben wollen? Urbane Innovationen 3/2019, 6-17, 10.
[3] A. Mazda, Stress and the City: Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind, C. Bertelsmann Verlag. Kindle-Version, 97.
[4] H. Welzer, Alles könnte anders sein: Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen, FISCHER E-Books, Kindle-Version.
[5] H. Rosa, Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp Verlag. Kindle-Version, 749.
[6] Ders., W. Endres, Resonanzpädagogik: Wenn es im Klassenzimmer knistert, Beltz. Kindle-Version, 16.
[7] Ebd., 17.
[8] Ebd., 18.
[9] Ebd., 125.
[10] Ebd., 37.

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