InDebate: Suffizienz und Unternehmensverantwortung

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Andri König

Nachhaltige Entwicklung ist und bleibt ein Dauerthema. Die globale Klimabewegung veranschaulicht das aktuell wohl am deutlichsten. Der anthropogene Klimawandel stellt eine immense Bedrohung für die Möglichkeit auf ein gutes Leben heutiger wie zukünftiger Menschen dar. Diese Möglichkeit sicherzustellen, ist das erklärte Ziel Nachhaltiger Entwicklung (WCED 1987) und die Bekämpfung des Klimawandels somit eines ihrer Hauptanliegen. Wirksame Handlungen aller Akteure — der Politik sowie Wirtschaft und Gesellschaft — sind dringend geboten.

In der Forschung zu Nachhaltiger Entwicklung werden mögliche Handlungen traditionell den Strategien Effizienz, Konsistenz und Suffizienz zugeordnet (Paech 2006). Der A+++ Kühlschrank steht sinnbildlich für Effizienz. Auch kann der für seinen Betrieb nötige Strom aus erneuerbaren Quellen bezogen werden (Konsistenz). Und schließlich bedarf es oftmals keines Side-by-Side Kühlschranks mit 600 Litern Nutzinhalt, sondern es genügt ein Modell mit 165 Litern (Suffizienz). In der Forschung herrscht Konsens, dass die Verfolgung aller drei Strategien für Nachhaltige Entwicklung notwendig ist, unter anderem auf Grund des sogenannten Rebound-Effekts. Dieser tritt beispielsweise ein, wenn die durch eine energieeffiziente A+++ Kühlschrankserie möglichen Kostenersparnisse dazu führen, dass ich mich für das 600 Liter- an Stelle des 165 Liter-Modells entscheide. Die Energieeinsparung wäre geringer als eigentlich möglich. In konkreten Handlungen nun wird die Suffizienz oftmals übersehen. Das gilt insbesondere im Fall von Unternehmen.

Zwar bekennen sich mehr und mehr Unternehmen zu Nachhaltiger Entwicklung und betrachten diese als Teil ihrer gesellschaftlichen Verantwortung (Corporate Social Responsibility). Bei der Umsetzung richten sie ihren Fokus dann aber beinahe ausschließlich auf Effizienz und Konsistenz. Kein Wunder, decken sich diese am ehesten mit ihren ökonomischen Interessen und versprechen oftmals eine Win-win-Situation. Die Vermeidung von Materialabfall, zum Beispiel in der Textilproduktion, schont die Umwelt und spart Kosten. Gleiches gilt für die Nutzung von Strom und Wärme aus privaten, regenerativen Energieanlagen. Aktivitäten für Suffizienz, also für „Änderungen in Konsummustern, die helfen, innerhalb der ökologischen Tragfähigkeit der Erde zu bleiben“ (Fischer & Grießhammer 2013, 10), bleiben bis auf wenige Ausnahmen außen vor. Doch warum sollten nicht auch Unternehmen Suffizienz befördern?

Vielleicht, weil sie es einfach nicht können? Das scheint aber wenig plausibel: Unternehmen haben und nehmen Einfluss auf Konsummuster. Das veranschaulichen Trends wie Ultrafast Fashion. Hier benötigt es nur noch zwei bis vier Wochen von dem am Laufsteg abgeschauten Design zum fertigen Produkt (Wahnbaeck 2019). Die Folge: Die Konsument*innen kaufen noch mehr und nutzen die Produkte noch kürzer — wenn überhaupt. Der reelle Preis für solche Praktiken ist hoch und nicht nachhaltig, das zeigen desaströse Arbeitsbedingungen oder der Einsatz umweltschädlicher Chemikalien in der Produktion. Der Gegentrend lautet Slow Fashion und zeichnet sich zum Beispiel durch Langlebigkeit der Produkte, Reparaturservices, eine möglichst transparente Lieferkette sowie wenige und schlanke Kollektionen aus. Die Unternehmen können also, wenn sie wollen. Doch was hindert so viele Unternehmen, Suffizienz zu befördern?

Im Weg steht ein etabliertes Verständnis von Unternehmensverantwortung, welches der Ökonom Milton Friedman mit dem Titel eines Essays auf den Punkt gebracht hat: „The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits“ (Friedman 1970). Klar also, dass Ideen wie Slow Fashion erst einmal auf Widerstand stoßen. Denn ernst genommen zielen sie gerade darauf ab, weniger zu verkaufen, was dem Ziel der Gewinnmaximierung zumindest auf den ersten Blick widerspricht. Damit würden Unternehmen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht gerecht werden. Der Wirtschaftsethiker Karl Homann schlägt in einem solchen Fall Folgendes vor. Steht eine normative Forderung — wie zum Beispiel Suffizienz — in Konflikt mit dem Ziel der Gewinnmaximierung, sollen Unternehmen eine „ordnungspolitische Strategie“ (Homann & Blome-Drees 1992, 138) verfolgen, also durch politische Einflussnahme auf eine Änderung der Rahmenordnung hinwirken. Ist dies nicht möglich, zum Beispiel im Fall kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) mit vergleichsweise wenig Einfluss, sollen diese sich für die Entwicklung branchenspezifischer Regeln einsetzen. Das Ziel ist in beiden Fällen die Versöhnung der normativen Forderung mit der Verantwortung für Gewinnmaximierung.

In der Praxis nun scheint eine Umsetzung der beiden ordnungspolitischen Optionen zumindest für KMU wenig realistisch. Großunternehmen, die keinen Bedarf für Änderungen der Rahmenordnung sehen, sind auch in den Branchen mächtig und können Regulierungen dort ebenfalls verhindern. Doch selbst wenn die Schaffung verbindlicher Regeln gelingen würde, die Wettbewerbsnachteile durch Förderung der Suffizienz verhinderten, bliebe fraglich, ob die Unternehmen nicht trotzdem vergleichsweise geringere Gewinne erzielen würden. Bei langlebigen Produkten scheint das zumindest auf längere Sicht eine mögliche Konsequenz.

Angesichts des dringenden Handlungsbedarfs für Nachhaltige Entwicklung und der Möglichkeit von Unternehmen, einen Beitrag zur Suffizienz zu leisten, wäre eine denkbare Alternative, sich von der Gewinnmaximierung als Kern der Unternehmensverantwortung zu verabschieden. Über diese Alternative wird aktuell wieder diskutiert, wie jüngst das vielbeachtete Statement des Business Roundtable zum Purpose von Unternehmen zeigt (Business Roundtable 2019). Darin wird der Stakeholder Value in den Mittelpunkt gestellt, der Shareholder Value, oftmals der Profitsteigerungstreiber per se, rückt in den Hintergrund. Bildet analog die Förderung des Gemeinwohls an Stelle der Gewinnmaximierung den Kern der Unternehmensverantwortung, wird auch die Unterstützung von Suffizienz ein Teil dieser Verantwortung. Diese Entwicklung sollte im Rahmen ethischer Theorien der Unternehmensverantwortung reflektiert werden, deren praktische Umsetzungsbeispiele sich nicht auf die Strategien Effizienz und Konsistenz beschränken, sondern auch Suffizienz umfassen.

Literatur

Business Roundtable (2019): Statement on the Purpose of a Corporation. August 19, 2019, online verfügbar unter: https://opportunity.businessroundtable.org/wp-content/uploads/2019/09/BRT-Statement-on-the-Purpose-of-a-Corporation-with-Signatures-1.pdf.
Fischer, Corinna; Grießhammer, Rainer (2013): Mehr als nur weniger. Suffizienz: Begriff, Begründung und Potenziale. Hg. v. Öko-Institut e.V. (Öko-Institut Working Paper, 2/2013), online verfügbar unter: www.oeko.de/oekodoc/1836/2013-505-de.pdf.
Friedman, Milton (1970): The Social Responsibility of Business is to Increase its Profits. New York Times Magazine, September 13, 1970, online verfügbar unter: http://umich.edu/~thecore/doc/Friedman.pdf.
Homann, Karl; Blome-Drees, Franz (1992): Wirtschafts- und Unternehmensethik. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht.
Paech, Niko (2006): Nachhaltigkeitsprinzipien jenseits des Drei-Säulen-Paradigmas, in: Natur und Kultur 7/1, 2006, S. 42-62.
Wahnbaeck, Carolin (2019): Ultrafast Fashion: Wo Zara und H&M zu langsam sind. In: Spiegel Online, 20.10.2019, online verfügbar unter: https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/ultrafast-fashion-wenn-zara-und-h-m-zu-langsam-sind-a-1290385.html.World Commission on Environment and Development (WCED) (1987): Our common future. Oxford; New York: Oxford University Press.

© Andri König

Andri König ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Münchner Kolleg für Ethik in der Praxis (MKEP). In seiner Dissertation untersucht er die Frage der Verantwortung von Unternehmen für Nachhaltige Entwicklung.

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