Schwerpunktbeitrag: Reicht es für moralische Entscheidungen, „gut“ zu sein?

Detlef Horster

Der Ausgangsfall
Jeder ist tagtäglich vor Situationen gestellt, in denen moralische Entscheidungen getroffen werden müssen. Eine Lehrerin beispielsweise trifft in einer Unterrichtsstunde von 45 Minuten oft bis zu 70 kleinere oder größere Entscheidungen. Für uns gibt es im Alltag ebenfalls Entscheidungen von geringerer und von größerer Tragweite. Eine der ersteren Art: Wir hatten gerade ein paar warme Tage in Hannover, meine Nachbarin geht gleichzeitig mit mir aus dem Haus und zeigt mir ihr neues großgeblümtes Sommerkleid. Sie fragt, wie ich das denn fände. Hier stehen für mich zwei Pflichten in Konkurrenz: Die moralische Pflicht zur Wahrhaftigkeit und die Pflicht, andere nicht zu verletzen. Man sieht, dass man oft mit derselben Handlung, mit der man eine Pflicht erfüllt, eine andere verletzt. Darauf komme ich später zurück.
Uns begegnen aber auch Fälle von größerer Tragweite: Mein Schulfreund Rolf, mit dem zusammen ich Abitur gemacht habe, liegt seit neun Jahren im Wachkoma, ohne Hoffnung auf Besserung. Er ist im Hallenbad ertrunken und wurde wiederbelebt. Er liegt zu Hause und wird in einem Spezialbett aufopferungsvoll von seiner Frau Waltraud gepflegt. Sie ist das, was man einen guten Menschen nennen würde. Vor kurzem diagnostizierten die Ärzte eine Krebserkrankung bei Rolf. Ob die Schmerztherapie anschlagen würde, sei höchst ungewiss, bekam sie zu hören. Da die Frau, ebenso wie ihr Mann, streng katholisch ist, beriet sie sich mit dem Pastor und stellte die Frage, ob unter diesen Umständen die lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt werden sollten. Der Pastor sagte der Frau, dass nur Gott die Entscheidung über Leben und Tod treffen könne. Wir Menschen dürften sie uns nicht anmaßen.
Wenn man sich diesen Fall als Moralphilosoph ansieht, kommen zur Bearbeitung gleich verschiedene Moraltheorien in den Blick, die dazu dienen könnten, sich mit dieser Problematik auseinanderzusetzen. Zunächst ist hier von einer tugendhaften Frau die Rede. Sie ist ein guter Mensch. Es kommt weiterhin die christliche Ethik ins Spiel: Der Pastor rät ihr. Historisch gesehen, sind das zwei unterschiedliche Moral-Konzeptionen. Doch helfen sie uns in der heutigen Zeit? Vielleicht wäre Waltraud mit sich und Gott im Reinen gewesen, wenn sie in früherer Zeit, als wir bei uns noch von einer religiös homogenen Gesellschaft sprechen konnten, den Rat oder die Anweisung vom Pastor bekommen hätte. Heute hingegen ist Waltraud höchst unsicher, was sie tun soll.

Die heroische Zeit
Gehen wir historisch noch weiter zurück, konnten wir nicht einmal von einer Tugendethik sprechen, und es gab auch keine Pastoren, die einen Rat gaben. Ich will das kurz erläutern, um dann auf die komplexe Problemlage zurückzukommen, der wir uns heute im Gegensatz zu früheren Zeiten in moralischen Fragen ausgesetzt sehen. Eine schöne Belegstelle für die – ich nenne sie einmal so – „vortugendethische“, heroische Zeit gibt es im 11. Gesang der Ilias. Dort scheint der vortreffliche Odysseus vor die Wahl gestellt zu sein, im Kampf Stand zu halten oder zu fliehen. Aber als Angehöriger des Adels hat er keine Wahl und kann nicht anders als standhalten. Jeder weiß in dieser „vortugendethischen“, heroischen Zeit, wozu er verpflichtet ist. Es gibt keine Möglichkeit einer alternativen Entscheidung. Moral und Sozialstruktur sind in der heroischen Gesellschaft vielmehr identisch. Moral existiert noch nicht als etwas Eigenes neben dem Sozialen.

Tugendethik
Die Vortrefflichkeit (arete) des Odysseus wird später mit Tugend übersetzt. Die wohl bekannteste Tugendethik ist die des Aristoteles. Nehmen wir z.B. dessen Moralphilosophie; sie ist sehr beliebt unter Moralphilosophen. Moralisch sein, heißt bei ihm tugendhaft sein: Großzügigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit sind beispielsweise von ihm genannte Tugenden. Sicher ist Waltraud tapfer. So wird sie auch von vielen in ihrem Umfeld charakterisiert. Doch hilft ihr das bei ihrer Entscheidung in der konkreten Situation? Die Tapferkeit ihres Charakters sagt noch nicht, was unter den gegebenen Umständen zu tun gut ist, denn obwohl sie tapfer ist, ist sie unsicher. Gegen die Tugendethik ist von einer der besten Aristoteles-Interpretinnen, die wir derzeit in Deutschland haben, von Ursula Wolf, Folgendes eingewandt worden: „Die Tapferkeit des Charakters sagt noch nicht, was unter den gegebenen Umständen zu tun gut ist, und die Zustimmung zu der Norm, man solle andere gerecht behandeln, sagt noch nicht, was in einer bestimmten Konstellation die Gerechtigkeit verlangt.“ Das ist das Problem mit der Tugendethik, was Ursula Wolf nicht alleine so sieht, sondern viele andere Moralphilosophen auch, wie z.B. Herlinde Pauer-Studer und Peter Schaber.

Christliche Ethik
In der mittelalterlichen Zeit, wir hatten eine religiös homogene Gesellschaft, half der Pastor, der Hirte qua Amt, bei moralischen Entscheidungen, indem er sich auf die christlichen Moralvorstellungen bezog. Es gab in der christlichen Gemeinde des Mittelalters ein alle Stände umfassendes Richtigkeitserlebnis. Der einfache Bauer und Leibeigene konnte ebenso wie der Fürst und der König für seine alltäglichen moralischen Entscheidungen in der Bibel Handlungsanweisungen finden. Waltraud ist auch zum Pastor gegangen, dennoch blieben ihr Zweifel an seinem Rat.
Hinzu kommt noch, dass im Christentum moralisch richtiges Verhalten durch den Gehorsam gegenüber Gottes heiligen Geboten, der Liebe zu Gott oder auch nur durch Furcht vor Gottes Zorn oder Hoffnung auf Belohnung im Jenseits motiviert war. Das ist heute nicht mehr so.

Die Gegenwart
Was ist heute anders? Beginnen wir mit der moralischen Motivation. Man kann heute von der Richtigkeit einer moralischen Regel überzeugt sein, muss sie aber dennoch nicht unbedingt befolgen wollen. Man kann sich für die heutige Zeit gut vorstellen, dass jemand davon überzeugt ist, dass es richtig ist, die Umwelt zu schützen und für den öffentlichen Nahverkehr zu bezahlen, um ihn zu fördern, damit dieses Transportsystem ausgebaut und erhalten wird. Dennoch kann er an der U-Bahn-Station in Erwägung ziehen, schwarzzufahren, da ihm der Preis für die nur zwei Stationen überhöht erscheint. Man kann an vielen Beispielen demonstrieren, dass die Motivation, einer Regel zu folgen, und die Kenntnis und Akzeptanz der Regel nicht unbedingt zusammenfallen. Gertrud Nunner-Winkler folgt dieser Position seit mehreren Jahrzehnten in ihren verschiedenen empirischen Untersuchungen. Sehen wir uns ein Beispiel aus ihren Untersuchungen an, um das Gesagte zu erläutern. Hinsichtlich verschiedener Einstellungen zeigten sich starke Unterschiede zwischen der Generation der jetzt 20 bis 30jährigen und der Generation der heute 65 bis 75jährigen. Die Jüngeren sagen beispielsweise, dass es die persönliche Entscheidung eines jungen Menschen sei, wenn er sich nicht weiterbilde oder wenn er Rauschgift nehme. „Es ist doch seine eigene Entscheidung, sich zu ruinieren.“ Die ältere Generation vertritt weitgehend die Auffassung, dass er sich weiterbilden müsse, denn das sei für die Gesellschaft nützlich, und Rauschgift zu konsumieren, würde der Gesellschaft schaden. So gibt es große Differenzen in Bezug auf eine Ohrfeige ab und zu, Kirchenaustritt, Ausländer, Abtreibung, Selbstmord und zahlreiche andere moralisch zu bewertende Handlungen. Nur eine Regel ist für alle Generationen unbestritten, an die man sich unbedingt halten müsse, nämlich Müll zu trennen. Auch Herr X hält diese Regel für unbestritten richtig. Nichtsdestoweniger räumt er ein: „Dafür jetzt rauszugehen, um das in den gelben Sack zu tun, dazu ist es mir zu kalt. Immerhin messen wir 20 Grad minus. Ich tu die Plastikflasche heute einfach in den Restmüll.“ Wir sehen, dass Regelkenntnis, Regelakzeptanz und die Motivation, einer Regel zu folgen, verschiedene Dinge sind. Herr X handelt in dieser Situation nicht nach seiner Überzeugung. Ihm fehlt die Motivation.
Es gibt darüber hinaus im Gegensatz zu früher immer neue Situationen: Gefordert sind wir auf dem Gebiet der verbrauchenden Embryonenforschung oder – um genauer zu sein, denn darum handelt es sich – der Blastozystenforschung, der Invitrofertilisation, der Genpatentierung, der Sterbehilfe, der Pränataldiagnostik, der Bestattungskultur, des Umgangs mit behinderten Menschen, des Umgangs mit Menschen aus anderen Kulturen, die bei uns leben.Es reicht heute nicht mehr, nur tugendhaft zu sein. Warum nicht? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns fragen, welche Funktion die Moral hat.

Welche Funktion haben moralische Regeln heute?
Da menschliches Handeln heute nicht mehr auf eine allgemeinverbindliche und von allen akzeptierte christliche Offenbarung ausgerichtet ist, hat jedes Individuum unendlich viele Handlungsalternativen, die weder notwendig noch unmöglich sind. Niemand weiß vom anderen, was dieser aus der Vielzahl von Möglichkeiten wählen und in Handeln umsetzen wird. Man ist in dieser Situation nicht nur in Bezug auf das Handeln des Gegenübers unsicher, sondern ebenso in Bezug auf das eigene Handeln. „Was soll ich tun?“ ist jetzt die Frage. Von den unendlich vielen Handlungsmöglichkeiten, die ein Individuum in der komplexen Welt hat, wird eine gewählt; es könnte genauso gut eine andere sein, denn es gibt eine Menge anderer Möglichkeiten. Ungeregelt gäbe es Komplikationen beim Anschlusshandeln: „Wenn jeder kontingent handelt“, sagt Niklas Luhmann, „also jeder auch anders handeln kann und jeder dies von sich selbst und den anderen weiß und in Rechnung stellt, ist es zunächst unwahrscheinlich, dass eigenes Handeln überhaupt Anknüpfungspunkte im Handeln anderer findet.“ Dann wäre die Handlungskoordination höchst unwahrscheinlich, wenn nicht gar unmöglich.
Welche Lösungen bieten sich in einer so vertrackten Situation an? Die einzige Möglichkeit, unter diesen Bedingungen eine Ordnung herzustellen, ist die Bezugnahme aller auf ein einziges Normensystem. Soziale Ordnung ist, unter den Bedingungen individualisierter Gesellschaft, demnach die normative Regelung interpersonaler Beziehungen. Moral hat die Funktion in sozialen Systemen die Erwartungen und Erwartungserwartungen nicht zu enttäuschen. Moralische Regeln führen dazu, dass man erwarten darf, was man erwartet. Diese Erwartungen und Erwartungserwartungen sind in den kategorischen Regeln enthalten, deren Summe wir Moral nennen. Moralische Regeln geben demnach die Erwartungen und Erwartungserwartungen vor.
Das ist im Übrigen ein Argument dafür, dass moralische Regeln objektiv sind und nicht jeder frei darin ist, sich eine Präferenzskala moralischer Werte zu bilden. Wäre das der Fall, würde gesellschaftliches Handeln kollabieren, aber das tut es offenbar nicht. Ohne objektive moralische Regeln könnte das soziale Handeln gar nicht stattfinden. Durch sie werden die Freiheitsspielräume eingeschränkt und man weiß, was man von seinem Gegenüber zu erwarten hat, man hat zu wissen, wie es reagiert. Wir sind durch die moralischen Regeln manchmal zu Handlungen verpflichtet, die nicht in unserem Eigeninteresse liegen, ja, die zuweilen unserem Eigeninteresse zuwiderlaufen und zu deren Einhaltung wir uns bei freier Wahlmöglichkeit nicht umstandslos verpflichten würden.
Waltraud sieht sich in ihrer Situation – wie das häufig in moralischen Entscheidungssituationen ist – zwei moralischen Pflichten gegenüber. Auf der einen Seite: das unbedingte Lebensrecht eines Menschen; auf der anderen Seite die Pflicht, Menschen vor Schmerzen zu bewahren.

Konkrete Pflichterfüllung
Im Unterschied zu diesen abstrakten Pflichten, die wir in unserer heutigen Gesellschaft haben, steht die Erfüllung der Pflichten in der konkreten Situation. Da spielen epistemische Informationen eine ganz gewichtige Rolle bei der Abwägung, sich für die Erfüllung der einen oder anderen Pflicht zu entscheiden. In der Situation mit dem neuen Kleid der Nachbarin muss ich für meine Entscheidung natürlich wissen, wie empfindlich sie ist, und wie unser Verhältnis ist, ob unsere zwischenmenschliche Basis so ist, dass ich ihr ohne weiteres etwas sagen kann.
Oder ich nenne einen anderen Fall von größerer Tragweite: In Zürich leben viele kongolesische Familien. Eines Tages starb in einer der Familien der Vater. Der Sohn hatte ihm versprochen, dass er ihn in Heimaterde bestatten würde. Dieses ganze Unternehmen, die Leiche in den Kongo zurückzufliegen und dort zu beerdigen, hätte 12.000 Franken gekostet. Der Sohn hätte sich Geld leihen müssen, und die ganze Familie wäre auf Jahre hinaus verschuldet gewesen. Die Ausbildung der Kinder wäre gefährdet. Man kann sich vorstellen, dass die Nachbarn und alle Verwandten gegen das Unternehmen waren. Der Sohn hingegen sagte, dass er es seinem Vater versprochen habe. Und: „Versprochen ist versprochen.“ Hier kollidiert die Pflicht, ein Versprechen zu halten, mit der Pflicht, anderen nicht zu schaden, also die Schulausbildung der Kinder nicht zu gefährden. Hier muss man für die Entscheidung u.a. wissen, dass es in dieser Kultur wichtig ist, dass man in Heimaterde bestattet wird, weil man nur so bei den Ahnen im Jenseits bestehen kann. Sonst ist man ein Ausgestoßener.
Ja, und in dem Fall mit meinem Schulfreund sind genaue medizinische Informationen vonnöten, damit man weiß, ob das Leben von Rolf qualvoll ist oder nicht. Hieran sieht man, wie wichtig die sorgfältige medizinische Beurteilung für solche moralischen Entscheidungen ist.
Nur vor dem Hintergrund genauer Informationen kann man zwischen zwei Pflichten entscheiden und sagen, welche in der Situation für die Betroffenen stärkeres Gewicht hat.

Tugendethik
Ja, und ist denn die Tugendethik überhaupt nicht mehr wichtig? Ist es nicht wichtig, ob man ein guter Mensch ist? Natürlich muss man auch tugendhaft sein, denn nur einem tugendhaften Menschen traue ich zu, sich solch tiefgehenden Überlegungen zu stellen.

Konsequentialismus
Nun wurde an der Pflichten- oder Sollensethik kritisiert, dass ihre Anhänger die Konsequenzen einer Entscheidung und Handlung nicht bedenken. Das wurde schon Kant vorgeworfen. In Kants Schrift „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“ ging es um folgenden Fall: Ein Mann versteckt seinen zu Unrecht verfolgten Freund. Die Häscher an der Tür fragen ihn, ob er seinen Freund versteckt habe. Nun stellt sich für ihn die Frage, ob er die Wahrheit sagen oder – um seinen Freund zu schützen – lügen solle. Benjamin Constant, der sich mit Kant stritt, vertrat einen konsequentialistischen oder verantwortungsethischen Standpunkt, meinte er doch, dass es pflichtgemäß sei, den Freund durch eine Lüge zu schützen. Dem setzte Kant sein sozialphilosophisches Argument entgegen, dass man nämlich mit dem Bruch eines Versprechens oder mit einer Lüge das Vertrauen in das Funktionieren von wert- und wirkungsvollen Sozialtechniken erschüttert und damit den zwischenmenschlichen Kontakt belaste.
Wenn man grundsätzlich – wie Kant – einen deontologischen oder sollensethischen Standpunkt vertritt, kann es davon Ausnahmen geben. Aber die Ausnahmen müssen als Ausnahmen bewusst sein. So sagt Julian Nida-Rümelin beispielsweise: „Natürlich kann die Einhaltung eines Versprechens so gravierende Nachteile mit sich bringen, dass es in der Abwägung geboten erscheint, ein Versprechen nicht zu halten. Wichtig ist nur, zu erkennen, dass ein gegebenes Versprechen für sich genommen einen Handlungsgrund konstituiert.“
Im Übrigen sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass bei der Befolgung von moralischen Regeln im Alltag, wie der Erfüllung eines Versprechens, konsequentialistische Überlegungen selten eine Rolle spielen. Für uns sind objektive moralische Regeln so selbstverständlich wie mathematische Wahrheiten. Wir betrachten sie als soziale Tatsachen.
Hingegen scheint in Fällen von großer Tragweite, bei denen es die Möglichkeit einer längeren Zeit der Überlegung gibt, oft doch über die Konsequenzen nachgedacht zu werden. Im Fall von Rolf gibt es viele mögliche Folgen zu bedenken. Beispielsweise, wenn Waltraud sich entscheidet, die lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen, um ihrem Mann mögliche Schmerzen zu ersparen. Wird sie das auf Dauer mit ihrem christlichen Gewissen vereinbaren können? Das gilt natürlich auch für den umgekehrten Fall, wenn sie ihrem Mann die Schmerzen zumutet.
Es gibt in einer moralischen Entscheidungssituation unendlich viele Facetten zu bedenken. Ich habe sechs Punkte genannt, die heute anders sind als bei moralischen Entscheidungen in früheren Zeiten. Ich wiederhole sie:
• Wir müssen eine moralische Regel akzeptieren. Wir nehmen sie nicht selbstverständlich und als von Gott gegeben einfach hin.
• Zur Akzeptanz einer moralischen Regel muss die Motivation hinzutreten.
• Es gibt immer neue moralische Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Ich hatte u.a. genannt: Embryonenforschung, Sterbehilfe, Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen, die in unserer Gesellschaft leben.
• Es reicht deshalb heute nicht mehr aus, nur tugendhaft zu sein. Wir müssen für moralische Entscheidungen epistemische Informationen haben.
• Es gibt häufig einen Konflikt zwischen zwei moralischen Pflichten. Um zu entscheiden, welcher wir nachkommen, brauchen wir diese Informationen.
• Es kommt noch etwas weiteres hinzu: Man muss die Folgen seines Handelns überdenken. Hans Jonas nennt das Verantwortungsethik. In der Moralphilosophie heißt das Konsequentialismus.

Die Entscheidung
Ich habe nun an einem einzigen Fall die unterschiedlichen Ethiktheorien mit ihren Konsequenzen vorgeführt, und ich habe gezeigt, dass es in einer moralischen Entscheidungssituation heute im Gegensatz zu früher unendlich viele Facetten zu bedenken gibt.
Nun wird man sicher fragen, was ich Waltraud zu tun geraten habe. Ihr zu raten, ist genau das, was ich nicht getan habe. Ich habe ihr keinen Rat gegeben. Als Moralphilosoph kann man einen Fall strukturieren, ihn bezüglich der Vielfalt dessen, was zu bedenken ist, systematisieren, d.h. die entscheidungsrelevanten epistemischen und normativen Tatsachen ordnen, um so die Entscheidung zu erleichtern. Entscheiden muss aber jeder selbst. Moralische Entscheidungen kann ein Moralphilosoph niemandem abnehmen. Er ist ja kein Pastor.
Die Quintessenz für die heutige Zeit lautet darum, dass wir in moralischen Fragen sicher werden müssen. Wir müssen das üben und lernen. Es hilft nicht weiter, wenn wir, wie die Schweizer Sonderpädagogin Ursula Hoyningen-Süess formuliert, „im Stil vorgegebener weltanschaulicher Perspektiven und den Mitteln vorgegebener Überzeugungsrhetorik, welche selbstbewusst mit Zustimmung rechnet“, über moralische Fragen sprechen. Mit Hilfe von Beispielen müssen moralisch umstrittene Fragen „zur Diskussion gestellt werden“. In der Ausbildung von Pädagoginnen und Pädagogen, in der ich tätig bin, stelle ich solche Fälle zur Disposition, und ich merke, dass die Menschen auf diese Weise in ihrem moralischem Urteilsvermögen sicherer werden.

© Detlef Horster
Veröffentlicht in fiph-Journal Nr. 6, Herbst 2005, S. 1 sowie 3-5.

Detlef Horster ist Professor em. für Sozialphilosophie an der Leibniz Universität Hannover. Nähere Informationen finden Sie unter https://detlef.horster.phil.uni-hannover.de/.

Die pdf-Version des Beitrags zum Download finden Sie hier: 04 Detlef Horster, Moralische Entscheidungen

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