Pro und Contra: Sollte der Kreationismus im Biologieunterricht behandelt werden?

pro: Reinhard Junker

Ursprungsfragen in der Natur können nicht alleine durch naturwissenschaftliche Forschung beantwortet werden. Der Physiker J. Audretsch schreibt: „Kosmologie verwendet Physik, ist aber nicht Teil der Physik.“ Genauso gilt für die Frage nach der Entstehung des Lebens und seiner Vielfalt: Die Forschung zum Ursprung und zur Geschichte des Lebens verwendet Biologie, ist aber nicht Teil der Biologie. Ergebnisse der Naturwissenschaft können bezüglich der Entstehungsfragen sehr unterschiedlich gedeutet werden. Neben dem heute favorisierten Deutungsrahmen „Evolution“ ist deshalb auch der Deutungsrahmen „Schöpfung“ nach wie vor diskutabel.

Vor diesem Hintergrund ist im Biologieunterricht eine gründliche Reflexion der Möglichkeiten und Grenzen der naturwissenschaftlichen Methoden und Theorienbildungen gerade im Hinblick auf Ursprungsfragen angebracht. Zu den Grenzen gehört insbesondere, dass die Naturwissenschaften Ursprungsfragen anhand von Beobachtungen und experimentellen Tatsachen nicht sicher beantworten können, sondern auf Indizien gestützte Rekonstruktionen versuchen. Evolution ist dabei eine mögliche, durch biologische Fakten begründete Deutung der Geschichte des Lebens. Außerdem dient Evolution als eine Leitidee biologischer Modellbildungen. Quasi-religiöse, naturalistische Absolutheitsaussagen zur „Tatsache“ oder „Wahrheit“ der Evolution müssen im Biologieunterricht kritisch hinterfragt werden.

Evolution, als Erklärung der Entstehung des Lebens und seiner Vielfalt, wird von der überwältigenden Mehrheit der Biologen befürwortet; deshalb haben Evolutionstheorien in einem demokratischen Gemeinwesen ihren berechtigten Platz im Biologieunterricht der öffentlichen Schulen. Allerdings sollten auch die Befunde angemessen unterrichtet werden, die auf offene Fragen verschiedener Evolutionstheorien hinweisen und in der Fachliteratur dokumentiert sind. Das Buch „Evolution – Ein kritisches Lehrbuch“ (R. Junker / S. Scherer, Gießen 2006) bietet für diesen Diskurs eine solide fachliche Basis.

Die Darstellung einer naturalistischen Evolutionslehre als einzig mögliche Deutung der Herkunft des Lebens sollte als weltanschaulich motivierte Grenzüberschreitung über den Bereich des naturwissenschaftlich Begründbaren hinaus gekennzeichnet werden. Da Grenzüberschreitungen in Ursprungsfragen unvermeidlich sind, spricht nichts dagegen, neben naturalistischen auch nichtnaturalistische Denkmodelle bei der Bewertung biologischer Sachverhalte im Biologieunterricht in einer allgemeinen Form zu thematisieren. Die Vermittlung eines spezifisch christlichen Verständnisses von „Schöpfung“ beruht allerdings auf der Integration übernatürlicher Wirklichkeitsaspekte – wie die Inhalte der biblischen Offenbarung – und kann daher nicht Gegenstand des naturkundlichen Biologieunterrichts sein.

Der Sache angemessen wäre es, verschiedene Ursprungsmodelle und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Wissenschaften in einem fächerübergreifenden Unterricht zu behandeln – auch angesichts der Bedeutung dieser Frage für die Sinnfindung des Menschen. Dabei wird es dem Schüler ermöglicht, seine eigene persönliche Antwort zu finden. Das gelegentlich vorgebrachte Argument, Schülern könne man Kontroversen nicht zumuten, ist nicht stichhaltig. Im Gegenteil gilt, dass einseitige Denkmodelle, die vor Kritik geschützt werden, der Erziehung zu selbständigem, wertendem und ergebnisoffenem Denken abträglich sind. Der schulische Unterricht sollte eine Kultur des Diskurses sowie des toleranten Umgangs der Schüler mit unterschiedlichen Positionen fördern und dabei die Grundlagen vertretener Anschauungen offenlegen. Dafür eignet sich das Gespräch um Schöpfung und Evolution in besonderem Maße.

Reinhard Junker ist ehemaliger Gymnasiallehrer für Biologie und Mathematik und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“.

contra: Joachim Trucks

Die von Herrn Junker vertretene „Biblische Schöpfungslehre“ verteidigt Ansichten, die naturwissenschaftlichen Erkenntnissen dramatisch widersprechen: Da alle Lebewesen von Gott erschaffen worden seien, wird gegen alle Evidenz die Konstanz der Arten behauptet. Weil erst durch die Erbsünde der Tod als Strafe Gottes in die Welt gekommen sei, dürfen Fossilien nur nach Erschaffung Adams entstanden sein, sodass Menschen neben Dinosauriern gelebt haben müssen. Und da Kreationisten die Zeitspanne von Adam bis Jesus anhand biblischer Geschlechtsregister abschätzen, müssen sie die Geschichte des Lebens von gut 540 Millionen Jahren seit dem Kambrium auf einige tausend Jahre kurzen. Wie kreationistische „Forschung“ in dem so abgesteckten Rahmen aussieht, zeigt eine Arbeit, in der Herr Junker das Ladevolumen der Arche berechnet (Ergebnis: 40 000 m3), Tricks aufdeckt, mit denen Noah alle Tiere an Bord verstauen konnte (Saurier beispielsweise als Jungtiere), und eine Lösung des Futterproblems erläutert (die Tiere haben Winterschlaf gehalten). Herr Junker gesteht immer wieder die großen Probleme ein, vor denen eine Schöpfungslehre angesichts naturwissenschaftlicher Fakten steht. Dass er dennoch eine so exzentrische Position bezieht, folgt aus dem apologetischen Auftrag, dem er sich verpflichtet fühlt: „Die biblische Heilsgeschichte lässt … keinen Platz für eine konsequente Evolutionsanschauung.“ Also muss sie bekämpft werden. Dass derartige Ideologien sich im 21. Jahrhundert halten können, ist soziologisch interessant und vielleicht beunruhigend. Soll die Schule darauf reagieren? Ich meine ja. Denn mit dem Generalargument „Aber es konnte doch alles ganz anders sein!“ finden Schüler bisweilen Astrologie, Heilkristalle oder Voodoozauber überzeugend, warum also nicht auch den Kreationismus? Unterricht soll nicht nur Fakten vermitteln, sondern auch erklären, welche methodologischen Anforderungen bei der Suche nach Wahrheit zu berücksichtigen sind. Und der Kreationismus lässt sich im Biologieunterricht der Oberstufe mit Gewinn nutzen, um den Unterschied zwischen Natur- und Pseudowissenschaft zu veranschaulichen.

Auf die Frage nach „Beweisen“ für Evolution antworten auch Oberstufenschuler meist schnell mit „Fossilien“. Spaßig und zugleich erhellend ist dann die Konfrontation mit Internetseiten amerikanischer Kreationisten zum berühmten Taylor Trail, auf dem angeblich versteinerte Fußabdrücke von Menschen neben denen von Dinosauriern zu sehen sind. Hieran kann die „Theoriebeladenheit der Beobachtung“ erläutert und zugleich gezeigt werden, dass hinter der Kritik, Aussagen der Evolutionstheorie würden „nur“ auf Modellen beruhen, entweder naiver Positivismus oder bewusste Desinformation steckt. Herr Junker und andere Pseudowissenschaftler tun so, als ließe sich hieraus eine Toleranzforderung gegen den „Absolutheitsanspruch“ der Naturwissenschaften und zugunsten ihrer Auffassung ableiten, weil ja allen gleichermaßen der Glaube an ein bestimmtes Modell zugrunde liege. Aber dass sowohl Phlogiston- als auch Oxidationstheorie auf Modellen beruhen, legitimiert natürlich nicht die Forderung, beide im Chemieunterricht als gleichberechtigte Alternativen zu behandeln. Vielmehr zeichnet sich die Oxidationstheorie gegenüber ihrem Vorgänger durch ihre Widerspruchsfreiheit zu anderen naturwissenschaftlichen Befunden im Rahmen eines kohärenztheoretischen Wahrheitsmodells aus. Gleiches gilt für die Alternative zwischen der Evolutionstheorie und dem Kreationismus, der immer wieder Ungereimtheiten durch Einführung von Ad-hoc-Hypothesen erklären muss. Wer das Glück hat, in der Oberstufe mit einem Philosophiekurs zu kooperieren, hat hier ein schönes Beispiel für die Erläuterung von Theoriendynamik, in der die Schöpfungslehre mit sinkendem theoretischen und empirischen Gehalt als degenerierendes Forschungsprogramm auf der Strecke bleibt.

Joachim Trucks ist Lehrer für Philosophie und Biologie am Wilhelm-Gymnasium in Hamburg.

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