InDepth – longread: Gewalt, Macht und Leben

Entstehung, Entwicklung und Entsetzung der Gewalt bei Giorgio Agamben

Antonio Lucci

  1. Einführung

Giorgio Agambens Reflexionen zur Gewaltthematik durchziehen dessen gesamtes Werk:[1] Er widmete sich der Thematik, wenngleich kaum systematisch oder programmatisch, so doch kontinuierlich und dauerhaft, während seiner gesamten Schaffenszeit mit entsprechenden Analysen. Betrachtet man die a-systematische Ausrichtung der Herangehensweise Agam­bens,[2] so könnte man behaupten, dass gerade dieses Fehlen einer Programmatik der Untersu­chungen zur Gewalt sein stetiges Interesse bekundet: Anstatt dieser Forschungsmaterie le­diglich eine eigens für sie angelegte, erschöpfende Studie zu widmen, behandelt Agamben sie über eine sehr große Zeitspanne hinweg immer wieder, jedoch ohne sie zu einem abschlie­ßenden Punkt geführt zu haben.[3]

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InDepth – longread: Wohnungsnot in deutschen Großstädten: Zur moralischen Zulässigkeit der Vermietung von Wohnraum zu Höchstpreisen

Birgit Heitker

1. Einleitung

Die aktuelle Wohnungsnot in Großstädten ist heute ein vieldiskutiertes gesellschaftliches Thema: „Im Anschluss an die globale Finanzkrise von 2008 sind Mieten und Wohnungspreise insbesondere in prosperierenden Metropolregionen, Groß- und Universitätsstädten deutlich gestiegen. Für einkommensschwache Haushalte und zum Teil selbst für Mittelschichten wird es immer schwieriger, bezahlbaren Wohnraum in der Stadt zu finden.“[1] Es ist festzustellen, dass Wohnraum und Wohnkosten ungleich verteilt sind, so dass die heutige Wohnungsfrage eine ausgeprägte soziale Dimension hat.[2]

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InDebate: Dem König das Gesicht zeigen. Über Rousseau und die Politik der Authentizität

Paul Stephan

In den Bekenntnissen, seiner großen epochemachenden Autobiographie, berichtet Rousseau ein bemerkenswertes Ereignis. Seine Oper Der Wahrsager soll am Hof des Königs uraufgeführt werden, er selbst ist zu ihrer Premiere eingeladen. Rousseau erinnert sich:

„Ich war an diesem Tag im gleichen nachlässigen Aufzug wie gewöhnlich mit starkem Bart und ziemlich schlecht gekämmter Perücke. Ich nahm diesen Mangel an Anstand für einen Akt des Muts und betrat so den gleichen Saal, in dem sich etwas später der König, die Königin, die königliche Familie und der ganze Hof einfinden sollten. Ich ließ mich in der Loge nieder […]. Es war eine große Proszeniumsloge, gegenüber einer kleinen, höher gelegenen Loge, wo der König mit Frau von Pompadour seinen Platz nahm. Von Damen umgeben und als einziger Mann im Vordergrund der Loge, konnte ich nicht daran zweifeln, daß man mich gerade dorthin gesetzt hatte, damit man mich sehen könnte. Als ich mich nach dem Anzünden der Lichter in diesem Aufzug erblickte, inmitten all der übermäßig geputzten Leute, begann ich mich unbehaglich zu fühlen. Ich fragte mich, ob ich an meinem Platze sei, ob ich ihn schicklich einnähme, und nach einigen Minuten der Unruhe antwortete ich mit einer Dreistigkeit: Ja! die vielleicht mehr von der Unmöglichkeit, es zu ändern, als von der Kraft meiner Gründe kam. Ich sagte mir: Ich bin an meinem Platze, da ich mein Stück spielen sehe, da ich dazu eingeladen bin, da ich es nur dazu verfaßt habe und nach all dem niemand mehr Recht hat als ich, die Frucht meiner Arbeit und meiner Talente zu genießen. Ich bin gekleidet wie gewöhnlich, nicht besser und nicht schlechter.“[1] Weiterlesen

InDebate: Politische Öffentlichkeit – vor 100 Jahren und heute

(c) privat

Andreas Antić

»Die gegenwärtige Krise der westlichen Demokratie ist eine Krise des Journalismus.« – Diese Behauptung erscheint in Bezug auf den Zustand von Demokratie und Journalismus im digitalen (Des-)Informationszeitalter durchaus zutreffend. Sie stammt jedoch aus dem 1920 erschienenen Buch Liberty and the News von Walter Lippmann, der bis in die 70er Jahre einer der einflussreichsten amerikanischen Journalisten war. Noch als Student war Lippmann am Beginn des 20. Jahrhunderts ein Anhänger des Sozialismus, entwickelte später aber eine konservative, antikommunistische und technokratische Position. Weiterlesen