Schwerpunktbeitrag: Das Problem Europa. Überlegungen mit Friedrich Nietzsche[1]

Paul Stephan

I. Zu fremden Sternen

Auf die Frage, wohin Europa strebt, gibt der Philosoph Friedrich Nietzsche eine überraschende wie provokante Antwort:

„Ich höre mit Vergnügen, dass unsre Sonne in rascher Bewegung gegen das Sternbild des Herkules hin begriffen ist: und ich hoffe, dass der Mensch auf dieser Erde es darin der Sonne gleich thut. Und wir voran, wir guten Europäer!“[2]

Zugegebenermaßen ist hier nicht von Europa, sondern von der Menschheit insgesamt die Rede – doch die „guten Europäer“ sollen bei diesem gewaltigen Dezentrierungsunternehmen die Rolle einer Avantgarde einnehmen. Das Unheimliche an dieser Stelle ist, dass mit einer Bewegung der Sonne hin zu einem anderen Sternbild ihr eigener Untergang verbunden wäre und mit dem ihren auch derjenige der Erde. Sollen die „guten Europäer“ die Menschheit in den Untergang führen? Weiterlesen

InDebate: Warum wir alle in Milgrams Versuchslabor zurückgeblieben sind

Hervorgehoben

Christoph Paret

Vor 55 Jahren wurden die ersten Ergebnisse des Milgram-Experimentes publiziert.[1] Auf dieses Experiment trifft zu, was Hans Blumenberg von den Ernstfällen gesagt hat, welche die  vorausgegangenen Generationen durchstehen mussten: In Gedanken daran sind wir zugleich von Abscheu und von Neid erfüllt.[2] Von Abscheu, nicht nur, wenn wir daran denken, was Milgrams Versuchspersonen zugemutet wurde, sondern auch, wenn wir uns bewusst machen, wie jämmerlich sie bei dieser Bewährungsprobe abgeschnitten haben. Von Neid, weil sich ihnen immerhin eine Möglichkeit bot, die den meisten von uns verwehrt bleibt: Sie konnten sich ihre Erprobungsfestigkeit vor Augen führen. Wir dagegen können allenfalls hoffen, dass wir anders gehandelt hätten als die durchschnittliche Versuchsperson. Doch wie könnten wir uns dessen gewiss sein? Weiterlesen

InDebate: Gleichberechtigung. Die ZEIT ist reif für Veränderung: die Zweite

Agnes Wankmüller

Im InDebate-Artikel vom 27.07.2018 wurde die Art und Weise kritisiert, wie die ZEIT mit den Artikeln „Der bedrohte Mann“ von Jens Jessen (05.04.18) und der Replik „Mann irrt“ von Bernd Ulrich die Abbildung eines ausgewogenen Meinungsspektrums suggeriert. Dazu wurden einige zentrale Positionen der Artikel zusammengetragen. Im Folgenden werde ich meinen Kommentar zu den ersten beiden Auszugssegmenten zur #metoo-Debatte und zur Verantwortungszuweisung in aller Kürze nochmals zusammen fassen und ausführlicher zum dritten Punkt übergehen, der sich mit dem Verhältnis von Feminismus und Universalismus beschäftigt.

1) „#metoo geht zu weit“

… Nö.

2) „Feministinnen halten alle Männer für Triebtäter“

… Nö.

3) „Vernunft und allgemeine Menschenrechte sind mit der feministischen Forderung nach Gleichheit nicht angezielt.“

Jessen: „Glauben die Frauen, die den Vernunftgrund des abendländischen Humanismus kündigen, für alle Frauen zu sprechen?“ „Ihre Ideologie zwingt sie dazu, die Geschlechter über jede Individualität hinweg absolut zu setzen: Männer als Besitzer von Macht, Frauen als deren Opfer“.

Ulrich: „Es brauchte eine Weile bis ich mich auf den im Grunde sehr simplen Gedanken bringen ließ, dass es für die jungen Frauen egal ist, ob früher alles schlimmer war, dass sie Profiteurinnen von Kämpfen sind, die andere vor ihnen ausgefochten hatten. Sie sahen und sehen schlicht nicht ein, warum sie überhaupt noch einen Nachteil für ihr Geschlecht in Kauf nehmen sollten.“ „Schließlich wurde Alice Schwarzers Kampf gegen häusliche Gewalt in den Siebzigern von vielen als ebenso übertrieben empfunden und hingestellt wie 1983 die Forderung der Grünen Petra Kelly im Bundestag, Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe zu stellen, was dann erst 1997 geschah.“ „Wer sich allein auf die Vernunft und die allgemeine Menschlichkeit beruft, wer die existentiellen Unterschiede in ethnischer, sexueller und sozialer Sicht ignoriert, der verfehlt die Wirklichkeit und degradiert die Vernunft zum Werkzeug bestehender Machtverhältnisse“. Weiterlesen

InDebate: Die Theologie muss politisch werden! – Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag

Jürgen Manemann

Sie ist still geworden, die universitäre katholische Theologie.[1] Man hört ihre Stimme zwar immer wieder in binnenkirchlichen Debatten, aber gesellschaftspolitisch ist sie seit Längerem verstummt. Diese Stille wird jedoch zur Anklage in einer Zeit, in der sich allerorts Rassismus und Antisemitismus ausbreiten und in der der Zukunftshorizont zunehmend zu verfinstern droht. Unermüdlich versucht der Begründer der Neuen Politischen Theologie, der katholische Theologe Johann Baptist Metz, die Theologie dafür zu sensibilisieren, dass es ein „Zu-spät“ gibt. In seiner „5. These zur Apokalyptik“ zitiert er Bertolt Brecht: „Wenn die Untat kommt, wie der Regen fällt, dann ruft niemand mehr: halt!“ Die Neue Politische Theologie von Metz ist eine Theologie des Protestes und der Bewegung. Als Protesttheologie will sie durch Unterbrechungen wachrütteln; als Bewegungstheologie wagt sie sich in Bereiche, die schmerzen.

Metz wird am 5. August 90 Jahre alt. Seine Forderung für die heutige Zeit ist klar: Theologie muss politisch werden. Um politisch zu werden, bedarf es eines „lebendigen Sinns für Ungerechtigkeit“ (Burkhard Liebsch). Denn das Politische kennen heißt fühlen, was ungerecht ist. Die Politische Theologie nimmt ein Missverhältnis wahr zwischen dem ungerechten Zustand in der Welt und den stetig anwachsenden theologischen Theorien über Gerechtigkeit. Nur der lebendige Sinn für Ungerechtigkeit ermöglicht es, die blinden Flecken in unseren Gerechtigkeitsdiskursen offenzulegen. Um politisch zu werden, so Metz, muss Theologie Christus so denken, dass er nie nur gedacht ist. Ohne Praxis gibt es nämlich keine Christologie: „Es kommt meines Erachtens darauf an, die gesellschaftlichen und politischen Bedingungszusammenhänge des Nachfolgehandelns vor Augen zu rücken.“[2] Vermutlich krankt die Theologie noch immer an einem abstrakten Praxisbegriff, der die Einsicht in die gesellschaftspolitische Grunddimension der Theologie versperrt. Einige Theolog*innen mögen einwenden, das sei doch alles bekannt. Und in der Tat: Metz weist darauf ja auch schon seit über 50 Jahren hin. Aber: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ (Hegel)

In der Zeit des Protestes und der Bewegung, 1968, erkannte Metz, dass das Leiden des Einzelnen immer auch als gesellschaftliches Unrecht verstanden werden muss. Aber als Dialektiker wusste er auch, dass der Sprung von der „Existenz“ in die „Gesellschaft“ in eine Erstarrung führt, wenn die „Gesellschaft“ nicht immer wieder neu durch den Einbruch der „Existenz“ in Bewegung gebracht wird: „Alle großen sozialen, ökonomischen und ökologischen Fragen können heute eigentlich nur noch durch Veränderungen bei und in uns selbst, in einer Art anthropologischer Revolution gelöst werden. Es geht heute, auch und gerade politisch, darum, daß wir ‚anders leben‘ lernen, damit andere überhaupt leben können.“[3] Dass der Mensch sich ändern kann, an dieser Hoffnung hält Metz fest. Sie gründet für ihn in der Fähigkeit zur Mitleidenschaft, durch die offenbar wird, dass der Mensch noch nicht völlig vergesellschaftet ist. Protest und Bewegung – das wären heute die Motoren einer zeitempfindlichen Theologie. Worauf wartet die Theologie noch?

Zum 90. Geburtstag von Metz erscheint eine Festschrift: Hans-Gerd Janßen / Julia D. E. Prinz / Michael J. Rainer / (Hg.), Theologie in gefährdeter Zeit. Stichworte von nahen und fernen Weggefährten für Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag (Lit-Verlag Münster)

Verfasser: Jürgen Manemann, Prof. Dr., ist Schüler von Johann Baptist Metz  und Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover. Seine Arbeitsschwerpunkte sind, neben Fragen der politischen Theologie, Umweltphilosophie und neue Demokratie- und Politiktheorien. Jüngste Veröffentlichungen u.a.: Manemann, Jürgen/Eike Brock, Philosophie des HipHop. Performen, was an der Zeit ist, Bielefeld 2018; Manemann, Jürgen, Der Dschihad und der Nihilismus des Westens. Warum ziehen junge Europäer in den Krieg?, Bielefeld 2015; Manemann, Jürgen, Kritik des Anthropozäns. Plädoyer für eine neue Humanökologie, Bielefeld 2014; Manemann, Jürgen, Wie wir gut zusammen leben. 11 Thesen für eine Rückkehr zur Politik, Ostfildern 2013; Manemann, Jürgen/Arisaka, Yoko/Drell, Volker/Hauk, Anna Maria, Prophetischer Pragmatismus. Eine Einführung in das Denken von Cornel West, München 22012.

© Jürgen Manemann

[1] Ich beziehe mich im Folgenden auf die Situation der katholischen Theologie in Deutschland. Theologie ist nicht nur in verschiedene Einzeldisziplinen untergliedert, es gibt auch eine Pluralität von verschiedenen Zugängen zur Gottesfrage. Dennoch geht es allen Theologien immer um das Ganze. Diesem Anspruch versucht die Neue Politische Theologie, die nicht als Bereichstheologie missverstanden werden darf, aus der Perspektive des Bilderverbotes gerecht zu werden. Und so geht es ihr immer um ein „Mehr als das Ganze“ (T. R. Peters). Als „Theologie mit dem Gesicht zur Welt“ (Metz) arbeitet sie gegen die Amnesien in der Gesellschaft. Und so erinnert sie immer wieder neu an die universale Hoffnung auf Gerechtigkeit, die sich mit dem Wort Gott verbindet. Nun gibt es zwar durchaus einzelne Theolog*innen, die ihre Stimme heute erheben. Aber es gelingt Theolog*innen nicht, gemeinsam ihre Stimme in der Öffentlichkeit zu Gehör zu bringen.
[2] J. B. Metz, Zeit der Orden? Zur Mystik und Politik der Nachfolge, Freiburg 1977, 43.
[3] J. B. Metz, Unterwegs zur Zweiten Reformation. Oder: die Zukunft des Christentums in einer nachbürgerlichen Welt, in: abgedruckt in: J. B. Metz, Jenseits bürgerlicher Religion. Reden über die Zukunft des Christentums, München/Mainz 41984, 70-93, 85.

InDebate: Gleichberechtigung. Die ZEIT ist reif für Veränderung

 

Agnes Wankmüller

Die ZEIT hat die Debatte um Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Gewalt in einer Reihe von Artikeln wieder aufleben lassen. Leider auf eine Art und Weise, die der Debatte mehr schadet als nützt. Im Titelthema-Artikel „Der bedrohte Mann“ von Jens Jessen in der Ausgabe vom 05.04.18, auf den eine Woche später die Replik „Mann irrt“ von Bernd Ulrich folgte, gelingt es zwar, verschiedene Positionen aus dem Meinungsspektrum zur Gleichstellungsdebatte anzusprechen. Den konservativen bis antifeministischen Statements von Jessen, die befremdlich nahe an den Strohmann-Argumenten der üblichen Youtube-Antifeministen liegen (zumindest jener, die subtil genug sind, sich nicht offen für die Unterwerfung der Frau durch den Mann auszusprechen), folgt eine Replik durch Ulrich: Diese verbleibt in einer moderat-bürgerlichen, mittleren Position und versäumt es, eine deutliche Gegenposition zu entwickeln. Durch die Gegenüberstellung beider Artikel als „Titelthema“ und „Replik“ wird durch die ZEIT jedoch eine Balance zwischen zwei ähnlich von der Mitte entfernt gelagerten Haltungen, und damit eine gewisse Neutralität suggeriert. Wie im Folgenden anhand von Auszügen aus beiden Texten gezeigt werden soll, trägt dies letztlich  dazu bei, die konservative Position zu affirmieren und die Bewusstseinsbildung für die Notwendigkeit der Debatte zu untergraben. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: The border as an interface – ethical-political perspectives after Auschwitz

Jürgen Manemann

It all started with the borders opening

4 September 2015: The refugee situation in Budapest worsens dramatically. The government holds talks. The photographs of the lifeless three-year-old boy on a Turkish beach on 2 September, and the 71 bodies on the A4 motorway in Austria, sway the public perception of the situation.

5 September 2015: Shortly after midnight, the border to Germany is opened to refugees. Every day, almost 10,000 refugees arrive at the main station in Munich alone. The numbers are rising. Germany and the European Union are overwhelmed by the situation. Thousands of Germans provide spontaneous support. Within a few days, a civil-society movement has arisen to help the refugees.[1] The Christian churches offer emergency aid and accommodation. Weiterlesen

InDebate: Europas Dekolonisationsverweigerung. Über die Notwendigkeit der Selbstenthöhung Europas

      Björn Freter

Die afrikanische Philosophie entwickelt sich bestens. Eine Vielzahl, in der westlichen Philosophiediskussion weithin unbekannte, dennoch unzweifelhaft bedeutende Beiträge hat sie in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht.

Bevor ich mit meinen Überlegungen fortfahre, sei eine kurze Bemerkung zum Sprachgebrauch erlaubt: Wenn von Afrika oder Europa, von afrikanischer oder europäischer Philosophie die Rede ist, bedeutet das natürlich eine erhebliche Vereinfachung. Diese Vereinfachung ist allerdings lediglich eine sprachliche Konzession. Damit ist zu keinem Zeitpunkt eine Vereinheitlichung der Vielfalt der zusammengefassten Phänomene gemeint oder gar ein impliziter normativer Kommentar abgegeben. Weiterlesen

InDebate: Die Kunst des Loslassens als Weg zu einem authentischen Selbst

Alexandra Lason

“Imagine no possessions, I wonder if you can
no need for greed or hunger, a brotherhood of man”
(John Lennon)

Viele Menschen verbringen ihre Freizeit heute in den überall neu entstehenden Einkaufszentren. Dabei geht es häufig nicht darum, etwas Notwendiges zu besorgen. Vielmehr handelt es sich um eine Weise der Freizeitgestaltung. Konsum oder allein die Vorstellung von Konsum wirkt dabei nicht selten als temporäres Antidot gegen die Langeweile.

Im Kern ist (überflüssiger) Konsum und Haben gleichwohl Ersatz für das Sein[1] und Konsumismus, verstanden als Geisteshaltung, die den Konsum als höchstes Gut ansieht, Ausdruck der Furcht vor dem Sein. Wer Haben mit Sein und Sinn gleichsetzt, erschafft sich durch äußere, materielle Angleichung an einen bestimmten Lebensstil ein inauthentisches Selbst, welches zum bloßen Bestandteil der Maschinerie des Konsums regrediert. Die Besitztümer, von denen man meinte, sie ermöglichten ein erfülltes Leben, füllen Häuser und Wohnungen, aber sie erfüllen nicht. Ihre Besitzer*innen ersticken vielmehr daran und nicht zuletzt auch deren authentisches Selbst, denn unter allem Besitz geht das authentische Existieren verloren. Nicht von ungefähr ist die Sehnsucht nach Authentizität heute in einer frappierenden Stärke präsent. So sehr sogar, dass sie wieder seitens des Marktes aufgegriffen wird, da sich auch mit dieser Sehnsucht Profit machen lässt. Ein authentisches Selbst ist, obgleich es sich immer auch (ent-)äußert, nicht Äußerlichkeit. Es ist diese falsche Gleichsetzung, die Authentizität verhindert, welche aus den Potentialen des Innen erwächst. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Nachbarschaft

Walter Siebel

Menschen sind soziale Wesen. Ohne in soziale Beziehungen eingebettet zu sein, könnten sie weder materiell noch psychisch überleben. Soweit es sich um informelle Beziehungen handelt, beruhen sie auf Verwandtschaft, Freundschaft oder auf räumlicher Nähe. Letztere nennt man Nachbarschaft. Aber welche Qualität diese sozialen Beziehungen annehmen und welche Rolle sie spielen, ist historisch wandelbar. In vormodernen Gesellschaften war Nachbarschaft eine auf ökonomischer Notwendigkeit beruhende, von sozialen Normen strikt geregelte Gemeinschaft. Diese Form von Nachbarschaft existiert nicht mehr. Im ersten Teil wird erklärt, weshalb (I). Im zweiten Teil werden die heutigen Formen nachbarlichen Verhaltens beschrieben (II). Welche Rolle Nachbarschaften bei der Integration von Zuwanderern spielen, wird in Teil III diskutiert. Nachbarschaft wird es auch in Zukunft und auch in der Großstadt geben. Sie kann wichtige Funktionen für bestimmte Gruppen erfüllen. Aber künftige Nachbarschaften werden wenig gemein haben mit dem dichten und unentrinnbaren Geflecht sozialer und ökonomischer Abhängigkeiten in vormodernen dörflichen Nachbarschaften (IV).
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InDebate: Realismus und Utopie in Zeiten des Rechtspopulismus

Robert Ziegelmann

Rechte halten sich für realistisch. Zu ihrem Selbstverständnis gehört, dass sie distanziert und rational auf die objektiven Fakten blicken, während die »Gutmenschen« um ihre eigenen Gefühle kreisen, in Utopien schwelgen und sich moralisierend erhöhen. Tatsächlich aber waren für den Erfolg der AfD wie für denjenigen Trumps nicht die angeblich harten ökonomischen Fakten entscheidend, sondern scheinbar subjektive – emotionale, symbolische, kulturelle – Faktoren.[1] Zu diesen Faktoren gehört zentral, wie die Soziologin Cornelia Koppetsch herausarbeitet, »das Gefühl, dass Verhaltensmaßstäbe, die für die eigene Identität […] und die gesellschaftliche Wertschätzung bislang relevant waren, nicht mehr gelten und dass […] die eigenen Leistungen nicht mehr hinreichend […] gewürdigt werden.«[2] Die Basis dieses Gefühls beschreibt Koppetsch im Anschluss an Bourdieu als »Hysteresis-Effekt«: Der Habitus, also das implizite System von Handlungs-, Sprech- und Wahrnehmungsweisen, mit denen Menschen sich in der Gesellschaft orientieren, »passt« nicht mehr zu den veränderten gesellschaftlichen Umständen. Was einem früher als selbstverständlich galt, erweist sich nun als nur eine Möglichkeit unter vielen; Handlungsweisen, über die gar nicht nachgedacht werden musste, können nun zu Irritationen und Konflikten führen. Anfällig für den Rechtspopulismus sind demnach vor allem solche Gruppen – insbesondere in der Mittelschicht –, die relative Einbußen an symbolischer Macht und Geltung hinnehmen mussten.[3] Paradigmatisch ist dafür diejenige gesellschaftliche Gruppe, die dazu neigt, ihre privilegierte Stellung für selbstverständlich zu halten und auf Konflikte nicht mit Selbstreflexion zu reagieren, sondern mit dem Bedürfnis, wieder in eine heil und übersichtlich erscheinende Welt der Vergangenheit zurückzukehren – also Männer. Weiterlesen