InDepth – longread: Wider die Ironie. Mit Christoph Schlingensief

Anne Specht

Kein Ausspruch Schlingensiefs wäre anlässlich seines heutigen Geburtstages treffender als dieser: „Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte.“[1] Ein Mann, der so vieles war: Regisseur, Parteigründer, Talkmaster, Aktionskünstler und schlussendlich Krebskranker. Bis zu seinem frühen Tod im Alter von 49 Jahren regte Schlingensief Debatten an, löste Empörung aus, ließ die Grenzen dessen, was Kunst ist, bzw. zu sein hat, hinter sich. Die Dynamik der Auseinandersetzung mit seiner Person war wesentlich von der Frage motiviert, ob er sich dabei mit Inhalten auseinandersetze oder nur ein neues Medium zur Selbstdarstellung und öffentlichen Provokation ausprobiere. Jene Kontroverse lädt zur Diskussion eines philosophisch oft bemühten Begriffs ein. Denn wer Uneindeutigkeit und Vielseitigkeit als Wendigkeit deutet, bemüht das Bild der Ironie. Dies wird zur Anklage, wenn unterstellt wird, dass Ironiker*innen jede aufrichtige Einsicht zu ihrer Person verwehrten. Eine Weigerung, die die emotionale Rezeption Schlingensiefs erklären könnte – sofern er als Ironiker begriffen werden kann?

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InDepth – shortread: »Sie können diese Überschrift in 5 Sekunden überspringen« Zur Dialektik des Skippens.

Marvin Dreiwes

Technik steht uns nicht einfach in ihrer Materialität verheißungsvoll oder bedrohlich gegenüber. Eine philosophische Auseinandersetzung mit Technik muss gleichermaßen fragen, wie unsere praktischen Vollzüge immer schon »technisiert« sind, also Praxis selbst ein technisches Moment innewohnt. Ausgehend von diesem Gedanken werde ich im Folgenden die Praxis des Skippens als eine dialektisch verfasste Kulturtechnik untersuchen[1] Wenn vom Skippen als einer Kulturtechnik die Rede ist, geht es nicht bloß um einzelne Praktiken, die im Umgang mit einzelnen Artefakten in spezifischen Situationen auftauchen. Die Rede von einer Kulturtechnik zielt auf die Frage ab, wie eine Praxis umgreifend den praktischen Umgang mit und den Zugriff auf Welt, somit also Weltverhältnisse prägt. Diese Überlegungen schließen an Benjamins Gedanken an, die er in seinem Kunstwerkaufsatz entwickelt. Für Benjamin ist Wahrnehmung nicht natürlich und unveränderlich, sondern trägt einen historischen Index, sie ist »geschichtlich bedingt« (Benjamin 1963:14). Von Interesse für Benjamin waren bekanntermaßen die neuen Reproduktionsmöglichkeiten der Fotografie und des Films, die in Folge technischer Innovation ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auftraten. Diese machten nicht nur eine Neubestimmung dessen notwendig, was als »Kunst« galt, sondern veränderten auf eine fundamentale Weise, die Art wie überhaupt wahrgenommen und schließlich gehandelt wurde. Entscheidend ist dabei die Annahme, dass Technologien unsere Wahrnehmung und damit unsere Weltverhältnisse selbst strukturieren und formen können.[2] Genau gefasst lautet daher die Frage: Wie strukturieren und modifizieren technologisch bedingte Praktiken wie das Skippen die Praxisformen von Subjekten?

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InDepth – shortread: Technisierung, Datafizierung und die angebliche Semantikfreiheit von Daten

Dr. Nicole Thiemer

Von Hans Blumenberg stammt eine Aufsatzsammlung, die den Titel trägt: „Wirklichkeiten, in denen wir leben“. Versammelt sind u. a. Beiträge zum Thema Lebenswelt und Technisierung, die vor mehr als 50 Jahren verfasst wurden. „Philosophie“, heißt es dort, sei „in ihrem deskriptiven Verfahren als Phänomenologie […] Disziplin der Aufmerksamkeit.“[1] Diese Aufmerksamkeit hat mit Blumenberg zum Ziel „die Schärfung der Wahrnehmungsfähigkeit im weitesten Sinne“[2] und die Ausbildung einer „Nachsicht […] mit dem, […] daß man nur gerade übersehen hat, was sich bei größerer Intensität des Hinsehens hätte sehen lassen müssen.“[3] Heute ist das Thema der Technisierung der Lebenswelt eines der brennendsten. [4]

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InDepth – longread: Ich sehe, dass das falsch ist. Ein kurzer Einblick in die Philosophie der moralischen Wahrnehmung

Dr. des. Larissa Berger

Angenommen, man geht um die Ecke und nimmt eine Katze wahr. Man sieht, dass die Katze schwarz ist sowie eine bestimmte Form hat, und man hört sie Miauen. Es liegt eine ganz normale Wahrnhemungssituation vor. Nun stelle man sich aber die folgende geänderte Situation vor: Man geht um die Ecke und nimmt wahr, dass Jugendliche die Katze mit Benzin übergießen und anzünden.[1] Die allermeisten von uns werden dieser Situation gegenüber nicht moralisch indifferent sein: Wir sehen diese Situation und uns ist dabei unmittelbar bewusst, dass die Jugendlichen etwas moralisch Falsches tun. Dies erfordert kein großes Nachdenken. Wir wissen einfach um die Falschheit der Handlung der Jugendlichen. Aber wie genau gelangen wir zu diesem Wissen? Wie lässt sich unser unmittelbarer Zugriff auf die moralischen Eigenschaften der wahrgenommenen Situation philosophisch einholen?

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