InDebate: Dem König das Gesicht zeigen. Über Rousseau und die Politik der Authentizität

Paul Stephan

In den Bekenntnissen, seiner großen epochemachenden Autobiographie, berichtet Rousseau ein bemerkenswertes Ereignis. Seine Oper Der Wahrsager soll am Hof des Königs uraufgeführt werden, er selbst ist zu ihrer Premiere eingeladen. Rousseau erinnert sich:

„Ich war an diesem Tag im gleichen nachlässigen Aufzug wie gewöhnlich mit starkem Bart und ziemlich schlecht gekämmter Perücke. Ich nahm diesen Mangel an Anstand für einen Akt des Muts und betrat so den gleichen Saal, in dem sich etwas später der König, die Königin, die königliche Familie und der ganze Hof einfinden sollten. Ich ließ mich in der Loge nieder […]. Es war eine große Proszeniumsloge, gegenüber einer kleinen, höher gelegenen Loge, wo der König mit Frau von Pompadour seinen Platz nahm. Von Damen umgeben und als einziger Mann im Vordergrund der Loge, konnte ich nicht daran zweifeln, daß man mich gerade dorthin gesetzt hatte, damit man mich sehen könnte. Als ich mich nach dem Anzünden der Lichter in diesem Aufzug erblickte, inmitten all der übermäßig geputzten Leute, begann ich mich unbehaglich zu fühlen. Ich fragte mich, ob ich an meinem Platze sei, ob ich ihn schicklich einnähme, und nach einigen Minuten der Unruhe antwortete ich mit einer Dreistigkeit: Ja! die vielleicht mehr von der Unmöglichkeit, es zu ändern, als von der Kraft meiner Gründe kam. Ich sagte mir: Ich bin an meinem Platze, da ich mein Stück spielen sehe, da ich dazu eingeladen bin, da ich es nur dazu verfaßt habe und nach all dem niemand mehr Recht hat als ich, die Frucht meiner Arbeit und meiner Talente zu genießen. Ich bin gekleidet wie gewöhnlich, nicht besser und nicht schlechter.“[1] Weiterlesen

InDebate: Politische Öffentlichkeit – vor 100 Jahren und heute

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Andreas Antić

»Die gegenwärtige Krise der westlichen Demokratie ist eine Krise des Journalismus.« – Diese Behauptung erscheint in Bezug auf den Zustand von Demokratie und Journalismus im digitalen (Des-)Informationszeitalter durchaus zutreffend. Sie stammt jedoch aus dem 1920 erschienenen Buch Liberty and the News von Walter Lippmann, der bis in die 70er Jahre einer der einflussreichsten amerikanischen Journalisten war. Noch als Student war Lippmann am Beginn des 20. Jahrhunderts ein Anhänger des Sozialismus, entwickelte später aber eine konservative, antikommunistische und technokratische Position. Weiterlesen

InDebate: Warum sich eine Re-Lektüre der Werke Erich Fromms lohnt

Kevin Zernickel

Der Psychoanalytiker, Sozialpsychologe und Philosoph Erich Fromm kritisierte bereits in der Mitte des 20. Jahrhunderts unseren Lebensstil als zerstörerisch. Er verlangte einen radikalen Bruch, sah darin die einzige Möglichkeit für das Fortbestehen der Menschheit. Heute, knapp 40 Jahre nach seinem Tod, hat seine Gegenwartsdiagnose keineswegs an Aktualität verloren.[1] Wir wissen heute alle, dass ein radikaler Bruch mit unserer gewohnten und allzu liebgewonnenen Lebensweise keine Option mehr darstellt, sondern eine Notwendigkeit. Denn, wenn es so weitergeht wie bisher, steht uns eine ökologische Katastrophe bevor: der Verlust unserer Lebensgrundlage. Und dennoch ändert sich im Großen und Ganzen an unserem Lebensstil nichts, beispielsweise beim Thema Fleischkonsum. Der jährlich erscheinende Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung hat ermittelt, dass der Fleischkonsum pro Kopf in Deutschland seit dem Jahr 2000 zwischen 59 und 62 kg pro Jahr weitestgehend konstant geblieben ist.[2] Mit der Unterstützung der Massentierhaltung durch den Kauf von Fleischprodukten verursachen wir nicht nur das Leid unzähliger Lebewesen, wir befeuern auch eine der Hauptursachen für die Klimakatastrophe. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Das Problem Europa. Überlegungen mit Friedrich Nietzsche[1]

Paul Stephan

I. Zu fremden Sternen

Auf die Frage, wohin Europa strebt, gibt der Philosoph Friedrich Nietzsche eine überraschende wie provokante Antwort:

„Ich höre mit Vergnügen, dass unsre Sonne in rascher Bewegung gegen das Sternbild des Herkules hin begriffen ist: und ich hoffe, dass der Mensch auf dieser Erde es darin der Sonne gleich thut. Und wir voran, wir guten Europäer!“[2]

Zugegebenermaßen ist hier nicht von Europa, sondern von der Menschheit insgesamt die Rede – doch die „guten Europäer“ sollen bei diesem gewaltigen Dezentrierungsunternehmen die Rolle einer Avantgarde einnehmen. Das Unheimliche an dieser Stelle ist, dass mit einer Bewegung der Sonne hin zu einem anderen Sternbild ihr eigener Untergang verbunden wäre und mit dem ihren auch derjenige der Erde. Sollen die „guten Europäer“ die Menschheit in den Untergang führen? Weiterlesen