InDebate: Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu Zeiten der Corona-Pandemie

Pelin Bayandir

„Wissenschaft im Corona-Jahr: Zwischen Vertrauen und Skepsis“[1], „Corona steigert Glaubwürdigkeit der Forschung“[2] oder „Warum Menschen der Wissenschaft nicht mehr vertrauen“[3] – all diesen Überschriften aus Artikeln von Zeitungen und Online-Magazinen der letzten eineinhalb Jahre ist eines gemein: Sie machen ein Spannungsverhältnis zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit deutlich, in dem die Glaubwürdigkeit der Wissenschaften einerseits und das Vertrauen der Bevölkerung andererseits als zwei Seiten derselben Medaille Ambivalenzen unterliegen.

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InDebate: Moralische Unsicherheit – wie funktioniert das?

Silvana Hultsch

Darian ist Mitte fünfzig und Philosoph – Vollzeit. Seine Freunde beschreiben ihn als liebenswürdigen und lebensfrohen Menschen, der sich in gemeinnützigen Projekten engagiert. Schon zu seiner Schulzeit war er politisch aktiv. Er studierte Philosophie, Politik und Wirtschaft in England und Amerika, um mehr über die Welt zu lernen und darüber, wie er sein altruistisches Engagement am besten ausrichtet. Er fühlt sich generell privilegiert und möchte seine Möglichkeiten nutzen, um einen Beitrag zu gesellschaftlichen Problemen zu leisten. Seine Promotion und anschließende wissenschaftliche Karriere fokussierten sich auf die Ethik. Ihn treibt die Frage um, wie er am besten Gutes tun kann und was das überhaupt bedeutet. Auf keinen Fall möchte er gravierende moralische Fehler begehen. Er hat zahlreiche Bücher zur Moralphilosophie publiziert und sein Beruf verlangt eine ständige Auseinandersetzung mit dieser. Darian kennt sich mit den großen Ethiken aus. Aristoteles‘ Nikomachische Ethik, Kants kategorischen Imperativ und Mills Utilitarismus. Sie alle waren große Denker mit ausgefeilten Konzepten darüber, wie wir uns in Bezug auf andere verhalten sollten. Das kleine Problem mit einer Fülle an Ethiken ist, dass sie in verschiedenen Entscheidungssituationen verschiedene Handlungen und Gedanken für richtig oder falsch halten. Was soll man nun in einer schwierigen Entscheidungssituation tun, in der es potenziell um Leben und Tod geht und in der zwei Ethiken gar gegensätzliches empfehlen, jeweils mit ganzheitlichem Geltungsanspruch?

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InDepth – shortread: Ritualisierte Lebensbewältigung. Analyse von Religionen als „Lebensformen“*

Dietrich Schotte

(1) Ein neuer Ansatz in der Religionsphilosophie?

Diskussionen in der Religionsphilosophie können bisweilen verwirrend sein – weil sich die Beteiligten oft nicht einig sind, worüber sie eigentlich reden, wenn sie von „Religion“ sprechen.

Das ist erst einmal irritierend, schließlich gebrauchen wir „Religion“ im Alltag meist ohne größere Schwierigkeiten. Jede von uns kann auch schnell Beispiele nennen, falls jemand fragen sollte, wovon denn die Rede sei, wenn das Wort „Religion“ fällt – der Islam, der Hinduismus, das Christentum, die Liste ließe sich leicht fortsetzen. Und im Alltag wissen wir auch, wie wir mit Aussagen der Art „Fußball ist ihre Religion!“ umzugehen haben: Wir verstehen, dass die Sprecherin nicht meint, dass „Fußball“ eine Religion wie die oben genannten sei, sondern, dass jemand ihn so behandelt, als ob … ; und dass dies ungewöhnlich ist, weswegen es derart betont wird. Der Begriff von Religion, der im Alltagsgebrauch unserer Sprache sedimentiert vorliegt, ist übrigens auch hinreichend robust, um fiktive Praktiken als Religion einordnen zu können, etwa den Kultus des „Ertrunkenen Gottes“ im Lied von Eis und Feuer.

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InDebate: Ein Jahr nach rechtsextremem Terror in Hanau: Über die Reproduktion von Rassismen in der gesellschaftlichen Mitte

Elisa Lara Yildirim

Photo by Markus Spiske on Unsplash

In Erinnerung an Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar, Kaloyan Velkov
#SayTheirNames

Beim rechtsextremen Terroranschlag in der hessischen Stadt Hanau ermordete der 42-jährige Hanauer Tobias Rathjen am 19. Februar 2020 insgesamt zehn Personen aus rassistischen Motiven. In und vor zwei Shisha-Bars erschoss er erst neun Menschen mit Einwanderungsgeschichte, später auch seine Mutter in der elterlichen Wohnung. Zuletzt nahm er sich selbst das Leben. Vom Täter verfasste Dokumente zeigen eine klar völkisch-nationalistische Ideologie und extreme Vernichtungsfantasien von ganzen Bevölkerungsteilen auf, die u.a. untrennbar mit einer schizophrenen und narzisstischen Störung des Täters verbunden sind. Die These vom sogenannten Einzeltäter suggeriert eine isolierte Radikalisierung am rechten Rand der Gesellschaft, abseits des Konsenses. Die Existenz von rechtsextremem Rassismus ist nicht zu negieren. Inwiefern darüber hinaus jedoch von strukturellem Rassismus durch Abgrenzung bestimmter Gruppen von der Mehrheitsgesellschaft die Rede sein kann, welchen Einfluss kollektiv zugeschriebene Identität und die Reproduktion von Rassismen auf den Diskurs um Antirassismus und Inklusion ausüben, soll hier Thema sein.

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