InDepth – longread: Hoffnungsvolle (Re)Visionen des Technischen im Zeitalter des Chthuluzän

Jan Büssers

Abstract

Das Chthuluzän ist ein Zeitalter, in dem die Hoffnung für alle In-der-Welt-seienden Agent*innen wieder wachsen muss. Nur in der Allianz von Mensch(en), Natur und Technik wächst das Rettende. In der Entwicklung einer neuen Ontologie, die sich am Aufeinandertreffen in der Welt orientiert, kann das komplexe Netz der Verweisungen (technischer Systeme) wieder denkbar und begreifbar gemacht werden. Dieser Essay plädiert für eine Neubegegnung mit der Welt in ihrer Gesamtheit aus Natur und (Techno)Kultur, um das mythisch gewordene Sosein der Technik neu denken zu können und damit neue Antworten auf die drängenden Fragen dieser Zeit entwickeln zu können. Er greift dabei auf die Positionen neomaterialistischer Denker*innen zurück und versucht eine Zusammenführung mit technikphilosophischen Positionen und Ansätzen, sowie einem generellen Nachdenken über Technik. Die Frage nach der Technik muss sich immer mit der Frage danach verbinden, worauf wir hoffen dürfen – mit einem Wir, das Menschen wie die Anderen-in-der-Welt-Seienden (critters) meint. Dabei soll herausgestellt werden, dass es den Menschen, mit deren Fähigkeit zum Antworten, d.i. response-ability, obliegt, in eine lebbare Zukunft zu weisen, für die es sich zu hoffen und zu kämpfen lohnt.

Einleitung

Unter dem Motto „Fridays for Future”[1] gehen aktuell international Schüler*innen auf die Straße, um für eine nachhaltige Klimapolitik zu demonstrieren. Die Jugend begehrt auf, um ihre Zukunft zu schützen. Die Zeit scheint gekommen, in der das Damoklesschwert des Klimawandels über dem reichen Gabentisch des Kapitalismus nicht länger ignoriert werden kann. Der Klimawandel ist zum Sinn- und Streitbild des ausufernden technischen Systems geworden, das sich auf fossile Brennstoffe gründet und in der scheinbaren Omnipräsenz seiner Auswirkungen den Begriff des Anthropozän hervorgebracht hat, d.i. das Zeitalter der Allgegenwart der Spuren des Menschen in der (Um)Welt.

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InDepth – longread: Lasst tausend Bärte sprießen! Gegen die Ästhetik des Glatten

Paul Stephan

1. Rousseau oder die Einführung des Bartes in die Philosophie

In seinen Bekenntnissen berichtet Rousseau, wie er anlässlich der Premiere einer seiner Opern an den Hof des Königs geladen wurde. Die meisten würden diesen Anlass als Chance betrachten, einen guten Eindruck zu hinterlassen und penibel darauf achten, in ihrer Kleidung gegen keine der gängigen Konventionen zu verstoßen. Nicht so der geistige Unruhestifter aus Genf. Ganz bewusst verweigert er sich dieser symbolischen Unterwerfungsgeste und kleidet sich so, wie er es jeden Tag tut: „mit starkem Bart und ziemlich schlecht gekämmter Perücke“[1]. Er rechtfertigt sein, wie er selbst zugibt, unanständiges Verhalten sich selbst gegenüber:

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InDepth – longread: Gewalt, Macht und Leben

Entstehung, Entwicklung und Entsetzung der Gewalt bei Giorgio Agamben

Antonio Lucci

  1. Einführung

Giorgio Agambens Reflexionen zur Gewaltthematik durchziehen dessen gesamtes Werk:[1] Er widmete sich der Thematik, wenngleich kaum systematisch oder programmatisch, so doch kontinuierlich und dauerhaft, während seiner gesamten Schaffenszeit mit entsprechenden Analysen. Betrachtet man die a-systematische Ausrichtung der Herangehensweise Agam­bens,[2] so könnte man behaupten, dass gerade dieses Fehlen einer Programmatik der Untersu­chungen zur Gewalt sein stetiges Interesse bekundet: Anstatt dieser Forschungsmaterie le­diglich eine eigens für sie angelegte, erschöpfende Studie zu widmen, behandelt Agamben sie über eine sehr große Zeitspanne hinweg immer wieder, jedoch ohne sie zu einem abschlie­ßenden Punkt geführt zu haben.[3]

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InDepth – longread: Wohnungsnot in deutschen Großstädten: Zur moralischen Zulässigkeit der Vermietung von Wohnraum zu Höchstpreisen

Birgit Heitker

1. Einleitung

Die aktuelle Wohnungsnot in Großstädten ist heute ein vieldiskutiertes gesellschaftliches Thema: „Im Anschluss an die globale Finanzkrise von 2008 sind Mieten und Wohnungspreise insbesondere in prosperierenden Metropolregionen, Groß- und Universitätsstädten deutlich gestiegen. Für einkommensschwache Haushalte und zum Teil selbst für Mittelschichten wird es immer schwieriger, bezahlbaren Wohnraum in der Stadt zu finden.“[1] Es ist festzustellen, dass Wohnraum und Wohnkosten ungleich verteilt sind, so dass die heutige Wohnungsfrage eine ausgeprägte soziale Dimension hat.[2]

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