InDepth – shortread: Auschwitz erinnern

Anne Specht

… mein erster Besuch in Auschwitz ist jetzt über ein Jahr her. Seitdem schreibe ich darüber. Ich versuche, die Eindrücke zu reflektieren, einen Umgang mit der Hilflosigkeit zu finden, zu verstehen, warum dieser Besuch in meiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus so eine Zäsur darstellt. Am Anfang steht die Einsicht, dass Auschwitz nicht nur ein Ort ist, sondern zugleich Name für die Verdichtung aller Gräueltaten des Nationalsozialismus.[1] Am Ende – besser gesagt heute – steht dieser Text. Kein Bericht oder Leitfaden, keine streng wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine Aufforderung, Auschwitz zu erinnern. Gegen alle Widerstände, auch die des heutigen Datums.

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InDepth – shortread: Warum sieht man(n) es nicht?

Sexismus als strukturelles Verkennen

Marvin Dreiwes

Es trifft den Nächsten. Win Butler, Frontsänger der kanadischen Band Arcade Fire sieht sich in mindestens vier Fällen mit Vorwürfen des sexuellen Fehlverhalten konfrontiert.[1] Wenn die durch #MeToo angestoßene Debatte eines gezeigt hat, dann dass sexuell-übergriffiges Verhalten und andere Formen sexualisierter Gewalt gegen Frauen* nicht nur ein Nischenproblem sind, sondern sich quer durch alle politischen Lager und subkulturellen Milieus ziehen. Dass es nun die sympathische Indie-Band trifft, bei der schließlich sogar die Ehefrau Teil der Formation ist, steht damit weniger für eine seltene Ausnahme. Im Gegenteil, gerade jene Milieus, die von sich behaupten liberal, tolerant und gewaltfrei zu sein, sind nicht weniger anfällig für sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt.

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InDepth – longread: „Get a haircut and get a real job“

Über den Diskurs zur „Zukunft der Arbeit“

Robin Wehe

Im Februar dieses Jahres veröffentlichte das New York Times Magazine einen Artikel zur Arbeitssituation in den USA seit Beginn der Corona-Pandemie.[1] Unter dem Titel „The Age of Anti-Ambition“ schrieb Noreen Malone über die (gefühlte) Sinnlosigkeit mancher Jobs, die durch die in der Corona-Pandemie aufgekommene Aufteilung „systemrelevant“ und „nicht-systemrelevant“ noch einmal verstärkt werde – vorausgesetzt man falle in die Kategorie „nicht systemrelevant“. Die im englischen Sprachraum geläufigen Termini „essential“ und „non-essential“ scheinen auf ihre Art noch einmal brutaler zu wirken: Während nicht systemrelevante Berufe zumindest noch eine andere Relevanz haben können – außersystemisch, individuell, persönlich o.ä. – klingen die unwesentlichen, also non-essential Jobs einfach vernachlässigbar und könnten in letzter Konsequenz doch einfach weggelassen werden.

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InDepth – shortread: Feministische Neomaterialismen.

Die relationale Immanenz posthumanen Handelns

Anastassija Kostan

Die neuen feministischen Materialismen erlangen immer größere Bekanntheit seit der Jahrtausendwende.[1] Auch wenn man nicht von einheitlichen Denkschulen sprechen kann, ist den Beiträgen ein Fokus auf verschiedene Dinge, Objekte und Materialität gemeinsam. Deren ontologischer, politischer und gesellschaftlicher Status wird neu ausgelotet – jedoch im Unterschied zum empiristischen Materialismus unter der Prämisse eines ent-naturalisierten, hybridisierten und dynamischen Verständnisses von Materialität und Natur. Wichtig dabei ist eine Verschiebung von Handlungsfähigkeit weg vom Menschen, weg überhaupt von Einzeldingen und hin zu Gefügen und Verbindungen. Es sind nun plurale Netzwerke und heterogene Zusammenkünfte, die in ihren Beziehungen handeln, tätig und produktiv sind (Alaimo & Hekman 2008; Coole & Frost 2010; van der Tuin & Dolphijn 2012; Hoppe & Lemke 2021).

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