InDepth – shortread: Technisierung, Datafizierung und die angebliche Semantikfreiheit von Daten

Dr. Nicole Thiemer

Von Hans Blumenberg stammt eine Aufsatzsammlung, die den Titel trägt: „Wirklichkeiten, in denen wir leben“. Versammelt sind u. a. Beiträge zum Thema Lebenswelt und Technisierung, die vor mehr als 50 Jahren verfasst wurden. „Philosophie“, heißt es dort, sei „in ihrem deskriptiven Verfahren als Phänomenologie […] Disziplin der Aufmerksamkeit.“[1] Diese Aufmerksamkeit hat mit Blumenberg zum Ziel „die Schärfung der Wahrnehmungsfähigkeit im weitesten Sinne“[2] und die Ausbildung einer „Nachsicht […] mit dem, […] daß man nur gerade übersehen hat, was sich bei größerer Intensität des Hinsehens hätte sehen lassen müssen.“[3] Heute ist das Thema der Technisierung der Lebenswelt eines der brennendsten. [4]

Weiterlesen

InDepth – longread: Ich sehe, dass das falsch ist. Ein kurzer Einblick in die Philosophie der moralischen Wahrnehmung

Dr. des. Larissa Berger

Angenommen, man geht um die Ecke und nimmt eine Katze wahr. Man sieht, dass die Katze schwarz ist sowie eine bestimmte Form hat, und man hört sie Miauen. Es liegt eine ganz normale Wahrnhemungssituation vor. Nun stelle man sich aber die folgende geänderte Situation vor: Man geht um die Ecke und nimmt wahr, dass Jugendliche die Katze mit Benzin übergießen und anzünden.[1] Die allermeisten von uns werden dieser Situation gegenüber nicht moralisch indifferent sein: Wir sehen diese Situation und uns ist dabei unmittelbar bewusst, dass die Jugendlichen etwas moralisch Falsches tun. Dies erfordert kein großes Nachdenken. Wir wissen einfach um die Falschheit der Handlung der Jugendlichen. Aber wie genau gelangen wir zu diesem Wissen? Wie lässt sich unser unmittelbarer Zugriff auf die moralischen Eigenschaften der wahrgenommenen Situation philosophisch einholen?

Weiterlesen

In Depth – shortread: In was für einer Welt leben wir eigentlich? Überlegungen zur „Rückkehr zur Normalität“

Hannah Feiler

„Wann kehren wir zur Normalität zurück?“, „Wir sind in der neuen[1] Normalität angekommen“, „Die neue Normalität ist digital“. So oder so ähnlich lauteten und lauten in den letzten Monaten Überschriften von Artikeln in ganz unterschiedlichen Medien. Neben Diskussionen über die Vor- und Nachteile des Homeoffice[2] [3] gibt es medizinische Einschätzungen darüber, ob wir auch nach Abschluss der Impfkampagne weiterhin in öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Einkaufen einen Mund-Nasen-Schutz tragen sollten.

„Normalität“ ist das Schlagwort der Corona-Pandemie.

Weiterlesen

InDepth – longread: „Februar. No pasarán.“ Paul Celan als politischer Dichter

Paul Stephan

Vorbemerkung: Es handelt sich im Folgenden um das nur geringfügig veränderte Skript eines Vortrags, den ich am 27. Januar 2021 anlässlich des Gedenktags an die Befreiung von Auschwitz am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover hielt. Die philosophische Hauptreferenz der folgenden Ausführung ist Jacques Derridas Aufsatz Schibboleth. Für Paul Celan (Wien 1986). Für die Details zu Celans Biographie habe ich meist auf die sehr gründlichen Kommentare in der von Barbara Wiedemann besorgten Gesamtausgabe von Celans Gedichten (Berlin 2018) zurückgegriffen. Aus dieser Ausgabe sind auch sämtliche zitierten Texte von Celan entnommen. Weitere verwendete Quellen sind der Aufsatz Paul Celan – Paul Eluard, Entgegnung und Einvernehmen von Evelyn Hünnecke (in: Arcadia 32 [1997], S. 169–174) und die Monographie Dichtung wider Dichtung. Paul Celan und die Literatur (Göttingen 2006) von Jean Bollack.

I. Einleitung: Zu Paul Celan

Paul Celan wurde am 23. November 1920 in Czernowitz geboren. Eine Stadt mit einer großen jüdischen Gemeinde, der er auch selbst angehörte, die damals Teil Rumäniens war und heute zur Ukraine zählt. Am 20. April 1970 beendete er vermutlich sein Leben, indem er sich vom Pont Mirabeau in seiner Wahlheimat Paris in die Seine stürzte.

2020 jährte sich also Celans Geburtstag zum 100. Mal, sein Sterbetag zum 50. Mal. „Es ist Zeit“, könnte man, um sein berühmtes Gedicht Corona zu zitieren, dessen Titel aus der gegenwärtigen Erfahrung heraus einen eigenartigen Beigeschmack erhält, sagen, dass wir uns dem Werk eines der berühmtesten deutschsprachigen Poeten der Moderne aus einer neuen Perspektive nähern, oder sogar, wie es im selben Text heißt: „Es ist Zeit, daß es Zeit wird.“

Weiterlesen