Schwerpunktbeitrag: Der Lärm der Demokratie

Christian Grabau

Der Demokratie ist immer ein „Exzess“ (Rancière) eingeschrieben, ein Lärm der mannigfaltigen Interessen, Vorlieben und Strategien, den dieselbe Ordnung, die ihn hervorgerufen hat, wieder in geordnete Bahnen lenken will. Während in der attischen Demokratie versucht wurde, das Stimmengewirr architektonisch zu beherrschen, ist es in der Moderne vor allem die Pädagogik, welche das Einvernehmen in die Körper und Herzen der Staatsbürger einschreiben und die Macht der Sprache zähmen soll. Dass ihr das nicht abschließend gelingen kann und sich der Lärm immer wieder Gehör verschafft, ist das demokratische Paradox, welches Regierungen ebenso beunruhigt wie die politische Philosophie. Das ist der Einsatzpunkt des Beitrags, der zu zeigen versucht, was passiert, wenn die Vielstimmigkeit plötzlich anhebt, Mehrdeutigkeiten für Überraschungen sorgen und Orte, die dafür eigentlich nicht vorgesehen sind, zu politischen Bühnen werden, auf denen sich Leute treffen, die sich eigentlich nichts zu sagen haben. Weiterlesen

Philosophie am Kröpcke: Sind Sie ein souveräner Konsument? (Teil 1)

Hannover, Kröpcke-Uhr

Philosophie – eine Wissenschaft im Elfenbeinturm? Weit gefehlt! Das Forschungsinstitut für Philosophie Hannover macht es sich zur Aufgabe, herauszufinden, was der Mann (und die Frau) von der Straße von den philosophischen Inhalten, die am Institut erforscht werden, weiß und hält. Pünktlich zu jeder Ausgabe des fiph-Journals führen wir dementsprechend eine streng wissenschaftlich kontrollierte Studie durch: Wir schreiten zum Kröpcke, der Agora Hannovers, mit Digitalkamera und Aufnahmegerät bewaffnet, und stellen allen Passanten, die nicht schnell genug flüchten, dieselbe Frage. Auf den Spuren des Sokrates, aber bar jeder Ironie.
In Erweiterung des Themas „Wirtschaftsphilosophie“ und zur Vorbereitung weiterer Forschungsarbeiten wollten wir diesmal wissen: „Sind Sie ein souveräner Konsument?“ Leider wussten manche Hannoveraner nur wenig mit dieser Frage anzufangen. Auszüge aus den souveränsten Antworten lesen Sie hier … Weiterlesen

InDebate: Technik als Anti-Natur in der Natur selbst? Aus der Sicht der „Compassion“ auch im buddhistischen Sinne

Ryosuke Ohashi

Köln, Rheinbrücke im Hochwasser
(c) Ryosuke Ohashi

Robert Smithon, Spiral Jetty, 1970, in: Kunst des 20. Jahrhunderts
(c) Robert Smithon

(1) Die Natur hat das Leben hervorgebracht, das in seiner langen Evolutionsgeschichte auch die Menschengestalt angenommen hat. Der Mensch besitzt die Technik, so glaubt er zumindest, mit der er als „Herr und Besitzer der Natur“ (Descartes) diese zu beherrschen, zu ändern und auch zu zerstören imstande ist. Allerdings ist die heutige Lage der Technikwelt auch so zu bezeichnen, dass eher der Mensch vom sich selbst vorantreibenden Mechanismus der Technik wie z.B. des Aktien- und Kapitalmarktes besessen wird. Wenn eine neue Ware durch die moderne Technik hergestellt wird, wird sie im Vergleich mit der älteren Version in vielen Hinsichten verbessert. Zugleich wird aber noch ausdrücklicher, dass sie nicht zum Zweck der Erfüllung der Bedürfnisse der besseren Qualität, sondern zum Zweck der Erweckung dieser Bedürfnisse produziert wird. Weiterlesen

Pro und Contra: Sollen wir das Altern bekämpfen?

Pro: Stefan Lorenz Sorgner

Bei jeder Frage, in der auf ein ‚wir‘ verwiesen wird, gilt es zunächst einmal zu spezifizieren, worauf dieses ‚wir‘ genau verweist. Wenn die Frage impliziert, dass eine Verlängerung der Lebensspanne notwendigerweise mit jedem Konzept des Guten verbunden ist, dann würde ich die Frage verneinen, da ich es für plausibel erachte, dass die authentische Wahl eines guten Lebens von manchen Menschen keine Verlängerung der Lebensspanne impliziert. Entscheidend scheint mir vielmehr die Frage nach der Verlängerung der Gesundheitsspanne. Diese verweist auf die Quantität an gesund verbrachten Lebensjahren und geht häufig mit einer verbesserten Lebensqualität einher, wie zahlreiche psychologische Studien nahelegen. Wenn man die Frage so versteht, ob es moralisch angemessen ist, dass die politischen Richtlinien so strukturiert werden sollten, dass die wissenschaftliche Forschung zur Verlängerung der Gesundheitsspanne finanziell gefördert werden soll, dann kann ich nur mit einem emphatischen „Ja“ antworten. Weiterlesen