InDebate: Wieviel Hoffnung gibt Geschichte? Anmerkungen zu einem neuen Ansatz der Geschichtsphilosophie

Volker Drell

Volker Drell

Geschichte ist im öffentlichen Diskurs des Jahres 2014 kaum zu übersehen. Historiker sind viel gefragte Experten, die – auch für Details – eine Aufmerksamkeit finden. In Fachwissenschaft, Politik und Feuilleton werden historische Erklärungen und Analogien mit beachtlicher Intensität zum aktuellen Weltgeschehen angeboten und kritisch abgewogen. Zuweilen vertiefen sich die Ausführungen ins Grundsätzliche, beispielsweise beim Thema der politischen Freiheit: mal wird sie als Resultat einer besonderen historischen Entwicklung des Westens herausgestellt (Winkler), mal als absoluter Wert im geschichtlichen Prozess betont, für den der persönliche Einsatz immer richtig ist (Gauck). Gerade diese weitgehenderen Ausführungen offenbaren die Bezugspunkte zur Geschichtsphilosophie, in der die Erkenntnisinteressen Sinnstiftung, Orientierung und normative Selbstvergewisserung einen prominenten Rang haben. Allerdings scheint der philosophische Beitrag zu diesem Feld klar: Geschichtsphilosophie könne keine substantiellen Aussagen mehr über den Gang der Geschichte treffen, da ihre prinzipielle Offenheit und die zunehmende Verfeinerung des historischen Wissens solche allgemeinen Aussagen völlig unplausibel erscheinen lassen. Weiterlesen

Schwerpunktbeitrag: Das gemeinschaftliche Selbst: Eine Afrikanische Debatte

Foto Cioflec

Eveline Cioflec

Die afrikanischen Auffassung des Selbst spiegelt sich in einer übergreifenden Ethik des Communalismus, der Gemeinschaftlichkeit wieder, das im mittlerweile zum Schlagwort gewordenen Konzept des Ubuntu reflektiert wird. Ubuntu kennzeichnet eine Lebensphilosophie oder eine Lebenshaltung, in der das Individuum als moralisch, sozial, relational und einfühlsam aufgefasst wird. Diese Lebensphilosophie oder Lebenshaltung bezieht sich auf die Gemeinschaft mit anderen und kennzeichnet die Verbundenheit der Mitglieder dieser Gemeinschaft untereinander so, dass eine Person von den anderen abhängt um Person zu sein. Ohne auf die Auffassung von Ubuntu näher einzugehen, werde ich diese recht umstrittene Lebenshaltung zum Anlass nehmen, das gemeinschaftliche Selbst im afrikanischen Denken näher zu betrachten.[1] Weiterlesen

InDebate: Das konvivialistische Manifest – eine Kritik

By Corner of a Life (Occupy Berlin) [CC-BY-2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

By Corner of a Life (Occupy Berlin) [CC-BY-2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Jürgen Manemann

Ein neues Manifest macht die Runde, verfasst wurde es von etwa 40 Wissenschaftlern und Intellektuellen. Mehr als 1 ½ Jahre habe man miteinander diskutiert und gestritten – so wird dem Leser/der Leserin eingangs berichtet. „Das „konvivialistische Manifest“[1] liegt nun auch in deutscher Übersetzung vor, herausgegeben von Franz Adloff und Claus Leggewie. Worum geht es? Die Konvivialisten wenden sich gegen „den Primat des utilitaristischen, also eigennutzorientierten Denkens und Handelns und die Verabsolutierung des Glaubens an die selig machende Wirkung wirtschaftlichen Wachstums“. Demgegenüber plädieren sie für eine neue Vision des Zusammenlebens, für eine neue positive Vision des guten Lebens. Weiterlesen