Schwerpunktbeitrag: Nachbarschaft

Walter Siebel

Menschen sind soziale Wesen. Ohne in soziale Beziehungen eingebettet zu sein, könnten sie weder materiell noch psychisch überleben. Soweit es sich um informelle Beziehungen handelt, beruhen sie auf Verwandtschaft, Freundschaft oder auf räumlicher Nähe. Letztere nennt man Nachbarschaft. Aber welche Qualität diese sozialen Beziehungen annehmen und welche Rolle sie spielen, ist historisch wandelbar. In vormodernen Gesellschaften war Nachbarschaft eine auf ökonomischer Notwendigkeit beruhende, von sozialen Normen strikt geregelte Gemeinschaft. Diese Form von Nachbarschaft existiert nicht mehr. Im ersten Teil wird erklärt, weshalb (I). Im zweiten Teil werden die heutigen Formen nachbarlichen Verhaltens beschrieben (II). Welche Rolle Nachbarschaften bei der Integration von Zuwanderern spielen, wird in Teil III diskutiert. Nachbarschaft wird es auch in Zukunft und auch in der Großstadt geben. Sie kann wichtige Funktionen für bestimmte Gruppen erfüllen. Aber künftige Nachbarschaften werden wenig gemein haben mit dem dichten und unentrinnbaren Geflecht sozialer und ökonomischer Abhängigkeiten in vormodernen dörflichen Nachbarschaften (IV).
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InDebate: Realismus und Utopie in Zeiten des Rechtspopulismus

Robert Ziegelmann

Rechte halten sich für realistisch. Zu ihrem Selbstverständnis gehört, dass sie distanziert und rational auf die objektiven Fakten blicken, während die »Gutmenschen« um ihre eigenen Gefühle kreisen, in Utopien schwelgen und sich moralisierend erhöhen. Tatsächlich aber waren für den Erfolg der AfD wie für denjenigen Trumps nicht die angeblich harten ökonomischen Fakten entscheidend, sondern scheinbar subjektive – emotionale, symbolische, kulturelle – Faktoren.[1] Zu diesen Faktoren gehört zentral, wie die Soziologin Cornelia Koppetsch herausarbeitet, »das Gefühl, dass Verhaltensmaßstäbe, die für die eigene Identität […] und die gesellschaftliche Wertschätzung bislang relevant waren, nicht mehr gelten und dass […] die eigenen Leistungen nicht mehr hinreichend […] gewürdigt werden.«[2] Die Basis dieses Gefühls beschreibt Koppetsch im Anschluss an Bourdieu als »Hysteresis-Effekt«: Der Habitus, also das implizite System von Handlungs-, Sprech- und Wahrnehmungsweisen, mit denen Menschen sich in der Gesellschaft orientieren, »passt« nicht mehr zu den veränderten gesellschaftlichen Umständen. Was einem früher als selbstverständlich galt, erweist sich nun als nur eine Möglichkeit unter vielen; Handlungsweisen, über die gar nicht nachgedacht werden musste, können nun zu Irritationen und Konflikten führen. Anfällig für den Rechtspopulismus sind demnach vor allem solche Gruppen – insbesondere in der Mittelschicht –, die relative Einbußen an symbolischer Macht und Geltung hinnehmen mussten.[3] Paradigmatisch ist dafür diejenige gesellschaftliche Gruppe, die dazu neigt, ihre privilegierte Stellung für selbstverständlich zu halten und auf Konflikte nicht mit Selbstreflexion zu reagieren, sondern mit dem Bedürfnis, wieder in eine heil und übersichtlich erscheinende Welt der Vergangenheit zurückzukehren – also Männer. Weiterlesen