Dieser Beitrag ist Teil einer Beitragsserie zu der aktuellen Debatte um die Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl-Story“. Ausgangspunkt der Serie auf Philosophie InDebate war ein Artikel des Autor:innenkollektivs Religionsbezogene Kontroversen. Weitere Beiträge werden in Kürze folgen.
Die Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl-Story“ legt transgenerationale Muster männlicher Abwesenheit und weiblicher Kompensationsleistungen offen und macht damit ambivalente Geschlechternarrative sichtbar, die sich besonders in der medialen Rezeption der Figur Nina Anhan verdichten. Diese Rezeption weist Parallelen zu theologischen und kirchlichen Diskursen auf – von marianischen Deutungsmustern bis hin zu aktuellen Äußerungen kirchlicher Autoritäten. Die folgenden Überlegungen skizzieren erste thematische Ansatzpunkte, die sich aus der Dokumentation für eine geschlechterreflexive Auseinandersetzung im Kontext von Theologie und religiöser Bildung ergeben.
Babo – zwischen abwesenden Vätern und weiblicher Unsichtbarkeit
Die Dokumentation „Babo – Die Haftbefehl-Story“[1] rekonstruiert die Biografie Aykut Anhans überwiegend auf Grundlage männlicher Sprechpositionen: Neben seiner eigenen Perspektive als zentraler Protagonist werden vor allem seine Brüder, Produzenten sowie weitere, mehrheitlich männliche Rapper als erzählende Instanzen herangezogen. Eine zentrale biografische Konstante bildet die Figur des Vaters Aykut Anhans, dessen Vaterrolle bereits vor seinem Suizid durch markante Abwesenheit gekennzeichnet ist. Aykut Anhan beschreibt ihn rückblickend folgendermaßen: „Er kam nur nach Hause, um zu schlafen, ein paar Stunden.“[2] Die fehlende väterliche Teilhabe an seinem Alltag deutet Aykut Anhan damit an, dass sein Vater nicht zu seinen Fußballspielen erschien: „Der war nicht einmal da zum Beispiel. Der war nicht einmal beim Training. Der war nicht einmal beim Spiel.“[3]
Diese paternal bedingte Leerstelle führt dazu, dass Aykut Anhan bereits in jungen Jahren partielle Vaterfunktionen für seinen jüngeren Bruder übernimmt, wie dieser explizit hervorhebt. Aykut sei für ihn wie ein Vater gewesen.[4] Auffällig ist zudem die Abwesenheit der Mutter in der Dokumentation: Ihre Stimme bleibt gänzlich ungehört. Damit bleiben zentrale Fragen offen, etwa jene nach den emotionalen und praktischen Belastungen als Alleinerziehende oder den Formen der Kompensation, die sie im familialen Gefüge vermutlich leisten musste.
Die Kontroverse um Nina Anhan
Eine der wenigen weiblichen Stimmen, die in der Dokumentation zu Wort kommen, ist jene von Nina Anhan, der Ehefrau Aykut Anhans. Die Gegenwartsdarstellung macht deutlich, dass Aykut Anhan inzwischen selbst Ehemann und Vater ist, wobei sich deutliche transgenerationale Kontinuitäten abzeichnen: Auch seine eigene Vaterschaft ist – ähnlich wie die seines Vaters – von Abwesenheit geprägt. Nina Anhan formuliert dies explizit, wenn sie festhält: „Ich bin jetzt nicht alleinerziehende Mutter, aber fast eigentlich schon“[5], womit sie Aykut Anhans eingeschränkte Vaterschaft markiert. Aykut Anhan selbst reflektiert seine Vaterrolle vor dem Hintergrund seiner eigenen Herkunft: „Ich kann niemals der Vater sein von der Kellogg’s-Werbung […]. Ich bin Haft, ich bin Aykut. Ich bin Sohn von Celâl.“[6] Er zieht damit eine direkte Verbindung zwischen der biografischen Prägung durch seinen Vater und der eigenen Schwierigkeit, eine Vaterrolle zu übernehmen – ein Motiv transgenerationaler Weitergabe, das sich als schwer durchbrechbar erweist und familiäre Konstellationen hervorbringt, in denen Frauen kompensatorische Leistungen erbringen müssen.
Gerade diese kompensatorische Rolle Nina Anhans bildet den Ausgangspunkt intensiver medialer Debatten. Die Rezeption ihrer Darstellung verweist auf ambivalente geschlechterkulturelle Codierungen: Sie schwankt zwischen einer Romantisierung „weiblicher Hingabe“ und der Kritik an der Fortschreibung des Narrativs der selbstaufopfernden Ehefrau.[7] Kritisiert wird, dass die Dokumentation ein „toxisches Familienbild“ reproduziere und Nina Anhan in sozialen Medien eine idealisierende Überhöhung erfahre als Frau, „die dem berühmten Künstler den Rücken freihält“[8] und den familiären Zusammenhalt gewährleistet.[9] Die Journalistin Livia S. Lergenmüller zeigt sich diesbezüglich besorgt:
„Ihre Stärke darin zu sehen, dass sie bleibt, ist jedoch ein falsches Signal an all die Frauen in ähnlichen Situationen. Ihre stille Leidensbereitschaft darf nicht mit Stärke verwechselt werden, ihre Selbstaufgabe nicht mit Romantik.“[10]
Der eben genannte Einwand problematisiert damit ausdrücklich eine Deutung, die Verbleiben, Ausharren und stilles Ertragen als Ausdruck von Stärke liest und dadurch Leidensbereitschaft ästhetisiert oder moralisch aufwertet. Solche Infragestellungen sollten jedoch nicht dazu verleiten, Nina Anhans individuelle Entscheidungen normativ zu bewerten. Die wenigen in der Dokumentation enthaltenen Sequenzen bieten weder ausreichende Einblicke in ihre Lebenssituation noch eine Grundlage für Empfehlungen hinsichtlich eines Verbleibens oder Verlassens. Die Debatten machen aber deutlich, dass die hier sichtbar werdenden Konfliktlinien – insbesondere die Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen, familialer Care-Arbeit und deren medialer Rahmung – weiterhin virulent sind und über den spezifischen Kontext der Haftbefehl-Dokumentation hinausweisen.
Analogien zu kirchlichen Diskursen
Nach der Veröffentlichung der Dokumentation entstand eine Debatte darüber, ob und unter welchen Voraussetzungen die Haftbefehl-Dokumentation im Unterricht aufgegriffen werden sollte.[11] Damit stellte sich zugleich die Frage, welche thematischen Anschlussfähigkeiten und Problemstellungen sich im Kontext religiöser Bildung durch den Film eröffnen. Im Lichte der medialen Rezeption der Person Nina Anhan treten bemerkenswerte Parallelen zu einigen kirchlichen und theologischen Diskursen hervor, in denen idealisierte Vorstellungen weiblicher Leidensfähigkeit, Fürsorge und Selbsthingabe verhandelt werden. Die Dokumentation bietet somit einen Anlass, kritisch über ausgewählte Traditionen kirchlicher Frauenbilder zu reflektieren. Die folgenden beiden Punkte sind als exemplarische Anknüpfungspunkte für eine solche Auseinandersetzung zu verstehen.
Marianische Deutungsmuster
Maria gilt unbestritten als die bedeutendste Frauengestalt des Christentums und wird unter anderem als Jungfrau und Mutter Gottes verehrt. Besonders seit der Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis im Jahr 1854 durch Papst Pius IX.[12] wurde Maria zunehmend als „reine, sich aufopfernde, demütige Magd und schmerzenreiche Mutter“[13] stilisiert. Sie fungiert damit als idealisierte, jedoch unerreichbare Norm weiblicher Existenz, deren Wert primär an Mutterschaft, Hingabe und Selbstaufgabe bemessen wird – ein Motiv, das zahlreiche lehramtliche Texte implizit durchzieht. In dieser Perspektive erscheinen Frauen primär als Mütter, und Mutterschaft wird nahezu sakrosankt gesetzt.[14]
„,Die‘ Frau schlechthin, Maria, ist deshalb ,die‘ Frau, weil sie Mutter eines speziellen Sohnes ist. […] Umgekehrt gibt es nichts, was Frauen so übel genommen wird, wie die Verweigerung von Mutterschaft und Mütterlichkeit.“[15]
In Analogie zur Dokumentation und deren Debatten ließe sich daher fragen, ob auch dort eine idealisierte Überhöhung der Ehefrau und Mutter stattfindet, die vor allem durch ihre Rolle als unterstützende Partnerin charakterisiert wird. Gerade diese Rezeption problematisiert Lergenmüller und bewertet sie als potenziell gefährlich: „Für viele scheint ihr Verhalten Fürsorge und bedingungslose Liebe zu verkörpern. Diese Glorifizierung ihrer Selbstaufgabe halte ich für gefährlich.“[16]
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Religionswissenschaftlerin Theresia Heimerl eine alternative Lesart Mariens hervorhebt, die mit dem lehramtlich geprägten Idealbild nur wenig gemein hat: Maria erscheint hier weder als bloße Unterstützerin eines Ehemanns – ein solcher fehlt in der biblischen Erzählung gänzlich – noch tritt sie als schweigende Hintergrundfigur auf. Maria ließe sich vielmehr als Teil einer Patchworkfamilie beschreiben, die in mehrfacher Hinsicht nicht dem lehramtlich skizzierten Ideal weiblicher Existenz entspricht: Sie ist unverheiratet und schwanger mit einem Kind, das nicht von ihrem Verlobten Josef stammt.[17] Heimerl zufolge ist Maria zudem das „alleinige() Zentrum des Verkündigungsgeschehens“[18]: So richtet sich die Verkündigung des Engels Gabriel im Lukasevangelium zunächst ausschließlich an sie, nicht an Josef (Lk 1,26–33). Eine solche Lesart transformiert das tradierte mariologische Frauenbild grundlegend, insofern Maria nicht als Verkörperung einer „braven, ehelichen Existenz“ erscheint. Theologisch betrachtet, so Heimerl, widerspricht Maria damit „allen farblosen Frauenbilder der großen Theologen.“[19] Sie ist zwar Mutter, agiert jedoch nicht in der Rolle der unterstützenden Ehefrau, sondern als eigenständig adressierte und handelnde Person.[20]
Vor diesem Hintergrund muss auch im Blick auf die Haftbefehl-Dokumentation festgehalten werden, dass es sich um eine spezifische, keineswegs abschließende Deutung handelt: Die Rolle Nina Anhans wird allenfalls akzentuiert, aber nicht in ihrer gesamten Komplexität sichtbar, weshalb vorschnelle Idealtypen stets kritisch zu hinterfragen sind.
Papst Franziskus und die Frauen
Mit dem Pontifikat von Papst Franziskus waren hohe Erwartungen hinsichtlich einer Weiterentwicklung der Rolle von Frauen in der Kirche verbunden. Diese Hoffnungen wurden jedoch weitgehend enttäuscht: Weder kam es zu substanziellen strukturellen Reformen, noch zeigten sich tiefgreifende Veränderungen im kirchlichen Amts- und Rollenverständnis. In seiner Enzyklika Fratelli tutti[21] weist Franziskus zunächst auf bestehende gesellschaftliche Defizite in Bezug auf die Gleichstellung von Frauen hin und formuliert dazu:
„Entsprechend sind die Gesellschaften auf der ganzen Erde noch lange nicht so organisiert, dass sie klar widerspiegeln, dass die Frauen genau die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben wie die Männer.“ (FT 23)
Vor diesem Hintergrund wirken so manche Äußerungen des Papstes umso irritierender, da trotz der Forderung nach Gleichstellung und der Betonung der gleichen Würde Frauen spezifische Rollen zugeschrieben werden. Besondere Aufmerksamkeit erhielten seine Worte anlässlich des 600-jährigen Jubiläums der UC Louvain im Jahr 2024, in denen Franziskus Frauen als „lebendige Hingabe“ charakterisiert und damit eine geschlechtsspezifische Differenzierung vornimmt: „Frau ist fruchtbares Empfangen, Sorge, lebendige Hingabe“[22], wie es von Papst Franziskus hieß. Die UC Louvain reagierte deutlich auf diese Aussagen und wies die vom Papst vertretenen Positionen mit dem Argument zurück, sie seien reduktionistisch und deterministisch. Die Stellungnahme der Rektorin Françoise Smets, wonach sich auch Männer um Familie kümmern könnten, verdeutlicht die Brisanz dieser Aussagen.[23] Mit seiner Rede verteidigte Papst Franziskus implizit die Lehre des sogenannten Wesensunterschieds zwischen Frauen und Männern. Eine solche Unterscheidung fungiert innerhalb kirchlicher Argumentationen immer wieder als Begründung dafür, Frauen primär auf Mutterschaft zu reduzieren und ihnen den Zugang zum Priesteramt zu verwehren.[24]
Damit rückt die grundlegende Frage ins Zentrum: Für welche Bereiche gelten Frauen – kirchlich wie gesellschaftlich – als zuständig? Welche Aufgaben im familiären Kontext werden ihnen stillschweigend zugeschrieben, und welche Belastungen haben sie in den diesbezüglichen Rollen zu tragen? Die Haftbefehl-Dokumentation gibt lediglich einen fragmentarischen Einblick in die Anforderungen, die Nina Anhan in ihrem Alltag bewältigen muss – etwa die alleinige Verantwortung für die Kinder oder die Kompensation von Planungsunsicherheiten, wie sie beispielsweise anhand der Szene zur Urlaubsplanung deutlich wird.[25] Im Lichte dieser Lebensrealität stellt sich die Frage, wie die Aussagen des Papstes zu deuten wären: Würde ihre Belastung als Teil einer quasi naturgegebenen weiblichen Hingabe interpretiert? Und welche normativen Erwartungen würden damit erneut stabilisiert?
Zwischen der Figur der sich aufopfernden, fürsorgenden Mutter bzw. Ehefrau und den kritischen Stimmen, die diese Konstruktion hinterfragen, tut sich ein Spannungsfeld auf. Dieses Spannungsfeld prägt sowohl die Rezeption der Haftbefehl-Dokumentation als auch kirchliche und theologische Debatten um Geschlechterrollen. Die mediale Darstellung Nina Anhans macht damit eine Kontroverse sichtbar, die für kirchliche und theologische Bildungsprozesse von hoher Relevanz ist. Die Dokumentation kann daher als Anlass dienen, ebensolche Kontroversen und Rollenzuschreibungen kritisch zu reflektieren – und dies in einer Weise, die an die Lebenswelten junger Menschen anschlussfähig ist.
© Johanna Kalian
[1] Vgl. Sevinç, Sinan/Moreno, Juan B. (Regie), M’Barek, Elias/Nitsche, Paco-Luca (Produktion): Babo – Die Haftbefehl-Story [Film], Deutschland: 27 KM’B Pictures in Zusammenarbeit mit Constantin Film, 2025.
[2] Ebd., 42:29–42:31.
[3] Ebd., 42:48–42:55.
[4] Vgl. ebd., 53:21–53:23.
[5] Ebd., 23:44–23:48.
[6] Ebd., 40:44–40:53.
[7] Siehe u. a.: Moser, Katharina: Wollen wir dieses Frauenbild? Eine feministische Kritik der Haftbefehl-Doku, in: Musikexpress (2025), https://www.musikexpress.de/nina-anhan-haftbefehl-doku-feminismus-3109687/ [zuletzt aufgerufen am 19.11.2025].
[8] Lergenmüller, Livia S.: Noch stärker wäre es, zu gehen, in: Die Zeit (2025), https://www.zeit.de/familie/2025-11/haftbefehl-doku-netflix-familie-nina-anhan?state=Q2JBZJBWcR8lQiTq&session_state=ea6da557-4937-4992-aaaf-c9c3e36216d6&iss=https%3A%2F%2Flogin.zeit.de%2Frealms%2Fzeit-online-public&code=21a556c4-1ed0-414b-ad8b-9a277748b9a7.ea6da557-4937-4992-aaaf-c9c3e36216d6.0b7ad105-8f18-4ecf-9e7d-0c0615835a2a [zuletzt aufgerufen am 09.12.2025].
[9] Vgl. ebd.
[10] Ebd.
[11] Vgl. Autor:innenkollektiv Religionsbezogene Kontroversen: Warum „Babo: Die Haftbefehl-Story“ in der Schule thematisiert werden sollte – ein Debattenbeitrag aus der Wissenschaft, in: Philosophie InDebate (2025), https://philosophie-indebate.de/warum-babo-die-haftbefehl-story-in-der-schule-thematisiert-werden-sollte-ein-debattenbeitrag-aus-der-wissenschaft/ [zuletzt aufgerufen am 09.12.2025].
[12] Demel, Sabine: Jungfrau und Mutter. Maria und ihre Auswirkungen auf das Frauenbild (in) der katholischen Kirche, in: Kroppenberg, Inge/Löhnig, Martin (Hrsg.): Fragmentierte Familien. Brechungen einer sozialen Form in der Moderne, Bielefeld: transcript, 2010, 39–69, hier: 39, 44 f.
[13] Ebd., 45.
[14] Vgl. Heimerl, Theresia: Andere Wesen. Frauen in der Kirche, Wien u. a.: Styria, 2015, 165.
[15] Ebd.
[16] Vgl. Lergenmüller: Noch stärker wäre es, zu gehen.
[17] Vgl. Heimerl: Andere Wesen, 78.
[18] Ebd.
[19] Vgl. ebd., 79.
[20] Vgl. ebd., 78 f.
[21] Papst Franziskus: Fratelli Tutti, Assisi 2020.
[22] Empörung über Papst-Äußerung zur Rolle der Frau, in: Süddeutsche Zeitung (2024), https://www.sueddeutsche.de/panorama/papst-franziskus-rolle-der-frau-empoerung-katholische-kirche-lux.3g6cW6Qhq1EDk36ocBLhPg [zuletzt aufgerufen am 19.11.2025].
[23] Vgl. ebd.
[24] Vgl. Papst Franziskus: Hässlich, wenn Frau sich zum Mann machen will. Pontifex betont kirchliche Geschlechterlehre, in: Internetportal katholisch.de (2024), https://katholisch.de/artikel/56359-papst-franziskus-haesslich-wenn-frau-sich-zum-mann-machen-will [zuletzt aufgerufen am 13.01.2026].
[25] Vgl. Sevinç/Moreno: Die Haftbefehl-Story, 36:40–38:32.
Johanna Kalian
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